PfadnavigationHomeSportFußballWMKritik am Bundestrainer„Vielleicht ist Julian Nagelsmann noch zu jung …“Von Torsten Rumpf, Walter M. StratenStand: 07:46 UhrLesedauer: 6 MinutenDie deutsche Nationalmannschaft startet in Herzogenaurach in die heiße Phase der WM-Vorbereitung. "Es wird ganz, ganz maßgeblich darum gehen, diesen Teamgeist wieder hinzubekommen“, berichtet Sportreporter Christian Beilfuß.In den Augen von Jens Lehmann hat Bundestrainer Julian Nagelsmann einige Fehler gemacht. Im Interview spricht der WM-Dritte von 2006 über das größte Problem der Nationalmannschaft und das Champions-League-Finale.Julian Nagelsmann startet mit 26 Spielern in die Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft. Der Bundestrainer konnte am Mittwoch alle verfügbaren Profis seines Kaders um Rückkehrer Manuel Neuer und Kapitän Joshua Kimmich zum Auftakt des ersten Trainingslagers in Herzogenaurach begrüßen. Bei ihrer Ankunft in schwarzen Kleinbussen wurden die Nationalspieler von rund zwei Dutzend Fans empfangen.Lediglich Kai Havertz fehlte in Franken. Der Offensivspieler des FC Arsenal bereitet sich mit seinem Klub auf das Finale der Champions League am Samstag (18 Uhr, ZDF/DAZN und im WELT-Liveticker) in Budapest gegen Paris Saint-Germain vor. Lesen Sie auchFrage: Herr Lehmann, wie groß ist die Vorfreude auf das Champions-League-Finale Ihres Ex-Vereins Arsenal gegen Paris Saint-Germain?Jens Lehmann: Die Vorfreude ist sehr groß – und ich werde in Budapest vor Ort sein. Arsenal hat mich eingeladen. Vor 20 Jahren stand ich mit dem Verein im Champions-League-Endspiel, wir verloren es 1:2 gegen den FC Barcelona, ich hatte nicht geliefert, sah nach 18 Minuten die Rote Karte. Gewinnt Arsenal den Pokal, dann würde ich mich doch sehr freuen, da man als Spieler ja auch für die Fans spielt, und die waren natürlich 20 Jahre lang auch enttäuscht.Frage: Können Sie Arsenal-Fan-Songs mitsingen?Lesen Sie auchLehmann: Ja, „North London Forever“ zum Beispiel. Ich kenne jetzt aber nicht den ganzen Text.Frage: Sie sagten nach dem verlorenen Finale 2006: „Dieses Spiel werde ich mit in mein Grab nehmen.“ Wie oft denken Sie noch an Ihr Foul an Samuel Eto’o?Lehmann: Immer mal wieder, wenn man so wie jetzt darauf angesprochen wird. Es war einfach ärgerlich, denn wir waren damals die beste Mannschaft im Wettbewerb. Frage: Darf sich die Welt Samstag auf ein Fußball-Spektakel freuen?Lehmann: Das Finale wird vom Verteidigen geprägt sein, wobei ich denke, dass Arsenal Paris erst mal pressen wird. Es wird kein 5:4 wie im Halbfinal-Hinspiel zwischen PSG und Bayern. Aber es wird auch kein 5:0 geben wie vergangenes Jahr, als Paris gegen Inter Mailand das Endspiel gewann. Frage: Arsenal ist bereits englischer Meister, holte erstmals den Titel seit 22 Jahren. Mit dem Triumph in Budapest kann die beste Saison der Vereinsgeschichte perfekt gemacht werden. Wie groß ist die Chance?Lehmann: Sie liegt bei 60:40 Prozent. Arsenal ist ganz stark im Verteidigen. Paris ist dagegen in der Offensive etwas besser. Meines Erachtens ist Arsenal aber psychologisch im Vorteil.Frage: Warum?Lehmann: Der Gewinn der Meisterschaft ist sehr wichtig gewesen, weil der Druck für die Mannschaft geringer geworden ist. Hätten sie den Titel nicht geholt, würde nun jeder erwarten: Arsenal muss das Finale gegen Paris gewinnen, um die Saison nicht als Fiasko enden zu lassen. Denn die Fans haben eine hohe Erwartungshaltung. Hinzu kommt: Paris gewann die Champions League vergangenes Jahr, Arsenal noch nie. Der Hunger könnte bei den Arsenal-Spielern noch größer sein.Frage: Arsenal steht aktuell für eine starke Defensive, als Sie für die „Gunners“ spielten, für Spektakel.Lehmann: Das ist nicht mehr der Fall. Arsène Wenger ist verschwunden. (schmunzelt).Frage: Also spielt Arsenal nun Chelsea-Fußball wie einst unter José Mourinho?Lehmann: Ich würde sagen, man spielt Pep-Guardiola-Fußball, weil Mikel Arteta unter ihm bei Manchester City gelernt hat. Das Spiel ist neben einer starken Defensive auf viel Ballbesitz ausgelegt, mit einem nicht ganz so hohen Gegenpressing im Vergleich zu Man City. Bei uns war das anders.Frage: Wenger setzte