«Hinterhältiger und verlogener Charakter»: Zwei Zürcher Psychiater verloren Amt und Würde – wegen ihrer jüdischen HerkunftHans Wolfgang Maier und Herbert Binswanger sind an der Psychiatrischen Klinik Burghölzli tätig. Dann werden sie Opfer einer antisemitischen Schmutzkampagne. Ein Stück Schweizer Geschichte.Urs Hafner30.05.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenOptimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Beatrice Maier öffnet die Tür. Kaffee, Kuchen und ein Stapel Unterlagen stehen in der Stube bereit. Seit sie aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist, wo sie als Pharmazeutin forschte, lebt sie in einem Genfer Vorort in einem Wohnblock. Die Wohnung ist voll von antiken Möbelstücken und Büchern. Nachdem sie Filterkaffee eingeschenkt hat, erzählt Maier aus ihrem Leben und dem ihrer Vorfahren. Diese konvertierten vom Judentum zum Christentum, aber nicht aus religiösen Gründen. Sie wollten der Diskriminierung entkommen.Beharrlich geht Beatrice Maier ihrer Familiengeschichte nach, in Büchern und Archiven, bei Verwandten und im Internet. Besonders treibt sie das Schicksal ihres Grossvaters väterlicherseits um, des Zürcher Psychiaters Hans Wolfgang Maier. Bis vor einigen Jahren stand im Historischen Lexikon der Schweiz und steht noch immer in Geschichtsbüchern zu lesen, Maier sei gegen Ende seiner Karriere gescheitert, weil er eine Patientin sexuell missbraucht habe. «Das stimmt nicht», sagt die Enkelin.Und tatsächlich, das zeigt der Aufsatz, den der Zürcher Psychiater Mario Gmür vor drei Jahren im «Schweizer Archiv für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie» publiziert hat, und das belegen auch meine eigenen Recherchen für diesen Artikel, handelt Hans Wolfgang Maiers Geschichte nicht von einer moralischen Verfehlung und einer Straftat, sondern vom eigentümlichen helvetischen Antisemitismus. Dieser war kaum sichtbar, aber dennoch wirkmächtig.Herbert Binswanger: 1936 erhoben Assistenzärzte Vorwürfe gegen den Oberarzt der Klinik Burghölzli. Diese waren nicht haltbar, die Assistenzärzte wurden vom Gericht der Beschimpfung für schuldig befunden.PDEbenfalls von diesem diskreten Antisemitismus betroffen war Maiers Mitarbeiter Herbert Binswanger. Auch er war ein Zürcher Psychiater jüdischer Herkunft (Ludwig Binswanger, der Begründer der berühmten Daseinsanalyse, war sein Halbbruder). Und auch Herbert Binswangers beruflicher Schiffbruch wird auf charakterliche Unzulänglichkeiten zurückgeführt, auf Arroganz und Streitlust. Auch das stimmt so nicht.«An das Schweizervolk!»Zürich, Sommer 1942. Hans Wolfgang Maier hat schon vor einem Jahr fast alles verloren: die Leitung der Universitätsklinik Burghölzli, den Lehrstuhl an der Universität, seinen Ruf als ehrenwerter Bürger. Aber nicht wegen des Skandals, nicht wegen seiner Liebesbeziehung mit einer viel jüngeren Frau, die eine Tochter geboren, und auch nicht wegen der Ehefrau, die ihn verlassen hat.Vergiftetes Arbeitsklima: die Psychiatrische Universitätsklinik Burghölzli in einer Aufnahme aus dem Jahr 1875.Traugott Richard / Baugeschichtliches ArchivMaier blickt auf eine steile Karriere zurück. 