Kolumbien vor der Präsidentenwahl: Der Mann, der mit der Guerilla, Paramilitärs und Präsidenten verhandelte, sieht sein Land zurück in der GewaltspiraleDer Priester Darío Echeverri vermittelte jahrzehntelang zwischen den Konfliktparteien. Nun erlebt er, wie bewaffnete Gruppen erstarken, Politiker ermordet werden und die Angst vor einer Rückkehr der Gewalt der neunziger Jahre wächst.28.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAnhänger des rechtsgerichteten Präsidentschaftskandidaten Abelardo de la Espriella versammeln sich am 24. Mai 2026 bei einer Wahlkampfveranstaltung im kolumbianischen Medellín.Juan David Duque / ReutersDer Taxifahrer wundert sich über das Ziel: El Bronx. Aber er weiss, wo es südlich vom Zentrum der kolumbianischen Hauptstadt liegt – und macht sich schnell davon, sobald man ausgestiegen ist. Auf dem Platz der Märtyrer lungern elend aussehende Menschen herum. Direkt vor der Basilika werden Lastwagen entladen. Ein Wächter öffnet das zerbeulte Eisentor daneben und fragt misstrauisch, was man wolle. «Dreimal wurde uns das schon gestohlen», erklärt der Priester Darío Echeverri kurz darauf und klopft auf das massive Metalltor. Der asketische Mann im Priesterhemd und mit der tiefen Stimme ist einer der bekanntesten katholischen Seelsorger Kolumbiens.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit 24 Jahren hält er hier seine Predigten. Unter der Woche verlieren sich kaum mehr als 40 Gläubige in der neoklassizistischen Basilika. Am Wochenende sind es zehnmal so viele. Seine Sonntagspredigt wird landesweit im Radio übertragen. Einflussreiche Politiker kommen gerne zu ihm in die Messe. Jetzt im Wahlkampf besonders. Die Mitte-rechts-Kandidatin Paloma Valencia war gerade dort, begleitet von ihrem politischen Paten, Ex-Präsident Álvaro Uribe. Auch Präsident Gustavo Petro sowie dessen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl vom Sonntag, Iván Cepeda, kennt Echeverri gut. «Es sind Freunde», sagt er. Nur den Rechts-aussen-Kandidaten und politischen Seiteneinsteiger Abelardo de la Espriella hat er noch nicht getroffen.Die Präsidentschaftskandidatin der Partei Demokratisches Zentrum, Paloma Valencia, steht am 24. Mai 2026 mit ihren Töchtern auf einer Bühne in Bogotá.Luisa Gonzalez / ReutersIm Beichtstuhl wird er diskret kontaktiertEs gibt kaum jemanden, der im politisch polarisierten Kolumbien derzeit wie Echeverri sagen kann, dass er fast alle Kandidaten kennt und mit ihnen spricht. Das liegt daran, dass der Priester 22 Jahre zwischen Regierung, Guerilla und Paramilitärs vermittelt hat. Er war Generalsekretär der Nationalen Versöhnungskommission. Dutzende Male reiste er nach Havanna auf Kuba, wo die Verhandlungen mit der Farc-Guerilla stattfanden. Er vermittelte bei Entführungen. Er brachte Opfer nach Kuba, damit diese den Kommandanten der Guerilla die von ihnen erlittenen Greuel schildern konnten. Im Beichtstuhl der Basilika nehmen Banditen, Guerilleros oder Paramilitärs diskret Kontakt mit dem Priester auf, wenn sie aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen wollen.Es ist ein schlechtes Omen, wenn der heute 76-jährige Echeverri über die Wahlen am 31. Mai sagt, er sei so besorgt wie selten zuvor. Es gebe wenig Hoffnung, dass die zunehmende Gewalt nach den Wahlen unter einer neuen Regierung gestoppt werde. Die Friedensverträge von 2016 seien ebenso gescheitert wie der Plan des totalen Friedens («Paz total»), mit dem Präsident Petro vor vier Jahren angetreten sei. «Heute gibt es kein Vertrauen mehr in die Institutionen, die neue Verhandlungen möglich machen könnten.»Der Wahlkampf dreht sich vorwiegend um das Thema Sicherheit. Denn die Gewalt explodiert: Es gibt heute geschätzt rund 27 000 Mitglieder illegaler bewaffneter Gruppen. Allein im vergangenen Jahr soll ihre Zahl um ein Viertel gestiegen sein. «Seit dem Antritt von Präsident Petro 2022 hat sich die Zahl der organisierten Kriminellen fast verdoppelt», sagt der Sicherheitsexperte Andrés Cajiao von der Fundación Ideas para la Paz im Gespräch in Bogotá. Bewaffnete Gruppen hätten heute in rund der Hälfte aller Gemeinden Kolumbiens wieder das Sagen. Im ersten Quartal dieses Jahres nahmen Massaker, Entführungen und Gefechte zwischen dem Militär und Banden im Vergleich zum Vorjahr um rund ein Drittel zu.Ruinen von Häusern in der kolumbianischen Region Cauca, die bei einem Angriff von Dissidenten der ehemaligen Rebellengruppe Farc Ende 2025 zerstört worden waren.Santiago Saldarriaga / APKindersoldaten bedienen die Drohnen für Angriffe auf MilitärDie Banden setzen immer häufiger Drohnen ein, um das Militär anzugreifen. 