PfadnavigationHomePolitikAuslandKrieg im LibanonMit Blick auf den Feind – Wo Netanjahus harter Kurs viel Zustimmung erfährtStand: 16:10 UhrLesedauer: 7 MinutenEin israelischer Angriff auf das Dorf Deir El Zahrani im Südlibanon Quelle: KAWNAT HAJU/AFPIn der nördlichsten Stadt Israels bestimmen Angriffe der Hisbollah den Alltag. Die Bewohner dort glauben nicht an diplomatische Kompromisse. Ein Ortsbesuch macht deutlich, in welcher Zwickmühle Israels Premier steckt.Diese Stadt ist mehr als ein Ort, Metula ist eine Melodie. Unzählige Vogelarten singen hier ihre Lieder. Die nördlichste Gemeinde Israels liegt auf einer der bedeutendsten Vogelzugrouten der Welt. In diesen Tagen stört kein Lärm von Menschen und Verkehr die Darbietungen der Blaukehlchen, Goldpirole und Sperlinge. Denn Metula gleicht einer Geisterstadt.Aber wie aus dem Nichts wird das Konzert der Singvögel immer wieder von Explosionen übertönt. Auf der Straße, die in den Ort führt, ist kaum ein Auto zu sehen. Nur ein Fahrradfahrer quält sich den Hügel empor. Itzik Fardu trotzt dem Krieg, indem er Sport treibt. Er brauche das Fahrradfahren als Ausgleich, erzählt der Bauarbeiter keuchend. Es sei schlimm genug, dass seine Kinder aus dem Gleichgewicht geraten seien, weil sie nicht in die Schule gehen können und dauernd im Schutzraum sitzen müssten.Lesen Sie auchFrüher sei Metula ein idyllischer Ort gewesen, man habe in friedlicher Nachbarschaft mit den Menschen im nahen Libanon gelebt. „Libanesen haben bei uns gearbeitet, in unseren Häusern. Sie kamen hinein. Das war mal eine gute Grenze. Doch seit Schiiten, die Stellvertreter des Iran, in den Libanon gekommen sind, haben sie das ganze Land zerstört.“ Das geschah in den 80er-Jahren, als sich die Miliz im Zuge des Bürgerkrieges und der teilweisen israelischen Besatzung des Libanon entwickelte.Wie beurteilt der Familienvater die neue Härte, mit der Israels Regierung gegen die Terrororganisation Hisbollah vorgeht? „Versteh doch – das sind Tiere, keine Menschen!“, sagt Fardu und fasst sich an den Kopf, als verzweifle er an jedem, der immer noch glaubt, man könne mit der Hisbollah in friedlicher Koexistenz leben. Ein Donnerschlag unterbricht das Gespräch. Ob er sich bereits an die Explosionen gewöhnt habe? „Wo ich geboren bin, ist das Alltag. Aber meine Kinder zucken noch bei jedem Knall zusammen“, sagt Fardu.Plötzlich ein lautes Fauchen. Direkt über unseren Köpfen schießt eine Rakete hinter einem Felsen empor und hinterlässt einen weißen Rauchstreifen am blauen Himmel. Sekunden später fliegt eine zweite Rakete hinterher. Ihr Ziel ist der Libanon. „Oh mein Gott“, entfährt es Fardu. Sogar auf ihn wirken diese Raketen ungewohnt nah.Obwohl seit Mitte April offiziell ein Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon gilt, erklärt Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in dieser Woche, Israel befinde sich „im Krieg mit der Hisbollah“. Das Militär sei angewiesen worden, „ihnen einen vernichtenden Schlag zu versetzen“. Die israelische Offensive habe in den vergangenen Wochen „mehr als 600 Terroristen ausgeschaltet“. Das reiche jedoch nicht aus, so Netanjahu. Die Angriffe müssten ausgeweitet werden. Angriffe trotz FeuerpauseDass Israels Premier gerade jetzt die „Intensität“ erhöht, hat mehrere Gründe. Zum einen hat die Hisbollah ihre Drohnen- und Raketenangriffe auf Israel trotz der Feuerpause fortgesetzt. Offenbar ist die Miliz nicht so geschwächt, wie Israel nach einigen spektakulären Operationen geglaubt hatte.So war es israelischen Geheimdiensten im September 2024 gelungen, in den Pagern von Hisbollah-Mitgliedern Sprengstoff einzubauen und diesen explodieren zu lassen. Auch die Tötung von Hassan Nasrallah, dem langjährigen Chef der Hisbollah, war eine der bedeutendsten israelischen Militäraktionen seit Jahrzehnten. Doch die Hisbollah konnte sich auch mithilfe des Irans schnell erholen und aufrüsten. So feuert die Hisbollah weiterhin auf Orte wie Metula.Lesen Sie auchNetanjahu gerät damit vor den Wahlen im Herbst in eine Zwickmühle. Seine rechtsextremen Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir fordern eine Ausweitung der Militärkampagne – auch auf Libanons Hauptstadt Beirut. Weil sie Netanjahus Koalition am Leben halten, kann er die umstrittenen Minister nicht ignorieren. Gleichzeitig mahnt sein wichtigster außenpolitischer Partner zur Zurückhaltung. US-Präsident Trump verhandelt mit dem Iran über ein Friedensabkommen. Teheran fordert, dass darin auch ein Ende des Krieges gegen die Hisbollah festgelegt wird. Netanjahu muss befürchten, dass Trump zulasten von Israels Sicherheitsinteressen