Am Abend, wenn die Sonne über den Gründerzeithäusern von Rudolfsheim-Fünfhaus sinkt, kommen die Hunde. Sie laufen aufgeregt an dem mit Betonsockeln fixierten Absperrgitter vor der Wiener Stadthalle entlang. Mit der Nase am Boden, mit der Rute wedelnd, gehen die Tiere ihrem Dienst nach: der Suche nach Sprengstoff. Jetzt sollen sie den Eurovision Song Contest in Wien vor einem möglichen Anschlag sichern.Das tierische Suchritual ist Vorbote eines Ausnahmezustands: Denn Wien ist nach elf Jahren neuerlich Austragungsort des Events, das mit dem Finale am Samstag, dem 16. Mai, seinem Höhepunkt zusteuert. Bis dahin ist nicht nur die Wiener Stadthalle, der eigentliche Austragungsort, sondern auch das weitläufige Areal davor eingezäunt. Violette Planen sorgen dafür, dass die Besucher die Kontrollen ungestört über sich ergehen lassen können. Ohne Ausweis kommt hier schon seit Tagen niemand mehr hinein, nicht einmal in den Park vor der Halle. Was im Jahr 2015 noch ein offener Begegnungsort war, ist heute kontrollierte Sperrzone. Der Song Contest 2026 ist da – und er bringt ein bisher unbekanntes Maß an Security.In Rudolfsheim-Fünfhaus ist die Vielfalt NormalzustandDer Ort, an dem das alles stattfindet, ist nicht weniger spannend. Der Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus ist ein Ort voller Widersprüche. Früher klassischer Arbeiterbezirk, war er in den vergangenen Jahrzehnten vor allem migrantisch geprägt, ungemein dicht bebaut, sozial durchmischt und im Alltag oft laut und energiegeladen. Hier stehen blinkende Handyshops neben Moscheevereinen, neue Barbershops neben altehrwürdigen Billardcafés. Die Sprachen wechseln mit den Straßenzügen. Es ist ein Viertel, in dem unterschiedliche Lebensrealitäten nicht aufeinandertreffen, sondern nebeneinander bestehen. Wer hier lebt, nimmt diese Vielfalt nicht als Besonderheit wahr – sie ist der Normalzustand.POlizisten patroullieren im Eurovision Village während der 70. Eurovision Song Contest Woche in Wien.dpaDas war nicht immer so. Nach 1945 galt der Bezirk als einer der ärmsten Wiens. Die Nähe zum Westbahnhof Wien brachte Bewegung, aber keinen Glanz. Was sich hier entwickelte, war ein Stadtraum, der viele Menschen aufnahm, ohne sie klar zu ordnen. Mitten in diesem Raum entstand von 1953 an die Stadthalle, ein typischer Bau der Fünfzigerjahre. Entworfen wurde sie von Roland Rainer, einem Architekten der Nachkriegsmoderne, dessen Biografie nicht ohne Brüche zu lesen ist. Es war Mitglied der NSDAP, ohne zu den prägenden Architekten des Regimes zu zählen. Rainer baute funktional, zurückgenommen, beinahe demonstrativ unheroisch. Der Ort für den Bau war weniger symbolisch gewählt als praktisch bestimmt. Ein großes Projekt brauchte viel Fläche – und die Häuserzeilen um den stark mit Bomben angegriffenen Westbahnhof boten nach dem Krieg Platz.Zur Demo gehen oder den Contest schauenDie Stadthalle selbst hat als Spielstätte kein Eigenprofil. Sie nimmt, was viele Menschen anzieht, vom Boxkampf bis zur Popinszenierung, vom Wahlkampfabschluss bis zum Tennisturnier. Hier haben die ganz Großen gespielt: von den Rolling Stones über David Bowie und Prince bis hin zu Beyoncé und Adele. Und natürlich Falco, der hier einst Heimspiele gab.Geht man durch die Straßen, dann werden die Widersprüche dieses Bezirks offenbar. Häuserzeilen wirken wie ein teilsaniertes Gebiss: Neben frisch renovierten Altbauten stehen abgewohnte Zinshäuser mit längst geschlossenen Geschäftslokalen. Kaum eine Einfahrt ohne Graffiti. Den Modus vivendi des Bezirks – „Räumliche Nähe bei sozialer Distanz“ – kann man hier in Echtzeit erleben: Während ein weißer Mercedes in die Tiefgarage eines schicken Neubaus einfährt, sammelt gegenüber ein älterer Mann Zigarettenkippen, um die Reste in der Pfeife zu rauchen. Es ist ein Nebeneinander, in dem man sich den Raum teilt. Mehr nicht. In der benachbarten Markgraf-Rüdiger-Straße sitzt Nadine auf einer Bank. Sie ist Filmemacherin aus der Gegend und möchte ihren echten Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Den Song Contest wird sie „sicher nicht ansehen“: „Ich kann mit der Politik Israels nicht“, sagt sie. Stattdessen will sie lieber zur Demonstration gehen. „Das fühlt sich für mich einfach wie die richtige Seite an.