1927 wird er Direktor des Burghölzli, Nachfolger des legendären Eugen Bleuler, der den Begriff der Schizophrenie geprägt hat. Maier hat die Stephansburg, eine der ersten Kinderpsychiatrien überhaupt, und die Poliklinik gegründet, sein Hauptwerk handelt von der Kokainsucht, als Forensiker ist er an der Ausarbeitung des Strafgesetzbuchs beteiligt, als Oberst im Generalstab erneuert er die Sanitätstruppen. Ein angesehener Schweizer Bürger, der sich um seine Heimat verdient macht.Der Grund dafür, dass der Boden unter Maiers Füssen wegbricht, ist seine «Abstammung». Er ist zwar seit über vierzig Jahren eingebürgerter Zürcher und seit fast fünfzig Jahren dem Christentum zugehörig, aber ist 1882 in Frankfurt am Main als deutscher Jude zur Welt gekommen. Jetzt, mitten im Zweiten Weltkrieg, kurz vor seinem 60. Geburtstag, verkündet sein Widersacher ganz Zürich, ja der ganzen Schweiz: Er, Maier, ist ein Jude, und Juden ist nicht zu trauen, sie machen schmutzige Sachen und sind keine richtigen Schweizer. Sie sind, suggeriert sein Gegner, die sich verbergenden Feinde, die das Land von innen zerstören.Der so spricht, heisst Karl Scherrer. Im Sommer 1942 veröffentlicht er seine Broschüre «Der Fall Prof. Dr. Hans W. Maier» – im gleichen Jahr, als der Bundesrat die Grenze sperrt und Tausenden von jüdischen Flüchtlingen das Asyl verweigert. Den Aufruf «An das Schweizervolk!», der von einem «Aktionskomitee» unterzeichnet ist, verschickt Scherrer an sämtliche Nationalräte und Ständeräte, Zürcher Politiker, Professoren und Psychiater sowie an die Presse. Alle sollen den «wahren Charakter dieser Figur» und «ihrer Freunde» kennen, der bislang «verhüllt» war, die «Doppelzüngigkeit» Maiers, der trotz «allen seinen Künsten» nicht mehr verhindern kann, dass er enttarnt wird. Maiers Fall stelle «die grundlegende Frage nach der Sauberkeit und Ordnung im staatlichen Leben».Wer aber behaupte, so schreibt Scherrer weiter, das Aktionskomitee betreibe eine «antisemitische Kampagne» und greife Maier nur an, «weil er Jude sei», der gehöre wegen Verleumdung vor Gericht, denn nie habe das Komitee auch nur mit einer Silbe darauf hingewiesen, dass Maier jüdisch sei. Korrekt sei allerdings, dass sich «beide Eltern des Prof. Maier nach dem Geburtsregister als der israelitischen Konfession angehörend bezeichneten». Scherrer hat gründlich recherchiert.Anwalt der FrontistenDie Schrift ist genau das, was sie vorgibt, nicht zu sein: eine antisemitische Hetzschrift. Durchtriebener und perfider geht es kaum. Sie ist voll antisemitischer Versatzstücke: Der hinterhältige Jude Maier besudele die Sauberkeit des Schweizer Staats, indem er mit einer Patientin, die keine Jüdin sei, Ehebruch getrieben habe.Das ist der Kern des damaligen helvetischen Antisemitismus. Er ist diskret, kaum wahrnehmbar und errichtet doch überall unsichtbare Hürden. Er ist wie ein Code: eine Andeutung, und alle wissen, worum es geht. Dieser Antisemitismus bereitet der antisemitischen Flüchtlingspolitik, welche die Behörden in den 1930er und 1940er Jahren betreiben, den Boden. In dieser Zeit werden auch kaum mehr Juden eingebürgert. Und er hat einen Abkömmling: den brachialen Judenhass der Faschisten, die sich in der Schweiz Frontisten nennen.Karl Scherrer ist ein 41-jähriger Rechtsanwalt, verheiratet mit einer Fürsorgerin. Schon länger sympathisiert er mit der Frontenbewegung. Nachdem Hitler 1933 die Macht übernommen hat, treten die Schweizer Anhänger der deutschen Nationalsozialisten offensiv auf. Scherrer wird von der Bundespolizei überwacht, weil er mit rechtsextremen Anwälten beim