Ed O’Brien heilt in der Natur, und vielleicht ist das für die restliche Welt auch eine gute Idee. Wer der ausdrücklichen Empfehlung dieses Textes nachkommen sollte und das neue Solo-Album „Blue Morpho“ des Radiohead-Gitarrenkünstlers anhören will, der sollte das also unbedingt an der frischen Luft tun, in unmittelbarer Nähe zu Wald, Wiesen und Gewässern. Man wird da kleine Insekten entdecken, die durch die Luft wirbeln, die sanften Bewegungen des Windes in den Blättern beobachten, bald den Kopf in den Nacken legen und daraufhin womöglich gar die Weite des Himmels bestaunen – unendliches Blau und so weiter.Und ja, das klingt nun alles zu gleichen Teilen sehr banal und sehr pathetisch und leider wird dieser damit in Summe arg kitschige Eindruck vor allem vom Teaser des albumbegleitenden Dokumentarfilms bestärkt. O’Brien streift durch walisische Wälder, taucht seine Hand bedeutungsvoll in fließende Bäche und entzündet Lagerfeuer auf freiem Feld. Etwas schade fast. Die visuelle Anleitung hätte es schließlich gar nicht gebraucht. Die Bilder entstehen ja auch so, beim Hören dieser wunderbaren Platte.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Zu Beginn von „Blue Morpho“ scheint man O’Brien an der Akustikgitarre dabei zuzuhören, wie er sämtliche Spannung aus dem Körper herausmeditiert, ein düsteres Arpeggio weniger getupfter Töne, die knapp acht Minuten lang die Saiten umkreisen, ein Fundament legen, hier und da ein aufsteigender Schimmer und dann schlingt sich O’Briens Stimme krautig um den Grundton. „Here comes the fear“, das wäre die deprimierende Eröffnungszeile in „Incantations“. Später geben ein paar Trommeln und Bongos sanften Puls. Diese „fear“, diese Angst, sie ist nicht Panik. Sie ist die lähmende Depression.Ende 2020 begegnete Ed O’Brien dieser Krankheit, wohl auch ausgelöst durch den Stillstand während der Corona-Pandemie, vielleicht auch davon, dass er nach über 25 Jahren fantastischer Radiohead-Alben und den dazugehörigen Touren ausgebrannt war. Auf seinem walisischen Anwesen, in nächster Nähe zu moosbewachsenen Wäldern und Hügeln, die Tolkien zu „Herr der Ringe“ und Led Zeppelin zu „Stairway to Heaven“ inspiriert haben sollen. Es gibt sicher schlechtere Orte, um seinen Dämonen zu begegnen.Die Assoziationslinie dieses Albums reicht von der Biene im Garten bis zum Mond„Blue Morpho“ ist das Ergebnis einer Naturerfahrung, die ihm ein wenig Heilung versprach. Und man darf davon ausgehen, dass es auch dieses Album ist, das O’Brien Lust an seiner schwerstangehimmelten Band zurückgewinnen ließ und damit das große Radiohead-Comeback im vergangenen Jahr erst ermöglichte.Drücken sich in „Incantations“ nämlich noch düstere Wolken herum, wirft das Titelstück bereits schlaghafte Sonnenstrahlen, in denen sich Insekten chaotisch scharen. Ein paar Vögel zwitschern da, herrlich dichte Streicher winden sich, wie zuvor schon die Stimme, um die Akkorde herum, geben beglückende Tiefe. Die Stimme dröhnt weit weg, spielt fast auf dem ganzen Album nur eine Begleitrolle.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Dieses zentrale Stück wirkt wie der Versuch einer Naturnachahmung, einer „Mimesis“, wie es die alten Griechen nannten, der Versuch, die Ordnung und Harmonie des Kosmos verständlich zu machen. Passend dazu ist das blaue Albumcover augenscheinlich mittels „Cyanotypie“ erstellt worden, eines Fotodruckverfahrens, das mit den Strahlen der Sonne ausgebleichte Motive auf blauem Hintergrund hinterlässt. So viel dazu.Es passiert nämlich noch mehr als spirituelle Naturstaunerei, und das ist vielleicht sogar schade. „Teachers“ beginnt mit nervösen Drums, ein dumpfer Bass groovt dazu hemmungslos, als würde er gerade die Ocean’s Eleven beim Diamantenraub vor sich hertreiben, dazu schiebt sich O’Briens Stimme in fauchenden Flanger-Effekten übereinander. Das erinnert mehr an die poppigeren Songs seines ersten Albums „Earth“, das noch unter dem Projektnamen „EOB“ lief. Der knapp zehnminütige Albumcloser „Obrigado“ täuscht wiederum etwas fast unanständig Strandbarhaftes an: „Sunny days awaiting me“. Man riecht die Limette, die gerade für den Caipirinha an der Bar ausgepresst wurde. Als dann ein Chor „Aiaiaiah“ ruft und bald ein Raumschiff-Orion-artiger Synthesizer noch ein paar Tontreppen hinaufsteigt, schwebt man frei über der Erde mit dem Drink in der Hand.Anders gesagt: Die Assoziationslinie dieses Albums reicht von der Biene im Garten bis zum Mond. Nach sechs Minuten „Obrigado“ streift dann eine schweinische, rückwärtsheulende Pink Floyd-Gitarre die Umlaufbahn und man kommt bei David Gilmour auf der dunklen Seite des Mondes an. Dort bleibt man eine Weile sitzen. Auch ein guter Ort zum Heilen.
Neues Album von Ed O’Brien: Und dann ab ins All
„Radiohead“-Gitarrist Ed O’Brien behandelt mit „Blue Morpho“ seine Depressionen. Das Album ist auch ansonsten: ein lichtdurchflutetes Glück.
Ed O'Brien, Radiohead-Gitarrist, veröffentlicht mit „Blue Morpho" ein atmosphärisches Solo-Album, das aus einer Depressionsepisode Ende 2020 heraus entstand und sein Comeback bei Radiohead ermöglichte. Für Manager ohne Relevanz im Tech-Stack: dieser Artikel hat keinen Bezug zu IT, Business oder Technologie.










