Am Donnerstag gab es den dritten Tag in Folge Luftalarm in Lettland. Wieder erhielten die Menschen im Südosten des Landes in den Städten Daugavpils, Ludza und Rezekne Warnungen auf ihre Handys wegen möglicher Drohnen.In Litauen suchte das Militär am Donnerstag nach den Trümmern einer Drohne, wegen der am Vortag in Teilen des Landes ebenfalls Luftalarm ausgelöst worden war, darunter in der Hauptstadt Vilnius. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, Schutzräume aufzusuchen, die Regierung und der Präsident wurden in Sicherheit gebracht, der Flughafen gesperrt und der Bahnverkehr ausgesetzt. Bis zu hundert Soldaten waren am Donnerstag noch im Einsatz, um das unbekannte Flugobjekt zu finden.Bei den meisten dieser Fälle in jüngster Zeit handelte es sich um ukrainische Drohnen, die von Belarus oder Russland nach Estland, Lettland und Litauen eindrangen. Sie seien Einzelfälle, aber Teil eines größeren Musters, sagt Marek Kohv, Leiter des Sicherheits- und Resilienz-Programms am International Center for Defence and Security (ICDS) in Estland, der F.A.Z.Von Einzelfällen spricht er deshalb, weil die Ukraine zuletzt Hunderte Drohnen in Richtung Nordwestrussland gestartet habe und nur wenige davon in den baltischen Luftraum eindrangen. Doch nähmen ukrainische Drohnenangriffe auf Russland zu, sodass der russischen Flugabwehr oft nur bleibe, die Drohnen mit elektromagnetischen Maßnahmen zu stören und vom Kurs abzubringen.Russland verschärft seine DrohungenDas ist nicht ungefährlich, wie der Absturz zweier mit Sprengstoff beladener Drohnen in ein lettisches Öllager in der vorvergangenen Woche zeigt. Bisher wurde im Baltikum niemand verletzt. „Die Überwachungsfähigkeiten aller beteiligten Länder sind sehr gut“, sagt Kohv. Doch seien die Entfernungen sehr gering. „Die Reaktionszeit, wenn eine Drohne die Grenze überquert und noch fünf Kilometer weiterfliegt, ist extrem kurz.“Abschüsse seien schwierig, auch um den zivilen Flugverkehr nicht zu gefährden. Die NATO, die im Rahmen der Luftüberwachungsmission die baltischen Staaten mit Kampfflugzeugen unterstützt, sei zwar auf Drohnen vorbereitet, verfüge aber nicht über die Erfahrung der Ukraine und Russlands.Zugleich verschärft Russland massiv seine Drohungen gegen die baltischen Staaten. Schon seit einiger Zeit beschuldigt Moskau Estland, Lettland und Litauen, ihren Luftraum für ukrainische Angriffe auf Russland zur Verfügung zu stellen. Alle drei Länder bezeichneten das wiederholt als „Lüge“ und „Desinformation“, wiesen die Anschuldigung geschlossen zurück und erklärten, dass sie ihr Territorium und ihren Luftraum niemals für ukrainische Angriffe freigegeben hätten.Lettland weist die Anschuldigungen zurückAm Mittwoch warf Russlands Auslandsnachrichtendienst Lettland vor, den Start ukrainischer Drohnen von seinem Staatsgebiet aus genehmigt zu haben. Angeblich seien ukrainische Drohnenspezialisten auf lettische Militärstützpunkte entsandt worden. Dann folgte die unverhohlene Drohung: „Es bleibt, die Naivität der lettischen Führung zu bedauern. […] Die Koordinaten der Entscheidungszentren auf lettischem Territorium sind bekannt; auch die Mitgliedschaft des Landes in der NATO wird Helfer terroristischer Aktivitäten nicht vor einer gerechten Vergeltung schützen.