einen faulen Kompromiss eingeht. Vielleicht auch deshalb drückt Netanjahu jetzt im Krieg gegen die Hisbollah aufs Tempo. So hat die israelische Armee nach eigenen Angaben ihre Einsätze über die sogenannte „gelbe Linie“ ausgeweitet. Sie markiert die von Israel deklarierte Pufferzone im Libanon. Sie verläuft sechs bis zehn Kilometer entfernt von der Grenze. Netanjahu könnte geneigt sein, die Pufferzone zu erweitern, solange Trump ihn noch gewähren lässt. Laut einer UN-Resolution dürften sich südlich des Litani-Flusses gar keine Hisbollah-Mitglieder aufhalten, aber dagegen verstößt die Miliz seit Jahren.In Metula bekommt Netanjahu viel Zuspruch. Anat lebt seit 34 Jahren hier. „Wir dürfen Metula nicht aufgeben. Wir bewachen diesen Ort. Wir sind das Tor des Staates Israel“, sagt sie. Anat ist Lehrerin, aber ihre Schule ist wegen der Sicherheitslage geschlossen. Plötzlich ist in der Ferne wieder eine Explosion zu hören. Anats Hund zittert am ganzen Körper. „Es ist beängstigend, ja. Aber gleichzeitig sind wir sehr froh. Denn das, was wir jetzt hier hören, ist unser eigenes Militär. Wir hören lieber unsere Armee, als die Hisbollah zu hören oder zu spüren.“ Lesen Sie auchSie wolle, dass Israels Regierung die Arbeit zu Ende bringe. „Damit wir hier in Ruhe und Frieden und vor allem in Sicherheit leben können“, sagt Anat. In ihrem Vorgarten steht eine Sammlung von Gartenzwergen, dazwischen das Trümmerteil einer Rakete.„Netanjahu soll durchziehen“Das Lokal nebenan ist menschenleer. Barkeeper Niv erzählt, dass er von einer Karriere als Rapper träumt. Den Job in der Bar mache er, um sich über Wasser zu halten. Doch die Studenten aus der nahegelegenen Uni kommen nicht mehr hierher. Das Leben sei freudlos geworden. „Netanjahu soll durchziehen und die Hisbollah von hier wegschaffen, damit wir endlich in Ruhe leben können, ohne Explosionen“, sagt Niv. „Ich will mit Freunden zum Fluss gehen können, Partys feiern, ich will, dass die Pubs wieder öffnen und die Geschäfte.“Auf der anderen Seite des Ortes ist vor zwei Tagen in einem Haus eine Rakete eingeschlagen. Der Besitzer heißt Leon und wollte hier in Ruhe seinen Lebensabend verbringen. Er ist weit über 80 Jahre alt und auf ein Sauerstoffgerät angewiesen. Dass er noch Gäste in seinem Wohnzimmer empfangen kann, grenzt an ein Wunder. Als das Dach von dem Geschoss getroffen wurde, war er mit seiner Pflegerin zu Hause. Ein Blick auf den ausgebrannten Dachboden zeigt, wie viel Glück er hatte. Die Feuerwehr war schnell vor Ort. „Heute hat mich Staatspräsident Herzog angerufen und mir gesagt, dass ihm angesichts der Zerstörung das Herz schmerze“, berichtet Leon. Was er entgegnet habe? „Dass ich froh bin, noch am Leben zu sein“, sagt der alte Mann und lächelt verschmitzt.Von einem nahen Obstfeld aus ist der Blick auf den Zaun zum Libanon besonders gut. Dahinter liegt ein Trümmerfeld, das mal ein Dorf war. Aus der Entfernung wirkt es wie eine Modellstadt aus Pappmaschee, die jemand mit den Füßen platt getreten hat. An diesem Tag wurden laut staatlichen Angaben des Libanons sechs Menschen bei israelischen Angriffen getötet. Darunter seien eine Mutter und zwei Kinder gewesen. Israel rechtfertigt die Zerstörung ganzer Dörfer mit dem Argument, diese würden für Waffenlager, Raketenstellungen und Tunnel genutzt.Im Rathaus von Metula entladen Mitarbeiter der Gemeinde eine Palette mit Schutzausrüstungen und Erste-Hilfe-Koffern. Ariella ist Sekretärin bei der Stadtverwaltung. Hält sie die Angriffe auf den Libanon noch für verhältnismäßig? „Es tut mir leid um jeden getöteten Zivilisten“, sagt sie. „Aber in dem libanesischen Dorf direkt gegenüber von uns hatten sich Hisbollah-Terroristen versteckt. Was wäre die Alternative gewesen? Wir wollen hier überleben.“ Später wird die Armee melden, dass in der Nähe eine israelische Soldatin bei einem Drohnenangriff getötet wurde. Zwei weitere Soldaten wurden verletzt.Draußen auf der Straße hält ein Pickup-Truck. Zwei ältere Herren lassen das Fenster herunter, mustern die Besucher und fragen freundlich, ob sie helfen können. Sie sind Helfer des Militärs. Auf der Ladefläche haben sie Fangnetze, die sie Soldaten bringen wollen, zum Schutz vor Drohnen. Sie brausen davon. Für einen Moment hört man in Metula nur die Vögel singen.
Krieg im Libanon: Mit Blick auf den Feind – Wo Netanjahus harter Kurs viel Zustimmung erfährt - WELT
In der nördlichsten Stadt Israels bestimmen Angriffe der Hisbollah den Alltag. Die Bewohner dort glauben nicht an diplomatische Kompromisse. Ein Ortsbesuch macht deutlich, in welcher Zwickmühle Israels Premier steckt.
















