PfadnavigationHomeICONISTModeEdelstein-Faszination„Einige der schönsten Steine der Welt lassen sich unmöglich vollständig erklären“Stand: 11:26 UhrLesedauer: 5 MinutenRing mit 11,60-Karat-Diamanten und Ring mit einem 7,09-Karat-DiamantenQuelle: ©Cartier/©Agnes Lloyd PlattCartier zeigt in Saint-Tropez eine neue Haute-Joaillerie-Kollektion mit elektrisierenden Farben und seltenen Edelsteinen. Manche davon werden über Jahrzehnte aufbewahrt, bis der perfekte Platz für sie gefunden ist.Natürlich kann ein Stein zu einem Betrachter sprechen. Die Frage ist nur, welcher. In einer Villa nahe Saint-Tropez ist der Salon mit Tausenden von Karat aufgeladen: Smaragde aus Kolumbien, Rubine aus Mosambik und Saphire aus Sri Lanka liegen in Vitrinen hinter Panzerglas, eingefasst in eindrucksvollen Colliers, Ringen und Armbändern, deren Wert sich kaum beziffern lässt. Draußen zieht an diesem Morgen der Mistral über die Côte d’Azur und nimmt dem Licht jede Schärfe. Doch als der Himmel aufreißt und die Strahlen der Sonne in den Raum fallen, ist es ein grün-gräulicher Diamant, dessen Eleganz stärker berührt als alle erwartbaren Sensationen dieses Ortes. Vielleicht, weil seine Farbe sich mit jedem Wechsel des Lichts verändert. Vielleicht aber auch aus einem ganz anderen Grund.„Manche Steine berühren sehr – aber eben jeden auf andere Weise“, sagt Jacqueline Karachi, langjährige Kreativdirektorin von Cartier, die seit Jahrzehnten die Edelsteine des Hauses auswählt und ihre Übersetzung in Schmuck verantwortet. „Le Chœur des Pierres“ heißt die neue Haute-Joaillerie-Kollektion – jene höchste Kategorie des Schmucks, in der Cartier mit Einzelstücken arbeitet und die sich an eine äußerst exklusive Kundschaft richtet mit Preisen, die nicht öffentlich kommuniziert werden. Ihr Titel spielt mit den ähnlich klingenden französischen Wörtern chœur – Chor – und cœur – Herz; „des Pierres“ bedeutet „der Steine“. Tatsächlich sind diesmal nicht Tiere, historische Motive oder dekorative Referenzen das Thema, sondern die Edelsteine selbst und ihre Wirkung. „Edelsteine standen schon immer im Zentrum unserer Kollektionen“, sagt Karachi. „Aber dieses Mal haben wir beschlossen, uns ganz gezielt auf sie zu konzentrieren.“Doch wie erkennt man überhaupt einen Stein, der mehr auslöst als bloße Bewunderung? Bei Cartier, jener Schmuckmarke, die für den Richemont-Konzern inzwischen wichtiger geworden ist als viele seiner Uhrenmarken, beginnt diese Frage mit Expertise. Etwa mit dem Wissen darum, wie ein Schliff die Brillanz verändert, wie Licht Farbe intensiviert oder Tiefe sichtbar macht, welche Einschlüsse Charakter verleihen und wie sich diese Eigenschaften bewahren lassen.Lesen Sie auchGemmologen, Steineinkäufer und Designer arbeiten dabei eng zusammen. Sie reisen das ganze Jahr über zwischen Fachmessen, Händlern und Schleifereien in Länder wie Sambia, Kolumbien, Mosambik oder Madagaskar und suchen nach außergewöhnlichen Steinen und vergleichen Farbnuancen, Transparenz und Lichtwirkung. Manche Edelsteine werden monatelang zurückgelegt, bis sich ein zweiter findet, der genau genug dazu passt. Wie obsessiv diese Suche nach Präzision werden kann, zeigt ein Collier, über das ein Panther schleicht: Es kombiniert fünf Imperial-Topase im Kissenschliff von zusammen 28,04 Karat mit Diamanten, Granatperlen, Cabochon-Granaten, Onyx und einem birnenförmig geschliffenen Smaragd. Bis sich Steine finden, die sich perfekt ergänzen, können mitunter Jahrzehnte vergehen.Erst danach beginnt die eigentliche gestalterische Arbeit. Denn die