Bundesrat protestiert hat, dass Militärs, die wegen nazifreundlicher Umtriebe inhaftiert sind, ihre Verteidiger nicht selber wählen dürfen. Unter den Unterzeichnern sind führende Frontisten.Mit ihnen ist Karl Scherrer bekannt. Und er ist der Wunschverteidiger des Medizinstudenten Jost Brun. Auch dieser Frontist ist von der Polizei verhaftet worden, weil er die Sicherheit des Landes gefährde. Doch die Bundesanwaltschaft verbietet Scherrer die Übernahme des Mandats. Er hat schon einmal Frontisten verteidigt und dabei geheime Militärdokumente kopiert.Brun hat in Innsbruck darüber referiert, dass die Schweiz von den Juden gesteuert werde. Er ist Mitglied der Sportschule Maag. Die nach dem Vorbild der nationalsozialistischen «Schutzstaffel» (SS) aufgebaute Untergrundorganisation wird von NS-Grössen unterstützt. Ihr Anführer Othmar Maag, ein junger Kaufmann aus Winterthur, schreibt seinen Eltern: «Diese verdammte Juden- und Freimaurerbrut in der Schweiz wird einmal ihr Bündel packen müssen.» Nach dem Einmarsch der Nazis soll die Sportschule die Integration der Schweiz ins «Dritte Reich» vorantreiben.Grosse Vergangenheit: Unter der Leitung des Pioniers der Schizophrenieforschung, Eugen Bleuler (Zweiter von links in der zweiten Reihe), gehörte die Psychiatrische Klinik Burghölzli in Zürich Anfang des 20. Jahrhunderts zu den wichtigsten Kliniken Europas.Photopress-Archiv / KeystoneHans Wolfgang Maier kennt Karl Scherrer schon seit 1936, seit dem Streit zwischen seinem Oberarzt Herbert Binswanger und den beiden Assistenzärzten Hans Wespi und C. A. Meier. Mit scharfer Zunge und ebensolcher Intelligenz ausgestattet, gilt Herbert Binswanger als künftiger Burghölzli-Chef und Professor. Seine Laufbahn weist nach oben. Als er einmal mehr in ein Wortgefecht mit den beiden Assistenzärzten gerät, verklagt er sie wegen Ehrverletzung: C. A. Meier habe ihm vor Kollegen an den Kopf geworfen, er habe einen «hinterhältigen und verlogenen Charakter» – fast die gleichen Worte, die Karl Scherrer für Hans Wolfgang Maier wählen wird.Skandalisierte LiebschaftWie Maier ist Binswanger jüdischer Herkunft. Die aus Süddeutschland in die Schweiz eingewanderte Familie Binswanger trat bereits 1852 zum reformierten Glauben über, weil sie nicht mehr diskriminiert werden wollte. Erst 1866 durften die Juden sich niederlassen, wo sie wollten, die rechtliche Gleichstellung als Schweizer Bürger erhielten sie 1874. Doch die Ungleichbehandlung dauerte fort.Hans Wespi und C. A. Scherrer nehmen sich Karl Scherrer als Anwalt. Sie kennen ihn wahrscheinlich aus dem Umfeld der Frontisten. Wespi ist C. G. Jungs Schüler, er verehrt seinen berühmten Meister über alles. C. A. Meier ist Jungs Sekretär. Jung, der vom «arischen Unbewussten» phantasiert, biedert sich bei NS-Psychotherapeuten an, um seinen Einfluss in Deutschland zu vergrössern und die «jüdische» und «dekadente» Psychoanalyse von Sigmund Freud zu verdrängen. C. G. Jung und sein Sekretär C. A. Meier äussern sich in ihren Briefen wiederholt judenfeindlich. Man dürfe sich kaum mehr offen über die Psychiatrie in Deutschland äussern, schreibt Meier an Jung, «weil wir sonst von gewissen Herren gleich als Nazi verschrien werden».Frontisten in der Schweiz: Im Mai 1936 organisierte die Nationale Front auf der Schützenwiese in Winterthur eine Kundgebung.Photopress-Archiv / KeystoneNicht von Hans Wolfgang