Wie Lexus mit Mischplattformen die Elektrowende schaffen willAndere Automarken bremsen teilweise ihre Elektroautostrategien. Toyotas Premiummarke Lexus beschleunigt sie, gerade in den USA. Im Testzentrum Shimoyama verrät der CTO Hiroki Nakajima, wie der Hersteller das schaffen soll.Martin Koelling, Shimoyama/Tokio29.05.2026, 14.00 Uhr5 LeseminutenDer Toyota-Konzern hat in Shimoyama für Fahrzeugtests einen Teil des Nürburgrings nachgebaut.PDFür seine Premiummarke Lexus hat Toyota den Geist des Nürburgrings nach Japan gebracht. Etwas nördlich von Toyota-City, in den Bergen der Ortschaft Shimoyama, hat der Konzern vor zwei Jahren einen Teststreckenparcours eröffnet, darunter eine Strecke mit vielen Kurven, die der legendären deutschen Rennstrecke nachempfunden wurde. Mittendrin steht das neue globale Entwicklungszentrum der japanischen Marke, die Mercedes und BMW weltweit das Leben schwer machen will – für den Konzern ein Symbol.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Zentrum in Shimoyama sei das «spirituelle Herz von Lexus», sagt Toyotas Chief Branding Officer Simon Humphries. Derzeit wird hier etwas getestet, an dem andere etablierte Hersteller gerade Milliarden durch Abschreibungen verlieren: Während andere Autobauer ihre Elektroautooffensiven bremsen, beschleunigen Lexus und Toyota ihren Vorstoss.Mehr noch: Profitabel solle die Offensive auch noch sein, verspricht Toyotas Chief Technology Officer Hiroki Nakajima am Rande einer Autopräsentation von Lexus. Das Rezept ist eine sozusagen hybride Plattformstrategie, mit der ein Modell sowohl als Hybrid- wie auch als Elektroversion verkauft werden kann. Das macht Lexus hier im Testzentrum klar.«Fahren, kaputtmachen und reparieren»Neben einer Teststrecke mit Steilkurven und wechselnden Fahrsituationen gibt es dort zwei weitere Areale: eine Schotterpiste für Rally-Autos und eine Miniaturausgabe des Nürburgrings, auf dem Toyota früher Modelle einem Härtetest unterzog. Etwas mehr als fünf Kilometer Asphalt, gut dreissig enge Kurven und eine Kuppe, bei der Autos abheben können, ungefähr ein Viertel des Vorbilds.Das Technikzentrum von Toyota-Lexus in Shimoyama ist innen grosszügig ausgebaut.PDDas Toyota Technical Center Shimoyama ist die Idee des Chairman Akio Toyoda, um Modelle von Toyota und Lexus auf Qualität und autobahntaugliches Fahrwerk zu trimmen. Hier werden Prototypen und Vorserienmodelle gezielt überlastet, sofort von Ingenieuren untersucht und verbessert. Oder wie Toyoda es formuliert: «Fahren, kaputtmachen und reparieren – jeden Tag, immer und immer wieder.»Als Erinnerung an diesen Geist hat er das Wrack der Rally-Version eines Yaris an der Rally-Teststrecke platziert. Der Enkel des Firmengründers, der unter dem Pseudonym «Morizo» selbst Rennen fährt, hat sich mit dem Fahrzeug bei Testfahrten höchstpersönlich überschlagen.Margen liegen im zweistelligen BereichEin Ergebnis dieser Philosophie des Ausprobierens und Anpassens wurde diesen Mai erstmals im globalen Entwicklungszentrum von Lexus der Öffentlichkeit präsentiert: das Debüt des neuen Elektroautos Lexus TZ, eines SUV mit drei Sitzreihen, das sichtlich auf den amerikanischen Markt zugeschnitten ist.Mit dabei ist auch der neue Lexus ES – zwei Modelle, die die derzeitige und die künftige Ausrichtung der Premiummarke illustrieren, die ihre deutschen Rivalen in Sachen Profitabilität wahrscheinlich deklassiert. So zumindest sieht es Christopher Richter, Autoanalyst bei CLSA in Tokio.Der vollelektrische Lexus TZ ist als grosses SUV auf den amerikanischen Markt ausgerichtet.PD«Lexus ist nach wie vor mit grossem Abstand die beste japanische Luxusmarke – vor allem in Amerika», sagt Richter. «Sie kann erfolgreich mit den deutschen Luxusmarken konkurrieren.» Mit einem wichtigen Unterschied: Er gehe davon aus, «dass die Gewinnmargen deutlich im zweistelligen Bereich liegen». Im Vergleich dazu bewegen sich die deutschen Hersteller im einstelligen Bereich.Den Ausschlag gibt für Richter die niedrigere Kostenbasis der Japaner. Lexus könne Preise auf BMW-Niveau verlangen und gleichzeitig auf die Einkaufsvolumen und Entwicklungsressourcen des weltgrössten Automobilkonzerns zurückgreifen. Das Problem: Die Positionierung der Marke verschwimme in seinen Augen zunehmend.Lexus sollte die Elektroautooffensive des Konzerns anführen – das hatte vor drei Jahren der damals neue Konzernchef Koji Sato gesagt, der seit April Vize-Chairman