Der Eurovision Song Contest wird 70 – und ist ein Schauplatz politischer und gesellschaftlicher Konflikte. Schon immer ging es hier um mehr als Musik. Der Wettbewerb bleibt ein Versuch, Europa zusammenzubringen. Das ist heute so dringend wie lange nicht.Ein später Sonntagnachmittag Anfang Mai. Die Kölner Stadthalle ruft mit ihrer 60er-Jahre-Architektur lauthals: „BRD“. Gerade schien noch die Sonne. Jetzt regnet es. Natürlich. Aber die Leute im besten Alter, die am Einlass bald ihre Tickets vorzeigen, sind bester Laune. Hier, mitten im rechtsrheinischen ehemaligen Gastarbeiter-Viertel der Ford- und Opel-Malocher, stehen sie und freuen sich auf den Auftritt von Guildo Horn, dem „Meister“, wie der Schlagersänger bis heute von seinen treuen Fans seit über 30 Jahren genannt wird. „WDR 4 singt mit Guildo“ heißt die Konzertreihe. Hinter die Band und den Sänger werden die Texte zum Mitsingen auf eine Leinwand projiziert. Die erste Sitzreihe ist für Horns Familie reserviert. Wobei, eigentlich sind alle im Saal irgendwie Horns Familie. Ein bunter, von der Gnade der späten Geburt im Wirtschaftswunder Deutschlands und Europas verwöhnter Haufen herrlich netter Menschen. Für ein paar Stunden wollen und werden sie bei Cover-Versionen von Queen, Udo Jürgens, Nicole und Klaus & Klaus, abgerundet von einer Polonaise, die Schrecken des Alltags vergessen.In einem Zeitgeist, der vor allem Krise schreit – Klimakrise, Gaskrise, Kriegskrise, Modernisierungskrise, Staatskrise, Demokratiekrise –, ist Schlagermusik die denkbar größte, aber auch radikal aus der Zeit gefallene Rebellion gegen die autoritäre Dringlichkeit des permanenten Handelnmüssens.Guildo Horn ist nicht irgendein Schlagersänger. 1998 trat er für Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) an, der damals noch Grand Prix hieß. Wie kaum ein anderer steht er hierzulande für den Wettbewerb. Und gleichzeitig für die Wandlung, die die Grande Dame der europäischen Musikunterhaltung immer wieder durchmacht. 35 Länder sind dieses Mal dabei. Deutschland wird von Sarah Engels mit dem Lied „Fire“ vertreten. Und wieder wird über die Beiträge gelästert, gestaunt und bei der Punktevergabe mitgefiebert.Die Geschichte des ESC ist auch die Geschichte eines sich verändernden Deutschlands. Er besingt und persifliert genau diese Veränderungen. Und gleichzeitig ist es die Geschichte eines gesamteuropäischen Projekts, das trotz aller Stürme überlebt hat. Der Versuch eines Europas, das miteinander wettstreitet, lacht – und singt.Lesen Sie auchAm 16. Mai steigt in Wien zum 70. Mal das Finale dieses großen Fests. Dort ist man längst in freudiger Erwartung. 21 Kaffeehäuser sind zu Eurofan-Cafés ernannt, die sich nach per Los zugeteilten Ländern dekorieren. Und im Steirereck, dem besten Restaurant der Stadt, ist sogar das Dessert dem Wettbewerb gewidmet. Es besteht aus kandierter Kirsche mit ESC-Logo, „Phoenix“ am Stiel und einem Cosmopolitan als Sorbet, weil sich der österreichische Kandidat Cosmo nennt. Albern? Natürlich, denn darum geht es doch immer beim ESC. Albern, gut gelaunt und grundsympathisch sein. Eine Welt aus Glitzer, Heiterkeit und hysterisch liebevollem Maskenball – aber auch ein Politikum. Denn in diesem Wettbewerb spiegeln sich die gegenwärtigen Konflikte und Debatten, manchmal komödiantisch persifliert, manchmal mit bitterem Ernst ausgetragen.Einige Länder sind aus Protest nicht dabeiDer Krieg, den Wladimir Putin seit der russischen Invasion auf der Krim 2014 gegen die Ukraine, letztlich den ganzen Westen führt, wurde schon 2016 mit dem Lied „1944“ der ukrainischen Sängerin Jamala thematisiert. Nach seinem Ausschluss vom ESC gründete Russland im vorigen Jahr beleidigt seinen eigenen Wettbewerb, den Intervision Song Contest. Mit von der Partie: Saudi-Arabien, Katar, Indien und China. Auch der Streit und Kulturkrieg um