Maier. Er hält sich von der Politik fern, weil er die Gefahr ahnt. Ihm dürfte klar sein, dass die Assistenzärzte Meier und Wespi antisemitisch gegen Binswanger agitieren, das kann er aber nicht beweisen – oder will es nicht, denn er will sich nicht in Schwierigkeiten bringen. Sein Plan, den Konflikt zu entschärfen, scheitert. Der von Binswanger angestrengte Prozess schlägt hohe Wellen, bis vor Bundesgericht streiten sich die Parteien. Zwar gewinnt Binswanger, und die Regierung kündigt den Assistenzärzten. Doch sein Ruf ist ramponiert, auch er muss Burghölzli und Universität verlassen. Letztlich triumphieren seine Gegner. Binswanger eröffnet eine Privatpraxis und leitet das kleine Sanatorium Schloss Knonau.Mit Binswangers Verschwinden aus dem Burghölzli fangen die Probleme für Hans Wolfgang Maier erst richtig an. 1941 stellt Karl Scherrer den Mitgliedern des Zürcher Kantonsrats vertrauliche Unterlagen zu, die Maiers Verhältnis mit Sigrid Studer betreffen, darunter Liebesbriefe. Scherrer hat die junge Frau dazu gebracht, ihm die Dokumente auszuhändigen. Kaum hat er sie verschickt, geht Studer rechtlich gegen ihn vor. Sie wollte nur Druck auf ihren Liebhaber aufbauen, damit dieser seine Vaterschaft anerkenne. Scherrer hat ihr Vertrauen missbraucht.Hans Wolfgang Maier und die 24-jährige Frau lernen sich 1932 kennen. Sigrid Studer will die Matura nachholen, was ihr nicht gelingt, weil sie unter psychischen Problemen leidet. Ihr Vater Fritz Studer, Bundesrichter und ehemaliger SP-Nationalrat, stösst auf der Suche nach einem geeigneten Psychiater auf keinen Geringeren als auf Maier. Regelmässig berät dieser nun die labile Frau. Bald fangen die beiden eine Liebschaft an. Maier vermittelt Studer eine Praktikumsstelle in der Poliklinik. 1939 kommt Tochter Maja zur Welt.Zunächst wollen Maier und die Mutter die Vaterschaft geheim halten. Maier fürchtet den Skandal. Nachdem Sigrid Studer gegen ihn geklagt hat, anerkennt er die Tochter. Grosszügig kommt er für ihren Unterhalt auf. Damit scheint die Sache geregelt. Doch nach Karl Scherrers Intervention beim Kantonsrat setzt der Regierungsrat eine Untersuchungskommission ein. Diese kommt zwar zu dem Schluss, dass Studer nie offiziell Maiers Patientin gewesen sei und daher weder strafrechtliche noch disziplinarische Schritte angezeigt seien, doch die intime Beziehung sei als persönliches Versagen zu gewichten. Der Regierungsrat entzieht Maier das Vertrauen.Maier hat aufgrund des öffentlichen Drucks keine andere Wahl: Im Herbst 1941 nimmt er den Hut. Seine Studenten an der Universität veranstalten für ihn einen Fackelzug, das Personal des Burghölzli schenkt ihm zum Abschied ein Erinnerungsalbum, das von über zweihundert Angestellten signiert ist. Maier zieht aus der Klinik aus und eröffnet in der Stadt eine Privatpraxis.Als er ein Jahr später von der Universität Zürich einen Lehrauftrag für forensische Psychiatrie erhält, holt Karl Scherrer zum finalen Schlag aus: Er skandalisiert auch das letzte Mandat, das Maier geblieben ist. Zuerst schickt Scherrer den Kantonsräten wieder ein Schreiben: Der Lehrauftrag beweise, dass «Prof. Maier gewaltigen Einfluss auf staatliche Instanzen besitzt» – noch ein antisemitischer Topos. Und dann streut er die infame Broschüre «Der Fall Prof. Dr. Hans W. Maier» im ganzen Land.Feindliche StimmungDer Antisemitismus hat Hans Wolfgang Maier