Die Rückkehr der Inflationsangst: Der festgefahrene Iran-Krieg wird zur wirtschaftlichen DauerbelastungDie Hoffnung war gross, der Iran-Krieg sei nur ein kurzer Schock. Doch die Angebotsengpässe halten an. Nun wächst die Angst vor einem Szenario, das Anleger und Zentralbanken gleichermassen fürchten.01.06.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenDie Blockade der Strasse von Hormuz lässt die Inflation weltweit steigen.NASA / GSFCDie Bewältigung von Krisen verläuft in Phasen. Beim Umgang des Finanzmarktes mit dem Iran-Krieg und dem Ölpreisschock sind bis jetzt drei zu erkennen. Ganz zu Beginn dominierte die Furcht vor dem Ungewissen, also brachen die Aktienkurse ein. Doch bald schon beruhigte sich die Stimmung, und die Kurse zogen wieder an, teilweise auf Rekordniveaus. In dieser zweiten Phase setzte sich die Hoffnung durch, dass der Konflikt nur kurzlebig ist, mit geringfügigen Folgekosten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Aufgeschreckte FinanzmärkteNun scheint die Krisenbewältigung in eine dritte Phase getreten zu sein. Die neue Einschätzung lautet: So rasch wie erhofft wird sich die Krise doch nicht lösen lassen. Die Engpässe am Energiemarkt sind mehr als nur ein kurzzeitiges Phänomen. Die Anleger lassen sich immer weniger einlullen von Donald Trumps wiederholten Beteuerungen, ein Sieg der USA oder eine Verhandlungslösung stehe kurz bevor. Die beruhigende Wirkung solcher Ankündigungen nutzt sich ab.In dieser dritten Phase werden die Folgen der Krise für Inflation, Zinsen und Geldpolitik gerade neu beurteilt. Darauf deuten auch die jüngsten Turbulenzen am Anleihenmarkt hin. Dort sind die Langfristzinsen für Staatsobligationen stark gestiegen, sei dies in den USA, Grossbritannien, Japan oder – in weit bescheidenerem Mass – selbst in der Schweiz. Die Anleger schätzen die Inflationsgefahr höher ein und wollen für diese Gefahr auch mit höheren Anleihenzinsen kompensiert werden.«Die jüngsten Inflationszahlen aus den USA haben die Finanzmärkte aufgeschreckt», sagt Thomas Stucki, Anlagechef der St. Galler Kantonalbank und ehemaliger Leiter des Asset Management der Schweizerischen Nationalbank (SNB). So stieg die Inflationsrate von 3,3 auf 3,8 Prozent. Teurer geworden sind dabei nicht nur Treibstoffe und Nahrungsmittel. «Vielmehr werden die indirekten Effekte höherer Energiepreise auch bei diversen Dienstleistungen immer sichtbarer», sagt Stucki.Keine schnelle Lösung des KonfliktsFür den Anlageexperten steht fest: «Der Anstieg der Inflation in den USA ist nicht länger bloss ein vorübergehendes Phänomen. Die Überzeugung, dass die Inflation hartnäckiger ist als ursprünglich gedacht, setzt sich durch.» Denn noch immer ist der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormuz blockiert. Und der vom New Yorker Fed erhobene Index zu Lieferkettenproblemen ist auf den höchsten Wert seit Juli 2022 gestiegen. Das lässt auf gravierende Engpässe im globalen Handel schliessen.Auch im Euro-Raum liegt die Inflation mit 3 Prozent klar über den angestrebten 2 Prozent. Der Ölpreisschock arbeite sich durch die Wirtschaft und treibe die Inflation über «einen beträchtlichen Zeitraum» vom Zielwert weg, sagte Isabel Schnabel, Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (EZB), vor wenigen Tagen in einem Interview. Die Hoffnung auf eine schnelle Lösung habe sich nicht erfüllt, meinte sie. Schnabel sieht immer mehr Anzeichen, dass sich der Schock preislich im Warenkorb ausbreitet.Solche Kommentare klingen weit besorgter als noch vor kurzem. Die Betonung einer langanhaltenden Inflation führt an den Märkten denn auch zu einer Neueinschätzung der Geldpolitik. Im Euro-Raum wird dieses Jahr mit mindestens zwei Zinserhöhungen gerechnet, wobei die erste schon im Juni erwartet wird. Dies verteuert Kredite, hemmt Investitionen und bremst die Konjunktur. Die Europäische Kommission schätzt denn auch, dass der Euro-Raum dieses Jahr nur noch 0,9 Prozent wachsen wird, nach 1,4 Prozent im Vorjahr.Zinssenkungen sind vom TischIn den USA haben die Märkte ihre Erwartungen ebenfalls angepasst. Vor dem Iran-Krieg galt es noch als ausgemacht, dass das Fed den Leitzins dieses Jahr senken wird. Nun rechnen die Märkte mit einem gleichbleibenden oder gar steigenden Zins. Vor wenigen Tagen hat selbst der Fed-Gouverneur Christopher Waller, der als Verfechter einer lockeren Geldpolitik gilt, die Notenbank dazu aufgefordert, in ihrer offiziellen Erklärung zur Zinspolitik den Hinweis auf potenzielle Zinssenkungen zu streichen.Die Zentralbanken auf beiden Seiten des Atlantiks befinden sich in einem Dilemma. Zwar können sie mittels Zinserhöhungen die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen dämpfen. Doch momentan steigt die Inflation nicht aufgrund einer zu hohen Nachfrage nach Gütern oder Krediten, sondern aufgrund eines gestörten Angebots. Es geht um blockierte Meerengen oder beschädigte Lieferketten – und diese Inflationsursachen lassen sich mit Geldpolitik kaum beheben.Bei Zentralbanken gilt daher ein ungeschriebenes Gesetz: Man schaut durch Angebotsschocks hindurch und verzichtet auf Zinskorrekturen, weil die Geldpolitik das Angebot ohnehin nicht steuern kann. Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Weil derzeit die Inflation nach oben und das Wirtschaftswachstum nach unten weist, steigt das Risiko einer stagflationären Entwicklung. Da wollen die Notenbanker das Wachstum nicht noch zusätzlich durch Zinserhöhungen belasten.Die Gefahr des GewöhnungseffektsDoch das Mantra des Hindurchschauens wird derzeit infrage gestellt. «Vor allem die EZB sorgt sich, dass die Vielzahl an Angebotsschocks zu höheren Inflationserwartungen führt», sagt Daniel Hartmann, Chefökonom der Investmentgesellschaft Bantleon. Wenn die EZB nun durch die Krise hindurchschaue und nichts tue, riskiere sie ihre Glaubwürdigkeit. «Die EZB will den Fehler von 2022, als sie die Inflation lange unterschätzte und zu spät reagierte, nicht wiederholen.»Hartmann rechnet deshalb damit, dass die EZB dieses Mal eher zu früh als zu spät agiert. Denn anders als bei der Inflationswelle von 2022 komme nun erschwerend ein Gewöhnungseffekt dazu: «Nach den 2010er Jahren, als Preislisten unverändert blieben, haben die Menschen jüngst wieder steigende Preise erlebt. Und die Firmen haben festgestellt, dass sie Preise erhöhen und am Markt durchsetzen können.» Daher bestehe nun die Gefahr, dass Preise schneller erhöht würden als früher.Der Gewöhnungseffekt fusst auf diversen Erfahrungen mit steigenden Preisen in jüngerer Vergangenheit: Da waren die Lieferkettenprobleme der Corona-Pandemie, die Energiekrise aufgrund des Ukraine-Kriegs, und jetzt die blockierten Waren in der Golfregion.Die Schweiz im ZielbereichJe ausgeprägter der Gewöhnungseffekt, desto grösser die Gefahr von Zweitrundeneffekten. Zu Letzteren kommt es, wenn ein Preisschock weitere Preissteigerungen nach sich zieht. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die Beschäftigten in Erwartung einer anhaltenden Inflation höhere Löhne einfordern und die Firmen diese höheren Löhne mittels Preiserhöhungen an die Konsumenten weitergeben. Die Inflation frisst sich dann in die Wirtschaft und verstärkt sich immer mehr.Obschon die EZB-Vertreterin Schnabel vor einer solchen Dynamik warnt, sieht Hartmann derzeit im Euro-Raum noch keine Anzeichen dafür. Zwar würden Löhne erst mit einer Verzögerung von sechs bis zwölf Monaten auf höhere Inflation reagieren. Vor allem in Deutschland seien die Gewerkschaften aufgrund der schwierigen Wirtschaftslage aber eher zurückhaltend mit Lohnforderungen. Und auch am Finanzmarkt seien die langfristigen Inflationserwartungen nicht nach oben ausgebrochen.Noch recht entspannt präsentiert sich die Lage in der Schweiz. Obwohl sich die Erdölprodukte im April gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent verteuert haben, ist die Gesamtinflation nur minim von 0,3 auf 0,6 Prozent gestiegen. Anders als in den USA und im Euro-Raum bleibt die Inflation im Zielband, das von 0 bis 2 Prozent reicht, was von der SNB als Preisstabilität definiert wird. Handlungsbedarf mit Blick auf den seit Juni 2025 bei 0 Prozent liegenden SNB-Leitzins ist nicht erkennbar.Der Franken als InflationsschutzWieder einmal erweist sich der Franken als verlässlicher Schutz gegen Inflation. Zwar verteuerten sich im April die Importgüter erstmals seit zweieinhalb Jahren, vor allem wegen höherer Preise für Benzin, Diesel und Heizöl. Dank der relativen Stärke des Frankens kommt dieser Inflationsdruck aber nur abgeschwächt in der Schweiz an. Daher kann die SNB ihren Leitzins – und damit indirekt auch die Kreditkosten für Unternehmen und Haushalte – tiefer halten als andere Notenbanken.Thomas Stucki von der St. Galler Kantonalbank beobachtet bei der SNB eine Anpassung der Kommunikation: «Noch vor kurzem wurde die Aufwertung des Frankens kritisch beurteilt. Doch inzwischen wird dessen Stärke deutlich positiver hervorgehoben», sagt Stucki. Er geht davon aus, dass die Nationalbank dazu bereit ist, eine weitere Erstarkung des Schweizerfrankens zuzulassen, zumal eine Höherbewertung im Kampf gegen eine weiter steigende Inflation hilfreich sei.Zugute kommt der Schweiz auch die vergleichsweise solide Finanzlage, was nicht zuletzt der Schuldenbremse zu verdanken ist. In den USA und im Euro-Raum entsteht demgegenüber der Eindruck, beim Wachstum der Schulden seien alle Dämme gebrochen. Die Kombination rasch steigender Schulden und anziehender Inflation ist explosiv. Denn diese Mischung nährt den Verdacht, dass der Staat seine Schuldenlast durch Geldentwertung abbauen will – als letzte Phase der Krisenbewältigung.Passend zum Artikel