153 offiziell registrierte Drohnenangriffe gab es 2025. «Damit wollen die bewaffneten Gruppen ihre militärische Stärke demonstrieren», sagt Cajiao. Drohnen seien besonders effektiv, um den Staat herauszufordern: «Sie sind billig, effektiv, risikoarm im Einsatz und psychologisch wirkungsvoll.»Und sie können von Kindern und Jugendlichen bedient werden. Fast die Hälfte aller Neurekrutierungen bewaffneter Gruppen betreffe heute Minderjährige, sagt Cajiao. «Es existieren heute regelrechte Rekrutierungsnetzwerke», sagt er. «Kinder werden in einer Region angeworben und dann an eine andere Bande weiterverkauft.»Auch die Bombenanschläge auf zivile Ziele nehmen zu, wie vor einem Monat bei einem Anschlag auf einen Bus mit 23 Toten und zahlreichen Verletzten. Politiker können nur noch unter enormen Sicherheitsvorkehrungen auftreten. Vor einem Jahr wurde Miguel Uribe Turbay, der aussichtsreichste Präsidentschaftskandidat der Rechten, bei einer Wahlveranstaltung ermordet. Seitdem herrscht in Kolumbien Angst, dass die Unsicherheit wieder das Niveau von vor dreissig Jahren erreichen könnte. Damals wurden mehrere Präsidentschaftskandidaten und prominente Politiker von den Drogenkartellen und Guerillas ermordet.Gewalt ist das wichtigste Thema im WahlkampfEs ist jedoch nicht eindeutig, wer von den drei aussichtsreichsten Kandidaten vom Thema öffentliche Sicherheit profitieren wird. Nach den Erfahrungen bei Wahlen in Lateinamerika müsste der 47-jährige Strafverteidiger de la Espriella aus der wachsenden Unsicherheit Kapital schlagen können. «Der Tiger», wie er sich selbst nennt, imitiert in Auftreten und Stil Präsident Nayib Bukele in El Salvador. Er präsentiert sich mit militärischem Gruss, sorgsam gestutztem Vollbart, Baseballkappe und Sonnenbrille wie sein Vorbild, der selbsternannte «coolste Diktator der Welt».Padre Dario Echeverri, Generalsekretär der Friedens- und Versöhnungskommission der Kolumbianischen Bischofskonferenz.Florian Kopp / AdveniatBukele geht mit harter Hand gegen Bandenkriminalität vor und hat damit in El Salvador die höchste Mordrate des Kontinents in kurzer Zeit gesenkt – allerdings unter Missachtung rechtsstaatlicher Grenzen. Doch viele Wähler in Lateinamerika wollen jemanden wie Bukele an der Spitze des Staates, weil sie genug haben von der chronischen Unsicherheit. De la Espriella will ein Dutzend Gefängnisse im Amazonasgebiet bauen und Lager der Drogenmafia bombardieren, auch wenn sie sich in Nachbarländern befinden.Cepeda will weiter mit der Guerilla verhandelnDe la Espriella hat in den letzten Umfragen aufgeholt. Er liegt jetzt mit rund 31 Prozent der Stimmabsichten deutlich vor Paloma Valencia, der Mitte-rechts-Kandidatin (13 Prozent). Dennoch führt weiter mit 1 bis 3 Prozentpunkten Vorsprung der Linkskandidat Iván Cepeda. Auch der bekannte linke Senator könnte von der Unsicherheit profitieren, ähnlich wie einst Präsident Gustavo Petro. Das ist anders als im restlichen Lateinamerika, wo die Linke beim Thema Gewalt eher schlecht abschneidet.Petro gewann 2022 in einer Situation allgemeiner Unsicherheit nach sozialen Aufständen gegen den rechten Gegenkandidaten. Damit führte er als erster Linker eine Regierung im traditionell konservativ regierten Kolumbien. Er überzeugte damals die Wähler mit seinem Plan, mit den Protestierenden und den Guerilleros zu verhandeln. So wollte er die sozialen Spannungen und die Gewalt reduzieren. Petro, der heute faktisch den Wahlkampf für Cepeda macht, wiederholt die Strategie für den von ihm gewünschten Nachfolger.Doch der Dialog mit der Guerilla ist nicht mehr attraktiv. Denn der Versuch ist krachend gescheitert. In drei Monaten, so hatte Petro bei seinem Amtsantritt erklärt, werde er die Verhandlungen mit den Guerilleros des Ejército de Liberación Nacional (Nationale