Höhere Inflation, weniger Wirtschaftswachstum: Der Irankrieg wird zum Stresstest für Banken und Unternehmen im Euroraum. „Der Schock bei der Energieversorgung birgt Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum“, warnte Luis de Guindos, der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB), am Donnerstag bei der Vorstellung des halbjährlichen Finanzstabilitätsberichts.Drei Risiken hebt die EZB diesmal besonders hervor: erstens den Ausverkauf am Markt für Staatsanleihen. Zweitens die neuen Gefahren durch Cyberangriffe mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI). Und drittens die Risiken im Zusammenhang mit sogenannten Private-Debt-Fonds.Banken trotz allem solide aufgestelltGrundsätzlich sieht die EZB die Banken derzeit allerdings solide aufgestellt. Bis ins Jahr 2026 hinein hätten sich das globale Finanzsystem und die Realwirtschaft trotz einer Reihe von Schocks als „bemerkenswert widerstandsfähig“ erwiesen. Der Krieg im Nahen Osten aber stelle diese Widerstandsfähigkeit auf die Probe.In den vergangenen Monaten sind die Renditen vieler Euro-Staatsanleihen deutlich gestiegen, die Kurse sind gesunken. Die Rede ist von einem „Ausverkauf“; die Ersten fühlen sich an die Eurokrise erinnert. De Guindos hob hervor, die EZB verfolge das sehr aufmerksam.Anders als in der Eurokrise seien diesmal aber nicht die „Spreads gestiegen“, also die Abstände der Renditen etwa der südeuropäischen Staaten zur deutschen Bundesanleihe. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass auch Deutschland selbst jetzt mehr Zinsen für seine Schulden zahlen muss. Gleichwohl gebe es in diesem Marktsegment gerade Risiken, warnt die EZB: „Der Energieschock könnte die Marktvolatilität erhöhen und die Schuldendienstfähigkeit beeinträchtigen.“Anhaltend hohe Defizite und die Schuldenstände in einigen Ländern des Euroraums stellten nach wie vor „wesentliche Schwachstellen dar“, heißt es in dem Bericht. Die Regierungen hätten jetzt weniger Spielraum, um auf wirtschaftliche Schocks zu reagieren: „Zweifel an künftigen Konsolidierungsbemühungen könnten zudem bei Investoren Bedenken hinsichtlich der Tragfähigkeit der Verschuldung wecken.“Gefahr einer Neubewertung des Staatsrisikos„Mehrere Länder des Euroraums scheinen nur über begrenzte Kapazitäten zu verfügen, um zusätzlichen fiskalischen Spielraum zu schaffen, um die Auswirkungen auf Haushalte und Unternehmen abzufedern, wie sie es während der Energiekrise im Jahr 2022 getan haben“, schreibt die EZB. Unterstützungsmaßnahmen für Bürger und Unternehmen wie die Senkung der Steuern auf Kraftstoffe müssten daher „befristet, zielgerichtet und maßgeschneidert“ sein: „Andernfalls könnten solche Maßnahmen im schlimmsten Fall die Haushaltslage destabilisieren.“Das Vertrauen der Anleger könnte untergraben werden, wenn fiskalische Schritte als unvorsichtig wahrgenommen würden, warnt die Notenbank: „Eine Neubewertung des Staatsrisikos könnte auch das Risiko von Ausstrahlungseffekten auf die Finanzierungskosten von Unternehmen und Banken mit sich bringen.“Cyberangriffe und Private-Debt-FondsDie Bankenaufseher im Euroraum beschäftigen sich de Guindos zufolge zudem gerade besonders mit den neuen Gefahren durch Cyberangriffe mithilfe von KI und Modellen wie Claude Mythos. Die neuen Risiken beträfen sowohl die EZB selbst als auch die von ihr beaufsichtigten Banken. Am Dienstag gab es dazu ein Sondertreffen mit Bankenvertretern, wie de Guindos berichtete. Das Kernergebnis: Es seien erhebliche Investitionen in die Cybersicherheit notwendig, um den neuen Gefahren durch KI gerecht zu werden; und zwar nicht nur für große, sondern gerade auch für kleine Banken: „Auch eine kleine Bank kann da systemrelevant sein“, sagte de Guindos.Die Risiken im Zusammenhang mit sogenannten Private-Debt-Fonds, über die international gerade viel diskutiert wird, hebt der Bericht gleichfalls hervor. Diese Fonds spielen eine Rolle für die Finanzierung von Unternehmen, sind allerdings nicht so stark reguliert wie Banken.Im Finanzstabilitätsbericht wird darauf hingewiesen, dass dieser Sektor rein volumenmäßig im Euroraum eine geringere Bedeutung habe als in den Vereinigten Staaten. Für sich betrachtet, stelle er kein systemisches Risiko dar. Undurchsichtigkeit, Konzentration sowie das Potential für Ansteckungseffekte gäben jedoch Anlass zur Sorge. Die EZB warnt: „Eine plötzliche Kehrtwende der Marktstimmung könnte dazu führen, dass sich finanzielle Spannungen auf breitere Märkte ausweiten.“
Finanzstabilitätsbericht: EZB sorgt sich über Ausverkauf am Anleihemarkt
Der Irankrieg werde zur harten Probe für die Finanzmärkte, schreibt die EZB in ihrem Finanzstabilitätsbericht. Risiken sieht sie auch durch Cyberangriffe mit Künstlicher Intelligenz und durch amerikanische Private-Debt-Fonds.











