War der Mann, der da so wild, so ausgelassen tanzte, wirklich Luis Enrique? Mit ausladenden Gesten animierte er die Fans von Paris Saint-Germain zum Mitmachen, Augen und Mund weit aufgerissen. Alles, wirklich alles an ihm strotzte vor überbordender Freude, und wer ihn später in dieser warmen Nacht von Budapest noch öfter antraf, der konnte auf den Gedanken kommen, der Pariser Trainer wäre in ein Fass voller Energiedrinks gefallen, ähnlich dem Gallier Obelix, der seine übermenschlichen Kräfte dem Sturz in ein Fass Zaubertrank verdankte.Enrique gab sich so aufgedreht, wie man nur aufgedreht sein konnte, wenn man gerade etwas Außergewöhnliches geschafft hat. Als erster Trainer nach Zinédine Zidane gewann er zum zweiten Mal hintereinander die Champions League, insgesamt war es sein dritter Triumph im wichtigsten Vereinswettbewerb Europas. Damit liegt in der ewigen Bestenliste nur Rekordsieger Carlo Ancelotti (fünf) vor ihm. Dreimal haben seit der Einführung des Wettbewerbs 1992 neben Enrique nur Pep Guardiola und eben Zidane gewonnen.Luis Enrique ist im Alter von 56 Jahren endgültig angekommen in der Riege der ganz Großen, so lautete eine zentrale Erkenntnis nach diesem spannenden Finale, das Paris erst im Elfmeterschießen gegen Arsenal gewinnen konnte. Auf die knappste aller Möglichkeiten zwar, aber am Ende mussten auch die zahlreich nach Ungarn mitgereisten Fans aus London eingestehen, dass die richtige Mannschaft gewonnen hatte. Keinerlei Zweifel, dieses Paris Saint-Germain ist die derzeit stärkste Fußballmannschaft der Welt.Niemand, der ihn nicht umarmte, herzte oder lobte„Beide Mannschaften hätten es verdient gehabt zu gewinnen, aber wenn man sich die gesamte Saison anschaut, dann wir vielleicht ein kleines bisschen mehr. Wir mussten viel durchmachen und haben auf dem Weg hierhin gegen die besten Mannschaften gespielt“, sagte Enrique. Allein die drei Duelle mit dem FC Bayern genügen, um diese These mit Leben zu füllen.PSG ist das Maß aller Dinge und Luis Enrique der Architekt hinter diesem fußballerischen Kunstwerk, das letztlich einen Fehlschuss des Brasilianers Gabriel benötigte, um erneut zu siegen. Je mehr sich der Abend von Budapest zur Nacht wandelte, desto stärker tat sich die Ausnahmestellung des Trainers hervor. Niemand, der ihn nicht umarmte, herzte oder mit Lob überschüttete. Für offizielle Vertreter von Vereinen gehört es zum guten Ton, im Erfolgsfall den Trainer überschwänglich zu loben.Der Boss und sein Meistermacher: PSG-Boss und Multifunktionär Al-Khelaifi mit Trainer Luis EnriquedpaParis-Boss Nasser Al-Khelaifi wollte da keine Ausnahme machen, aber aussagekräftiger waren dann doch die Worte derer, die täglich mit Enrique arbeiten. „Er ist der Hauptdarsteller dieses Teams, es ist eine Freude, von ihm gecoacht zu werden“, sagte Vitinha, der vom europäischen Verband die Auszeichnung für den besten Spieler des Abends bekommen hatte, was ihm sichtbar und hörbar unangenehm auf der Seele brannte. Und damit zu der vielleicht größten Errungenschaft des Trainers Luis Enrique.Er hat aus Paris Saint-Germain, der einst zahlenmäßig stärksten Ansammlung von Egozentrikern, eine Mannschaft gemacht und eine Kultur geformt, in der die Interessen des Einzelnen sich dem Allgemeinwohl