Eine Millionenklage belastet die Deutsche Bank und ihren Chef Christian SewingEhemalige Investmentbanker fordern fast eine Milliarde Euro, das Institut weist alle Vorwürfe zurück. Interne Dokumente zeigen, worum es bei dem Verfahren geht, das auch die heutige Hauptversammlung überschattet.Cornelius Welp28.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Himmel über der Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt ist nicht ganz wolkenfrei.Oliver Berg / DPAAm 26. April 2012 schreibt die Rechtsabteilung der Deutschen Bank in den USA eine E-Mail an einen ausgewählten Kreis von Mitarbeitern. Die US-Finanzaufsicht, so heisst es in der internen Nachricht, habe Dokumente und Informationen zu einem kritischen Themenkomplex angefordert. Konkret gehe es unter anderem um «strukturierte Transaktionen, Derivate und den Verkauf von Vermögenswerten» im Zusammenhang mit der italienischen Bank Monte dei Paschi di Siena. Besonders im Fokus stehe eine Reihe von Transaktionen, die in der Bank als «Projekt Santorini» bekannt seien. Informationen zu diesem Komplex dürften nicht vernichtet werden. Sie würden noch gebraucht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die fast fünfzehn Jahre alte Nachricht findet sich in den Unterlagen eines italienischen Strafprozesses gegen frühere Mitarbeiter der Deutschen Bank, der seit Ende 2023 abgeschlossen ist. Zu den Akten gelegt ist er damit aber nicht.Ruf ramponiert, Karriere zerstört?Erkenntnisse aus dem Prozess sind vielmehr die Basis für Klagen, die damals angeklagte ehemalige Investmentbanker gegen ihren früheren Arbeitgeber eingereicht haben. Dieser soll das Strafverfahren gegen sie durch unvollständige und unrichtige Angaben bei vorhergehenden Untersuchungen überhaupt erst ausgelöst haben. Damit habe die Deutsche Bank ihren Ruf ramponiert und ihre weiteren Karrieren zerstört, behaupten die Banker. Und fordern Schadenersatz.Die Klagen sind deshalb pikant, weil der Konzernchef Christian Sewing in ihnen eine zentrale Rolle spielt. Deswegen überschatten sie auch die Hauptversammlung der Deutschen Bank an diesem Donnerstag. Wenn sich die Aktionäre zum ersten Mal seit 2019 wieder in Präsenz in der Frankfurter Messe treffen, sind die Vorzeichen sonst deutlich freundlicher als damals.Alte Skandale und Rechtsstreitigkeiten hat die Bank im Wesentlichen abgearbeitet, neue sind bisher nicht aufgetaucht. Das für 2025 ausgerufene Ziel einer Eigenkapitalrendite von 10 Prozent nach Steuern hat sie anders als von fast allen Analysten erwartet übertroffen. Mit Kosteneinsparungen und steigenden Erträgen will sie nun bis 2028 mindestens 13 Prozent erreichen. Der Vertrag des Vorstandschefs Sewing läuft bis Anfang 2029, in dem früher von Machtkämpfen zerrissenen Konzern ist er nahezu unumstritten.Eine Erinnerung an die wilden ZeitenDer Grund dafür, dass sich Sewing nun wieder mit Geschäften aus der wilden Zeit seines Arbeitgebers beschäftigen muss, ist seine frühere Rolle als Leiter der internen Revision. In dieser begutachteten er und sein Team zwischen November 2013 und Ende 2014 die Transaktionen mit der Monte-Paschi-Bank aus dem Jahr 2008. Die Deals mit italienischen Staatsanleihen und Derivaten mit verschiedenen Laufzeiten ermöglichten es der italienischen Bank, hohe Verluste zeitlich zu strecken und damit zu verschleiern. Deshalb ermittelten mehrere Aufsichtsbehörden und auch die Strafverfolger in Italien.Wie in Banken üblich, stützte sich die Recherche von Sewings Team auf einen gigantischen Datensatz. Von insgesamt mehr als sieben Millionen Dokumenten und E-Mails soll die Revision ihrem Abschlussbericht 3000 Dokumente beigefügt haben. Zwei Drittel davon übergab sie gemeinsam mit dem Bericht an die italienischen Staatsanwälte. Das Dokument kritisierte die an dem Deal beteiligten Banker und die eigene Finanzabteilung. Unter anderem soll nicht bekannt gewesen sein, dass die von Monte Paschi in die Transaktion eingebrachten italienischen Staatsanleihen letztlich von der Deutschen Bank stammten.In erster Instanz verurteilte ein Gericht die an Santorini beteiligten Banker 2019 wegen Betrugs zu Freiheitsstrafen. Sie argumentieren nun, dass es nur wegen der unvollständigen Unterlagen und des tendenziösen Berichts der Deutschen Bank dazu gekommen sei. Diese habe es zum Beispiel unterlassen, 439 von der US-Aufsicht Fed freigegebene interne Dokumente an die italienische Justiz zu übermitteln.Erst 2021 habe das Institut den angeklagten Bankern den Zugriff auf insgesamt 35 000 Dokumente ermöglicht. Dass sie dann rund 60 davon vor Gericht vorlegen konnten, soll den Ausgang der