BBeim Bier spüre ich einfach, wann ich Lust darauf habe. Die Sonne scheint, der Körper riecht nach Sommer, Gras unter den Füßen, heute schon irgendwas geschafft, dann wird mir klar: Jetzt ein Bier. Intuitives Trinken funktioniert also. Schon beim intuitiven Essen wird es schwerer. Am schwersten aber ist der intuitive Sport. Zu merken, dass man Lust auf Bewegung hat, dass das etwas ist, was der Körper gerade will. Sportliche Betätigung einfach nur aus Spaß, das habe ich lange gar nicht gekannt. Leiblicher Einsatz hatte nie diese Unbekümmertheit.Ich bewege mich gern, im Wasser, an Land, mit Ball, ohne. Aber es ist immer verknüpft mit irgendeiner Form der Messbarkeit. Ich mache Yoga mit App, und die Entspannungsübung Shavasana gibt es dann nach 45 Minuten. Entspannung ist bei mir ein Workout. Ohren weg von den Schultern, Gehirn immer an. Wenn ich schwimmen gehe, kann ich gar nicht anders, als die Bahnen zu zählen. Nach einem Nachmittag, an dem ich mit meinem Kind gegen die Häuserwand Handstand geübt habe, google ich nachher, wie viele Kalorien das verbrennt. Ich jogge, kicke, inlineskate immer mit Blick auf die Uhr. Ich messe die Zeit, Sport hat einen Zweck.Mich ärgert das selbst. Denn ich bin eigentlich eine fröhliche Bewegerin. Ich mag alles und lerne gern. Wenn ich einen Hügel sehe, kraxle ich hoch. Wenn irgendwo Wasser steht, will ich rein. Ich klettere auf Bäume und habe echte Glücksgefühle beim Bällefangen. Aber irgendwann wurde Bewegung mit Abnehmen verknüpft, und seitdem rattert ein Zähler mit. Ich messe die Zeit, ich tracke die verbrauchten Kalorien, ich vermesse am nächsten Tag den Muskelkater. Irgendwas soll immer dabei rauskommen. Spaß allein gildet nicht.Die ersten zwei, drei Kilo im Frühjahr nehme ich erst mal mit Sport zu Hause ab, damit ich nicht so unsportlich aussehe, wenn ich draußen Sport mache. Sport als Versuch, mit dem eigenen Körperbild performativ zum Sport zu passen. Etwas Ähnliches hat mir mal die Grünen-Politikerin Ricarda Lang im Interview erzählt. Sie habe, als sie noch dick war, das Gefühl gehabt, Sport stehe ihr nicht zu, und es wirke unpassend, wenn sie sich sportlich betätige. Da hatten also die Projektionen anderer Leute auf Bewegung ihr selbige verleidet. Das große Thema Sport ist auch bei mir irgendwie gestört. Warum eigentlich?Meine Sportsozialisation war eine weibliche. Ich war jahrelang beim Schwimmen und beim Jazz Dance. Wettkampf kam da nicht vor. Der Gegner war man selbst. Ich war etwa 13 Jahre alt, als meine Freundin und ich beschlossen, joggen zu gehen, um dünner zu werden. Wir hätten auch zum Basketballkorb im Park gehen können oder mit den Jungs Fußball spielen. Aber wir fanden, es müsse ein Sport sein, der sein Ziel ausstrahlt. Ein Qualsport. Ich glaube, dass wir damals die Sportunschuld verloren haben. Und ich fürchte, dass ich damit nicht die Einzige bin. Ich sehe so viele Leute, die eher leiden als Sport treiben. Die vielleicht mal angefangen haben, weil sie sich und ihrem Körper etwas Gutes tun wollten, aber längst in einen Kampf gegen sich selbst eingetreten sind. Ich höre sehr oft Leute »Ich muss noch« sagen, wenn sie für den besagten Tag Sport geplant haben.Dabei gäbe es natürlich eine ganz andere Zieleinheit für Sport: nicht Perfektion im Bewegungsablauf wie beim Schwimmen oder Tanzen, beim Ballett oder Turnen, sondern das pure Gewinnen. Ist der Wettkampf vielleicht die gesündeste Versicherung gegen Selbstzentrierung? Ich jedenfalls arbeite seit Jahren gegen meine Störung. Beim Joggen gucke ich nicht mehr auf die Uhr und laufe ständig neue Strecken, ich spiele jetzt oft Basketball mit Kindern und übe im Schwimmbad auch Hebefiguren. Der letzte Gesundheitszwang ist der Ingwer-Kurkuma-Shot am Morgen. Vielleicht gehe ich da noch zum Bier über. Illustration: GrafiluLara Fritzsche schreibt hier im Wechsel mit Simone Buchholz, Tobias Haberl und Helene Hegemann über Getränke, die es verdient haben.
Stehenbleiben oder ich schieße
Sport machen, um Kalorien zu verbrennen? Das war einmal. Unsere Kolumnistin hat den innerlichen Tracker ausgeschaltet und startet nun befreit in die Joggingrunde. Doch ein Zwang ist ihr geblieben.












