Interview«Wir stehen vor der Alternative: Erfolg oder Bedeutungslosigkeit», sagt FDP-Vize Wolfgang KubickiDer Liberale attackiert Friedrich Merz ungewöhnlich scharf, erklärt, warum die FDP vor einer Richtungsentscheidung steht – und zieht eine klare rote Linie zur AfD.29.05.2026, 04.30 Uhr7 LeseminutenEr will die FDP über die Fünf-Prozent-Hürde hieven: Wolfgang Kubicki.Thomas Koehler / ImagoDas Gespräch zwischen dem deutschen FDP-Politiker Wolfgang Kubicki und Beatrice Achterberg, Redaktorin der NZZ in Berlin, ist ein Auszug aus dem Deutschland-Podcast «Machtspiel» von der NZZ und der Brost-Stiftung. Das vollständige Interview finden Sie hier.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie kandidieren für den FDP-Vorsitz. Was wäre für Sie ein gutes Ergebnis?Ein schlechtes Ergebnis wäre weniger als zwei Drittel. Die Partei muss sich auf den Wettbewerb mit politischen Konkurrenten konzentrieren, nicht auf interne Konflikte. Wir stehen vor der Alternative: Erfolg oder Bedeutungslosigkeit. Das ist die Herausforderung, und deshalb wäre es schon gut, es wären mehr als 70 Prozent. Wenn ich diese Grössenordnung erreiche oder vielleicht sogar noch etwas toppe, dann ist es eine gute Voraussetzung dafür, sich wieder in den politischen Meinungskampf einzumischen.Über 70 Prozent ist aber eher zurückhaltend.Ja, wir sind ja dankenswerterweise keine Einheitspartei. Bei uns wird das Ergebnis nicht verordnet, sondern es muss erworben werden. Ich fand Ergebnisse mit so 95, 98 Prozent immer merkwürdig, weil es in allen Parteien immer auch Menschen gibt mit kontroversen Auffassungen und mit anderen Blickwinkeln. Ich kann mich erinnern, dass Martin Schulz mal mit 100 Prozent zum Spitzenkandidaten der SPD gewählt worden ist, und ein halbes Jahr später war er weg.Wolfgang Kubicki, wie wollen Sie die FDP retten?Beatrice AchterbergFinden Sie es selbst auch ironisch, dass jetzt ein sogenannter alter weisser Mann die FDP retten muss?Ich verstehe nicht, warum bei mir ständig das Alter thematisiert wird. Entscheidend ist doch Erfolg. Jugend allein ist kein Kriterium, Alter allein auch nicht. Es geht darum, wem man zutraut, etwas auf die Matte zu bringen. Es hat ja einen Sinn, dass alle Verfassungsgeber weltweit darauf bestanden haben, dass man ein bestimmtes Alter hinter sich gebracht haben muss, um bestimmte höchste Staatsämter erklimmen zu können. Sonst könnten wir auch 16-Jährige zum Bundeskanzler machen. Das würde sich von der Politik von Friedrich Merz wahrscheinlich nicht wesentlich unterscheiden.Die mögen Sie nicht?Ich mag Friedrich Merz persönlich, und er hält oft brillante Reden. Mein Problem ist: Ich verstehe seine praktische Politik nicht. Er hält beim BDI oder bei der Aussenwirtschaft hervorragende Reden – und am nächsten Morgen macht die praktische Politik oft genau das Gegenteil. Er weiss eigentlich sehr genau, worauf es ankommt, lässt aber trotzdem zu, dass das Gegenteil passiert.Natürlich bestehen Koalitionen immer aus zwei Partnern, und dass die SPD sich bei vielen Dingen sperrt, überrascht niemanden. Aber jemand, der Führungsanspruch erhebt und international mitreden will, müsste seinem deutlich kleineren Koalitionspartner auch klarer die Grenzen aufzeigen. Denn die SPD hat im Gegensatz zur Union kaum eine politische Alternative. Wenn sie aus der Regierung fliegt, stellt sich doch die Frage: Womit will sie dann noch vor die Wähler treten?Sie kritisieren die Brandmauer-Debatte der Union scharf. Warum?Die Union macht die AfD momentan stärker, nicht die AfD sich selbst. Es fallen ja nicht plötzlich massenhaft Neonazis vom Himmel. Viele Menschen sind verzweifelt über die Politik, die sie erleben. Wenn sich daran nichts ändert, wird die Brandmauer irgendwann eher von der AfD zu den anderen Parteien bestehen.Was