KommentarChinas Wirtschaft schwächelt, aber der nächste Aufstieg hat bereits begonnenDas Wachstum stockt, und die Mittelschicht hat den Glauben an den Fortschritt verloren. Dennoch wäre es naiv, auf Chinas Niedergang zu wetten. Die massiven Investitionen in Schlüsseltechnologien dürften das Land an die Weltspitze führen.27.07.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenChinas Regierung lenkt die Wirtschaft in eine klare Richtung: Technologien der Zukunft. Die Wette könnte aufgehen.Go Nakamura / ReutersDie Zahlen lügen nicht. Chinas Wirtschaft wächst auf so tiefem Niveau wie seit Anfang der neunziger Jahre nicht mehr – die Pandemie mal ausgenommen. Zwischen April und Juni betrug das Wachstum im Jahresvergleich nur 4,3 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Gleichzeitig hat die chinesische Firma Moonshot AI jüngst mit Kimi K3 ein Sprachmodell der künstlichen Intelligenz vorgelegt, das in manchen Messbereichen ihre amerikanischen Konkurrenten wie Chat-GPT oder Claude schlägt – und auch noch viel günstiger zu haben ist.Beide Phänomene beschreiben das heutige China. Der Staatschef Xi Jinping baut gerade die Wirtschaft um, und Wachstum hat nicht mehr oberste Priorität. Stattdessen will er, dass sein Land in strategischen Bereichen weniger von ausländischen Lieferanten abhängig ist. Und er will, dass Technologie «made in China» für andere Länder unersetzlich wird. Die Strategie könnte aufgehen.Nach dem grossen Aufstieg die ErnüchterungChina hat einen phänomenalen ökonomischen Aufstieg hinter sich. Eine Chinesin, die Anfang der neunziger Jahre geboren wurde, hat erlebt, wie sich das Pro-Kopf-BIP ihres Landes im Laufe ihres Lebens real mehr als verzehnfachte. Einige Menschen und Regionen sollten zuerst reich werden, proklamierte der Vater von Chinas wirtschaftlicher Öffnung, Deng Xiaoping. Später sollten sie den Rest des Landes mitziehen. Er brach damit offen mit der maoistischen Gleichmacherei.Und wie reich sie wurden! Wer Anfang der neunziger Jahre in Peking oder Schanghai eine Immobilie erworben hatte, besitzt heute ein Millionenvermögen. Wer in die Bildung seiner Kinder investiert hat, durfte lange darauf vertrauen, dass sie an einer guten Universität studieren und dann beim Staat, bei einem chinesischen oder internationalen Konzern Karriere machen würden. Gelegenheiten, reich zu werden, gab es im China des Aufstiegs für die städtische Mittel- und Oberschicht zuhauf. Harte Arbeit, Bildung und Geschäftstüchtigkeit wurden belohnt. Jede Generation lebte besser als die vorherige.Dieses Versprechen gilt nicht mehr. Die junge Generation glaubt nicht mehr daran, dass sie es einmal besser haben wird. Junge Chinesen merken, dass Leistung – eine gute Ausbildung zum Beispiel – nicht mehr zwingend zu attraktiven Jobs führt. 16 Prozent der 16–24-Jährigen sind arbeitslos. Wohneigentum bleibt ein ferner Traum, wenn die Eltern nicht mithelfen. Viele «liegen flach», auf Chinesisch: «tangping», leben wieder bei ihren Eltern. Heirats- und Fertilitätsraten sind rückläufig.Bei der wohlhabenden Pekinger Mittel- und Oberschicht stehen die Zeichen auf Bewahrung. Sie haben seit 2021 beobachtet, wie Immobilien – ihre Hauptinvestition – durchschnittlich 20 Prozent an Wert verloren haben. Wer kann, schafft einen Teil seines Vermögens ins Ausland. Sparen ist das Credo der Zeit. Manche ziehen sogar aus Peking weg, in