Die frühere RAF-Terroristin Daniela Klette muss wegen bewaffneter Raubüberfälle für 13 Jahre in Haft. «Wer so zielt, der nimmt tödliche Verletzungen in Kauf», sagt der RichterKlettes Unterstützer randalieren, als der Richter das Urteil verliest. Bald steht die Deutsche wieder vor Gericht: Es wird um die Taten gehen, die sie während ihrer Zeit in der linksterroristischen Rote-Armee-Fraktion begangen haben soll.27.05.2026, 17.10 Uhr5 LeseminutenAktualisiertDaniela Klette beging mit ihren mutmasslichen Komplizen mehrere bewaffnete Raubüberfälle. Die Ex-Linksterroristin ist sich keiner Schuld bewusst.Sina Schuldt / ReutersSchon die ersten Minuten der Urteilsverkündung gegen Daniela Klette enden im Tumult. Als der Vorsitzende Richter Lars Engelke das Strafmass gegen die frühere Terroristin der Rote-Armee-Fraktion (RAF) verkündet, ruft im Publikum eine Frau: «Scheisse, boah, nee!». Zu 13 Jahren Haft hat das Landgericht der niedersächsischen Stadt Verden die Angeklagte Daniela Klette verurteilt, ein Grossteil der Zuschauer buht. Manche brüllen die Parolen «Freiheit für alle politischen Gefangenen» und «Freiheit für Daniela», sie recken dabei die Faust nach oben. Justizbeamte führen einige junge Männer und Frauen ab. Dann wird es wieder ruhig in der ehemaligen Reithalle, die das Landgericht vor einem Jahr zu einem hochgesicherten Gerichtssaal umbauen liess.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die 67-jährige Deutsche hat sich nach Auffassung der Kammer gemeinsam mit ihren mutmasslichen Komplizen Burkhard Garweg und Ernst-Volker Staub des schweren Raubs und der schweren räuberischen Erpressung schuldig gemacht. Sie soll zudem gegen das Waffengesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz verstossen haben. Zum Zeitpunkt ihrer Festnahme lagen überall in ihrer Berliner Wohnung illegale Waffen. Doch der Vorsitzende Richter Lars Engelke ist wegen der Buh-Rufe kaum zu verstehen, als er er die Waffen- und Munitionstypen auflistet, die Ermittler bei Klette gefunden hatten. Klette sagt dazu nichts. Sie winkt aber ihren Unterstützern und lächelt dabei.Der Prozess gegen Daniela Klette war einer der aufwendigsten deutschen Strafverfahren der vergangenen zehn Jahre. Er ging schnell zu Ende; zwischen dem Prozessauftakt am Oberlandesgericht Celle und der Urteilsverkündung in Verden liegt kaum mehr als ein Jahr. Nach Lesart des Gerichts liegt das daran, dass von den insgesamt 13 Überfällen in den Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nur 8 ins Urteil einflossen.Bei den übrigen fünf hätten die Zeugenaussagen zu wenig hergegeben, so die Richter, oder es habe an stichhaltigen Beweisen gefehlt. Fragt man dagegen Klettes Unterstützer, wie sie den Zeitpunkt des Urteils bewerten, fällt meist nur ein Wort: Karlsruhe. Sie verdächtigen die dort tätige Bundesanwaltschaft, Druck auf das Gericht in Verden ausgeübt zu haben, damit dieses schneller zu seinem Urteil kommt.Die Bundesanwaltschaft ist Deutschlands oberste Ermittlungsbehörde. Sie wird dann tätig, wenn ein Verdächtiger ihrer Ansicht nach die Sicherheit des Staates gefährdet. Im März klagte sie Klette wegen mehrerer Tatbestände an, sie alle beziehen sich auf ihre Zeit in der RAF. Es geht unter anderem um den Vorwurf des versuchten Mordes, des Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des besonders schweren Raubs. In Verden ging es aber um Klettes Straftaten nach ihrer Zeit in der RAF, insbesondere um ihre Raubüberfälle zwischen 1999 und 2016. Für die Beweisführung des Landgerichts sei es daher «nicht von Bedeutung» gewesen, sagte der Vorsitzende Richter, dass Klette, Garweg und Staub bis 1998 der RAF angehört hätten.Zwei Opfer entgingen nur knapp tödlichen VerletzungenDie Richter haben Klette also als gewöhnliche Räuberin abgeurteilt, und möglicherweise war es genau dieser Umstand, der den Tumult im Saal ausgelöst hat. Nach der Auffassung von Klettes Unterstützern sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als mit Garweg und Staub in den Untergrund abzutauchen und, wie es verharmlosend heisst, «Geldbeschaffungsaktionen» durchzuführen. Auch Klette liess während des Prozesses jedes Unrechtsbewusstsein vermissen. Bei ihrem Plädoyer im März sagte sie, nicht sie sei verantwortlich für die seelischen Verletzungen ihrer Opfer, sondern das kapitalistische «System», das