Befreiungsarmee, ELN) abschliessen. Doch nach drei Jahren muss man konstatieren: Der Einfluss und die Macht des ELN haben dramatisch zugenommen, so wie auch die der anderen bewaffneten Gruppen. Der ELN operiert weiterhin im Grenzgebiet mit Venezuela. Er versucht immer mehr Regionen Kolumbiens gewaltsam zu kontrollieren. «Die Guerilla will doch gar nicht verhandeln», sagt Echeverri, der selbst Jahre mit den wichtigsten Protagonisten des ELN gesprochen hat. «Die haben Kokain und Gold und expandieren – die müssen sich nicht mit dem Staat einigen.»Unterstützer des Präsidentschaftskandidaten Iván Cepeda halten am 22. Mai 2026 während einer Kundgebung in Bogotá ein Transparent mit dem Porträt des Politikers.Fernando Vergara / APPetro hat den Geheimdienst mit Ex-Guerilleros besetztZudem habe die Regierung Petro in den letzten Jahren die Sicherheitspolitik des Staates vernachlässigt, so Echeverri. «Die falsche Annahme war, dass die Gewalt automatisch abnehmen werde, wenn man mit den bewaffneten Gruppen verhandle und gleichzeitig soziale Reformen umsetze», sagt der Sicherheitsexperte Cajiao. Die Folge: Der Staat habe die Investitionen in militärische Sicherheit vernachlässigt. Petro habe rund 60 Generäle ausgetauscht. Er soll Schlüsselpositionen im Geheimdienst DNI bevorzugt mit ehemaligen Weggefährten aus der 1990 aufgelösten M-19-Guerilla besetzt haben. Das ist die Stadtguerilla, der auch Petro früher angehörte.«Die über Jahre gemachte Erfahrung im Kampf gegen bewaffnete Gruppen ist verloren», sagt Echeverri. Der Staat sei in vielen Regionen des Landes kaum noch präsent. «Was soll Cepeda bei Verhandlungen mit der Guerilla anbieten?», fragt der Priester.Der Politologe Carlos Augusto Chacón erwartet, dass die Wahlen von der organisierten Kriminalität massiv beeinflusst werden. Er hat den Einfluss der bewaffneten Gruppen mit seinem Instituto de Ciencia Política Hernán Echavarría Olózaga in den Wahlbezirken untersucht. «Früher griffen bewaffnete Gruppen Wahllokale direkt an», sagt er im Gespräch in Bogotá. «Heute kooptieren sie den Staat schrittweise – ähnlich wie in Mexiko oder Brasilien.» Chacón konnte bereits bei den letzten Wahlen Manipulationen in Regionen mit starker Präsenz krimineller Gruppen nachweisen. Etwa, wenn sich plötzlich zahlreiche Wähler registrieren lassen oder einzelne Kandidaten ungewöhnlich hohe Stimmenanteile erzielen.Die Armut hat abgenommen, ist aber immer noch hochFür Padre Darío Echeverri versucht Präsident Petro mit stark erhöhten Sozialausgaben seine Unterstützung bei den Armen zu halten. Im Januar hat er den Mindestlohn um 25 Prozent erhöht. Neue Arbeitsplätze gab es vor allem beim Staat. Die Sozialhilfen haben die Armutsrate gesenkt. Sie ist aber mit etwa 34 Prozent immer noch deutlich höher als vor zehn Jahren. Denn das Wachstum war schwach in Petros Regierungszeit. Sein unternehmerfeindlicher Kurs hat Investoren abgeschreckt.Trotz seinen Sozialhilfen leben weiterhin 15 Millionen Menschen in Kolumbien mit umgerechnet weniger als 100 Franken im Monat. Das Land ist nach Brasilien das Land mit der grössten Ungleichheit in der Einkommensverteilung in Südamerika.Padre Echeverri hat die Entwicklung der Armut in seiner Diözese miterlebt. Zu Beginn betraf sie vor allem Flüchtlinge, die durch den Bürgerkrieg aus den ländlichen Regionen vertrieben wurden. Das Viertel El Cartucho wurde zum gefährlichsten Bezirk Bogotás. Dann kamen die Cracksüchtigen, die sich in El Bronx konzentrierten, nur 50 Meter vom Eingang der Basilika entfernt. Heute sind sie verschwunden. Die Stadt renoviert die Crackhäuser. Respektvoll begrüssen die Jugendlichen auf der Strasse den Padre. Um 18 Uhr lassen die Ladenbesitzer die eisernen Rollläden herunter.Heute seien die Armen die Venezolaner, meint Echeverri. «Vor dreissig Jahren waren Venezolaner die Reichen in Südamerika. Jetzt prostituieren sie sich, um zu überleben.»Passend zum Artikel
Wahlen in Kolumbien: Droht eine Rückkehr zur Gewalt der 1990er Jahre?
Der Priester Darío Echeverri vermittelte jahrzehntelang zwischen den Konfliktparteien. Nun erlebt er, wie bewaffnete Gruppen erstarken, Politiker ermordet werden und die Angst vor einer Rückkehr der Gewalt der neunziger Jahre wächst.













