Der andere Blickvon Susanne Gaschke, BerlinDie meisten deutschen Politiker wollen auf keinen Fall als konservativ wahrgenommen werden. Deshalb koalieren Christlichdemokraten gerne mit den Grünen. Dem Bundeskanzler bleibt allerdings nur die SPD.28.05.2026, 17.55 Uhr3 LeseminutenDer CDU-Politiker Hendrik Wüst regiert in Nordrhein-Westfalen gemeinsam mit den Grünen.dts Nachrichtenagentur / ImagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Autorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eigentlich schien es unvorstellbar, dass es schon bald einen weniger beliebten Bundeskanzler als den vorzeitig gescheiterten Sozialdemokraten Olaf Scholz geben könnte. Doch die Geschichte kommt eben niemals an ihr Ende: Innerhalb eines Jahres hat der Christlichdemokrat Friedrich Merz es geschafft, die katastrophalen Zustimmungswerte seines Amtsvorgängers zu unterbieten.84 Prozent der Bundesbürger sind laut einer neuen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa mit Merz’ Arbeit unzufrieden. Nur 14 Prozent finden, er mache seine Sache gut. Schon nach zwölf Monaten wird in den Bescheidwissermedien aus Berlin deshalb über einen Kanzlerwechsel während der laufenden Legislaturperiode spekuliert. Ablösungsfavorit der erlebnishungrigen Rauner ist der nordrhein-westfälische CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst.Der 50-jährige Politiker, der immer noch wie ein Jung-Unionist aussieht, hat in der Tat etwas, das Friedrich Merz fehlt: Er hat Grüne. Seit dem Jahr 2022 regiert Wüsts Union im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland zusammen mit der Ökopartei. Nicht völlig problemlos, aber bisher unangefochten.Rechts sein? Um Himmels willen!Die Grünen wirken für die Christlichdemokraten wie eine Impfung: Sie immunisieren die einst konservative Partei gegen den Vorwurf – nun ja –, konservativ zu sein, irgendwie von gestern, reaktionär oder gar, Gott bewahre, «rechts». In Schleswig-Holstein, in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg etabliert sich die schwarz-grüne oder grün-schwarze Kombi als favorisiertes Politikmodell des Juste Milieu.Zu diesem Milieu gehören nennenswerte Teile der seriösen Presse, des Kulturbetriebs, der Kirchen und Gewerkschaften. Schwarz-grüne Regierungen werden aus dieser Richtung weniger hart angegangen als Konservative ohne zusätzliche grüne Antikörper. Denn die Definition des Begriffes «konservativ» hat sich in den vergangenen Jahren so weit verschoben, «dass derjenige, der etwas erhalten möchte, unter Rechtfertigungszwang gerät», wie es der Publizist Rüdiger Safranski kürzlich formulierte.Fragt man Abgeordnete aus der Bundestagsfraktion der Union, ob sie sich selbst als «konservativ» bezeichnen, erntet man in der Regel entsetztes Abwinken. Grüne Koalitionspartner – wie die stellvertretende Ministerpräsidentin Aminata Touré in Kiel oder die stellvertretende Ministerpräsidentin Mona Neubaur in Düsseldorf – sind fleischgewordene Unbedenklichkeitserklärungen für die CDU.Journalisten mögen sie und schonen deshalb deren CDU-Kompagnons. So macht Regieren Spass. Ausserdem hat die Oppositions-SPD Beisshemmungen, weil sie trotz bittersten Erfahrungen und fortgesetzter Erfolglosigkeit immer noch uraltgrüner Politik hinterherhechelt.Das nutzlose WohlwollenDer Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU- Bundestagsfraktion, Steffen Bilger, hat dementsprechend auch schon verkündet, dass im nächsten Bundestagswahlkampf nicht mehr die Grünen aufs Korn genommen würden, sondern dass die Rechtspartei Alternative für Deutschland angegriffen werden solle.Kommentatoren, die selbst nie die CDU wählen würden, honorieren dieses grün-schwarze Blinken mit Wohlwollen – einem Wohlwollen, das sie der 12-Prozent-SPD nicht mehr entgegenbringen. Tatsächlich muss man ja auch einräumen, dass die Grünen sich vernünftiger entwickeln als die Traditions-Sozialdemokraten; nicht nur in aussen- und sicherheitspolitischen Fragen.Während es früher die FDP war, die Unionsregierungen weniger rechts und linke Genossenmehrheiten weniger umstürzlerisch-bedrohlich erscheinen liess, so sind es heute die Nachfolger von Annalena Baerbock und Robert Habeck, die das Überleben der CDU sichern.Allerdings: Bis jetzt ist die schwarz-grüne Vision, die auch der früheren CDU-Bundeskanzlerin Angela Merkel nie völlig fernzuliegen schien, ohne Mehrheit. Überdies dürften einige Wähler der Christlichdemokraten etwas ganz anderes wollen.Passend zum Artikel