Wirkung eines Steins entsteht nicht allein durch seine Seltenheit, sondern auch durch die Art, wie Licht durch ihn geführt wird. Unterschiedliche Schliffe können seine Farbe und Tiefe vollkommen verändern.Bei Diamanten ist Schönheit heute in einem hohen Maß normiert. Der globale Handel folgt seit Jahrzehnten Bewertungsrastern wie den 4Cs – Carat (Gewicht), Color (Farbe), Clarity (Reinheit) und Cut (Schliffqualität) – und der Rapaport-Preisliste; ein Stein wird damit vergleichbar, fast berechenbar. Und trotzdem lässt sich nicht berechnen, warum ein Stein im Gedächtnis bleibt, ein anderer aber nicht. Dort beginnt die Wirkung von Farbe.Farbedelsteine passen nur bedingt in solche Bewertungsraster. Zwar werden auch Saphire, Smaragde oder Rubine nach Farbe, Transparenz, Einschlüssen und Karat beurteilt, doch eine weltweit einheitliche Skala, die ihren Wert objektiviert, existiert nicht. Oft ist es gerade die kleine Abweichung in der Kristallstruktur, die ihre Farbe hervorbringt – und damit ihren Reiz. Was mineralogisch als Unregelmäßigkeit gilt, wird hier zur kostbarsten Eigenschaft des Steins.Die Qualität eines Smaragds hängt also nicht allein von seiner Reinheit ab, sondern von der Tiefe seines Grüns, von der Sättigung seiner Farbe, davon, wie das Licht in ihm spielt, oder davon, wie lebendig seine Oberfläche wirkt. Cartier interessiert sich für Farben, die sich eindeutigen Kategorien entziehen, die nicht bloß makellos scheinen, sondern Persönlichkeit besitzen: Cognac-Töne, die mit der Haut verschmelzen, feminines Pink, weichere Nuancen mit Charme, Saphire, deren Blau beinahe elektrisch wirkt. Oder eben grünlich-graue Diamanten voller Eleganz.Das hat auch mit einer veränderten Kundschaft zu tun. „Frauen wählen ihren Schmuck heute selbst aus“, sagt Jacqueline Karachi. „Das war nicht immer so. Früher war Schmuck vielleicht eher eine Frage von Macht, Investment oder anderem. Aber heute ist Schönheit sehr wichtig.“Als einer der berühmtesten Edelsteine der Welt gilt der Hope-Diamant – nicht nur wegen seiner außergewöhnlichen tiefblauen Farbe, sondern auch wegen der Legenden um einen angeblichen Fluch, der mit Unglücken, Todesfällen und finanziellem Ruin seiner Besitzer verbunden wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts befand sich der Diamant im Besitz von Pierre Cartier, der ihn 1911 an die amerikanische Erbin Evalyn Walsh McLean verkaufte und dabei die geheimnisvolle Geschichte des Steins nutzte.Lesen Sie auchDass Menschen in Edelsteinen mehr suchen als bloße Materie, versteht man bei Cartier sehr gut. Die Bedeutung eines Steins entsteht hier allerdings weniger durch Esoterik als durch die sehr persönliche Reaktion auf Farbe, Licht, Charakter und Ausstrahlung eines Steins. Karachi versucht, dieses Schwerfassbare in Worte zu übersetzen. „Einige der schönsten Steine der Welt lassen sich unmöglich vollständig erklären. Wir alle fühlen uns von etwas Besonderem angezogen. Und das ist bei jedem Menschen unterschiedlich.“ Dass ausgerechnet ein grün-gräulicher Diamant zu einem spricht, lässt sich nicht technisch erklären. Am Ende bleibt ein „je ne sais quoi“. Gibt es einen Edelstein, den Karachi einfach nicht vergessen kann? „Vielleicht ist es eine niemals endende Suche“, sagt sie. „Es ist immer der nächste Stein, der der beste sein wird. Die Suche nach Perfektion endet nie. Denn wenn man sie gefunden hätte – was käme dann?“ Die Teilnahme an der Präsentation wurde unterstützt von Cartier. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter go2.as/unabhaengigkeit