beschäftigt die Menschen im Osten besonders?Die Angst vor Wohlstandsverlust und vor einem neuen gesellschaftlichen Bruch. Viele haben nach der Wiedervereinigung erlebt, wie ganze Industrien verschwunden sind. Jetzt fürchten sie erneut wirtschaftlichen Abstieg. Dazu kommt das Gefühl, dass Migration und Integration nicht mehr funktionieren und dass Meinungsfreiheit eingeschränkt wird. Gerade Ostdeutsche reagieren darauf sensibel, weil sie staatliche Kontrolle schon einmal erlebt haben.Das Thema Meinungsfreiheit beschäftigt Sie besonders. Warum?Weil viele Menschen das Gefühl haben, dass sie bedroht ist – und objektiv gibt es Entwicklungen, die problematisch sind. Wenn Meldestellen darüber entscheiden sollen, welche Meinungen noch zulässig sind, wenn wegen Beleidigungen Hausdurchsuchungen stattfinden oder Staatsanwälte öffentlich von «erzieherischer Wirkung» sprechen, dann haben wir ein Problem. Aufgabe des Staates ist nicht Erziehung, sondern Rechtsdurchsetzung.Haben Sie selbst schon Anzeigen wegen Beleidigung erstattet?Nein. Ich habe in meinem Leben zweimal Anzeige erstattet: einmal wegen einer wirklich massiven persönlichen Morddrohung – da hört der Spass irgendwann auf. Und einmal, weil meine Kinder massiv bedroht wurden. Auch da ist Schluss. Beide Fälle wurden konsequent verfolgt und führten zu Verurteilungen. Aber wenn jemand sagt, Kubicki sei ein Idiot, ein Schwachkopf, eine Charakternase oder ein Eierarsch – mein Gott. Das liegt alles noch im Rahmen des Erträglichen. Ich weiss ja auch, dass viele Menschen sprachlich nicht über denselben Wortschatz verfügen wie Journalisten, Anwälte oder andere. Da sollte man die Kirche im Dorf lassen.Sie haben Friedrich Merz jüngst selbst «Eierarsch» genannt. Ich habe ihn nicht direkt Eierarsch genannt. Ich wurde in einem Podcast gefragt, was ich gedacht habe, als Friedrich Merz erklärte, die FDP sei tot. Und ich habe wahrheitsgemäss gesagt: «Ich habe mir in dem Moment gedacht: du Eierarsch.» Ich hätte auch «Vollpfosten» denken können oder etwas anderes – aber in dem Moment war es eben «Eierarsch». Das war übrigens auch der letzte Adrenalinstoss, den ich brauchte, um ernsthaft darüber nachzudenken, die FDP nach einem Jahr politischer Unsichtbarkeit wieder aus der Versenkung zu holen.Dass das anschliessend so spektakulär vermarktet wurde, war mir ehrlich gesagt egal. Mir ging es in dem Moment nicht um die Befindlichkeiten von Friedrich Merz, sondern um die Unverschämtheit, dass sich der CDU-Vorsitzende öffentlich hinstellt und erklärt, die FDP sei tot und ihre letzten Wähler könnten jetzt ruhig zur Union wechseln. Das fand ich schon bemerkenswert.Für die CDU ergibt es schon Sinn, die wirtschaftsliberalen Wähler für sich zu gewinnen . . .Die Union muss glauben, die liberalen Wähler seien alle doof, denn die wählen bestimmte Überzeugungen und nicht, weil sie Friedrich Merz für so einen tollen Hengst halten. Er hat mich vor 14 Tagen, als bekanntwurde, dass Henning Höne seine Kandidatur zurückzieht, angerufen, um mir zu gratulieren. Er hat sich gemeldet mit den Worten «Hier ist der Eierarsch». Wir sind beide im Ritterkonvent des Ordens «Wider den tierischen Ernst» (Aachener Karnevalsorden, Anm. d. Red.). Wir treffen uns gelegentlich, wir mögen uns eigentlich auch. Deshalb kann man trotzdem in der Sache mal ziemlich hart miteinander umgehen. Aber ich halte ihn nicht für eine komplette Fehlbesetzung in diesem Amt.Sie halten ihn nicht für eine komplette Fehlbesetzung?Nein. Ich verstehe seine Politik nicht, wie viele andere auch. Ich kann das, was er tut, professionell nicht nachvollziehen. Das ist das, was mich umtreibt.Sprechen wir über Sie und Ihre Politik. War es ein Fehler, in die Ampelregierung zu gehen?Es gab damals praktisch keine Alternative. Die Union war nach der Wahl