Moskau kündigt Vergeltung gegen ukrainische Drohnenangriffe auf russische Ostseehäfen an und beschuldigt ausgerechnet: die Balten. Sie würden den Ukrainern ihren Luftraum und ihre Basen zur Verfügung stellen. Streifzug durch ein verunsichertes Land.Paul Flückiger (Text), Reinis Hofmanis (Bilder), Daugavpils31.05.2026, 05.30 Uhr8 Leseminuten«Wir alle haben Angst vor diesen Drohnen. Ich hoffe nur, dass der Krieg nicht zu uns kommt», sagt die Frau auf dem Markt von Daugavpils, mit gut 70 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt Lettlands und die grösste mehrheitlich russischsprachige Stadt der EU. Zanna mit ihren schwieligen Händen verkauft Erdbeeren und Kartoffeln. Am Tag, als die Drohnen mit den Sprengsätzen abstürzten und ein leeres Öllager trafen, hat Zanna die Aufnahmeprüfung für die Kunstschule geschafft. Sie will mehr, als Kartoffeln auf dem Markt zu verkaufen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Stimmt es, dass die Schweiz Häuser an Einwanderer verteilt und dazu jedem 100 000 Euro bezahlt?», fragt ihre Standnachbarin, die BHs auf einem klapprigen Tischchen feilbietet. Sie hat dies bei einem russischen Youtuber erfahren und zeigt den entsprechenden Bericht auf dem Handy. Ein Propagandaschnipsel mit Fake News aus dem Hause Putin. Weg aus Lettland will die Mittvierzigerin schon lange: «Die Drohnen geben mir den Rest.»Die Verkäuferin Zanna zeichnet während ihrer Arbeit auf dem Markt in Daugavpils. Sie studiert an der Kunstakademie.Eine Marktverkäuferin in Daugavpils, die Miederwaren anbietet, zeigt auf ihrem Handy ein russisches Propagandavideo, das zur Auswanderung in die Schweiz ermuntert. Der EU-Staat Lettland kämpft bereits mit einer schwindenden Bevölkerung, was im Sinne Russlands ist.Zunächst einmal haben die Drohnen vor allem der Regierung des kleinen Baltenstaates den Rest gegeben. Erst wurde letzte Woche der Verteidigungsminister entlassen, weil er für die fehlerhafte Fliegerabwehr verantwortlich gemacht wurde. Dann brach die Koalition auseinander. Seit Donnerstag hat Lettland eine neue Regierung mit überwiegend denselben Ministern.Luftalarm in VilniusWas passiert da gerade im Baltikum? Ein halbes Dutzend Zwischenfälle mit Drohnen gab es allein im Monat Mai. Manche stürzen ab und explodieren, andere verschwinden wieder vom Radarschirm wie jene Drohne, die vergangene Woche einen Luftalarm in der litauischen Hauptstadt Vilnius auslöste und Bürger wie Regierung in Schutzräume flüchten liess.«Das Wahrscheinlichste ist, dass die Russen ukrainische Langstreckendrohnen auf ihrem Weg in die Ostseehäfen im Raum St. Petersburg elektronisch in den baltischen Luftraum abdrängen», erklärt der frühere Brigadegeneral Janis Kazocins, von 2003 bis 2013 Chef des lettischen Geheimdienstes SAB, im Gespräch. Die Fluglinie via Weissrussland eng entlang der Luftraumgrenzen der drei baltischen Staaten ist die kürzeste. Unklar ist jedoch, ob auch die Absturzziele von den Russen bestimmt werden können.Es ist die Chronik eines angekündigten Krieges. Denn der Kreml nimmt die Drohnenangriffe, die den russischen Ölterminals und Raffinerien gelten, zum Anlass, nun die Balten zu beschuldigen. Immer schriller werden die Drohungen aus Moskau.Lettland und die anderen beiden Baltenrepubliken stellten ihren Luftraum der Ukraine für Drohnenangriffe