NZZ LiveDie blinden Flecken der Seele: warum die Psychiatrie eine Gender-Revolution brauchtGenom, Biomarker, massgeschneiderte Therapien: Die Medizin verspricht Präzision. Doch ausgerechnet einen der grundlegendsten Unterschiede blendet die Psychiatrie bis heute aus: das Geschlecht. Über einen blinden Fleck mit Folgen.Kerstin von Plessen01.06.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenFrauen erkranken doppelt so häufig an Depressionen, Männer sterben häufiger durch Suizid. Die Therapie ist meist dieselbe.Annick Ramp / NZZDie Medizin der Zukunft verspricht Präzision. Wir entschlüsseln das Genom, analysieren Biomarker und massschneidern Therapien. Doch bei einem der fundamentalsten biologischen und sozialen Unterschiede schauen wir in der Psychiatrie noch viel zu oft weg: beim körperlichen Geschlecht oder beim erlebten Geschlecht, dem Gender. Doch heute wissen wir: Präzisionsmedizin in der Psychiatrie ist ohne Blick auf das Geschlecht schlicht unpräzise.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wir können die Zahlen nicht länger ignorieren. Frauen erkranken doppelt so häufig an Ängsten und Depressionen wie Männer. Und trotzdem sehen offizielle Behandlungsleitlinien bis jetzt kaum Anpassungen an das Geschlecht vor. Männer und Frauen bekommen bei gleicher Diagnose meist dieselbe Behandlung, dieselbe Dosierung, dieselben Ratschläge. Doch das muss – und wird – sich ändern.Das Erbe einer einseitigen WissenschaftWarum wissen wir eigentlich so wenig über geschlechtsspezifische Unterschiede? Ein Blick in die Geschichte der medizinischen Forschung zeigt eine historische Schieflage: Studien wurden jahrzehntelang primär von Männern und mit Männern (sowie männlichen Labortieren) durchgeführt. Die Begründung war oft pragmatisch: Der weibliche Zyklus und die damit verbundenen Hormonschwankungen seien zu komplex, sie würden die Daten verzerren. Das Resultat ist ein gefährlicher Gender-Data-Gap: Der männliche Körper und die männliche Psyche wurden zum Standard erhoben – Frauen wurden oft ohne solide Forschungsgrundlage behandelt.Der verzerrende Druck: der jugendliche Gap und der PerfektionismusBesonders deutlich wird dieser blinde Fleck in der Jugend und im frühen Erwachsenenalter. In dieser sensiblen Phase der Identitätsfindung klafft die Schere des Befindens zwischen den Geschlechtern gemäss Schweizer, aber auch internationalen Untersuchungen weit auseinander. Junge Frauen zeigen in neuen Umfragen ein geschärftes Problemempfinden und geben auch an, unter weitaus grösseren psychischen Problemen zu leiden.Weibliche Jugendliche sind heute einem enormen Cocktail aus Erwartungshaltungen und Überbeanspruchung ausgesetzt. Der Druck, in allen Lebensbereichen perfekt zu sein, spiegelt sich in Mustern wider, die direkt in die Krankheit führen können: übertriebener Perfektionismus, die obsessive Optimierung der körperlichen Erscheinung und übermässige soziale Erwartungen – all das häufig von Eltern und Peers bewusst und unbewusst vermittelt. Zudem erleben sie in den entscheidenden Jahren der Identitätsentwicklung zunehmend den Druck, sich auf Social-Media-Plattformen perfekt darzustellen und, parallel dazu, dort ihre psychischen Probleme mitzuteilen. Letzteres kann zur Korumination führen, der Amplifizierung von Problemen in Chatgruppen, ohne sie wirklich zu lindern.Und die Männer? Geschlechtersensible oder Gender-Psychiatrie betrifft natürlich auch Männer. Sie tauchen in den Depressionsstatistiken oft nicht auf – weil sie psychische Probleme ignorieren und Behandlung scheuen.Während Frauen Krisen eher internalisieren (zum Beispiel durch Depressionen oder Essstörungen), externalisieren Männer diese häufig durch Aggression, Sucht oder Rückzug. Eine Form des «internalisierten Patriarchats» verbietet vielen Männern noch immer, Schwäche zu zeigen. Nationale und internationale Statistiken sprechen auch hier eine deutliche Sprache: Männer sterben deutlich häufiger durch Suizid. Wir brauchen dringend Prävention, die auch «männliche Depression» enttabuisiert und die Schamgrenze senkt, um Hilfe zu bitten.Das Fazit: Individuelle Medizin bedeutet, den ganzen Menschen zu sehen. Seine Gene, seine Hormone – aber auch die Welt, in der er – und sie – lebt. Erst wenn die Psychiatrie Geschlecht und Gender in Forschung, Diagnostik und Therapie voll berücksichtigt, wird evidenzbasierte Medizin echte Präzisionsmedizin.«NZZ Live»-Veranstaltung: Psychische Gesundheit von Frauen: zwischen Balance und BelastungWarum sind Frauen psychisch häufiger belastet – und welche Rolle spielen Hormone, Mental Load und gesellschaftlicher Erwartungsdruck? Am 4. Juni ist Kerstin von Plessen mit weiteren Expertinnen bei «NZZ Live» zu Gast und spricht über die weibliche Psyche. Tickets unter nzz.ch/live.Über Kerstin von Plessen: Direktorin Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychiatrisches Departement, CHUV Lausanne, Professorin, Universität Lausanne.Passend zum Artikel