auf Hochgeschwindigkeitsfußball mit direktem Zug zum Tor. Würde das damalige Arsenal gegen das heutige Arsenal gewinnen?Lehmann: Wenn wir in der gleichen physischen Verfassung wären wie die Spieler heute, dann würden wir wahrscheinlich gewinnen, weil wir schneller spielen konnten.Frage: Wer sind die Schlüsselspieler im aktuellen Team? Lehmann: Declan Rice, Martin Ødegaard im Mittelfeld. Hinten die beiden Innenverteidiger Gabriel und William Saliba. Das System ist stark auf die Außenspieler ausgelegt. Torwart David Raya macht es auch sehr gut.Frage: Und Kai Havertz scheint rechtzeitig in Form zu kommen, er schießt wieder wichtige Tore, wie zuletzt in der Meisterschaft das 1:0 gegen den FC Burnley.Lehmann: Er ist ein super Spieler. Aber er hatte immer wieder Probleme mit Verletzungen. Das ist schade, weil er dadurch keinen richtigen Rhythmus hat. Doch Kai Havertz glaubt an sich – und er hat gezeigt, dass er der Mann der wichtigen Tore sein kann. Auch wenn Burnley jetzt nicht so eine große Hausnummer ist wie PSG.Frage: Wird Havertz eher mit Arsenal Champions-League-Sieger oder mit Deutschland Weltmeister?Lehmann: Ich glaube eher mit Arsenal. Man hofft für die Nationalmannschaft, dass andere schlechter sind. Denn Deutschland ist ein wenig mittelmäßig geworden. Wir haben keinen zentralen Weltklasse-Stürmer und verteidigen schlecht. Auf dem Platz fällt auf, dass es im gesamten Nationalmannschaftskomplex keinen gibt, der gelernt hat, wie man gut organisiert. Man muss das Spiel verstehen, wenn es läuft. Das ist die große Hürde. Wenn man das könnte, würde man im Turnier weit kommen.Frage: Bundestrainer Julian Nagelsmann holte Manuel Neuer als Nummer eins zurück. Eine richtige Entscheidung?Lehmann: Aus sportlicher Sicht ist die Entscheidung richtig. Oliver Baumann hat den Nachteil, dass er in Hoffenheim spielt. Der Verein ist in der öffentlichen Wahrnehmung unter dem Radar, spielt auch nicht Champions League. Er hätte versuchen können, zu einem Champions-League-Verein zu gehen – was er nicht tat. Somit ist er das ganz hohe ­Niveau nicht gewohnt wie ­Manuel Neuer, der auch diese Saison mit den Bayern im Champions-League-Halb­finale stand und gut spielte. Frage: Also ist Neuer der Heilsbringer?Lehmann: Er ist wichtig für die Mannschaft. Aber: Bei den vergangenen vier Turnieren (WM 2018 und 2022, EM 2021 und 2024; d. Red.) sind wir auch mit Manuel früh rausgeflogen.Lesen Sie auchFrage: Kann Nagelsmanns Torwart-Entscheidung und die Nominierung für Brisanz in der Nationalmannschaft sorgen?Lehmann: Man muss als Trainer wissen: Wie baue ich Konkurrenz auf? Vielleicht ist Julian Nagelsmann noch zu jung, dass er die WM 2006 nicht mitbekommen hat. Aber Jürgen Klinsmann (seinerzeit Bundestrainer bei der Heim-WM; d.Red.) hat es damals genau richtig gemacht. Er sagte: Auf jeder Position gibt es einen starken Konkurrenten. Ich wusste bis wenige Wochen vor der WM nicht, ob ich spiele oder Oliver Kahn. Ich finde es auch schwierig … Frage: Was?Lehmann: … wenn ein Trainer zu viel erzählt. Nagelsmann meinte über Felix Nmecha bei der WM-Nominierung, dass er Weltklasse sei, obwohl Dortmund auswärts 1:4 gegen Atlanta in der Champions League verloren hat. Wie möchte er den Spieler einfangen, wenn er ihm während des Turniers sagen muss: Du spielst nicht? Viel über seine Spieler öffentlich zu reden, war noch nie der richtige Ansatz.Frage: Macht es Vincent Kompany vom FC Bayern besser als Nagelsmann?Lehmann: Auf jeden Fall, kein Vergleich. Aber er ist auch ein bisschen rumgekommen, war schon im jungen Alter ein Top-Spieler. Es ist nicht schlecht für einen Trainer, wenn dieser zuvor auf einem hohen Niveau gespielt hat. Da ist man unlimitiert nach oben.Frage: Wird England mit Arsenals Rice als Anführer Weltmeister?Lehmann: England ist grundsätzlich mit sehr vielen Topspielern aufgestellt, vorne, im Mittelfeld und auf den Außen spielen sie gut. Doch nicht beim Verteidigen. Und die lange Premier-League-Saison ist ein großer Nachteil, die Spieler sind körperlich nicht in einer optimalen Verfassung. Lesen Sie auchDer Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Bild“ veröffentlicht.