und gegen Israel toben beim ESC nicht erst seit dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der israelischen Reaktion darauf. Sondern seitdem das Land 1973 das erste Mal am Wettbewerb teilnahm. In Wien haben ESC-Urgesteine wie Spanien und die Niederlande ihre Teilnahme abgesagt, aus Protest gegen Israel.Das diesjährige 70. Jubiläum wird deswegen seit Wochen sicherheitspolitisch vorbereitet: neue Überwachungskameras, Prüfung der Gefahrenlage, Protestdrohungen von Gruppierungen wie „Queers for Palestine“. Der israelische Sänger Noam Bettan steht rund um die Uhr unter Personenschutz. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sind gerade mal ein durchschnittsdeutsches Menschenleben lang her, da schreibt man wieder – dieses Mal akademisch, kosmopolitisch, postkolonial auf Englisch – „Kill All Jews“ auf Häuserwände. Bettan sagte der „Bild“-Zeitung, dass er sich bei Proben von seinem großen Team lautstark ausbuhen lasse, um mit dem erwarteten Protest bei seinem Auftritt umgehen zu können.Dass Künstler beim ESC auf politische und gesellschaftliche Themen reagieren, ist nicht neu. Die vermeintlich heile Welt des Schlagers gab es ohnehin nie. Die 80er-Jahre etwa waren geprägt von atomarem Wettrüsten und dem Falklandkrieg. Auf der Bühne im englischen Harrogate saß 1982 eine junge Deutsche, die mit ihrer Gitarre gegen diese gegenwärtigen und zukünftigen Krisen ansang: „Ein bisschen Frieden“ hieß ihr Stück, komponiert von Ralph Siegel.44 Jahre später antwortet Nicole auf den Anruf der Reporter auf der Autobahn. Die Sängerin ist heute 61 Jahre alt und auf dem Weg von Gütersloh, wo sie Stücke für ihr neues Album eingesungen hat, nach Frankfurt am Main. Ende August geht sie mit „Meine Schätze – 45 Jahre Jubiläumstour“ wieder auf Reisen. Sie sagt: „Was Europa ist, ist mir so richtig zum ersten Mal auf der großen Bühne in Harrogate bewusst geworden. Wir waren eins. United. Unser heutiges Europa entwickelt sich leider in eine andere Richtung.“ Ihr Sieg war damals auch ein politischer und völkerverständigender. „Als ich damals zwölf Punkte von Israel bekam, war das ein Zeichen“, sagt sie. „Danach hat mich das Land Israel eingeladen. Ich bin in Kasernen aufgetreten. Vor jungen Soldaten, Mädels, Jungs, fast noch Kinder, die sich verteidigen mussten. Die legten ihre Waffen nieder, hielten sich an der Hand und sangen mein Lied mit, als ich für sie spielte.“ Israelische Soldaten, die auf Deutsch, der Sprache der ehemaligen Täter, mit ihr, Nicole, einer Nachfahrin jener Täter, zusammen ihr Lied sangen – „Ein bisschen Frieden“ war für einen Moment keine Utopie. Sondern Realität. Aber das ist lange her. Nicht nur jetzt in Wien geht es auch wieder um Krieg und Hass. Nicole sagt: „Heute glaube ich, dass ich ,Ein bisschen Frieden’ nicht oft genug gesungen habe. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.“ Als ich damals zwölf Punkte von Israel bekam, war das ein Zeichen. Danach hat mich das Land Israel eingeladen. Ich bin in Kasernen aufgetretenUnverdrossen gibt sich auch die Wiener Stadtreinigung. Auf die Abfalleimer der österreichischen Hauptstadt hat sie lustige Verballhornungen der ruhmreichen hiesigen ESC-Geschichte gedruckt. „Waste & Love“ nach JJs Siegersong „Wasted Love“ von 2025, „Merci kehr i“ nach dem Udo-Jürgens-Klassiker „Merci Chérie“ von 1966 und – wohl am gelungensten: „Schmeiss like a Phoenix“, eine Hommage an Thomas Neuwirth, der 2014 unter dem Bühnennamen Conchita Wurst mit glitzerndem Abendkleid, wallender Perücke und einem akkurat getrimmten Bart mit „Rise like a Phoenix“ Europa zum Kochen brachte. Seltsam, verwirrend, queer, so war der ESC immerGewann damals eine Dragqueen? Eine Frau mit Bart? Ein Symbol für Weltoffenheit und Toleranz? Oder war es ein Zeichen der westlichen Dekadenz im Allgemeinen und der Verkommenheit des ESC im Besonderen? Viele reagierten wohlwollend, in einigen Ländern kam es zum Aufschrei. „Als öffentlich-rechtlicher Sender können wir nicht um 21 Uhr, wenn Kinder fernsehen, einen Österreicher zeigen, der zugleich Bart und Rock trägt und zugleich Mann und Frau sein will“, sagte damals Ibrahim Eren, der Generaldirektor des türkischen Fernsehsenders TRT. Aus Russland tönte der Rechtspopulist Wladimir Schirinowski: „Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas.“ Doch der Wettbewerb in der Ära Conchita Wurst war nicht etwa plötzlich in die Fänge einer schlageraffinen Clique mit klarer identitätspolitischer Linie geraten. Denn das Seltsame, Verwirrende und auch, wenn das Wort bislang nicht üblich war, Queere war schon immer Teil des ESC.Bereits 1998, in dem Jahr, als Guildo Horn Deutschland in Birmingham vertrat, gewann etwa die Sängerin Dana International: eine Transfrau aus Israel. Großer Protest kam damals aus dem eigenen Land. Konservative Juden in Israel forderten ihre Absetzung. Das Nachbarland Ägypten verbot die arabische Version des Titels. Europa, zu dem die Türkei damals mehr gehörte als heute, schien in weiten Teilen deutlich weiter als heute. Die Türkei gab Dana International, der glamourösen Transfrau im Glitzerkleid, sogar fünf Punkte.Der internationale Glamour war es auch, der den damals neunjährigen Jan Feddersen faszinierte, als er 1967 seinen ersten ESC schauen durfte. Der Journalist arbeitet heute seit 30 Jahren bei der „taz“ und gilt als einer der leidenschaftlichsten und kenntnisreichsten Beobachter des Wettbewerbs. Jahrelang war er der ESC-Beauftragte von ARD und NDR. „Ich erinnere mich seltsamerweise in Schwarz-Weiß daran“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. „Dabei sind Träume doch immer in Farbe.“ Lesen Sie auchDamals, in Wien, gewann die Britin Sandie Shaw mit „Puppet on a String“. Die Sängerin trat barfuß auf, was zwei Jahre vor Woodstock eine Verneigung vor der Hippie-Kultur war, und zeigte, dass sich ESC und Gegenkultur stets nahe waren. „Um es mit Bourdieu aufzudröseln: Die Beatles waren Konfektion und Mainstream – im Grunde eine höhere Form von C&A“, sagt Feddersen. „Die Verheißung beim ESC war immer, dass er über die eigenen deutschen Horizonte hinausgeht, und das hat mich interessiert: Ach, so sehen also die Leute in Portugal aus!Der Journalist spricht auch über das schwule bis queere Image des ESC. Das Siegerlied von 1961, „Nous les amoureux“, in dem Jean-Claude Pascal über eine Liebe sang, die mit Hindernissen zu kämpfen hat, sei der erste schwule Song gewesen, freilich noch relativ diskret, wie es damals üblich war. Eine der Qualitäten des Wettbewerbs: Die Grenzen waren nie so eindeutig. Es trafen nicht nur Länder aufeinander, sondern auch Musikstile und Lebensentwürfe. Die wirkmächtige Siegel-Komposition „Dschinghis Khan“ von 1979 (Platz 4) etwa ordnet Feddersen als „YMCA auf deutsch und in hetero“ ein. Katja Ebsteins Beitrag „Wunder gibt es immer wieder“ von 1970 attestiert er „echte Pop-Intelligenz, inklusive Blue Note“, und auch ihr Lied „Theater“ von 1980 habe seine Qualitäten. „Nicht so mein Ding, aber es bereitete die Musicalisierung des europäischen Entertainments vor“, sagt Feddersen. Und Nicole, die mit „Ein bisschen Frieden“ die Welt eroberte? „Ich mag das: ein echtes Mädchen vom Lande, die Botschafterin eines nicht unehrgeizigen Helmut-Kohl-Deutschlands. Eine Siegeshungrige durch und durch, und damit war sie unschlagbar.“ Kohl kam zwar erst knapp ein halbes Jahr später an die Macht, aber als sie in Harrogate auftrat, war sein Vorgänger Helmut Schmidt schon angezählt. Sie mag dem Hobbypianisten Schmidt aus der Seele gesungen haben: „Wie eine Blume am Winterbeginn/und so wie ein Feuer im eisigen Wind/ wie eine Puppe, die keiner mehr mag/ fühl’ ich mich an manchem Tag.