Links, kosmopolitisch, proeuropäisch: Die schottischen Separatisten sind keine herkömmlichen NationalistenFast die Hälfte der Bevölkerung in Schottland tritt für die Unabhängigkeit von Grossbritannien ein. Vorrangig bei dieser Bewegung ist allerdings nicht die Sehnsucht nach Abkapselung, sondern nach Öffnung.31.05.2026, 14.31 Uhr7 LeseminutenDie Demonstranten in Edinburg schwenken Fahnen, die das schottische Andreaskreuz mit den EU-Sternen kombinieren.Jeff J. Mitchell / Getty«Was wollen wir?», ruft eine Frau.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Unabhängigkeit!», antwortet die Menge.«Wann?»«Jetzt!»Dann brechen die Teilnehmer der Kundgebung in Johlen und Jauchzen aus.Sie schwenken die schottischen Fahnen mit dem Saltire, dem weiss-blauen Andreaskreuz, sowie Transparente mit den Slogans «End the London rule» und «We believe in Scotland». Es sind Tausende, die an diesem Samstag Ende März von Edinburgs Innenstadt auf den Calton Hill mit seinen historischen Gebäuden marschieren, um für einen eigenständigen schottischen Staat zu demonstrieren. Der Protest unterscheidet sich allerdings stark von nationalistischen Kundgebungen in anderen Weltgegenden.Das berühmte Edinburgh Castle, das Wahrzeichen der schottischen Hauptstadt.Links: Der Lion Rampant (aufrechter Löwe) auf dem Glasfenster der Universität von Glasgow ist neben dem Saltire das wichtigste nationale Symbol Schottlands. Rechts: Alan Rubin Castejón, der Präsident der Glasgow University Scottish Nationalist Association.Unabhängig und EU-MitgliedLokalpatriotismus, Heimattümelei und Abgrenzung, die so viele separatistische Bewegungen charakterisieren, fehlen hier. Es wird kein Opfer- oder Märtyrerkult betrieben und kein Urschottentum zelebriert, auch wenn ein paar Dudelsackpfeifer im Kilt und ein kostümierter Highlander mitmarschieren. Die gälische Sprache spielt keine Rolle, und jegliche aggressive Rhetorik gegen England oder andere Nichtschotten fehlt. Es gibt zahlreiche Minderheitengruppen wie LGBTQ, die vertreten sind, und allein aufgrund der verschiedenen Hautfarben sieht man, dass Stammbäume offenbar keine Rolle spielen.Wider Erwarten finden sich in den schottischen Städten auch kaum nationalistische Slogans, Symbole oder andere Protest-Sprayereien an den Mauern, so wie in anderen sezessionistischen Hochburgen.Ava Birkett.NZZOffensichtlich betreiben die Unabhängigkeitsbefürworter keine identitäre Selbstverteidigung. Das sieht auch Ava Birkett so, eine 19-jährige Politologie-Studentin, die für die Kundgebung aus Glasgow angereist ist. «Es ist eine zivile Unabhängigkeitsbewegung, die nicht auf Blut und Boden gründet», sagt sie. «Sie steht allen offen, die in Schottland leben, was auch immer ihr Hintergrund ist. Wir wollen die erste Bewegung sein, die erfolgreich ist, ohne einen Tropfen Blut zu verschütten.»Ihr Ziel ist ein selbstbestimmtes, inklusives und progressives Land, wie sie sagt. Sie hänge nicht der Illusion eines Staates an, der losgekoppelt vom Rest der Welt existiere. Im Gegenteil. Sie ist empört über den Brexit. «Zwei Drittel der Schotten stimmten für den Verbleib in der EU, aber wir mussten dem Diktat aus London folgen, mit allen fatalen Konsequenzen.» Ein unabhängiges Schottland wäre für sie selbstverständlich Teil der Europäischen Union.Viele wollen eine zweite Abstimmung über die UnabhängigkeitÄhnlich äussert sich Lesley Riddoch, eine der bekanntesten schottischen Journalistinnen und Podcasterinnen. «Wir wollen nicht länger Teil eines Landes sein, das frustriert ist, weil die Zeit des British Empire vorbei ist. Das ist es nämlich, was den Brexit antrieb», sagt sie. «Wir wollen uns auch nicht zum Gefolgsmann von Trump und seinem illegalen Krieg in Iran machen. Und wir sind nicht bereit, exorbitante Heizkosten zu bezahlen, obwohl Schottland reich an Öl, Gas und erneuerbaren Energien ist. Wenn bei unseren nächsten Parlamentswahlen Parteien gewinnen, die für die Unabhängigkeit einstehen, dann wollen wir ein Referendum – ob das London passt oder nicht.»Lesley Riddoch.NZZNachdem Schottland bereits 1999 weitreichende politische Autonomie und ein eigenes Parlament erhalten hatte, stimmten die Schotten im Herbst 2014 über eine Abspaltung von Grossbritannien ab. Eine Mehrheit von 55 Prozent votierte damals für einen Verbleib