Mr Market
Während amerikanische Technologieakten heisslaufen, sinken die Bewertungen chinesischer Wettbewerber immer weiter. Für Contrarian-Investoren eröffnet dies Chancen. Dass China nicht unterschätzt werden sollte, verdeutlicht der neuste Überraschungscoup des Branchenriesen Huawei. Geschätzte Leserin, geschätzter LeserOptimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Rally geht heiter weiter. An den Börsen in New York hat der S&P 500 am Donnerstagabend ein weiteres Rekordhoch markiert. Auftrieb geben Nachrichten, dass die Blockade der Meerenge von Hormuz gelockert werden könnte. Es ist bereits die 21. Bestmarke für den US-Leitindex im laufenden Jahr.Die Avancen an den amerikanischen Aktienmärkten werden gegenwärtig fast ausschliesslich von Technologiewerten getragen. Dank des Booms im Bereich künstliche Intelligenz notiert der Sektor seit Anfang Jahr fast 30% im Plus und übernimmt die Führung. Aktien von Energiekonzernen werden auf den zweiten Platz verwiesen.Nach Börsenschluss wurde die Rekordstimmung weiter angefacht. Dell Technologies rapportiert für das erste Quartal per Anfang Mai ein Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahr von 88% auf 43,8 Mrd. $, was die Analystenschätzungen von 35,4 Mrd. $ deutlich übertrifft. Es ist das höchste Expansionstempo in einer Berichtsperiode, seit der Hardware-Ausrüster aus Texas 2018 zurück an die Börse gekommen ist.Für Begeisterung sorgt ebenso der Ausblick. Dank der Nachfrage nach KI-Systemen und Netzwerk-Equipment für Rechenzentren sollen sich die Einnahmen im Geschäftsjahr 2026/27 auf 165 bis 169 Mrd. $ belaufen, ein Zuwachs von rund 50%. Der Konsens ging bisher von 142,5 Mrd. $ aus. Der Aktienkurs schoss nachbörslich 38% nach oben.In frappantem Gegensatz dazu steht es um die Stimmung im Technologiesektor Chinas. Der KraneShares CSI China Internet ETF (KWEB) mit den grössten Branchenvertretern aus der Volksrepublik hat in den letzten zwölf Monaten 20% verloren. Der Unterschied in der Performance zu den US-Schwergewichten im Nasdaq 100 beträgt mehr als sechzig Prozentpunkte.Noch wesentlich brutaler sieht der Vergleich über die vergangenen zehn Jahre aus. Chinesische Technologieaktien wie Alibaba, Tencent, JD.com, PDD, Meituan und Baidu waren relativ zu ihren Rivalen aus den USA noch nie so unbeliebt, untergewichtet und unterbewertet.Huawei verblüfft mit Chip-InnovationDie grosse Skepsis gegenüber Investments im chinesischen Technologiesektor hat ihre Gründe. Namentlich zählen dazu das regulatorische Risiko, die labile Verfassung der Binnenwirtschaft sowie der Handelskonflikt mit Washington. Dennoch könnte es ein Fehler sein, alles auf die Karte USA zu setzen.Ein Beispiel dafür ist die überraschende Ankündigung von Huawei Anfang Woche. Chinas grösstes Tech-Konglomerat hat an der Halbleitermesse in Schanghai eine neue Technologie präsentiert, mit deren Hilfe der Rückstand bei der Produktion der leistungsfähigen Chips gegenüber TSMC, Samsung Electronics und Intel trotz US-Restriktionen deutlich verringert werden soll.Der Konzern habe eine Lösung für eine «nachhaltige Evolution» gefunden, sagte He Tingbo, die Chefin der Halbleitersparte HiSilicon, bei einem seltenen öffentlichen Auftritt. Ab 2031 soll Huawei in der Lage sein, Chips mit einer Strukturgrösse von 1,4 Nanometern zu produzieren. Der Abstand zum taiwanischen Marktführer TSMC, der diese Technologiestufe 2028 erreichen will, würde damit von derzeit fünf auf drei Jahre schrumpfen. He Tingbo, Chefin von Huaweis Halbleitersparte HiSilicon, bei einem raren Auftritt am IEEE International Symposium on Circuits and Systems (ISCAS) in Schanghai. Bild: Huawei Huawei bezeichnet den Ansatz als LogicFolding. Halbleiter werden normalerweise durch Verdichtung leistungsfähiger gemacht, sodass mehr Transistoren auf gleicher Fläche platziert werden können. Im Unterschied dazu werden mit der neuen Technologie die Wege zur Datenübertragung verkürzt. Dies, indem mehrere Schaltkreise quasi übereinander gefaltet werden.Zur Veranschaulichung: Vereinfacht gesagt, gleicht die traditionelle Architektur von Halbleitern einem flachen Fabrikgelände aus einstöckigen Gebäuden