Mitte Mai saßen zwei Männer in einem vergoldeten Saal in Den Haag an einem Tisch, um ein Dokument zu unterzeichnen. Auf der einen Seite saß Randhir Thakur, der Vorstandsvorsitzende von Tata Electronics, einer Tochtergesellschaft der indischen Tata Group. Auf der anderen Seite saß Christophe Fouquet, der CEO von ASML, dem niederländischen Halbleitermaschinenhersteller und nach Marktkapitalisierung wertvollsten Unternehmen Europas. Hinter ihnen standen die Premierminister ihrer jeweiligen Länder, Narendra Modi und Rob Jetten, und bezeugten einen Deal, der möglicherweise der folgenreichste Akt europäischer Technologiediplomatie seit Unterzeichnung des EU-Indien-Freihandelsabkommens im Januar dieses Jahres ist. Das Abkommen sieht vor, dass ASML seine hochmodernen Lithografiewerkzeuge liefert, um Tatas elf Milliarden Dollar schweres Halbleiterwerk in Dholera im westindischen Bundesstaat Gujarat zu errichten. Die voraussichtlich 2028 in Betrieb gehende Anlage wird Chips für Künstliche Intelligenz, die Automobilindustrie und Mobilgeräte herstellen.

Auf den ersten Blick scheint dies keine Vereinbarung zu sein, die Schlagzeilen macht. ASML ist kein geläufiger Name wie Volkswagen oder Airbus und Lithografiewerkzeuge klingen nicht nach dem Stoff, aus dem geopolitische Wendepunkte gemacht sind. Doch ASMLs Maschinen besetzen eine einzigartige Nische in der Weltwirtschaft: Sie ätzen mikroskopische Schaltkreismuster auf Siliziumwafer, aus denen die Chips entstehen, die alles antreiben – vom Smartphone bis zum Kampfjet und KI-Rechenzentrum. Ohne zumindest stillschweigende Zustimmung aus Den Haag, Brüssel, Washington und Neu-Delhi hätte dieser Deal nicht zustande kommen können. Er spiegelt ein Maß an Vertrauen wider, das den Transfer einer der sensibelsten und strategisch wichtigsten Technologien der Welt ermöglicht. In einer Zeit, in der geopolitische Turbulenzen internationale Lieferketten erschüttern, nutzt Europa hier nun sein wirtschaftliches Gewicht.