ihnen eine angemessene medizinische Behandlung verwehrt habe.Die Realität sieht freilich anders aus. Nach Ausführung des Vorsitzenden Richters befanden sich mehrere Opfer nach den Überfällen in psychologischer Behandlung. Teils trugen sie schwere psychische Schäden davon. Der Fahrer eines Geldtransporters im niedersächsischen Stuhr zum Beispiel war nach einem versuchten Überfall des Trios im Juni 2015 für den Rest seines Lebens arbeitsunfähig. Ihn hatte knapp eine Kugel verfehlt, als Garweg auf seine Fahrertür geschossen hatte. Ähnliches widerfuhr dem Fahrer eines Geldtransporters in Cremlingen, einem Ort in Niedersachsen. Dort hatte Garweg rund ein Jahr später in Richtung des Fahrers geschossen, bis dieser ihm schliesslich öffnete.Klette kam bei den Raubüberfällen eine besondere Rolle zu. Während Staub und Garweg die Fahrer der Geldtransporter und das Personal der Supermärkte ausraubten, fuhr sie nach Überzeugung des Gerichts das Fluchtfahrzeug. In einigen Fällen soll sie die Fahrer von Geldtransportern mit einer Panzerfaustattrappe bedroht haben, sie beteiligte sich ausserdem an der Planung der Straftaten. Das Gericht hält Klette deshalb für eine Mittäterin. In ihrer Wohnung fanden sich unter anderem Videoaufnahmen, Skizzen und Notizen, die auf eine genaue Observation ihrer Opfer schliessen lassen. Insgesamt 2,7 Millionen Euro soll das Trio auf diese Weise erbeutet haben.Die Ermittler kamen ihm durch DNA-Spuren auf die Schliche, die es in mehreren Fluchtfahrzeugen hinterlassen hatte. Doch sie konnten bislang nur Klette fassen. Das war auch einer journalistischen Recherche zu verdanken: 2023 hatten Journalisten eine Software eingesetzt, die mithilfe künstlicher Intelligenz Klettes alte Fahndungsfotos mit Bildern aus den sozialen Netzwerken abgeglichen hatte. Es kam heraus, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit in Berlin lebte. Im Februar 2024 gelang schliesslich niedersächsischen Ermittlern nach mehreren Hinweisen der Zugriff. Kurz vor der Festnahme hatte sie ihren mutmasslichen Komplizen Garweg per SMS vor der Polizei gewarnt. Sein Verbleib ist bis heute ungeklärt, und auch von Staub fehlt jede Spur.Klettes Verteidiger haben Revision eingelegtNach etwa drei Stunden spricht der Vorsitzende Richter das Schlusswort. «Wer so zielt, der nimmt tödliche Verletzungen in Kauf», sagt er. Es sei nur «dem Zufall» zu verdanken, dass die Opfer der Raubüberfälle in Stuhr und Cremlingen körperlich unverletzt geblieben seien. Doch einen schwerwiegenden Vorwurf erhebt er nicht mehr: Dass Klette mit ihren mutmasslichen Komplizen versucht habe, den Fahrer in Stuhr zu ermorden. Im vergangenen Jahr legte sich das Gericht darauf fest, dass ein solcher Vorsatz dem Trio nicht nachzuweisen sei.Klettes Strafverteidiger geben sich dennoch mit dem Urteil nicht zufrieden. Sie teilen dem Vorsitzenden Richter mit, dass sie Revision gegen das Urteil eingelegt hätten. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe wird es auf mögliche Rechtsfehler überprüfen müssen, erst nach dieser Prüfung ist das Urteil gegen Klette rechtskräftig.Vor dem Gerichtssaal hat sich inzwischen eine kleine Gruppe aus Demonstranten verschiedenen Alters aufgebaut. Sie halten Banner mit einem roten Stern in die Höhe, dem Symbol der kommunistischen Bewegung. «Die Solidarität lässt für sie, so sagt Daniela, die Sonne aufgehen», ist auf einem zu lesen. Sie hoffen darauf, dass Klette sie sieht, sobald sie aus dem Gericht zurück ins Gefängnis transportiert wird.Für die Linksradikalen dürfte das nicht das letzte Wiedersehen mit Klette gewesen sein. Der nächste Prozess gegen Klette steht vor der Tür, dann wird es um ihre Straftaten während ihrer Zeit in der RAF gehen. Voraussichtlich wird die Anklage der Bundesanwaltschaft vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verhandelt werden, ein Datum für den Prozessauftakt steht noch nicht fest. Auch bei diesen ihr vorgeworfenen Taten ist Reue von Klette wohl nicht zu erwarten.Passend zum Artikel
Ex-RAF-Mitglied Daniela Klette: 13 Jahre Haft – Linke randalieren im Landgericht
Klettes Unterstützer randalieren, als der Richter das Urteil verliest. Bald steht die Deutsche wieder vor Gericht: Es wird um die Taten gehen, die sie während ihrer Zeit in der linksterroristischen Rote-Armee-Fraktion begangen haben soll.