“Folgen des Einschlags einer fehlgeleiteten Drohne: beschädigte Öltanks in LettlandReutersLettland wies die Anschuldigungen abermals als falsch zurück und bestellte den russischen Botschafter ein. Man habe wiederholt sehr klar deeskalierend mit Russland kommuniziert, erklärte das Außenministerium. Der Vorwurf sei auch deshalb absurd, weil die baltischen Staaten als NATO-Mitglieder eine Erlaubnis für Angriffe niemals ohne Einverständnis der NATO geben könnten, sagt Kohv. „Russlands Anschuldigungen gegen die baltischen Länder richten sich in erster Linie an die eigene Bevölkerung, um Russlands Unfähigkeit zu rechtfertigen, ukrainische Drohnen abzufangen und den eigenen Luftraum effektiv zu verteidigen.“Verzerrte Wahrnehmung und RealitätsverweigerungAuch der lettische Verfassungsschutz SAB wertet die zunehmenden russischen Drohungen als Teil einer Desinformationskampagne, weil Russland die Konsequenzen seines Überfalls auf die Ukraine nun selbst stärker spüre. Zugleich warnte der SAB am Donnerstag aber auch, dass Russlands Aktivitäten „zunehmend unvorhersehbar“ würden.Russlands Haltung gegenüber westlichen Ländern sei in den vergangenen Jahren „zunehmend feindselig und aggressiv geworden, was weitgehend auf einer verzerrten Wahrnehmung von Bedrohungen und von der Realität losgelöster Annahmen beruht“, erklärte die Behörde am Donnerstag.Russland betrachte die Handlungen anderer Länder durch die eigene Brille in dem Glauben, diese würden in ähnlichen Lagen so wie das russische Regime handeln, so der SAB. Eine solche Fehlwahrnehmung sei die Bedrohung von lettischer Seite, wodurch das Risiko für Fehleinschätzungen und damit das Sicherheitsrisiko für Europa „deutlich“ zunehme.Zugleich schätzt der SAB die Wahrscheinlichkeit einer russischen militärischen Aktion gegen Lettland „kurzfristig als gering“ ein. Wahrscheinlicher sei, dass die aktuelle Kampagne darauf ziele, die Bereitschaft Lettlands und anderer Länder zur Unterstützung der Ukraine zu verringern.Deutschland als Hauptgegner in EuropaDie Ukraine bringe den ihr aufgezwungenen Krieg derzeit erfolgreich auf russisches Gebiet, sagt Marek Kohv. „Jetzt spüren die Bürger Russlands das, was die Ukrainer seit mehr als vier Jahren erleben müssen.“ Aus Sicht der baltischen Staaten ändere sich dadurch nichts. „Russland fürchtet eine militärische Auseinandersetzung mit der NATO.“ Seit Jahrzehnten nutze Moskau vermeintliche innere und äußere Feinde, um eigene Probleme zu rechtfertigen. „Derzeit sind die baltischen Staaten die bequemsten äußeren Feinde, was schon viel über Russland sagt, wenn man bedenkt, wie klein diese Länder im Vergleich zu Russland sind.“In Europa bleibe Russlands Hauptgegner Deutschland, das eines der Hauptziele russischer Einflussoperationen sei. „Der Druck der hybriden russischen Kriegsführung wird weitergehen“, sagt Kohv. „Aber es gibt derzeit keinen Grund, einen konventionellen Krieg zu fürchten.“Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte jüngst, dass er die „unbeabsichtigten Drohnenvorfälle“ im Baltikum bedaure. Die Ukraine lenke keine Drohnen über diese Länder. Das lettische Militär hat die Bevölkerung bereits darauf eingestimmt, dass es zu weiteren Vorfällen kommen könne, solange die russische Aggression in der Ukraine anhält.
Ukraine-Krieg: Russland droht wegen Drohnen aus der Ukraine dem Baltikum
Russland droht wegen ukrainischer Drohnen unverhohlen dem Baltikum. Dort bereitet man sich schon auf weitere Zwischenfälle vor.












