Der andere Blickvon Susanne GaschkeDie letzte Hoffnung der FDP heisst Wolfgang KubickiMit der Kandidatur des 74-Jährigen unternehmen die deutschen Liberalen einen letzten Kraftakt, um zu überleben.29.05.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenDer ehemalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki will mit seiner Kandidatur für den Parteivorsitz die FDP retten.Henning Scheffen / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick» von NZZ-Autorin Susanne Gaschke speziell für Leserinnen und Leser in Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mehr als 600 Delegierte der Freien Demokraten kommen an diesem Wochenende in Berlin zu ihrem Bundesparteitag zusammen. Sie müssen eine neue Führung wählen – und das ist keine protokollarische Bagatelle.Denn nach dem Scheitern der für die FDP toxischen Ampelkoalition mit SPD und Grünen erlitten die Liberalen einen derartig dramatischen Bedeutungsverlust, dass ihre potenziellen Restwähler in Meinungsumfragen grafisch teilweise schon gar nicht mehr abgebildet werden konnten. Sie fielen unter «Sonstige».Nun soll der 74-jährige Jurist, langjährige Bundestagsabgeordnete und ehemalige Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki die Karre aus dem Dreck ziehen. Kubicki startete seine politische Karriere als Linksliberaler, was er – irgendwie – auch immer noch ist, wie man an seinen Ansichten zu Bürgerrechten und Cannabis sieht. Zugleich nimmt er aber, altersweise, deutsche Realitäten zur Kenntnis, namentlich das Zerbröseln einer verwöhnten (oder, um mit dem verstorbenen FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle zu sprechen, sogar spätrömisch-dekadenten) Anspruchsgesellschaft. Manche nennen ihn heute nationalliberal.Linksliberales Lager dominierte die FDPDass der Rechtsanwalt aus Strande bei Kiel (wo sein Boot liegt) zum Zuge kommen würde, war nicht ausgemacht. Ein ganzes Jahr lang beschäftigten sich FDP-Funktionäre unter der Führung ihres ultramilden Parteichefs Christian Dürr und ihrer bemühten Generalsekretärin Nicole Büttner mit interner Selbstfindung und kollaborativen Programmbastelprozessen. Dafür war auch Zeit genug, denn die Liberalen hatten 2025 den Wiedereinzug in den Bundestag verpasst. Wie es dazu kommen konnte, ist in der Partei bis heute umstritten.Die einen halten es für geboten, in einem linksliberal-progressiven Sinne fortschrittlicher zu werden, um neue Zielgruppen zu erschliessen. Die anderen sind überzeugt, dass die FDP ihr bürgerrechtlich-wirtschaftsfreundliches Profil schärfen müsse. Apotheker und Hoteliers, die früher zur Stammwählerschaft gehörten, dürften eher zur zweiten Meinung neigen. In grossen FDP-Landesverbänden wie Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen schien lange Zeit das linksliberale Lager zu dominieren; ebenso bei der Jugendorganisation Julis.Doch die anhaltende Erfolglosigkeit – ausserparlamentarische Opposition nun auch in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – führte offenbar zu einem so wilden Umdenken, dass nun einem weissen, alten, weissweinliebenden Mann der Befreiungsschlag zugetraut wird. Das ist auch gar keine dumme Idee, obwohl ein (nicht kleiner) Teil der FDP-Basis über Kubickis Nominierung «entsetzt» ist oder sogar «kotzt», wie Hintergrundliberale freimütig berichten.Neue FDP-Achse: Intellektuelle und AllzweckwaffeDoch in der gegenwärtigen Situation spricht – das wird dann doch meist zähneknirschend zugegeben – mehr für den Kandidaten als gegen ihn. Der Senior ist bekannt. Sprechfähig. Humorvoll. Leger, wobei über seine Krawatten eventuell zu diskutieren wäre. Zusammen mit dem Ex-FDP-Chef Christian Lindner rettete er die Liberalen 2017 aus der tiefen Versenkung, in der sie nach der grauenhaften schwarz-gelben Koalition von 2009 bis 2013 verschwunden waren (beliebte Schlagzeilen lauteten damals «Gurkentruppe» oder auch «Wildsau»).Anders als Christian Lindner hat Kubicki allerdings einige interessante Frauen auf seinem Ticket, die offenbar nicht nur der Kosmetik dienen sollen: die wohltuend intellektuelle Linda Teuteberg, das 100-prozentige Nachwuchstalent Susanne Seehofer und auch – versöhnen statt spalten – die demnächst ehemalige Generalsekretärin Büttner.Deren Nachfolger soll die bayrische Allzweckwaffe Martin Hagen werden, derzeit Geschäftsführer des bürgerlichen Think-Tanks R21. Am besten gelungen ist dem sonst eher undiplomatischen Klartext-Kandidaten Kubicki aber die Einwicklung des nordrhein- westfälischen FDP-Landes- und Landtagsfraktionsvorsitzenden Henning Höne.Hönes RückzugDer hatte zunächst gegen Kubicki antreten wollen. Ob der wiederum Höne lockte, ihm schmeichelte oder ihn mit einem gemässigten Übel bedrohte, ist unter den Parteifreunden umstritten. Auf jeden Fall zog sich der Landesvorsitzende Höne zurück – und scheint zufrieden mit einem herausgehobenen Stellvertreterposten.Auch das ist klug. Höne weiss, dass Kubicki jetzt kriegsentscheidend helfen kann – es gibt in Umfragen schon wieder eigene FDP-Balken –, dass er aber nicht auf ewig die Zukunft der Partei bestimmen wird. Manche Parteitagsdelegierte sind trotzdem frustriert über Hönes Verzicht, mancher Bundestagsabgeordnete befürchtet einen Rechtsruck der Partei, manche Landespolitiker meinen, sich an den einen oder anderen Opportunismusunfall von Kubicki in Schleswig-Holstein zu erinnern.Das sind alles keine völlig substanzlosen Einwände. Aber der designierte FDP-Vorsitzende ist immerhin ein Mann, der, das versichern Kubicki-Kenner, umdenken und sogar gelegentlich um Entschuldigung bitten kann. Das unterscheidet ihn von manchen hermetischen Politik-Charakteren, die der Demokratie in Deutschland gegenwärtig auch nicht gerade guttun.Passend zum Artikel