von Toyota ist. Eine Million elektrifizierter Premiummobile bis 2030 lautete die Zielmarke. Reine Elektroautos dominierten damals die Präsentationen. Die Realität sieht allerdings deutlich hybrider aus, getreu Toyotas «Multi-Pfad-Strategie» – die etwa der deutschen Idee der «Technologieoffenheit» entspricht.Toyotas hybride Plattformlogik soll den Durchbruch bringenDer Architekt der Idee, sowohl Verbrenner als auch Hybrid-, Elektro- und Brennstoffzellenantriebe zu verfolgen, ist der Konzernvize Nakajima. Er verantwortet die Fahrzeugarchitektur und die Elektrifizierungsstrategie Toyotas – und ist auch im spirituellen Herzen von Lexus real präsent. Nicht auf der Bühne, sondern im Hintergrund, antwortet er, wenn man ihn fragt.«Zum jetzigen Zeitpunkt umfasst Elektrifizierung bei Lexus nicht nur Batteriefahrzeuge, sondern auch Plug-in-Hybride und konventionelle Hybridantriebe», erklärt er in kleiner Runde. Dabei betont er, dass Toyota mit seinen Elektroautos kein Geld verbrennt, sondern verdient. In Nordamerika werde das neue SUV «von Beginn an profitabel sein».Um das zu bewerkstelligen, setzt der Konzern offenbar immer weniger auf rein elektrische Plattformen, dafür umso mehr auf flexible Zwitterlösungen. «Auf derselben Karosseriestruktur können wir entweder ein Batteriesystem oder einen Hybridantrieb integrieren», sagt Nakajima über den ES und den TZ. Diese Flexibilität erhöht die Produktionsvolumen und damit die möglichen Gewinnspannen.Den neuen Lexus ES gibt es als Hybrid- und als Elektroauto.PDKonkret bedeutet das: Ein Teil der Hybridtechnik und der Tank können den Platz im Unterboden füllen, den bei reinen Stromern die Batterie einnimmt. Die Motorhauben seien so berechnet, dass sie auch Hybridmotoren aufnehmen könnten, sagt Nakajima. «Gleichzeitig arbeiten wir intensiv daran, die Bauhöhe des nächsten Motors zu reduzieren.»Toyota will mit Pragmatismus Profitschwund ausgleichenDieser Pragmatismus zahlt sich gerade aus. Viele Hersteller wie Volkswagen, Honda und Nissan mussten hohe Summen für Elektroautoprojekte abschreiben, nachdem US-Präsident Donald Trump die Subventionen für Elektrofahrzeuge gestrichen hatte. Toyota hingegen prescht vor: Mit seiner Mischstrategie verspricht der Konzern, den Elektroautoabsatz in diesem Jahr um mehr als 150 Prozent auf rund 600 000 Einheiten zu steigern, ein Anteil von immerhin 5,4 Prozent am prognostizierten Absatz von 11,2 Millionen Autos.Immun gegen die politischen Kurswechsel ist Toyota freilich nicht. Im ersten Quartal des Kalenderjahres lag die Umsatzrendite – der Anteil des Betriebsgewinns am Umsatz – mit nur 4,5 Prozent rund 50 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die Wirtschaftszeitung «Nikkei» berichtete am Freitag zudem, dass Toyota die Entwicklung des rein elektrischen Konzeptfahrzeugs Lexus LF-ZC einstellen wolle. Grundsätzlich aber beschleunigt der Konzern mit seiner pragmatischen Plattformstrategie seine Reaktion auf unterschiedliche Marktpräferenzen.Lexus will das elektrische Konzeptfahrzeug LF-ZC von 2023 nicht weiterentwickeln.PDBeim neuen Lexus ES etwa rechne Toyota damit, dass sich in den USA rund 80 Prozent der Käufer für eine Hybridversion und 20 Prozent für eine batterieelektrische Variante entscheiden würden, berichtet der amerikanische Automobil-Youtuber Kirk Kreifels. Zudem sollen bis zum Ende des Jahrzehnts sieben neue Toyota-Elektroautomodelle in den USA verfügbar sein – eine Expansion, die der Analyst Richter angesichts des Rückzugs anderer Marken «bemerkenswert» findet.Richter hegt zwar Zweifel daran, dass die Modelle in den USA tatsächlich so profitabel sein werden, wie Nakajima es verspricht. Für ihn wirkt Lexus derzeit wie eine Marke, die noch nach dem richtigen Weg tastet. Angesichts der global unsicheren Lage an den Automärkten sieht er in der Mischstrategie allerdings keinen Nachteil.Toyota und Lexus «sichern sich ab, um schnell reagieren zu können», urteilt Richter – zum Beispiel dann, wenn ein künftiger US-Präsident die Elektromobilität wieder stärker fördern sollte. Die Märkte sehen das offenbar ähnlich.Die Meldung über das eingestellte Elektrosportcoupé von Lexus beurteilten die Analysten von Morgan Stanley als «finanziell solide». Ihr Urteil: «Wir sehen die strategische Richtung als vernünftig an.» Die Anleger honorierten die Entscheidung am Freitag auf ihre Art: Toyotas Aktienkurs stieg zeitweise um 1,5 Prozent an.Passend zum Artikel