Ach, wie sehr kann man Christo und Jeanne-Claude vermissen. Ihre Arbeiten waren Kunstwerke. Sie vermochten es, durch ihre Verhüllungen den wuchtigen Berliner Reichstag in eine Art Schwebezustand zu versetzen. Sie vermittelten auf dem italienischen Iseosee das außergewöhnliche Erlebnis, über das Wasser gehen zu können, indem man sich über kleine, miteinander verbundene, wackelige orange Inseln bewegte. 1985 verhüllten die beiden auch den Pont Neuf in Paris mit seidig glänzendem Polyamidstoff, der im Sonnenschein golden oder zum Wechsel der Nacht hin rötlich glänzte.Als Hommage an das Künstlerpaar hat der französische Künstler JR die begehbare Höhle „La Caverne du Pont Neuf“ gestaltet. Er hat auf der ältesten Brücke der Stadt ein Gebirge aus Stoff in Schwarz-Weiß entstehen lassen, was für seine Arbeiten charakteristisch ist. Der 43-jährige Street-Artist und Fotograf ist für seine aufmerksamkeitserregenden, riesengroßen Schwarz-Weiß-Bilder im öffentlichen Raum bekannt, spektakulär und sehr instagrammable ist auch seine Pont-Neuf-Installation: ein Berg, hineingerammt mitten in die Stadt- und Flusslandschaft von Paris.Der Künstler JR ist bekannt für seine großflächige schwarz-weiße Streetart. JOEL SAGET/AFPJR fühlte sich für sein neues Werk von den Steinbrüchen inspiriert, aus denen einst das Baumaterial für diese Brücke gewonnen wurde. Der 1607 fertiggestellte Pont Neuf besteht aus lutetischem Kalkstein – auch bekannt als „Pariser Stein“, und war die erste Brücke über die Seine, die nicht mehr aus Holz gebaut wurde.Die Installation – 120 Meter lang, 20 Meter breit und bis zu 18 Meter hoch – ist nun mit etwas Verzögerung zugänglich, denn eigentlich war die Eröffnung für das eingängige Datum 6. Juni 2026 geplant. Aber ein Gewitter nach der ersten Hitzewelle des Jahres hatte Zerstörungen an den Aufbauten angerichtet, das Material war teilweise zerrissen, die Kunstinstallation gefährdet. „Wir haben Tage und Nächte damit verbracht, sie wieder aufzubauen“, erklärte JR auf Instagram, und gab sogar zu, dass er und sein Team zeitweise „nicht mehr daran glaubten“.Die Installation ist bis zum 28. Juni zu sehenOhne große Ankündigung wurde dann das rund um die Uhr begehbare Kunstwerk freigegeben, der Eintritt ist frei. Wie die Aktion finanziert wird, darüber gibt der Künstler keine Auskunft, nur dass keine öffentlichen Gelder geflossen sind. Auch über die Kosten gibt es keine Angaben. In Medienberichten liest man von einem sechsstelligen Betrag.Wer sich anstellt in der Schlange, den empfangen sphärische Klänge, vermischt mit einer Art Donnergrollen – eine Klanginstallation des ehemaligen Daft-Punk-Musikers Thomas Bangalter. Von innen schaut die Struktur tatsächlich wie in einem Berg aus. Auch wenn es nicht eng ist, stellt sich ein Höhlengefühl ein – aber auch eine Ahnung von Hölle: Angesichts von derzeitigen Temperaturen in Paris über dreißig Grad, die unter den Plastikplanen weitaus höher steigen, und den nachdrängenden Menschenmassen wirkt ein Fluchtreflex: Schnell durch, wieder ans Licht und an die auch nicht so frische Luft!Überhaupt fehlt es diesem Werk mit Wumms an Leichtigkeit, die die Kunst von Christo und Jeanne-Claude ausgezeichnet hat. Am 28. Juni wird die Installation abgebaut und gibt den Blick wieder frei auf den Pont Neuf.