auf Russland zur Verfügung, heisst es in einer Mitteilung des russischen Auslandsgeheimdienstes SVR. Ukrainische Soldaten seien gar schon bei den Balten. Auf fünf Militärbasen in Lettland – darunter in Daugavpils – seien ukrainische Drohnenpiloten stationiert, behauptet der SVR. Und mahnt: «Die Nato-Mitgliedschaft eines Landes wird nicht jene vor gerechter Vergeltung schützen, die Terroristen helfen.»Aber würde Wladimir Putin wirklich einen Angriff auf die Balten riskieren? Ausgerechnet jetzt, wo seine Truppen an der Front in der Ukraine festsitzen und die russische Armee Schwierigkeiten hat, neue Soldaten zu mobilisieren? Genau deshalb, so könnte man argumentieren.Fatalismus als HilfeEin kalter Wind zerrt an den Birken. Er peitscht über die riesigen Rapsfelder, die Moore und dunklen Tannenwälder. Die Reise geht weiter, von Daugavpils, in der Südostecke Lettlands, zur Grenze nach Russland. «In Lettgallen nichts Neues», murrt Jonas. Noch fünfzig Stunden muss der Fernfahrer aus Litauen am lettisch-russischen Grenzübergang Grebnova auf die Weiterfahrt nach Russland warten. «Die Letten sind schuld, sie lassen nur zwei Autos pro Stunde ausreisen», sagt er. Mit den Russen habe er es seit dreissig Jahren gut, nur über Politik dürfe man dort nicht sprechen, rät der Fahrer mit der roten Baseballmütze. «Weder Russen noch Drohnen können mir etwas anhaben, Gott hat meinen Todestag längst bestimmt», sagt Jonas zum Abschied. Eine gute Portion Fatalismus bestimmt das Leben vieler Menschen hier.Der Lastwagenfahrer Jonas aus Litauen stellt sich auf tagelanges Warten am Grenzübergang von Lettland nach Russland ein.Daugavpils am Fluss Düna ist die zweitgrösste Stadt Lettlands. Während der sowjetischen Besetzungszeit wurden hier viele Russen angesiedelt.Der Regen hat wieder begonnen, die Fahrt führt durch verwunschene Dörfer und Weiler, bunte Holzhäuser wechseln sich ab mit grauen Sowjetblocks für die einstigen Kolchosen. Hier und da steht eine Holzkirche oder gar die Ruine einer mächtigen Ritterburg des Deutschen Ordens. Lettgallen, der heute von vielen ethnischen Russen besiedelte Osten Lettlands, hatte viele Besetzer in seiner wechselhaften Geschichte. Doch dass nun wieder die lettische Flagge hoch an den Masten prangt, dies allein scheint dem nur knapp 400 Kilometer entfernten St. Petersburg, der Heimatstadt Wladimir Putins, eine Provokation zu sein.Die Unabhängigkeit der drei Baltenrepubliken hat Russland nie wirklich ernst genommen. Und jetzt, wo es Krieg führt gegen die Ukraine, eine andere, ungleich grössere ehemalige Sowjetrepublik, hämmert die russische Propaganda mehr denn je auf die Balten ein: Litauen, Lettland und Estland seien zu klein, um als Staaten zu funktionieren; sie unterdrückten die russische Bevölkerungsgruppe; sie würden von «faschistischen» Banden regiert. Es ist dieselbe Rhetorik, die der Kreml für die Ukraine benutzt.Die russische MinderheitDie Zwischenfälle mit den abstürzenden Drohnen verunsichern die Menschen im dünn besiedelten Osten Lettlands enorm. Wilde Gerüchte machen die Runde im Zentrum von Rezekne, 90 Kilometer von Daugavpils entfernt, wo Anfang Mai die Drohnen in die Öltanks stürzten. «Die Regierung hasst uns Russischsprachige», schimpft Michail im Gespräch, «Lettland sendet eigene Drohnen hierhin, um die Bevölkerung zu