im Vereinigten Königreich. Inzwischen hat die Verärgerung über den aufgezwungenen Brexit der Unabhängigkeitsbewegung neue Nahrung gegeben. Zudem haben sich die Hoffnungen der Schotten nicht erfüllt, dass nach den Tories die Labour-Regierung eine Politik verfolgen würde, die ihnen mehr entspricht. Trotzdem gehen Meinungsforscher davon aus, dass immer noch etwas mehr als die Hälfte für den Verbleib im Vereinigten Königreich stimmen würde. Zudem hat die Regierung in London klar signalisiert, dass sie kein grünes Licht für ein zweites Referendum gäbe. Ohne die Erlaubnis aus Westminster wäre ein Referendum illegal.Aber es ist höchst wahrscheinlich, dass die Scottish National Party (SNP), die für die Unabhängigkeit einsteht, bei den Wahlen zum Regionalparlament am 7. Mai am meisten Stimmen holt; Schätzungen gehen von etwa 35 Prozent aus. Das ist zwar bedeutend weniger als die 44 Prozent, die sie bei der letzten Wahl von 2021 erreichte. Der Einbruch hat mit diversen Skandalen zu tun, die zum Rücktritt der langjährigen Parteivorsitzenden und Regierungschefin Nicola Sturgeon und dann auch ihres Nachfolgers führten.Bei den Unterhauswahlen von 2024 unterlag die SNP der Labour-Partei klar. Diesmal aber könnte die SNP von der verbreiteten Enttäuschung über Premierminister Keir Starmer profitieren. In einer Koalition mit den Grünen, die ebenfalls für eine Sezession eintreten, käme die SNP weiterhin auf eine Mehrheit. Die Partei sähe ein solches Wahlresultat als Auftrag, ein zweites Referendum durchzuführen.Doch selbst wenn es nicht so bald zu einer neuerlichen Abstimmung kommt, gehört die Zukunft wahrscheinlich der Unabhängigkeitsbewegung; nur schon deshalb, weil die Jungen mehrheitlich für eine Abspaltung sind.Tatsächlich ist der schottische Nationalismus verführerisch, gerade weil er eben nicht ethnisch ist: nicht nach innen orientiert, sondern nach aussen – vor allem nach Europa. Er strebt nicht nach Abschottung. Im Gegenteil: Er möchte sich von Grossbritannien lösen, weil ihm das Land zu insular, zu isoliert ist. Er sucht die Unabhängigkeit nicht, um sich einzuigeln, sondern um auszubrechen.Edinburg, die Hauptstadt Schottlands.Links: keltische Ornamente in einem Touristenladen in Edinburg. Rechts: ein Dudelsackspieler in der Altstadt von Edinburg.Ein Spanier steht den schottischen Uni-Nationalisten vorNiemand verkörpert das augenfälliger als Alan Rubin Castejón, der Präsident der berühmten Glasgow University Scottish Nationalist Association (Gusna). Die fast hundertjährige Vereinigung gilt als der studentische Arm der Scottish National Party.Die Universität von Glasgow wurde 1451 gegründet und erinnert mit ihren Türmen, Spitzbögen, Kreuzgängen, Innenhöfen und Glasmalereien an eine Kathedrale, ein Kloster oder Harry Potters Zauberschule Hogwarts. Alan Rubin Castejón hingegen ist ein junger Kosmopolit. Als Aussenstehender ist man überrascht, dass ausgerechnet dieser 22-jährige Sohn eines Amerikaners und einer Spanierin, der in New York geboren wurde, in Madrid aufwuchs und vor sieben Jahren hierherkam, dieser urschottischen Vereinigung vorsteht.Aus Spanien bringt er Erfahrung mit dem baskischen und dem katalanischen Nationalismus mit. Aber bei der schottischen Unabhängigkeitsbewegung gehe es nicht um einen Exzeptionalismus im Sinne von «Mein Land ist besser als deines» oder «wir gegen euch»: «Niemand hier fordert eine ethnisch homogene Bevölkerung. Mit dem reaktionären Patriotismus, wie er sich bei Nigel Farages Partei Reform UK und deren Rhetorik gegen Immigranten äussert, kann ich nichts anfangen», sagt er.«Wir sehen hier ja an der Universität, wo diese Haltung hingeführt hat: Wegen des Brexit-Debakels ist es für Studierende viel schwieriger geworden, Auslandsemester zu absolvieren.» Aber deshalb hasse niemand die Engländer, versichert er. Schliesslich gebe es eine lange gemeinsame Geschichte. «Wenn allerdings schon Steuergelder verschleudert werden, sollen sie wenigstens in Edinburg verschleudert werden und nicht in London», sagt er lachend.Der Grassmarket, ein Quartier im Herzen von Edinburg.Links: der Saltire, die schottische Nationalflagge, auf einem Gebäude in Glasgow. Rechts: David McCrone an der Universität von Edinburg.Eine Willensnation wie die SchweizWas Ava Birkett, Lesley Riddoch und