ErklärtIn den baltischen Staaten gab es diese Woche bereits drei Mal einen Luftalarm – die wichtigsten Fragen und Antworten zu den abgestürzten Drohnen im Norden EuropasRusslands Krieg gegen die Ukraine macht sich im Norden Europas verstärkt bemerkbar. In den letzten Wochen kamen mehrmals ukrainische Drohnen vom Kurs ab.21.05.2026, 16.32 Uhr4 LeseminutenBilder, die man sonst aus der Ukraine kennt: In der litauischen Hauptstadt Vilnius mussten die Menschen in einem Parkhaus Schutz vor Drohnen suchen.Vygintas Skaraitis / Lrytas / APDie Ukraine verteidigt sich gegen die russischen Invasoren und schickt Drohnen in Richtung Russland. In den vergangenen Wochen sind dabei immer wieder Drohnen vom Kurs abgekommen und auf Nato-Gebiet geraten. Die Bevölkerung im Nordosten Europas wurde mehrfach aufgefordert, sich vor diesen in Sicherheit zu bringen. Die Vorfälle sorgen für Verunsicherung und behindern den normalen Alltag in den betroffenen Regionen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das sind die jüngsten Vorfälle:21. Mai, Lettland: Um 10 Uhr 45 geben die lettischen Streitkräfte im Osten des Landes eine Warnung vor Drohnen heraus. Die Bevölkerung wird aufgefordert, in einem Gebäude Schutz zu suchen. Ein Vertreter der Streitkräfte bestätigt gegenüber dem lettischen Rundfunk, dass mindestens eine Drohne im lettischen Luftraum gesichtet wurde. Der Zugverkehr in den Gemeinden Ludza, Rezekne und Kraslava wird bis zur Behebung der potenziellen Bedrohung des Luftraums eingestellt.20. Mai, Litauen: In der litauischen Hauptstadt Vilnius kommt es nach der Sichtung einer Drohne zu einem Luftalarm. Die Bevölkerung wird aufgefordert, Schutzräume aufzusuchen. Der Luftraum über dem Flughafen Vilnius wird zeitweise gesperrt. Mehrere Flüge werden umgeleitet, und der Bahnverkehr wird in einzelnen Regionen unterbrochen.19. Mai, Estland: Eine Drohne, die in den estnischen Luftraum eingedrungen war, wird im Süden des Landes von einem rumänischen Kampfjet abgeschossen. Trümmerteile der Drohne fallen auf ein Feld in der Gemeinde Pöltsamaa nieder. Die estnischen Streitkräfte gaben für Südestland eine Luftraumwarnung heraus.In Finnland, Estland, Lettland und Litauen werden seit Ende März immer wieder ausländische Drohnen gesichtet. Mehrere Flugkörper stürzten dabei ab. Es ist möglich, dass noch weitere Drohnen gefunden werden.In Estland schlug eine Drohne in den Schornstein des Erdölkraftwerks in Auvere ein. In Lettland beschädigte eines der unbemannten Fluggeräte vier leere Öltanks in der Gemeinde Rezekne. Verletzt wurde bisher niemand, und es gab keine nennenswerten Schäden.In Finnland versetzte ein Luftalarm die Bevölkerung im Grossraum Helsinki am 15. Mai in Alarmbereitschaft. Später stellte sich heraus, dass es zu keiner Luftraumverletzung gekommen war.Woher kommen die Drohnen?Bei allen identifizierten Flugkörpern handelt es sich bis jetzt um ukrainische Drohnen, die Ziele in Russland anvisiert hatten. Russland finanziert seinen Angriffskrieg gegen das Nachbarland mit Exporten von Erdöl und -gas. Um sich zu verteidigen, greift die Ukraine seit einigen Wochen verstärkt die russischen Häfen in Ust-Luga und Primorsk an, unweit der finnischen und estnischen Grenze.Durch die russische Luftverteidigung werden dabei immer wieder Drohnen abgelenkt und kommen vom Kurs ab. Alle Flugkörper drangen aus Russland in den Luftraum der Nato-Staaten ein. Alle betroffenen Länder bestreiten, ihren Luftraum für die Ukrainer zur Verfügung gestellt zu haben.Wie reagieren die betroffenen Länder?Die Vorfälle haben