“Nach ihr dauerte es 15 quälende Jahre bis zum nächsten fulminanten Auftritt, in denen aus Deutschland auch eine gewisse Ratlosigkeit zu spüren war: dreimal die Band Wind, einmal die Münchener Freiheit, lange nach dem Zenit ihrer Karriere, was zumindest originell war, denn wenn es gut läuft, ist der ESC der Anfang einer Karriere, nicht etwa ihr Abgesang. Dann schickte Deutschland 1998 Guildo Horn mit seiner Begleitband Die Orthopädischen Strümpfe nach Birmingham.Ein Mann mit Hüftspeck und langem, aber bereits schütterem Haar in Outfits, die wie eine Parodie früheren Schlagerglamours aussahen und ihm bemerkenswert schlecht – also aus künstlerischer Perspektive sehr gut – standen. „Guildo hat euch lieb!“, lautete sein von Stefan Raab geschriebener Song, und ähnlich gaga klang er auch. Man konnte glauben, der ESC sei von einem Hater gekapert worden. Doch Feddersen, dessen Liebe zum Wettbewerb nicht verhandelbar ist, sieht das anders: „Der meinte das ernst, der hat dafür gebrannt.“ Um Guildo Horns Gleichzeitigkeit von Parodie und Umarmung zu verstehen, die in der heutigen ständig erzürnten Öffentlichkeit schwer vorstellbar wäre, muss man sich kurz an das Klima in Deutschland nach der Wiedervereinigung erinnern.Das Trauma der Teilung war überwunden. Der Kampf der Systeme schien gewonnen. Das Ende der Geschichte war ausgerufen. Bis zum 11. September 2001 galt die Hoffnung: unendlicher Spaß. Berlin war damals Spielplatz der Popkultur, europäisches und später sogar weltweites Zentrum des Techno. In Kellern und leer stehenden Industriebauten herrschte der Rave. Wenn man von der Avantgarde-Band Kraftwerk und Rammstein absieht, hatte Deutschland zum ersten Mal wieder internationale Relevanz im Pop.Ästhetisches Gegenprogramm: die Love ParadeDie Love Parade wirkte wie ein ästhetisches Gegenprogramm zum ESC: harte Beats, Auflösung der Liedstrukturen, nackte Leiber, Schweiß und Drogenexzesse statt heiler Welt. Vieles davon sickerte aber in den Mainstream ein: Über die in einem Butterfass stochernde Background-„Tänzerin“ des polnischen Duos Donatan & Cleo beim ESC 2014 hätte sich auch auf einem Wagen der Love Parade niemand gewundert. Tatsächlich gab es schon im Jahr 2000 Berührungspunkte zwischen Schlager und Techno. So sang Gotthilf Fischer seinen Hit „Hoch auf dem gelben Wagen“ auf einem Truck der Love Parade. Unter dem Einfluss von Ecstasy – wenn auch unbeabsichtigt, wie danach bekannt wurde.Zu jener Zeit entstand eine neue Sichtweise, die man als Meta-Pop bezeichnen kann. Parallel zu den Techno-Umzügen zogen auch Schlagerparaden durch deutsche Städte, bei denen Tausende in schrillen Second-Hand-Fummeln durch die Straßen tanzten. Der Schlager war im Cool Germany der ersten rot-grünen Koalition nun hör- und tanzbar geworden. Allerdings mit Ironie.Es gab in meiner Familie zwei Dinge, die wir traditionell geschaut haben. Sobald die Eurovisionsmelodie erklang, war ich innerlich am LeuchtenDas hatte historische Gründe. Während in Italien oder Spanien eine eigenständige Poptradition gefeiert wurde, hatten die Deutschen durch den Kulturbruch während des Nationalsozialismus ein komplexeres Verhältnis zur Unterhaltungsmusik. Schlager galt als eskapistisches, verlogenes Genre. Und Heino war für viele der Inbegriff deutschtümelnden Vergangenheitskitsches. Auch Nicoles Sieg 1982 änderte wenig an der Sichtweise auf den deutschen Schlager in Deutschland.Guildo Horn aber änderte alles. Geboren wurde Horn 1963 in Trier als Horst Köhler (wie der einstige Bundespräsident). „Es gab in meiner Familie zwei Dinge, die wir traditionell geschaut haben. Wenn Muhammad Ali geboxt hat und Eurovision. Sobald die Eurovisionsmelodie erklang, war ich innerlich am Leuchten“, sagt Horn im Backstage-Bereich der Kölner Stadthalle. 