Alan Rubin Castejón zum «bürgerlichen Nationalismus» der Schotten sagen, kann David McCrone aus wissenschaftlicher Sicht bestätigen. Er ist einer der bekanntesten schottischen Soziologen und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Gesellschaft, der Identität und der Geschichte des Landes. «Kulturell gesehen unterscheidet sich Schottland nicht grundsätzlich von England», sagt er. «In religiöser Hinsicht ist Schottland eher calvinistisch geprägt, aber das fällt heutzutage nicht mehr gross ins Gewicht. Was die Sprache betrifft, so sprechen lediglich noch etwa ein Prozent Gälisch, während in Wales fast zwanzig Prozent Walisisch sprechen. Trotzdem ist das nationale Selbstbewusstsein in Schottland stärker als in Wales.»Seiner Meinung nach geht es den Schotten nicht um die kulturelle Identität. «Schottland ist, ähnlich wie die Schweiz, eine Willensnation», sagt er. «Wie die Schweiz war Schottland immer sehr divers, ja definierte sich geradezu durch seine Vielfältigkeit. Es gibt ein territoriales Zusammengehörigkeitsgefühl, das in den letzten 25 Jahren noch stärker geworden ist.»Das hat laut McCrone vor allem politische Gründe, weil sich England spätestens seit Thatcher und dann mit dem Brexit in eine andere Richtung als Schottland entwickelt habe, das immer relativ offen gegenüber Neuzuzügern und sozialdemokratisch blieb. Würde Nigel Farage bei den nächsten Wahlen Premierminister werden, wäre die Entfremdung endgültig.Ein weiterer Aspekt war laut McCrone die Entdeckung des Öls in der schottischen Nordsee, dessen Förderung in den 1970er Jahren einsetzte. Sie gab den Schotten das Gefühl, sie seien finanziell nicht mehr auf London angewiesen, sondern würden als unabhängiger Staat sogar besser dastehen. Dieses Argument hat sich inzwischen allerdings relativiert, weil die Öl- und Gaseinnahmen massiv geschrumpft sind. Überhaupt zeigen Analysen, dass eine Sezession aus wirtschaftlicher Sicht durchaus mit Risiken verbunden wäre.Vernunftehe mit EnglandDas ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass der schottische Nationalismus untypisch ist. Das zeigt sich für McCrone auch daran , dass hier im Gegensatz zu anderen sezessionistischen Bewegungen kein Pathos der Unterdrückung und kein Rachebedürfnis existiere. «Schottland war fast tausend Jahre lang unabhängig», sagt er. «Dann wurde es nicht erobert, sondern schloss 1707 einen Vertrag mit England. Es war eine Art Vernunftehe zu beiderseitigem Nutzen. Nicht zuletzt profitierte Schottland vom Kolonialismus und von der Sklaverei.»Die rein quantitative Frage, ob heute die Mehrheit für eine Abspaltung sei oder nicht, sei irreführend, glaubt er. Denn es gehe nicht um ein Entweder-oder. Identitäten seien vielschichtig; viele fühlten sich sowohl als Briten wie auch als Schotten, sagt er.Laut Erhebungen seien lediglich etwa 15 Prozent der Schotten Unionisten, also klar für einen Verbleib in Grossbritannien. Etwa 45 Prozent seien für die Gründung eines eigenen Staates. Die restlichen 40 Prozent befänden sich in einem Spektrum. Manche seien für etwas mehr, andere für etwas weniger Unabhängigkeit. Dieses Mittelfeld sei fluid, es könne sich in die eine oder die andere Richtung entwickeln. Aber die politische Selbständigkeit sei für diese Leute gar nicht so entscheidend.Wichtiger seien die in Schottland ausgeprägte Zivilgesellschaft und die Institutionen. Auch hier sieht er eine Parallele zur Schweiz. Er erwähnt Vereine, Lokalpolitik, Selbsthilfeorganisationen, Frauennetzwerke, Freiwilligenverbände, ehrenamtliches Engagement, kirchliche und studentische Gruppen. Diese Bereiche entwickelten sich klar in Richtung Eigenständigkeit und unterschieden sich vom Londoner Zentralismus. «Da es in nächster Zeit sowieso nicht zu einer Abstimmung kommen wird, sind dies die interessanten Verschiebungen.»«Werde ich die Unabhängigkeit noch erleben?», fragt der Achtzigjährige zum Abschied. «Nein», antwortet er sich selbst. «Aber sie wird kommen, früher oder später.»Passend zum Artikel
Schottische Unabhängigkeitsbewegung: weg von London, rein in die EU
Fast die Hälfte der Bevölkerung in Schottland tritt für die Unabhängigkeit von Grossbritannien ein. Vorrangig bei dieser Bewegung ist allerdings nicht die Sehnsucht nach Abkapselung, sondern nach Öffnung.