“Kandidat für Österreich: Der Sänger Johannes Pietsch aka JJ bei einer Probe in der Wiener StadthalleAFPIn dieser Straße haben sich in den vergangenen Jahren Ansätze einer alternativen Szene entwickelt. Kleine Galerien, Ateliers, Pop-up-Projekte unter dem Namen „Grätzel Art“. Ein eigenes Festival findet hier am Wochenende vor dem Song Contest statt. Vierzig alternative Lokale machen mit. Möglich wird das auch durch viele leerstehende Geschäftslokale. Noch. Denn auch hier verschiebt sich längst etwas. Ein Haus nach dem anderen wird saniert oder abgerissen und flächenoptimiert neu gebaut. Die Preise steigen. Nicht nur die Fassaden werden heller, oft auch die neuen Bewohner.Vor zwanzig Jahren sagte man in Wien scherzhaft „Rudolfscrime“ statt Rudolfsheim und meinte damit ein sogenanntes „Glasscherbenviertel“ (nach den eingeschlagenen Fenstern). Die Kriminalität war oft ein Thema, ebenso wie die Zuwanderung – beides wurde politisch aufgeladen und miteinander verknüpft, was sich in rechten Wahlerfolgen widerspiegelte.Die Lugner City ist gleich gegenüber der StadthalleNur einen Steinwurf von der Stadthalle entfernt liegt das Café Nostalgie, das es seit 1899 gibt, wenn man der Gravur auf den großen Fenstern glauben darf. Die Einrichtung, die an eine alte Bar erinnert, hat schon bessere Zeiten gesehen. Hier hat man kein Problem mit dem Ausnahmezustand. „Das ist wie früher bei großen Konzerten“, sagt der Kellner und erinnert sich nostalgisch an einen Auftritt der Böhsen Onkelz: „Da hatten wir eine Gruppe von 30 Gästen – die sind vorher gekommen und nachher wieder. Legendär!“Über all dem Trubel thront schräg gegenüber der Stadthalle die Lugner City. Ein Einkaufszentrum als Wiener Kuriosum – halb Provinztheater, halb Gesellschaftsbühne. Ein Gebäude, das sich seit Jahrzehnten weigert, sich irgendeiner Form von ästhetischer Entwicklung zu unterwerfen, und gerade darin konsequent ist. Erbaut vom exzentrischen Baulöwen Richard Lugner – damals übrigens gegen den ausdrücklichen Rat sämtlicher Kaufkraft-Experten. Sie wirkt bis heute wie eine kuriose Mischung aus Einkaufszentrum, Dauerinstallation und Vorstadtsatire. Hier wird geshoppt, geschaut und ab und zu Weltgeschichte simuliert, wenn wieder einmal ein Hollywood-Star eingeflogen wird, um für einen Abend zwischen Rolltreppe und Rabattaktion Autogramme zu geben.Wenige Tage vor Beginn hat der Wettbewerb nun auch das Shoppingcenter fest im Griff. Gesperrte Straßen behindern das gewohnte Leben, und überall sieht man Menschen, die geschäftig ihre Ausweise um den Hals tragen. Mit Protesten gegen das Antreten Israels wird fix gerechnet. Eine Gegendemonstration pro-palästinensischer Gruppierungen ist für den Finaltag am Samstag angemeldet, Endpunkt neben der Halle.Beim Veranstalter ORF sieht man das als „Ausdruck gelebter Demokratie“. Gemeinsam mit den Behörden hat man ein mehrere hundert Seiten starkes Sicherheitskonzept erarbeitet, das „der veränderten weltpolitischen Lage Rechnung trägt“. Inhaltliche Details will man aus sicherheitstaktischen Gründen nicht preisgeben.Was hier abgesichert wird, ist mehr als nur ein Fernsehformat. Denkbar ist sogar, dass der Eurovision Song Contest an diesem Ort gar nicht das eigentliche Ereignis ist, sondern nur der grelle Suchscheinwerfer auf einen Ort, der gelernt hat, wie man mit Spannungen lebt. Aber als Joker für die Sicherheit hat man ja, neben robusten Fundamenten und Absperrungen, immer noch die schwarzen, nassen Hundenasen, die jede neue kriminelle Energie im ehemaligen „Rudolfscrime“ unterbinden sollen. Die Hunde suchen das, was hier nicht hingehört. Aber womöglich finden sie stattdessen genau das, was diesen Ort ausmacht.
Vor dem ESC am Samstag in Wien
Das Finale des Eurovision Song Contest wird in Wien im Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus ausgetragen. Man hat dort längst gelernt, mit Widersprüchen und Spannungen umzugehen. Eine Spurensuche.