1983 kam er zur Lebenshilfe und arbeitete als Musiklehrer mit Menschen mit Behinderung. „Schlagermusik ist die Sprache der Liebe und macht mit jedem etwas. Das habe ich dort festgestellt. Egal, wie schwerbehindert meine Mitmusikanten waren, die sangen die Texte aus voller Kehle mit. Das hat mir gezeigt: Musik kann alle verbinden. Musik als Abgrenzung war nie mein Ding. Ich verstehe Musik als verbindendes Element.“Fortan trat er in Second-Hand-Anzügen aus den 70ern auf. Nebenbei studierte er Pädagogik und machte sein Diplom. „Die Befreiung von der Vernunft“ lautet der Titel seiner Abschlussarbeit. 1995 erschien sein Debütalbum „Sternstunden der Zärtlichkeit“. Horn verbindet Hippiekultur ohne antiimperialistischen Trauergestus mit Kitsch, Camp und Dada. Lesen Sie auchRückblickend wirkt all das wie der Höhepunkt deutscher Pop-Befreiung. Endlich darf man wieder lachen und tanzen und singen. Horns Musik, Big Brother, das Guido-Mobil, die Hochzeit des Musikfernsehens, Gerhard Schröders „Hol mir mal ’ne Flasche Bier, sonst streik’ ich hier und schreibe nich’ weiter“ bei einer Autogrammstunde im thüringischen Berka – alles um die Jahrtausendwende war schön, leicht und albern.Zu albern für viele. Schlagerkomponisten wie Ralph Siegel sahen die „Seriosität“ des Schlagers in Gefahr. Guildo Horn aber hatte eine Mission: „den Schlager zu retten“ und „den Grand Prix“. Vor seiner Nominierung mobilisierten Fans in ganz Deutschland Unterschriftenaktionen, damit Horn zum Wettbewerb fahren konnte. Am Ende belegte er einen sehr respektablen siebten Platz mit seinem Song, in dem er von „Nussecken und Himbeereis“ sang und herumsprang wie der Onkel, für den man sich zwar ein wenig schämt, den man dafür aber auf jeder Familienfeier liebt.Wettstreit unter FreundenEuropa war sich damals nah wie nie zuvor, so nah, wie es heute nicht mehr ist. Es war die Vor-Brexit-, die Vor-Orbán-, die Vor-AfD- und die Vor-russische-Invasion-Zeit. Guildo Horn sagt heute: „Erst durch den Ukraine-Krieg habe ich richtig begriffen, wie wichtig dieses Europa für uns alle ist. Dieser europäische Staatenbund gibt uns Halt und Frieden und verteidigt unsere demokratischen Werte.“ Horn hat eine Entwicklung durchgemacht. „Früher war ich extrem europakritisch, weil mir diese ganze Überregulierung oftmals nur ein Kopfschütteln abgenötigt hat“, sagt er. „In Deutschland sind wir schon brutal langsam und umständlich. Wenn obendrüber dann noch ein weiteres Bürokratiemonster gestülpt wird, kriege ich als Platzangstmensch kreisrunden Haarausfall. Ich möchte mir nicht von außen von Leuten mit fetten Pensionen vorschreiben lassen, wie ich bis ins kleinste Detail zu leben habe. Eine Vorgabe zur Gurkenkrümmung oder eine allgemeine Heizvorschrift finde ich übergriffig. Letzteres, obwohl ich glaube, dass die Klimakrise die größte Aufgabe unserer Zeit ist.“Horn formuliert dabei die wichtigste Erkenntnis über den ESC, die angesichts von Protesten, Gegenprotesten, Boykotten und Social-Media-Kampagnen aus den Augen gerät: Seit jeher trug der ESC die Idee eines gemeinsamen Europas in sich. Kein Kampf der Nationen, sondern ein Wettstreit unter Freunden. Anfangs mit Fanfare und Pathos, später mit Augenrollen und Skepsis.Der ESC war dabei aber immer das Gegenteil der berüchtigten Filterblasen, in denen sich heute jeder mit Gleichgesinnten bestätigt. Allein für Deutschland traten im Laufe der Jahrzehnte unter anderem ein Österreicher, eine Dänin, eine Italienerin, eine Norwegerin, eine Schwedin und eine Iranerin an. Im Wettbewerb singen viele Teilnehmer in ihrer Muttersprache, viele andere in Englisch, weil das angeblich, aber nicht immer, die internationalen Chancen erhöht. Dieses Herantasten an die eigene Identität und an die der anderen, das Gewinnenwollen und der Versuch der Gemeinsamkeit, auch das Lachen übereinander – das ist in der scheinbar arglosen Form dieses Gesangswettbewerbs eine Utopie von Europa, die zumindest an diesem Abend noch lebt.