doch noch eingeholt. Er ist sein Lebensthema, das er am eigenen Leib erfahren muss. Ihm widerfährt, was sein Vater auf alle Fälle verhindern wollte. Gustav Maier, ein Jude aus Ulm, war Bankier und Schriftsteller, Pazifist und Freimaurer. Er schrieb Bücher über den aufkommenden Antisemitismus und den Prozess gegen den Schriftsteller Émile Zola, der den wegen Landesverrats verurteilten Hauptmann Alfred Dreyfus verteidigt hatte. Dreyfus war unschuldig und Jude. Gustav Maier reiste eigens nach Paris, um den Prozess aus der Nähe mitzuverfolgen.1893 konvertiert er zum reformierten Glauben, zwei Jahre später zieht er mit der Familie nach Zürich. In einem Brief rechtfertigt er seinen Schritt, für den er unter deutschen Bekannten auf Unverständnis stösst, mit dem grassierenden Antisemitismus. Man habe seinen ältesten Sohn im deutschen Staatsdienst als Jude beschimpft und kaltgestellt, seine Söhne sollen es besser haben als er, der Vater: Die «freie Schweiz» sei toleranter als Deutschland. Es gilt, seine jüdische Herkunft nicht zu vergessen, aber auch, sie verdeckt zu halten, wenn man unbeschädigt durch das Leben unter Christen kommen will.Doch das freie Land ist nicht frei von Antisemitismus. Es denunziert Mitbürger auch dann als jüdisch, wenn diese Christen geworden sind – um gleichberechtigt und unbehelligt leben zu können. Das dürfte Hans Wolfgang Maier trotz seiner Karriere immer wieder zu spüren bekommen, während seines Studiums in Zürich nicht weniger als am Burghölzli. Der diskrete Antisemitismus ist in der akademischen Welt besonders verbreitet. Die Universität Zürich vergibt während des Zweiten Weltkriegs keine Lehrstühle an jüdische Wissenschafter. Seinen Oberarzt Binswanger kann Maier nicht schützen, zu sehr fühlt er sich selbst unter Druck.Dieser Druck ist damals riesig: Die in der Schweiz lebenden Juden fürchten die Nazis, die jederzeit das Land einnehmen könnten. Dann wäre ihr Schicksal besiegelt. Dazu kommen die feindliche Stimmung in der Bevölkerung und die judenfeindliche Politik der Behörden.Einige Jahre zuvor hat sich Maier noch nicht zurückgehalten. Er steht etwa für Eduard Einstein ein, Albert Einsteins kranken Sohn, der im Burghölzli behandelt wird. 1933 erhält Maier Post von Ernst Rüdin. Der Schweizer Psychiater ist NSDAP-Mitglied und Direktor der Deutschen Forschungsanstalt für Psychiatrie in München. Er bittet Maier, ihm Eduard Einsteins Krankengeschichte zu schicken. Rüdin ist auf der Suche nach einer Erbkrankheit, mit der das NS-Regime den jüdischen Physiker Albert Einstein als «degeneriert» diskreditieren kann. Maier rückt die Akten nicht heraus.1938 schliesslich rettet Maier seinen jüdischen Onkel vor der Ermordung. Der Jurist Max Friedlaender ist in München verhaftet worden und steht vor dem Transport ins Konzentrationslager Dachau, doch es gelingt ihm, im letzten Moment Maier zu kontaktieren, der ihm ein Visum für die Schweiz besorgt. Friedlaender flieht nach Zürich, wo er in Maiers Wohnung unterkommt.Das Erbe der FamilieHans Wolfgang Maier erholt sich von dem Schlag, den ihm Karl Scherrer 1942 mit der Broschüre verpasst, nicht mehr, auch wenn er ihn wegen Ehrverletzung verklagt und recht bekommt. Scherrer darf die Schrift nicht mehr weiterverbreiten und muss den Adressaten eine Richtigstellung zukommen lassen: dass er die vertraulichen Unterlagen gegen Sigrid Studers Willen