Schön anrichten können viele – doch was macht Essen zu Kunst? Matheen Faiz / Unsplash Der Pariser Koch Guy Savoy wurde soeben in die französische Akademie der Schönen Künste aufgenommen, in Dänemark wird eine ähnliche Anerkennung geprüft. Angesichts einer solchen Ehrung lohnt es sich, die besten Köche der Welt einmal mit neuen Augen zu betrachten.Wer in die Pariser Académie des Beaux-Arts aufgenommen werden soll, muss erst einmal einen guten Schneider aufsuchen. Ein massgefertigter Frack mit reichlich goldenen Verzierungen ist Pflicht für die grössten Künstler unter Frankreichs Sonne. Auch der Koch Guy Savoy, dem diese Ehrung soeben widerfahren ist, trug das Ehrengewand. Der Pariser Koch Guy Savoy, wie er am 20. Mai 2026 Mitglied der Académie des Beaux-Arts wurde. Getty Images Es war das erste Mal, dass ein Koch in diese französische Akademie aufgenommen wurde, und weil die Wahl traditionell geheim ist, wird man auch nicht genau erfahren, warum – und warum ausgerechnet er. In der offiziellen Begründung war die Rede von Savoys Ruhm, aber auch von seiner Begeisterung für andere Kunstformen. Die Pariser Presse jubelte, auch der Geehrte liess es nicht an Selbstbewusstsein fehlen: Auf der Restaurant-Website wird der Chef bei der Aufnahmezeremonie abgebildet.Ausserhalb von Paris mag man die Sache zunächst für einen Spleen halten. Dass die Franzosen ein besonderes Faible fürs Essen haben, weiss man spätestens seit dem Film «Brust oder Keule», in dem Louis de Funès als Restaurantkritiker die Welt der feinen Gastronomie vor bösen Mächten rettet. Doch auch in der Schweiz oder in Deutschland schadet es nicht, sich folgende Frage zu stellen: Kann Essen Kunst sein, oder bleibt das durchs Kochen entstandene Produkt immer Kunsthandwerk?Kochen kann vermutlich, muss aber nicht Kunst seinIn Kopenhagen scheint man eine Antwort gefunden zu haben: Der dänische Kulturminister Jakob Engel-Schmidt teilte kürzlich mit, dass er die offizielle Anerkennung von Kochen als Kunstform prüfe. «Wenn wir Gastronomie auf höchstem Niveau erleben, ist sie weit mehr als nur Essen», sagt der Politiker. Details zur Prüfung wurden bislang nicht mitgeteilt.Abschliessend zu beantworten ist die Frage «Kunst oder Kunsthandwerk?» wohl nicht. Ob Köchinnen und Köche im Bereich der schönen oder der angewandten Künste arbeiten, wird meiner Meinung nach immer Definitions- und Ansichtssache bleiben. Es spricht indes viel dafür, Variante eins nicht von vornherein auszuschliessen. Dass nicht jeder zweitklassige Smashed Burger oder jedes servierte Käsefondue Kunst ist, dürfte zwar unstrittig sein, aber dass eigenständige, durchdachte Kochleistungen künstlerische Qualitäten aufweisen können, liegt nahe. Geschmacklich und farblich aufeinander abgestimmt: Tanja Grandits’ Spinatknödel mit Wiesenkümmel und rezentem Granit-Bergkäse von der Sennerei Andeer aus dem «Schlüssel». Digitale Massarbeit An Guy Savoy und andere Franzosen sollte man bei dieser Gelegenheit denken, darf aber auch Köche von anderswo im Blick haben. Ist es nicht irgendwie Kunst, was die Baslerin Tanja Grandits zusammenstellt und in aufeinander abgestimmten Farbtönen fotogen anrichtet? Spielen bei ihrem dortselbst ansässigen Kollegen Peter Knogl nicht Aspekte von Produkt, Zubereitung, Ambiance so zusammen, dass eine kreative, nicht nachzuahmende Schöpfung entsteht? Es spricht manches dafür, so etwas Kunst zu nennen.Kritiker können auch Künstler kritisieren – aber mit anderem AnsatzAuch ich als Gastrokritiker muss wahrnehmen, wo die Grenze liegt (oder liegen könnte) zwischen angewandter und schöner Kunst. In meiner Karriere als Kritiker ging es mir immer wieder so, dass ich mit den klassischen Regeln des Testens nicht weiterkam. Ein Beispiel war ein von Massimo Bottura gekochtes Menu: Vor ein paar Jahren philosophierte der Mann bei seinem Gastspiel im Restaurant von Andreas Caminada in Fürstenau minutenlang über Lasagne, über Kindheitserinnerungen und Gefühle, anschliessend wurde eine Art Lasagnekruste serviert.Gemessen an konventionellen Kritikermassstäben handelte es sich um einen mittelmässigen Gang, weder tief noch komplex; nie und nimmer war er drei Michelin-Sterne wert. Hätte ich Bottura und sein Essen allerdings mit den Augen eines Kunstkritikers betrachtet, wäre ich vielleicht zu einem anderen Ergebnis gekommen, hätte ich die Kruste als ausstellungsreifes Werk betrachtet: Die Idee, ein extrem traditionelles Gericht neu zu denken, sowie der Mut, selbiges in einem Drei-Sterne-Lokal zu reichen, erfüllten meiner Ansicht nach künstlerische Ansprüche.Unterstützung durch den Staat für künstlerisches Essen? Warum nicht!Wäre Kochen zumindest teilweise eine anerkannte Kunstform, wäre auch Unterstützung durch den Staat möglich. Herausragende Kochkünstler erhielten so eine Möglichkeit, sich ohne die wirtschaftlichen Zwänge des Restaurant-Alltags weiterzuentwickeln, und Menschen, die sich nie einen Besuch bei Knogl, Grandits oder Bottura leisten können, bekämen Zugang.Ob auch die Gastrokritiker selbst zu den Künstlern gezählt werden können, darf gern offenbleiben. Lediglich in Frankreich wurde diese Frage schon beantwortet, jedenfalls auf der Leinwand: Charles Duchemin, der von de Funès gespielte Obertester, wurde im Film «Brust oder Keule» zwar nicht in die Académie des Beaux-Arts, aber in die Schriftstellern und anderen Denkern vorbehaltene Académie française aufgenommen. Natürlich, wie Guy Savoy, ebenfalls im bestickten Frack . . . Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.