Verfahren entscheidend beeinflusst haben: 2022 sprach die Berufungsinstanz die Banker frei, 2023 bestätigte das oberste Gericht in Italien ihre Unschuld.Der Vorstandschef Christian Sewing hat die Deutsche Bank stabilisiert.Mike Schmidt / ImagoLaut der knapp hundertseitigen Klageschrift soll die Bank auch gegenüber mindestens sieben Aufsichts- und Strafverfolgungsbehörden in mehreren Ländern falsche oder irreführende Angaben gemacht haben. Grund dafür sollen Diskussionen um die korrekte Bilanzierung von Derivaten nach der Finanzkrise gewesen sein. Die Deutsche Bank verfolgte bei Geschäften wie der Santorini-Transaktion einen Ansatz, der ihre Bilanz weniger aufgebläht aussehen liess. Mit diesem war sie in der Branche allein unterwegs. Es sei «nach bisherigem Kenntnisstand nicht der Fall», dass andere Investmentbanken nach der gleichen Methode vorgegangen seien, heisst es in einer internen Mail von Juli 2013.Im Sommer 2013 hakten deshalb mehrere Aufsichtsbehörden bei der Bank nach. Intern suchte sie nach Wegen, die Transaktionen möglichst schonend für die Bilanz klassifizieren zu können. «Habt ihr bereits geprüft, wie wir erreichen können, dass wir diese als Derivate behandeln dürfen?», fragt ein Banker in einer internen E-Mail, die sich in den Prozessunterlagen findet. Das würde die Bilanz weniger belasten als die alternative Einstufung als Kredit.Der kritische Bericht Sewings soll das Ziel gehabt haben, die Position der Bank in dieser Frage zu stärken. Dabei sei intern längst klar gewesen, dass bei den Transaktionen alles korrekt lief. In einer an den damaligen Co-Vorstandschef Anshu Jain adressierten Nachricht heisst es etwa, dass diese und alle vergleichbaren Deals erst nach «rigorosen internen Genehmigungsprozessen ausgeführt» worden seien.Die Deutsche Bank weist alle Vorwürfe zurück. Die Entscheidung, ihre am Santorini-Deal beteiligten Mitarbeiter anzuklagen, habe die italienische Staatsanwaltschaft unabhängig getroffen. «Es ist schlichtweg unplausibel, zu behaupten, die Bank habe das Strafverfahren, das sich auch gegen sie selbst richtete, absichtlich herbeigeführt», sagt ein Sprecher. Auch die Deutsche Bank sei «schwerwiegenden Anschuldigungen» der italienischen Staatsanwaltschaft ausgesetzt gewesen, das Gericht habe sie in erster Instanz für haftbar befunden. Zudem habe das Institut die Angeklagten in ihrer Verteidigung gegen die gegen sie erhobenen strafrechtlichen Vorwürfe umfassend unterstützt und dabei auch Anwaltskosten von mehr als zehn Millionen Euro übernommen.Anders als behauptet, habe die Bank auch «aus der Neuklassifizierung keinen wesentlichen finanziellen oder bilanziellen Vorteil gezogen», sagt der Sprecher. Zudem habe sie den Behörden «jederzeit korrekte Informationen zur Verfügung gestellt und die Interessen ihrer (ehemaligen) Mitarbeiter geschützt». Die Klagen halte sie für unbegründet, deshalb werde sie sich entschieden gegen sie verteidigen. Das gelte auch für die «Anfechtung der überhöhten und unrealistischen behaupteten Verluste».Fast eine Milliarde Euro Vergütung verloren?In einer in London eingereichten Klage beziffern vier Ex-Deutsche-Bank-Beschäftigte ihren erlittenen Schaden auf mindestens 700 Millionen britische Pfund, also rund 800 Millionen Euro oder knapp 740 Millionen Franken. In Frankfurt will ein weiterer früherer Mitarbeiter 150 Millionen Euro erstreiten. Einen besonders hohen Schaden macht Michele Faissola geltend.Der Italiener hatte an der Seite Jains in der Investmentbank Karriere gemacht. Als dieser 2012 gemeinsam mit Jürgen Fitschen die Nachfolge von Josef Ackermann antrat, beförderte er Faissola überraschend an die Spitze einer neu geschaffenen Sparte. In dieser bündelte die Bank ihre Geschäfte mit reichen Privatkunden und die Vermögensverwaltung rund um die Fondsgesellschaft DWS. Ende 2015 verliess Faissola fast zeitgleich mit dem 2022 verstorbenen Jain die Bank.Bei der Deutschen Bank habe er jährlich knapp 10 Millionen Pfund verdient. In einer vergleichbaren Position wäre seine Vergütung auf bis zu 25 Millionen Pfund im Jahr gestiegen, heisst es in der Klage. Wegen des laufenden Strafprozesses habe er aber keinen adäquaten Job gefunden. Daran sei das Verhalten der Deutschen Bank schuld. So argumentieren auch die anderen Banker.Mit einem Kläger hat sich die Bank verglichen, weitere Gespräche über mögliche Kompromisse gibt es derzeit nicht. Arbeitslos ist Faissola nicht. Seit Jahren verwaltet er das Vermögen eines Angehörigen des katarischen Herrscherhauses Al Thani. Eine seiner wichtigsten Beteiligungen: ein Anteil an der Deutschen Bank.Passend zum Artikel