verschickt und diese nie dem Aktionskomitee angehört habe.Maier vereinsamt, 1945 erleidet er im Militärdienst einen Herzinfarkt, kurz darauf stirbt er. Die «Neue Zürcher Zeitung» berichtet, Maier sei «trotz allen in ihm vereinigten echt schweizerischen Eigenschaften der Verwurzelung bar» gewesen, die «Gegengewicht und Grenze» hätten sein können gegen die «Tragik», die ihn am Lebensende ereilt habe. Nicht verwurzelt, weil jüdisch?An der Trauerfeier spricht Jakob Klaesi, Berner Psychiatrieprofessor und Direktor der Klinik Waldau, «sein ehemaliger Assistent und nachmaliger verständnisvoller Freund und treuer Weggenosse», wie der Nachruf weiter notiert. Der gleiche Klaesi, der sich wenige Jahre zuvor in einem Brief an den NS-Psychiater Rüdin über einen «ganz üblen Volljuden» ausgelassen hat.Nach dem Untergang des «Dritten Reichs» sagt sich der Rechtsanwalt Karl Scherrer vom Rechtsextremismus los. Er referiert in Kaderkursen des Landesrings der Unabhängigen über die «Neugestaltung des Steuerwesens in der Schweiz». Hans Wespi, der von Scherrer gegen Binswanger verteidigt worden ist, betreut als Zürcher Schularzt die Kantonsschulen. C. A. Meier wird der erste Präsident des C.-G.-Jung-Instituts und Jungs Nachfolger als Professor der ETH Zürich.Im Genfer Vorort schenkt Beatrice Maier Kaffee nach. Inzwischen brennt die Sonne frontal auf die Fassade des Wohnblocks. Der Ventilator kämpft mit der Hitze, Beatrice Maier zieht den Vorhang zu. Sie führt mich in das Zimmer nebenan und holt ein Ölporträt ihres Urgrossvaters Gustav Maier hervor, dann öffnet sie eine hölzerne Truhe, die dessen Bücher birgt, alle eingeschlagen in feuerfestes Papier. Nie mehr sollen die Schriften verbrannt werden wie damals im «Dritten Reich», sagt Beatrice Maier. Nie sollen sie vergessengehen, was auch immer geschehen wird.Ohne den deutschen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts wäre Beatrice Maiers Urgrossvater nicht zum Christentum konvertiert, das ihn nicht interessierte. Ohne den helvetischen Antisemitismus der 1940er Jahre wäre ihr Grossvater Hans Wolfgang Maier, Zürcher und Christ, nicht Opfer einer Schmutzkampagne geworden. Und ohne dessen antisemitisch eingeläutetes Ende wäre sie, die Enkelin, nicht vom Christentum zum Judentum konvertiert: «Ich musste mir die Kenntnis der jüdischen Tradition hart erarbeiten, die Familie wollte nichts mehr davon wissen», sagt sie.Anders als sein deutsches Gegenstück äusserte sich der schweizerische Antisemitismus in der Regel nur in Andeutungen, ja behauptete sogar, nicht antisemitisch zu sein. Er tat das, was er den Juden unterstellte: Er tarnte sich, um im Verborgenen besser wirken zu können. Nur bei den hemdsärmeligen Frontisten, nur im trauten oder vermeintlich trauten Kreis wurde er handfest und lautstark.Wie Ende der neunziger Jahre, als die Schweizer Grossbanken unter internationalen Druck gerieten, weil sie die «nachrichtenlosen Vermögen» von Opfern des NS-Regimes zurückbehalten hatten und keine Entschädigungen entrichten wollten. Damals sang Beatrice Maier noch in einem reformierten Kirchenchor. In einer Pause, erinnert sie sich, habe die neben ihr stehende Frau plötzlich gesagt, es sei schade, dass Hitler seinen Job nicht habe erledigen können.Urs Hafner ist Historiker und Journalist und lebt in Bern.Passend zum Artikel
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