mit verschiedenen Funktionen. Bis ein Signal von einem Ende des Areals zum anderen gelangt, muss es einen weiten Weg zurücklegen. Durch LogicFolding werden alle Gebäude zu einem Hochhaus aufgestockt, wodurch die Übertragung schneller geht.Gegenmassnahmen zu US-SanktionenDie praktische Umsetzung der Technologie ist erst im frühen Stadium. Ob sie sich unter ökonomisch vernünftigen Bedingungen zur Massenproduktion durchsetzt, steht noch aus. Sollte dies Huawei aber tatsächlich gelingen, würden sich weitreichende Folgen ergeben – besonders im Bereich KI.Zur Produktion der leistungsfähigsten Chips werden die Lithografie-Maschinen des niederländischen Ausrüsters ASML benötigt, die mit extrem ultraviolettem Licht (EUV) arbeiten. Um China im globalen KI-Wettlauf auf Distanz zu halten, verbieten die USA den Verkauf von EUV-Systemen an chinesische Konzerne seit 2019. Diese Sanktionen wären somit bald wirkungslos.Nach Ansicht von Qingyuan Lin, Analyst bei Bernstein Research, demonstriert Huawei mit dem neuen Ansatz, «dass China trotz Exportkontrollen beeindruckende technologische Durchbrüche erzielt». Das Land «legt einen klaren Fahrplan für die kontinuierliche Leistungsverbesserung von Halbleitern ohne EUV fest», fügt er an. Das mache die Ankündigung «zu einem weiteren DeepSeek-Moment für die chinesische Halbleiterindustrie».Lin spielt damit auf den Schock an, den das zuvor weitgehende unbekannte Startup DeepSeek der Technologiewelt Ende Januar 2025 mit einem innovativen KI-Modell versetzte. Der Coup stellte die Überlegenheit westlicher KI-Konzerne plötzlich in Frage. An der Börse kamen Zweifel an der Rentabilität der immensen Investitionen in Rechenzentren auf. Die Aktien von Nvidia und Broadcom stürzten in einer Börsensitzung um jeweils 17% ab.Andere Stimmen sind vorsichtiger. Wie Matt Bryson, Analyst beim Broker Wedbush, einwendet, hat der 2016 gegründete US-Chipdesigner Tachyum mit einer ähnlichen Technologie zur Verkürzung der Übertragungswege bisher keinen kommerziellen Erfolg erzielt. Zu den grössten Herausforderungen zählt Überhitzung. «Wir beurteilen Huaweis Fähigkeit, die Halbleiterindustrie durch Innovationen zu erschüttern, daher etwas skeptischer.»Bewertung von Chinas Tech-Sektor ist günstigAn der Börse wird die Einschätzung von Bryson weitgehend geteilt. Die Nachrichten aus Schanghai haben keine grösseren Schlagzeilen gemacht. Anders als beim DeepSeek-Schock von Anfang 2025 ist es nicht zu einer Verkaufswelle gekommen. Im Gegenteil: Der PHLX Semiconductor Index mit führenden westlichen Halbleiterkonzernen prescht weiter vor.Huawei ist allerdings schon in der Vergangenheit mehrfach unterschätzt worden. Trotz den US-Sanktionen zur 5G-Technologie hat sich der chinesische Champion im globalen Smartphone-Markt eindrücklich zurückgemeldet und verzeichnet das kräftigste Wachstum unter den weltweit grössten Herstellern.Diverse Branchen wie Automobil, Batterien und Solarpanels wurden von chinesischen Anbietern bereits überrumpelt. Angesichts des Konflikts mit Washington baut Peking mit voller Kraft ein eigenes Tech-Ökosystem auf. Im Zentrum steht die Halbleiterindustrie. Wie rasch Fortschritte gemacht werden, zeigen die Unterlagen zum geplanten Börsengang des Speicherchip-Herstellers CXMT. Sein Umsatz verdoppelt sich seit 2023 jedes Jahr.Das neuste KI-Modell von DeepSeek ist bereits vollständig auf Server-Prozessoren von Huwei ausgerichtet. Wenn China auch bei der Produktion der leistungsfähigsten Chips aufholen kann, wird davon die ganze «Nahrungskette» des heimischen Technologiesektors profitieren: von Smartphones über PC-Geräte bis hin zu Grossrechnern für KI-Anwendungen – und damit auch die grossen Internetkonzerne wie Alibaba, Tencent und Baidu.Mit Blick auf die Bewertungen werden diese Entwicklungen an den Märkten momentan völlig ignoriert. Der KEB-ETF handelt zum bloss 12-Fachen des für die nächsten zwölf Monate geschätzten Gewinns. Der Vergleichswert für den Nasdaq 100 beträgt 27. In Chinas Technologiesektor präsentiert sich damit eine der derzeit spannendsten Wetten für Contrarian-Investoren.Freundlich grüsst im Namen von Mr MarketChristoph Gisiger









