Hüpfburg auf der SeineÜber den Pont Neuf hat sich derzeit eine aufblasbare Felsenlandschaft gelegt. Der Künstler JR sieht darin eine Hommage an Christo und Jeanne-Claude. Bei den Parisern hinterlässt das gemischte Reaktionen.28.05.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten«La Caverne du Pont Neuf»: viel heisse Luft. Aber dem öffentlichen Kulturbetrieb gefällt’s.Alice Sacco / ReutersMitten im Herzen von Paris, tief unter der Île de la Cité, scheint ein monströser Maulwurf zu leben. Das ignorante Tier ohne Sinn für urbane Eleganz hat sich bis unter die älteste Brücke der Stadt vorgearbeitet. Dort drückte es kürzlich eine riesige Gesteinsmasse an die Oberfläche.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Oder ist es vielleicht doch ein aufblasbarer Freizeitpark, den die Pariser Beobachter dieser Tage zu sehen bekommen? Eine Hüpfburg, der noch etwas Luft fehlt? Man wird nicht ganz schlau aus dem neuen Kunstwerk des französischen Fotografen und Graffitikünstlers JR, das vergangene Woche über dem Pont Neuf Gestalt annahm.Kein Vergleich mit Christo«La Caverne du Pont Neuf» heisst die Installation, und als eine Hommage an das bulgarisch-französische Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude will JR sie verstanden wissen. Rund 40 Jahre nach deren legendärer Verhüllungsaktion «The Pont Neuf Wrapped» lässt er die Brücke erneut unter einem monumentalen Kunstspektakel verschwinden.Damals «verpackten» Christo und Jeanne-Claude den historischen Steinbau in goldgelben Stoff und überreichten ihn der Hauptstadt als «Geschenk». Viele Pariser reagierten empört, andere waren begeistert. Der ehemalige Bürgermeister der Stadt und spätere Staatspräsident Jacques Chirac versuchte, die Aktion bis zuletzt zu verhindern. Heute gilt sie als Ikone der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.Bei JR hingegen soll der Stoff nicht primär verhüllen, sondern eine Illusion erzeugen. Über der Seine erhebt sich mit seiner «Caverne» eine begehbare Höhlenlandschaft, rund 120 Meter lang und bis zu 18 Meter hoch. Aus der Distanz vermitteln die schwarzen und weissen Flächen tatsächlich den Eindruck von Gestein. Beim Näherkommen verliert die Konstruktion allerdings rasch ihre Schwere. Teile des Stoffs hängen schlaff über den Brückenrändern.Worauf die aufblasbaren Felsformationen nun aber eigentlich verweisen sollen, erschliesst sich nicht sofort. JR, der einst mit illegalen Graffitiaktionen in den Banlieues bekannt wurde und seither nur die Initialen seines Vor- und Nachnamens benutzt, verweist in Interviews auf den Ursprung der Brücke. Seine Höhle solle an jene alten Steinbrüche erinnern, aus denen einst das Baumaterial des Pont Neuf gewonnen wurde.«Meine Vision für dieses Projekt wurzelt in der Vergangenheit und Gegenwart dieser symbolträchtigen Brücke», erklärte der 42-Jährige bedeutungsschwer gegenüber «Le Monde». Kunst sei ausserdem «Transformation und ein Weg, unsere Perspektive auf die Welt um uns herum zu erneuern», fügte er hinzu.Vom 6. bis zum 29. Juni soll «La Caverne du Pont Neuf» kostenlos und rund um die Uhr zugänglich sein. Die Organisatoren versprechen eine «immersive» Erfahrung aus Licht, Klang und künstlicher Felsenarchitektur. Verantwortlich für die musikalische Kulisse ist Thomas Bangalter, einer der Gründer des Elektro-Duos Daft Punk. Finanziert wird das Projekt über private Mäzene und Unternehmen.Doch was hat die schwarz-weisse Alpenkulisse, die nun über der Seine flattert, mit den tatsächlichen Kalksteinbrüchen im Pariser Untergrund zu tun? Marie-Claire, eine ältere Französin, die das Spektakel vom benachbarten Pont des Arts aus anschaut, wundert sich. «Was soll das sein, ein Skigebiet? Wo ist der Bezug zu Paris?», fragt sie kopfschüttelnd. Kein Vergleich sei das zu Christo; der sei wenigstens elegant gewesen.An diesem Nachmittag bleiben bei über 30 Grad dennoch ununterbrochen Menschen auf der Brücke stehen, zücken ihre Handys und machen Selfies. Ausflugsboote auf der Seine verlangsamen ihr Tempo. Ein junges Pärchen aus Italien findet die Installation «völlig verrückt und überraschend».Vor allem «instagrammable»Noch begeisterter ist man im Rathaus. In den offiziellen Texten ist von einer «monumentalen» Installation die Rede, die das historische Zentrum der Stadt «neu erlebbar» machen solle. Der sozialistische Bürgermeister Emmanuel Grégoire erklärte, die Pariser hätten es kaum erwarten können, «dieses Kunstwerk zu bewundern». Seine Vorgängerin Anne Hidalgo schwärmte schon lange im Vorfeld von einem «Geschenk an Paris und alle, die es lieben».Tatsächlich wirkt die Höhle über dem Pont Neuf doch weniger wie ein eigenständiges Kunstwerk als wie ein perfekt orchestriertes Spektakel. Die Installation ist riesig, fotogen und gerade rätselhaft genug, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Vielleicht liegt genau darin die Pointe der «Caverne»: Nicht mehr das Werk selbst soll bleiben, sondern das Bild davon. Christo verhüllte die Brücke einst, um den Blick auf sie zu verändern. JR dagegen liefert vor allem eine Kulisse für Instagram.Passend zum Artikel
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