völlig geschwächt, die Gespräche mit CDU und CSU waren unerquicklich. Also haben wir versucht, mit der SPD und den Grünen etwas auf die Beine zu stellen. Und anfangs gab es tatsächlich einen gemeinsamen Geist. Der Ukraine-Krieg hat dann vieles verändert, weil plötzlich ganz andere finanzielle Prioritäten gesetzt werden mussten.Hätte die FDP früher die Machtfrage stellen sollen?Das haben wir. Nachdem das Bundesverfassungsgericht die Finanzierung des Klima- und Transformationsfonds gekippt hatte und plötzlich 60 Milliarden Euro im Haushalt gefehlt hatten, hat Christian Lindner vorgeschlagen, die Bedingungen für die Koalition neu zu verhandeln. Das wollten SPD und Grüne nicht. Später legte das Finanzministerium ein Wirtschaftspapier vor mit Vorschlägen, wie Deutschland wieder wettbewerbsfähiger werden könnte.Aber weder mit der SPD noch mit den Grünen war das am Ende umzusetzen. Anfangs gab es aus der SPD noch Signale, dass man sich bewegen wolle. Spätestens ab August oder September war aber klar, dass das nichts mehr wird. Deshalb haben wir gesagt: Dieses Bündnis hat keine gemeinsame Grundlage mehr. Der entscheidende Punkt war: Wir wollten eine andere Wirtschaftspolitik und einen Haushalt für 2025, der das berücksichtigt. Mit der SPD und den Grünen war das nicht mehr machbar. Und das war es dann.Schauen wir einmal in die Zukunft. Bundestagswahl 2029. Die AfD erreicht 27 Prozent, wird stärkste Kraft. Die Union kommt nach einer schlechten Regierungszeit vielleicht noch auf 14 bis 15 Prozent. Ohne die FDP ist keine Regierungsmehrheit möglich. Was würden Sie tun?Ich würde einen CDU-Bundeskanzler oder eine CDU-Bundeskanzlerin wählen. Ich würde keine AfD-Kanzlerin wählen. Ich würde der Union die Frage stellen, was sie jetzt mit ihrer Brandmauer macht. Ich würde meiner Partei auch nicht empfehlen, in eine Regierung einzutreten, an der die Linken beteiligt sind. Ich würde das meiner Partei nicht empfehlen und werde alles dafür tun, dass es nicht passiert, in eine Regierung einzutreten, an der die AfD beteiligt ist. Warum? Weil unser Kampfgewicht in einer solchen Konstellation einfach zu schwach ist. Das Kampfgewicht der Union ist wesentlich stärker. Und zu erklären, die Freien Demokraten sollen jetzt mal der AfD zur Regierungsmehrheit verhelfen, ist ziemlich perfide.Also keine Koalition mit der AfD.Keine Koalition mit der AfD und auch keine Unterstützung der AfD. Stellen wir uns das mal vor, es passiert in Sachsen-Anhalt Folgendes. Wir haben CDU, Linke und FDP im Parlament. Und wir haben die AfD im Parlament. Die AfD ist alleine nicht stark genug, und die CDU und die Linke sind auch nicht stark genug. Dann würde ich meinen Parteifreunden in Sachsen-Anhalt Folgendes raten: Wir wählen einen Unions-Ministerpräsidenten, und jedes Mal, wenn vernünftige Vorschläge kommen, dann tragen wir das in der Sache mit. Aber wir sind nicht Teil einer Koalition, an der die Linke beteiligt ist. Das ist für mich auch keine fest auf dem Boden des Grundgesetzes stehende Partei.Eine Koalition mit den Linken würde die CDU bis jetzt auch ausschliessen.Na ja, es gibt mittlerweile auch ernstzunehmende Stimmen aus der Union. Der Ministerpräsident meines Bundeslandes, Daniel Günther, ist auf dem Weg, die Brandmauer nach links aufzuweichen, aus welchen Gründen auch immer. Ob das so klug ist, weiss ich nicht. Aber das ist ein Problem der Union. Das ist kein Problem der Freien Demokraten. Wir werden dafür Sorge tragen, dass jedenfalls die Extreme bei uns nicht das Sagen kriegen. Wir sind die Partei der Freiheit, und das wird auch so bleiben.Wo stehen Sie in zwölf Monaten?Ich hoffe, dass ich wie am letzten Wochenende mit meinem Boot auf der Ostsee tuckern kann. Und die Bundesregierung dürfte dann noch unbeliebter sein als heute – was kaum noch geht.