unterzuordnen haben. Hörprobe gefällig? „Ich muss über das Team reden. Ich hatte ein gutes Match, aber das hatte jeder. Jeder hat seine Aufgaben grandios erledigt“, sagte Vitinha, jener Man of the Match also, der eigentlich gar keiner sein wollte.PSG kontrollierte das Geschehen auf beiden Seiten des SpielsDer Mittelfeldspieler aus Portugal ist vielleicht der Spieler, der am meisten vom Trainer aus Spanien profitiert. Seit Enrique da ist, hat sich Vitinha zur zentralen Figur des Pariser Spiels entwickelt und ist nebenbei zu einem der derzeit besten Fußballer der Welt aufgestiegen. Gegen Arsenal war er es, der die Botschaft des Trainers auf dem Feld mit Leben füllte. „Verliert nicht die Geduld. Sie spielen diese Art von Spiel, um uns aus dem Tritt zu bringen, es ist ihre Strategie“, hatte Enrique seinen Spielern während der Halbzeitpause gesagt.Da lag PSG 0:1 zurück, nach einem frühen Gegentor durch Kai Havertz. Paris hatte in der Folge 74 Prozent Ballbesitz, vier Ecken, aber keine richtige Torchance. Arsenal verteidigte hochkonzentriert und mitunter mit sechs Mann in letzter Linie. Paris aber verlor nicht die Geduld, suchte beständig nach Lücken und nutzte diese, wenn sie sich auftaten. Ousmane Dembelé verwandelte einen Foulelfmeter zum Ausgleich, nachdem Mosquera den Pariser Chwitscha Kwarazchelia zu Fall gebracht hatte. Paris kontrollierte das Geschehen auf beiden Seiten des Spiels, offensiv wie defensiv, auch das ein Verdienst von Enrique.Diese Entwicklung der Mannschaft kommentierte Vitinha mit einem Satz, der als verbaler Seitenhieb auf die Zeiten vor Enrique verstanden werden darf, ja muss. „Wenn du nicht elf Spieler hast, die das Gleiche wollen, die zusammen verteidigen, wird es nichts“, sagte der Portugiese. Er selbst hatte sie ja erlebt, die Zeit der Neymars, Cavanis, Messis und Mbappés. Zeiten, in denen sich erwachsene Männer wie Furien um die Ausführung eines Elfmeters stritten und sich überboten im gegenseitigen Wetteifern, wer demonstrativer stehen bleibt, wenn es um die Verweigerung der kollektiven Defensivarbeit geht.„Wir müssen dankbar sein“Als in Person von Kylian Mbappé auch der letzte Götze aus der Stadt gejagt war, sprach Enrique einen Satz, der ihm entweder als Prophezeiung oder als Blasphemie ausgelegt wurde. Dazwischen gab es nichts. „Wir werden noch besser sein“, sprach Enrique nach Mbappés Abschied. Er sollte recht haben.Enrique ist kein Mann für die Mitte. Ein Charakterkopf, hitzig und emotional. Einer, der die Gemeinschaft predigt, aber vieles mit sich ausmacht. Der Ultramarathons läuft, durch die Wüste rennt oder die steinigen Berge seiner Heimat Asturien mit dem Mountainbike hochjagt, sich und seinen Körper fordert bis zum Limit. Der Wege gefunden hat, mit dem unvergleichlichen Schmerz umzugehen, den der plötzliche Krebstod seiner damals neun Jahre alten Tochter hinterlassen hat.In einem seltenen Interview erzählte er, dass es seine Mutter nicht ertragen könne, dass er überall im Haus die Bilder der Enkelin aufgehängt hat. „Doch Mutter, das musst du. Wir müssen dankbar sein. Dankbar dafür, dass wir sie kennenlernen und Zeit mit ihr haben durften“, sagte er dazu.Lehrmeister: Louis van Gaal (Foto von 2009)dpaEnrique tritt für seine Überzeugungen