Angesichts des Iran-Krieges und der steigenden Rohstoffkosten warnt die Europäische Zentralbank vor Preisverwerfungen an den Börsen. „Der aktuelle Schock bei der Energieversorgung birgt Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum“, sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos bei der Vorstellung des Finanzstabilitätsberichts am Mittwoch. „Er könnte zudem die Marktvolatilität erhöhen und die Schuldentragfähigkeit belasten, da die Finanzierungskosten in einem Umfeld schwächeren Wirtschaftswachstums steigen.“Durch die faktische Schließung der Straße von Hormus durch Iran ist die weltweite Ölversorgung immer noch unterbrochen. Der Preis für die Rohölsorte Brent notiert gegenwärtig bei rund 100 Dollar je Barrel. Zum Vergleich: Im Januar waren es noch 60 Dollar. Die Inflation in Europa und den USA ist entsprechend gestiegen, die Notenbanken dürften deshalb demnächst die Leitzinsen erhöhen. Diese Maßnahme würde die Wirtschaft weiter dämpfen und die Kreditkosten für die staatliche Schuldenaufnahme erhöhen. „Eine expansive Fiskalpolitik in einem angespannten geoökonomischen Umfeld könnte die öffentlichen Finanzen einiger hoch verschuldeter Länder des Euro-Raums zusätzlich belasten und eine Neubewertung der staatlichen Risiken auslösen“, so die Experten der Notenbank. Die EZB warnt mit diesen Worten im Kern vor einer möglichen Euro-Schuldenkrise.Überdies nähmen die Risiken im Bereich der Cybersicherheit sowie hybride Bedrohungen für kritische Infrastrukturen zu. „Es besteht daher ein erhebliches Risiko, dass sich die Stimmung an den Finanzmärkten eintrübt, da die Abwärtsrisiken im Zusammenhang mit geopolitischen, fiskalischen und makrofinanziellen Entwicklungen offenbar unterschätzt werden“, so die EZB weiter.Optimismus an den Aktienmärkten ist gefährlichTrotz der wachsenden Unsicherheit nähern sich die Aktienmärkte in den USA und Europa neuen Höchstständen. Der deutsche Leitindex Dax notiert wieder über 25 000 Punkte. An den Anleihemärkten werden unterdessen die Inflationsgefahr und die erwarteten Leitzinserhöhungen eingepreist. Die Renditen für lang laufende Staatsanleihen sind deutlich angestiegen, was die Refinanzierungskosten für Regierungen und Unternehmen erhöht. Steigende Aktienkurse und höhere Zinsen für Anleihen – das passt eigentlich nicht zusammen, denn steigende Kreditkosten machen Investitionen teurer und bremsen das Wachstum. Gerade die boomende KI-Branche ist stark von günstigen Krediten abhängig.„Die geopolitische Unsicherheit und die zusätzliche Inflationsgefahr werden immer wieder kaschiert durch die hohen Erwartungen der Aktienmärkte an die KI. Hinzu kommt die angespannte Lage bei den öffentlichen Finanzen in eigentlich allen Industrienationen. Es fühlt sich an wie ein Tanz am Rande des Vulkans“, sagt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der niederländischen Großbank ING. „Sollten Notenbanken auf den aktuellen Inflationsschock mit starken Zinserhöhungen reagieren, riskieren sie eine scharfe Korrektur an den Aktienmärkten“, sagt Brzeski. „Letztendlich ging den letzten großen Finanzkrisen immer eine Phase von Zinserhöhungen voran. Viel wird also vom Fingerspitzengefühl der Notenbanker abhängen.“Leitzinserhöhung könnte Wirtschaft weiter eintrübenDer EZB-Rat entscheidet am 11. Juni über den Leitzins. „Aus heutiger Sicht halte ich eine Zinserhöhung im Juni für nötig“, sagte EZB-Direktorin Isabel Schnabel in einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Der Schock arbeite sich durch die Wirtschaft und treibe die Inflation über „einen beträchtlichen Zeitraum“ vom Zielwert der Notenbank von 2,0 Prozent weg. „Selbst wenn der Krieg heute enden würde, ist der Energieinfrastruktur und den globalen Lieferketten bereits erheblicher Schaden zugefügt worden“, warnte die deutsche EZB-Direktorin. Schnabel betonte, man habe es mit einem negativen Angebotsschock zu tun – einer Situation, die für Zentralbanken stets ein Dilemma bedeute: „Zwar mag ‌eine straffere Geldpolitik geboten sein, doch könnte eine ‌solche Straffung gleichzeitig die negativen Auswirkungen des Schocks auf die Wirtschaft noch verschärfen.“ Die Wirtschaft in der Euro-Zone ist bereits ohne Schwung ins Jahr gestartet. Das Bruttoinlandsprodukt stieg von Januar bis März nur um ‌0,1 Prozent.Weitere Schwachstellen sieht die EZB im Schattenbankensektor. Dazu zählen unter anderem Hedgefonds und Geldmarktfonds, die wie Banken Finanzgeschäfte anbieten, aber weniger reguliert sind. Geringe Liquiditätspuffer und hohe Bewertungen könnten zu Notverkäufen von Vermögenswerten führen, die den Stress ‌an den Märkten verstärken würden, so die EZB. Die Banken im Euro-Raum hätten die jüngsten Unsicherheiten zwar gut gemeistert. Die Qualität ihrer Vermögenswerte könnte sich verschlechtern, sollten sich die wirtschaftlichen Bedingungen deutlich eintrüben.