testen.» Knapp ein Viertel der lettischen Bevölkerung sind ethnische Russen. Der Rentner wartet am Strassenrand auf seinen verspäteten Sohn und hat Zeit für einen Schwatz. Die offizielle Version der abgelenkten ukrainischen Drohnen sei Schwachsinn, sagt Michail, er sei nicht der Einzige, der so denke. Zwei russischsprachige Teenager, Sandra und Elisa, bestätigen dies indirekt. Sie wollten nicht über Politik sprechen, sagt die 16-jährige Elisa, die vom Wegzug nach Riga und von einem Psychologiestudium träumt. «Das Gute an diesen Drohnen, egal, woher sie kommen, ist, dass die Schule ausfällt», sagen die Teenager kichernd. Die grösste Panik hätten ohnehin die Lehrer.Ein Öltank in der lettischen Stadt Rezekne wurde am 7. Mai von mutmasslich ukrainischen Drohnen getroffen, die durch das russische Militär abgelenkt worden sein könnten. Der Tank war zum Zeitpunkt des Einschlags nicht gefüllt.Ein Strassenschild im Osten Lettlands zeigt den Weg nach Moskau. Für Sandra (links) und Elisa in der Stadt Rezekne fällt die Schule aus, wenn es wieder einen Zwischenfall mit Drohnen gibt.In Moskau unterzeichnete Putin diese Woche ein Gesetz über den «zusätzlichen Schutz» russischer Staatsbürger, die im Ausland leben. Werden sie festgenommen oder vor Gericht gestellt, kann der russische Präsident die Armee in Marsch setzen, um sie zu befreien. Man kann die Absicht, die hinter diesem Gesetz steht, erahnen: mindestens für mehr Unruhe in den baltischen Staaten sorgen; im Maximalfall das Drehbuch für eine Militärintervention liefern.Denn Putin, der russische Diktator, steckt in einer Sackgasse, aus der er herauswill. Der Krieg in der Ukraine, den er angezettelt hat, ist nicht mehr zu gewinnen. Eine halbe Million russische Soldaten seien tot, erklärte am Mittwoch eine britische Geheimdienstchefin. Im Kreml spielen Mitarbeiter um den einflussreichen Putin-Gehilfen Sergei Kirijenko bereits Szenarien durch, wie den Russen ein «Schandfrieden» in der Ukraine verkauft werden könnte. «Die eiserne Prosa der Realität» lautet der Titel eines überraschenden Beitrags in einem kremltreuen aussenpolitischen Magazin. Es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass die Pattsituation im Ukraine-Krieg in absehbarer Zeit überwunden werden könne, stellt der Autor, der Moskauer Politikwissenschafter Wasili Kaschin, nüchtern fest.Mehr noch: Die Ukrainer sehen sich militärisch im Aufwind. Ihre Angriffe werden immer wirksamer. Ein Wendepunkt im Krieg nähere sich, erklärte diese Woche ein ukrainischer General der Nachrichtenagentur Reuters.Was tun also? Die Ukrainer werden kaum einen Frieden zu den heruntergeschraubten Bedingungen der Russen annehmen – Übergabe des gesamten Donbass, inklusive der nicht eroberten Gebiete, Neutralität, Obergrenzen für die ukrainische Armee. Das ist Putins Problem. Die Lösung: ein Befreiungsschlag im Baltikum.Ein russischer Angriff auf einen oder mehrere baltische Staaten – hybrid mit Milizen wie auf der Krim und im Donbass 2014 oder als gezielter einzelner Militärschlag gegen eine Kommandostelle etwa in Lettland – wäre ein neuer Schachzug gegen den Westen. Ein Test, ob die Nato noch funktioniert, der «Papiertiger», wie Donald Trump das Militärbündnis nennt, das die USA bisher führten. Auch die Besetzung einer Insel in der Ostsee durch die Russen gilt