kleinere Städte, wo alles viel günstiger ist. Darin spiegelt sich ein rationales Verhalten als Reaktion auf die wirtschaftliche Realität.Xi Jinpings Plan von der Tech-SupermachtParallel zum verlangsamten Wachstum wird das Land immer innovativer. Die Normalbürger zahlen per Face-Scan, lassen sich das Essen per Drohnen liefern und das Eis von einem Roboter herstellen. Hier klafft eine grosse Lücke: Der rasenden Modernisierung des Lebens steht das Gefühl gegenüber, dass es für den Einzelnen nicht vorwärtsgeht. Das Land wird immer technisierter, während das Salär sinkt und sich die Möglichkeiten der Bürger verringern.Das erklärt sich folgendermassen. Chinas altes Wachstumsmodell schwächelt. Es basierte zum grossen Teil auf Immobilien- und Infrastrukturbau sowie auf der Industrialisierung. Das neue Modell soll Hochtechnologie zum Wachstumsmotor machen, ist aber noch von grossen Ineffizienzen geprägt. So entsteht ein China, in dem die Bürger lieber sparen statt konsumieren. Gleichzeitig erlebt das Land einen Exportboom mit billigen chinesischen Solarpanels, Batterien, Drohnen und Elektroautos.Zwar ist es nicht das Ziel der Regierung in Peking, dass die Chinesen lieber sparen statt konsumieren. Das Geld auf den staatlichen Banken erfüllt aber dennoch eine wichtige Funktion. Das billige Kapital wird zur Finanzierungsquelle einer wirtschaftlichen Offensive. Banken, Lokalregierungen und öffentliche Fonds lenken es in Technologien der Zukunft. Die beiden Seiten des heutigen China hängen zusammen.Durch die staatlichen Anreize und Subventionen entstehen Tausende Techfirmen. Die Mehrheit wird scheitern. Laut dem «Economist» schrieben im April rund 32 Prozent der erfassten chinesischen Industriefirmen Verluste. Doch aus dem brutalen Wettbewerb gehen auch Konzerne hervor, die auf dem Weltmarkt Erfolg haben. Die Strategie ist verschwenderisch, aber sie kann funktionieren. Für Peking hat es sich gelohnt, wenn am Ende Unternehmen wie BYD, Huawei oder CATL entstehen.BYD verkaufte vergangenes Jahr 4,6 Millionen Elektroautos und Hybride. Mehr als eine Million Fahrzeuge gingen ins Ausland. Der Telekomkonzern Huawei ist in mehr als 170 Ländern tätig, er investiert mehr als 20 Prozent seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung, um zum Beispiel bei den Halbleitern gegenüber den USA aufzuholen. Und CATL, Chinas grösster Batteriehersteller, kontrolliert knapp 40 Prozent des globalen Markts für Elektroautobatterien. Zusammen erzielten die drei Firmen 2025 rund 2,1 Billionen Yuan Umsatz (umgerechnet 300 Milliarden Dollar) und knapp 173 Milliarden Yuan Gewinn. Aber es geht um mehr als Rentabilität für Peking, es geht auch darum, technische Standards zu setzen und ausländische Produzenten von chinesischen Lieferketten abhängig zu machen.Peking kennt die nötigen Reformen für die derzeitige Konsum- und Investitionsflaute: etwa eine Stärkung des Sozialstaats, höhere Einkommen, bessere Bedingungen für Privatunternehmen, eine weitere Öffnung des Dienstleistungssektors. So steht das Ziel, den Konsum zu stärken, in vielen politischen Dokumenten, etwa auch im neusten Fünfjahresplan. Doch Xi Jinping entscheidet sich bewusst dagegen. Er will dem Land lieber eine Zeitlang eine bittere Medizin verabreichen, «chi ku», wie man in China sagt.Xi glaubt, dass die staatlich angeführte Umstrukturierung der Wirtschaft weg von der Abhängigkeit vom