ein, und sei es bei einer Meinungsverschiedenheit mit der eigenen Mutter. Ehrlichkeit ist ihm wichtig, Loyalität ebenso. Mit seinem langjährigen Freund und Assistenten Robert Moreno brach er, weil er das Gefühl hatte, dieser hätte Enriques Auszeit wegen der Erkrankung seiner Tochter genutzt, um sich selbst als spanischer Nationaltrainer in Stellung zu bringen.Egoismus lehnt er im Mannschaftssport Fußball kategorisch ab. Kaum jemand kennt sich mit den fatalen Auswirkungen von toxischen Egozentrikern besser aus als Enrique. Hat er selbst alles erlebt, als Spieler und als Trainer. Fünf Jahre als Spieler bei Real Madrid, acht Jahre beim FC Barcelona. Ein Stahlbad sondergleichen. Enrique hat die Kabine geteilt mit Superegos wie Predrag Mijatovic, Clarence Seedorf, Rivaldo und unter Trainern gelernt wie Louis van Gaal, dem strengen General aus Amsterdam.Enrique brachte den Wert der Gemeinschaft mit nach ParisEr hat die Freiheiten genossen, die Trainer wie Jorge Valdano und Johan Cryuff ihm gaben, und die taktischen Zwänge von van Gaal akzeptiert. Ein täglicher sportlicher Kampf, den Enrique annahm wie kaum ein Zweiter. Seine Einstellung, seine Energie, mit der er Training und Spiele bestritt, machten ihn in Barcelona zum Publikumsliebling und zum Kapitän unter Kapitänen. Nach einer Blamage im Pokal, an der ein junger Torhüter nicht ganz unschuldig war, machte Barcelonas Abwehrstar Frank de Boer eben jenen Torhüter vor laufenden Fernsehkameras für das Ausscheiden verantwortlich. Sein Name war Robert Enke.Als Enrique sah und hörte, was de Boer da von sich gegeben hatte, stürmte er in die Kabine und faltete den Kapitän der niederländischen Nationalmannschaft auf eine Weise zusammen, wie der es wohl nie vorher und nie nachher wieder erlebte.Den Wert der Gemeinschaft brachte Enrique mit nach Paris, wo er aus vielen spektakulären Talenten eine Mannschaft formte, die derzeit kaum zu schlagen ist. „Ja, okay. Wenn man sich die letzten zwei Jahre und die Ergebnisse anschaut, muss man wohl sagen, dass wir im Moment die Besten sind“, sagte Vitinha.Vitinha, Dembelé, Kwarazchelia oder Fabian Ruiz, alles Spieler, die Enrique auf ein neues Niveau gehoben hat. Welch funktionierende Einheit er da geschaffen hat, zeigte sich auch daran, dass zum Zeitpunkt des Elfmeterschießens keiner von ihnen mehr auf dem Platz stand. Jeder dieser Ausnahmekönner ist ersetzbar. „Es spielt keine Rolle, wer auf dem Feld steht. Jeder weiß, was er zu tun hat. Er vertraut jedem. Wenn jemand nicht rennt und nicht tut, was er sagt, spielt er nicht. Andererseits hat jeder die Freiheit, sich frei zu bewegen“, sagte Thierry Henry, der als Fernsehexperte in Budapest weilte.Die Freiheit, sich dort zu bewegen, wo er es für richtig hält, genießt bei PSG kaum jemand so wie Kwarazchelia, der Georgier. Zieht er auf die rechte Seite, nimmt ein anderer seine Position links ein. Klingt einfach, war aber bei PSG immer ein Problem. Enrique hat das geändert. „Er gehört jetzt zu den besten Trainern aller Zeiten“, sagte Vitinha. Auf all die Lobeshymnen für sich und seine Mannschaft angesprochen, musste Enrique kurz vor Mitternacht lächeln. „Piano“, sagte er dann. Macht mal langsam. So als wollte er ausdrücken: Wartet ab. Da kommt noch mehr.