als plausibles Szenario – Hiiumaa in estnischen, Gotland in schwedischen Gewässern zum Beispiel. Wird Trump die Armee der USA zur Verteidigung einer Insel oder einer Stadt aufbieten, deren Namen der Präsident und die meisten Amerikaner nie gehört haben? Gerade jetzt, wo er Truppen aus Europa abziehen will?Die baltische FestungDie drei Baltenstaaten galten immer schon als der verletzlichste Punkt der Nato. Russland müsste nur das polnisch-litauische Grenzgebiet erobern, einen 75 Kilometer langen Korridor von Weissrussland zur russischen Enklave Kaliningrad, um die Balten von der Landverbindung zu den Nato-Ländern abzuschneiden. «Suwalki-Lücke» heisst dieser Korridor bei Militärplanern, so benannt nach der nächstgelegenen polnischen Stadt.Die Balten wissen um ihre Verwundbarkeit. Sie haben neben Polen mittlerweile die höchsten Militärausgaben in der Nato, gemessen an der Wirtschaftsleistung. Zwei Jahre nach der russischen Invasion in der Ukraine wurde mit dem Bau der «Baltic Defense Line» begonnen, einem Festungswerk aller drei Baltenstaaten gegen Russland und Weissrussland, das bis 2028 fertiggestellt sein sollte. Der Plan sieht Panzersperren, Gräben und Minenfelder entlang aller Grenzen vor. Dazu sollen kleinere Bunkeranlagen im Hinterland kommen. In Lettland wurden dafür 303 Millionen Euro Staatsgelder bereitgestellt.Sichtbar sind nach drei Jahren Bauzeit in Lettgallen einzig Lagerstätten von stählernen Panzerigeln und «Lego-Steinen», wie sie hier genannt werden, 2,5 Tonnen schweren Betonblöcken zum Versperren von Strassen und Feldern für schweres Kriegsgerät wie Panzer. Unweit von Karsava, 13 Kilometer südlich des Grenzübergangs Grebnova, ist ein solches Lager von der Fernstrasse nach St. Petersburg aus sichtbar. Es ist ein Zeichen der Abschreckung von Russland, mehr noch nicht. Das Militär in allen drei Staaten schirmt die Bauarbeiten vor neugierigen Blicken ab. Die Grenzzone selbst ist nur mit Sondergenehmigung befahrbar.Der Rentner Michail glaubt an eine Verschwörung der lettischen Regierung gegen den russischsprachigen Teil der Bevölkerung in Rezekne.Betonblöcke und Panzersperren liegen im lettischen Grenzgebiet zu Russland bereit. Sie werden für den Bau der baltischen Verteidigungslinie verwendet.«Natürlich hätten alle lettischen Regierungen seit 2022 viel mehr und viel schneller vorwärtsmachen sollen», kommentiert Artis Pabriks, Lettlands Verteidigungsminister zur Zeit des russischen Überfalls auf die Ukraine, im Gespräch in Riga. Nun aber würde endlich aufs Gaspedal getreten, meint Pabriks. Auch der Aufbau von Nato-Kontingenten im Baltikum geht voran. Etwa 10 000 Soldaten sind derzeit in den drei Republiken stationiert.Doch warum sollte Putin warten, bis die Baltenstaaten zur Festung ausgebaut sind? Für Ende Sommer erwartet Artis Pabriks weit grössere Provokationen des Kremls als Drohnen gegen Lettland. «Russland ist gegen die Ukraine am Verlieren, und damit ist alles möglich.»Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Russlands Eskalation: Wie weit geht Putin im Baltikum?
Moskau kündigt Vergeltung gegen ukrainische Drohnenangriffe auf russische Ostseehäfen an und beschuldigt ausgerechnet: die Balten. Sie würden den Ukrainern ihren Luftraum und ihre Basen zur Verfügung stellen. Streifzug durch ein verunsichertes Land.