Immobiliensektor hin zu Zukunftstechnologien sich langfristig auszahlen wird. Irgendwann, lautet die Wette in Peking, wird Technologie «made in China» so gut sein, dass die Welt trotz politischen Spannungen und Vorbehalten dort kauft. Entweder, weil eine Alternative zu teuer ist oder weil sie ganz fehlt.Chinas Ziel ist es, unabhängiger zu werden von ausländischen Importen und damit resilienter gegen mögliche Sanktionen. Man kann darin auch eine Vorbereitung sehen, falls es zu einem offenen Konflikt um Taiwan kommt.Gleichzeitig will Chinas Regierung andere Länder abhängig machen von chinesischer Technologie, um ein mögliches Druckmittel in der Hand zu haben. Oft gehen chinesische Firmen so vor, dass sie durch unschlagbar günstige Preise die Konkurrenz auf dem Weltmarkt so lange zermürben, bis sie eine starke Marktposition erreicht haben oder ein Quasimonopol.Bei den seltenen Erden hat diese Strategie bereits funktioniert: Peking nahm jahrelang niedrige Renditen und hohe Kosten in Kauf, um die gesamte Verarbeitungskette aufzubauen. Heute entfallen mehr als 90 Prozent der weltweiten Raffination von Seltenerdmagneten auf China. Sie werden unter anderem für Smartphones, Elektroautos und Windturbinen benötigt. Die USA und Europa müssen nun über Jahre grosse Summen investieren, um ihre Abhängigkeit zu verringern. Wie wertvoll diese Macht für Peking ist, zeigte sich 2025: China belegte mehrere mittlere und schwere seltene Erden mit Exportkontrollen. Damit bewies die Regierung, dass sie bereit ist, ihre Marktdominanz als geopolitisches Druckmittel einzusetzen.Spitzentechnologien haben ausserdem das Potenzial, ganze Industriezweige produktiver zu machen: von der Medikamentenfertigung bis zur Rüstungsindustrie. Die chinesischen Investitionen in die Technologien der Zukunft könnten also zum neuen Wachstumstreiber für die gesamte Wirtschaft werden. Ein wichtiger Faktor ist dabei, wie lange es dauert, bis die geförderten Unternehmen profitabel werden. Bleiben die Erträge zu lange aus, wird die Strategie auch für Peking irgendwann zu teuer. Zum Beispiel dann, wenn immer mehr Länder gegen chinesische Überkapazitäten und Dumping regulatorisch vorgehen.China holt die USA einAber die Chancen, dass Chinas Tech-Wette aufgeht, stehen gut. Das Land hat eine riesige Zahl Topingenieure und Unternehmen, die neue Produkte in rasantem Tempo am Markt testen, verbilligen und skalieren. Die jüngsten Fortschritte bei künstlicher Intelligenz (Deepseek, Kimi K3) deuten an, dass China über kurz oder lang zu den USA aufschliessen wird.Auch in der Forschung hat China aufgeholt. Gegenüber der Technologiemacht USA führt China laut der Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute bereits in 69 von 74 wichtigen Technologien.Die Probleme von Chinas Wirtschaft sind real und gigantisch: die Immobilienkrise, die hohe Verschuldung der Lokalregierungen, der schwache Konsum und die industriellen Überkapazitäten. Doch gleichzeitig baut China in der Technologie Fähigkeiten auf, die einen nächsten Wachstumsschub auslösen können. Ob eine breite Schicht der Bevölkerung von Chinas Ambitionen zur Tech-Supermacht profitieren wird, bleibt offen. Fest steht: Chinas nächste Phase des Aufstiegs hat bereits begonnen. Es wäre also naiv, Chinas langsame Wachstumszahlen und die ernüchterte Mittelschicht als Zeichen von Chinas Niedergang zu werten.Passend zum Artikel