schwere Lücken in der Flugabwehr und Fehler in den Alarmsystemen aller betroffenen Nato-Staaten offengelegt. Ein Teil der verirrten Drohnen war mit Sprengkörpern bestückt. Sie wurden von der Flugabwehr teilweise sehr spät erkannt, und die Warnungen über Mobilfunk oder Apps waren zum Teil verzögert oder fehlerhaft.In Lettland musste die Regierung Mitte Mai zurücktreten. Die Ministerpräsidentin Evika Silina hatte den Verteidigungsminister Andris Spruds dafür verantwortlich gemacht, die Bevölkerung ungenügend vor den Drohnen geschützt zu haben. Spruds’ Partei entzog ihr daraufhin das Vertrauen und zwang auch sie zum Rücktritt.Auch in Finnland ist die Regierung derzeit in Erklärungsnot. Am Morgen des 15. Mai forderte ein Drohnenalarm 1,8 Millionen Finninnen und Finnen auf, Schutz in einem Gebäude zu suchen. Die finnische Armee rechnete damit, dass sich grosse, mit viel Sprengstoff bestückte ukrainische Drohnen in die Hauptstadt verirren könnten. Als sich später herausstellte, dass es zu keiner Luftraumverletzung gekommen war, sahen sich die Behörden mit dem Vorwurf des Alarmismus konfrontiert. Nur Wochen zuvor waren sie dafür kritisiert worden, die Bevölkerung ungenügend informiert zu haben.Die Regierungen haben das Gespräch mit der Ukraine gesucht, betonen jedoch einstimmig, dass das Land ein Recht auf Selbstverteidigung habe. Alle baltischen Staaten und Finnland gehören, gemessen am Bruttoinlandprodukt, zu den stärksten Unterstützern der Ukraine. Daran ändern auch die jüngsten Vorkommnisse nichts.Weshalb wurden nicht mehr Drohnen abgeschossen?In Estland schoss am 19. Mai ein rumänischer Kampfjet eine Drohne ab. Das blieb jedoch bisher die Ausnahme. In den meisten Fällen wurden die Drohnen spät erkannt. In mehreren Fällen war auch unklar, wo sie einschlagen würden. Das hat mehrere Gründe. Ukrainische Langstreckendrohnen fliegen sehr tief, um die russische Luftverteidigung zu umgehen. Entsprechend sind sie auch für die Nato-Staaten schwer zu erkennen.Andererseits nehmen die Streitkräfte jeweils eine Risikoabwägung vor. Auf Abwehrmassnahmen wird verzichtet, wenn diese gefährlicher eingeschätzt werden als der Absturz der Drohne selbst.Wie nutzt Russland die Vorfälle für seine Propaganda?Mit gezielter Propaganda wollen prorussische Kreise die Unterstützung der Ukraine schwächen. Auf prorussischen Kanälen auf Telegram wird die Ukraine für die Vorfälle verantwortlich gemacht – ohne den Umstand zu erwähnen, dass sich die Ukrainer nicht verteidigen müssten, wenn der Kreml seinen Angriffskrieg beenden würde. Russische Funktionäre verbreiten zudem Falschmeldungen, wonach die baltischen Staaten und Finnland ihre Lufträume der Ukraine zur Verfügung stellen würden.Nach den russischen Anschuldigungen warnte Deividas Matulionis, ein hochrangiger Berater des litauischen Präsidenten, vor «sehr ernsten Provokationen». In einem Radio-Interview mit dem Sender Ziniu Radijas sagte er: «Ich möchte nicht ins Detail gehen, da dies keine öffentlichen Informationen sind, aber die Situation hat sich deutlich zugespitzt. Unserer Einschätzung nach handelte es sich nicht nur um russische Propaganda.»Laut Juozas Olekas, dem Präsidenten des Parlaments, verfügt Litauen über nichtöffentliche Informationen über mögliche russische Aktionen. Russland könne Drohnen gegen Litauen ablenken oder eigene Drohnenangriffe gegen das Land simulieren. «Alle Arten von Provokationen sind möglich, wir müssen darauf vorbereitet sein und dürfen nicht in Panik geraten», sagte Olekas zum litauischen Sender LRT.Passend zum Artikel