Der Autor Tuvia Tenenbom verbrachte Monate unter Siedlern im Westjordanland – und hinterfragt die israelkritische EinigkeitIn seinem neuen Buch «Wie nennt ihr dieses Land hier?» zeichnet der israelisch-amerikanische Schriftsteller ein vielschichtiges Bild des Konflikts zwischen Palästinensern und israelischen Siedlern. Einfache Antworten hat er keine parat.Nico Hoppe01.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenProvokateur mit einem Sinn für Humor auch bei ernsten Themen: Tuvia Tenenbom, hier auf einer Aufnahme von 2017, ist Autor, Regisseur und Gründer des Jewish Theater in New York.Anna Weise / Süddeutsche Zeitung via KeystoneKaum ein Kommentar über den Nahostkonflikt kommt ohne die verurteilende Erwähnung israelischer Siedler aus: Der illegale Siedlungsbau behindere den Frieden, heisst es dann, oder die eskalierende Siedlergewalt zeige den gewaltsamen Charakter Israels auf.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch der Begriff des Siedlerkolonialismus bietet der Israelkritik seit einigen Jahren ein Schlagwort. «Über die Siedler wurde von Tausenden und Abertausenden Journalisten, Videofilmern, Autoren und allen möglichen anderen Medienproduzenten jahrein, jahraus berichtet, fast ausnahmslos negativ», schreibt der israelisch-amerikanische Autor Tuvia Tenenbom in seinem neuen Buch «Wie nennt ihr dieses Land hier? Unter Siedlern». Darin stellt er einige angebliche Gewissheiten infrage.Treffen mit Ben-Gvir und SmotrichTenenbom, bekannt durch seine Bücher «Allein unter Deutschen» oder «Allein unter Juden», bereist jene Landstriche, die er biblisches Israel nennt. Damit vermeidet er die «politischen Bezeichnungen» Westjordanland oder Judäa und Samaria. Bewegt er sich anfangs noch in den beiden Zonen des Gebiets, die halb oder vollständig unter israelischer Kontrolle sind, schafft er es mitunter auch in die dritte, die palästinensische Zone A. Die Zone A dürfen die Israeli nicht betreten, da sie von palästinensischen Anwohnern angegriffen werden könnten.In seiner über ein Jahr dauernden Reise trifft Tenenbom religiöse und säkulare israelische Siedler sowie die umstrittenen israelischen Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich. Er trifft Araber, die von anderen Arabern als Kollaborateure verunglimpft werden, und Friedensaktivisten, die die Flucht ergreifen, sobald ihnen ein Palästinenser zu nahe kommt.Tenenbom verweigert gängige Antworten und stellt Fragen, über welche viele Israel-Kritiker gerne schweigen. Den Oscar-prämierten Dokumentarfilm «No Other Land» über die Zerstörung eines palästinensischen Dorfs durch die israelische Armee entlarvt er als auf die Bedürfnisse westlicher Zuschauer zugeschnittenes Propagandastück, das «die Geschichten hinter den Geschichten» gezielt ausblende.Der Autor verfährt über weite Strecken subjektiv-anekdotisch. Seine starken und scharfsinnigen Beobachtungen erstrecken sich über sechshundert Seiten. Dabei geht es ihm nicht um ein sachliches Reiseprotokoll. Immer wieder tritt er als Provokateur und Witzereisser in Erscheinung, der nicht im Sinn hat, eine weitere gefühlige Westler-Reportage zu liefern, die das Siedlerthema als Gut-gegen-Böse-Fabel verpackt.Keine Geschichten von Gut gegen BöseDenn die Wirklichkeit erweist sich als weitaus vielschichtiger: Die oft behauptete ideologische Übereinstimmung zwischen Siedlern und israelischem Staat entpuppt sich als Fiktion. Auch die Gründe für den israelischen Siedlungsbau erschöpfen sich laut Tenenbom nicht in Religiosität und Ideologie, sondern es geht auch um ökonomische und sicherheitspolitische Interessen.Die Verwerfungen im biblischen Israel sind nicht das Resultat von israelischer Unterdrückung, sondern eines wechselseitigen Ringen um Selbstbehauptung und die Frage, wer schneller wie viele Häuser bauen und damit durchkommen kann. Viele der palästinensischen Siedlungen, sagt Tenenbom, bestünden aus leeren Häusern, die allein der Landnahme dienen. Die Lage im Nahen Osten schildert er nicht als einseitige Geschichte von Drangsalierten, die sich hilflos gegen den israelischen Staat wehren, sondern als ein sich verstetigendes Schlamassel. Man hat sich stattdessen auf absurdes Theater spezialisiert, wie Tenenbom im Gespräch mit den Bewohnern des biblischen Israels zunehmend irritiert erkennt: «Wir sind hier im Nahen Osten, wo nichts stimmiger ist als eine komische Geschichte.»Israels ungewisser Status wird bleibenDas Buch ist gleichzeitig eine Bestandsaufnahme der Lage Israels nach dem 7. Oktober. Tenenbom besucht die Gedenkstätte des Angriffs auf das Nova-Festival und geht auf jüdische Beerdigungen, bei denen auf Rache geschworen wird. Er berichtet von den «Shahids», die in palästinensischen Siedlungen überall ausgehängt sind: Bilder von Märtyrern, die verehrt werden, da sie «ihr Leben verloren haben, als sie Juden töteten oder zu töten versuchten». In einer Nacht beobachtet er, wie Iran mit ballistischen Raketen Israel beschiesst, was Palästinenser in Nablus mit Feuerwerk feiern.Gegen Ende seiner Reise, zurück in Tel Aviv, erlebt er den Zwölftagekrieg zwischen Israel und Iran und zieht ein trübsinniges Resümee: Das biblische Israel, es wird auch in den nächsten Jahrzehnten in ungewissem Status verbleiben. Eine Annexion scheint ausgeschlossen, eine Zweistaatenlösung würde Israel auf Dauer erheblicher Unsicherheit aussetzen.«Mit der Zeit verblasst dieser Zwölftagekrieg langsam aus dem Gedächtnis», stellt Tenenbom fest. «Der arabisch-jüdische Krieg jedoch, der ewige Krieg, geht weiter.» Damit verweigert er das, was man im Westen gern über den Nahen Osten hören würde: entlastende Sinnsprüche, welterklärende Musterlösungen.Tuvia Tenenbom: Wie nennt ihr dieses Land hier? Unter Siedlern. Berlin 2026. 615 S., Fr. 29.20.Passend zum Artikel