Sich im Kultureinsatz erkennbar als Deutscher dem kritischen Urteil eines internationalen Publikums aussetzen? Oft kein lohnenswertes Unterfangen. Siehe Sarah Engels Ertrag jüngst beim Eurovision Songcontest: zwölf Pünktchen, drittletzter Platz, viel Häme. Kann man nichts machen, dieses Land ist eben nicht das beliebteste da draußen. Oder doch? Der gebürtige Stuttgarter Levi Wijk jedenfalls versteckte seine Herkunft bei seinen zwei Auftritten auf dem weltwichtigsten Pop-Festival „Coachella“ in diesem Jahr keineswegs. Im Gegenteil, er trug dort in Kalifornien einmal das aktuelle Trikot der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, das andere Mal ein ärmelfreies Ballack-Shirt. Die Menge feuerte den unter dem Namen „Bunt.“ bekannten Electro-Künstler noch bevor er ans Pult trat an wie die Heimmannschaft eines Fußball-Matches, und der 30-Jährige strahlte bis über die Backen hinaus und jubelte zurück.Bunt. hatte sein Set allerdings auch sehr sympathisch und bescheiden begonnen: Auf dem riesigen Bildschirm im Sahara-Zelt war ein Kinderfoto von ihm als uncooler Knirps mit Kassenbrille zu sehen. „Dieser Typ wusste nicht, dass er eines Tages in Coachella spielen würde“, stand groß daneben. Höchstwahrscheinlich hatte er es noch nicht einmal vor zwei Jahren geahnt, dass er riesige Menschenmassen in Ekstase versetzen würde, und das nicht nur als ein Act von vielen bei solchen Riesenfestivals, sondern zum Beispiel jetzt auch bei zwei Solo-Shows in München. Nach einer ausverkauften US-Tournee und 17 Stopps in Deutschland 2025 (etwa in München in der Muffathalle und in der Motorworld) tritt er am 4. und 5. Juni im Reitstadion von Riem vor Zehntausenden Fans auf, beziehungsweise in die Menge hinein, denn er spielt gerne auf einer Empore mittendrin.Lässt sich von den Glücksgefühlen bei seinen Konzerten anstecken: Bunt. Luis KortmannElectro-Musik war von Anfang an sein Leben, sein Vater war DJ, seine Mutter arbeitete im selben Club. Sohn Levi interessierte sich bald vor allem für den skandinavischen Dancefloor-Sound mit den typischen Schunkel-Folk-Linien, etwa von Swedish House Mafia oder Avicii, und für alles, was ebenso munter, freundlich und euphorisch loslegte, etwa die Stadion-Folkstars Mumford & Sons oder die Isländer Of Monsters and Men. Das alles bastelte er in eigenen Kompositionen zusammen, gründete dafür mit seinem Jugendkumpel Nicolas Crispin das Projekt Bunt. 2014 schon bekam er einen Vertrag beim Hamburger Label Kontor, landete erste kleine Welthits wie „Old Guitar“ und machte nach Abitur und Werber-Lehre sogar Karriere in den USA. Dort unterschrieb er beim noch größeren Label Geffen und werkelte tatsächlich noch mit seinem bald danach gestorbenen Idol Avicii aber auch mit OneRepublic und anderen zusammen.Nur Corona konnte ihn stoppen. Er zog von L.A. zurück, kam bei befreundeten DJs in Hamburg unter, jobbte als Barkeeper und Lieferdienst-Radfahrer. 2022 gab er sich noch ein Jahr Zeit, es mit der Musik zu schaffen oder es für immer sein zu lassen. Statt düstere Wolken zu sehen, ließ er den Track „Clouds“ schweben. Und landete einen Welthit, der sich via Tiktok rasant ausbreitete, in Mexiko sogar auf Platz 1 der Dance-Charts landete, heute mehr als eine halbe Milliarde Streams hat. Dazu spielte Bunt. von Berlin bis in die USA kostenlose Pop-up-Shows etwa in Tante-Emma-Läden, was seinen Ruf als Sympathieträger weltweit verbreitete. 2024 gab er sein erstes Stadionkonzert, vor 9000 Fans im Velodromo Olimpico in Mexiko-Stadt – „das war jenseits von allem, was ich mir je vorstellen konnte“.Bunt. landete gerade weich mit seinem wolkig-gefühligen Sound auf einem bestellten Feld. Die Reitanlage in Riem wurde ja bereits vor 25 Jahren von den „Greenfields“-Machern als Techno-Ausflugsziel erschlossen (Jubiläumsfest am 1. August mit Richie Hawtin, Sven Väth und &Me). Aber selbst die wundern sich derzeit ein wenig über den Erfolg solcher Solo-Shows der Electro-Popstars, getragen von der Sehnsucht der Massen nach ein paar Stunden sorgenfreier Ekstase.In diesen Tagen ist ja noch so einer in München: Solomun. Der 1975 in Jugoslawien geborene, in Hamburg aufgewachsene Mladen Solomun bringt seine eigenen Deephouse-Sounds und seine eigene Geschichte mit. Mit seinem Label Diynamic machte er vor allem Hamburger Electro berühmt, hatte als Workaholic seine Finger aber auch im Spiel und an den Plattentellern von Berlins Berghain und Watergate über Ibiza (als Resident im Pacha) bis zum Münchner Compost Label, stets hoch respektiert in der Szene, als onkelige Figur aber auch ein Pop-Phänomen. Sein Alter Ego tauchte als DJ im Videospiel GTA auf und er wurde mit DJ-Of-The-Year-Preisen bis Brasilien überhäuft. Immer lässig, immer groovy, immer groß, immer noch Underground, immer die besten Slots auf den Riesenfestivals wie „Tomorrowland“.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Und jetzt auf dem Münchner Königsplatz, den er in seine Solo-Show einbauen will: Nach dem Konzert am Völkerschlachtdenkmal in Leipzig 2025 setze er seine Vision fort, „elektronische Musik an Orte zu bringen, an denen Geschichte und Gegenwart auf einzigartige Weise verschmelzen. Der Königsplatz in München, angelegt wie ein griechischer Tempel mitten in der Stadt, verbindet Kunst, Kultur und Moderne wie kaum ein anderer Ort“, sagt er.Solumun wirkt gegen Bunt. schon ziemlich abgeklärt. Levi Wijk ließ sich beim Coachella von der Menge eine Gasse freiräumen, stieg zum Hit „Trippin“ hindurch, legte sich kurz auf den Rücken wie nach einem Siegtor und ließ sich dann von den Armen der Fans umschlingen. Verschmolzen mit dem Publikum zog er sogar sein Deutschlandtrikot aus und wirbelte es über den Kopf, nicht sich selbst feiernd, sondern den Moment.Solomun, Samstag, 30. Mai, 16 bis 23 Uhr, München, Königsplatz; Bunt., Donnerstag und Freitag, 4. und 5. Juni, 18 Uhr, Reitstadion Riem