Man muss eine Schwäche für historische Pointen haben, um die jüngsten Nachrichten aus Südhessen vollends würdigen zu können: Ausgerechnet in Biblis, dem einstigen Synonym für den umstrittenen Aufstieg und Fall der deutschen Atomindustrie, könnte die Zukunft der Energieversorgung neu geschrieben werden. Denn der Energiekonzern RWE macht bei der Entwicklung der Laserfusion Ernst und baut sein bestehendes Investment bei dem Darmstädter Start-up Focused Energy mit einer weiteren Kapitalspritze von 60 Millionen Euro substanziell aus.Zudem kündigte RWE an, den Rückbau der bestehenden kerntechnischen Infrastruktur in Biblis zu beschleunigen, um Platz für eine fusionsseitige Nachnutzung zu schaffen, falls der Standort den Zuschlag für einen geplanten Laserfusions-Hub des Bundes erhält. Das könnte klappen, denn Focused Energy hat Durchbrüche erzielt, die den Weg zum kommerziellen Fusionskraftwerk entscheidend abkürzen könnten. Das Potential zeigt sich in der Finanzierungsrunde, in der das Start-up nun insgesamt 240 Millionen US-Dollar eingeworben hat – die bislang größte vollständig gesicherte Finanzierung in der globalen Fusionsbranche. Auch das Land Hessen untermauert sein Bekenntnis und investiert über eigene Fonds zehn Millionen Euro.Mit diesem Kapital, das Focused Energy zum wertvollsten Fusionsunternehmen Europas macht, erreicht das Start-up beinahe die magische Milliardenbewertung. So entsteht ein „Einhorn“ in der europäischen Deep-Tech-Landschaft – und das ausgerechnet in Hessen und nicht in den oft großspurigen Start-up-Hochburgen Bayerns.Geklagt wird derzeit viel über Deindustrialisierung und die immensen Kosten der Energiewende. Die Kernfusion aber bietet die Hoffnung auf eine grundlastfähige, sichere und ressourcenschonende Energiequelle, die weder CO₂-Emissionen noch große Mengen langlebiger radioaktiver Abfälle verursacht. Und das Land Hessen zeigt, wie ein funktionierendes Ökosystem aus universitärer Exzellenz – denn das Unternehmen wurde 2021 aus der TU Darmstadt heraus gegründet –, politischer Flankierung und echtem Risikokapital aussehen kann. Denn ein Risiko ist die Finanzierung, die technologische Wette muss nicht aufgehen.Biblis könnte aber, wenn alles klappt, von einem Ort des Ausstiegs zu einem Ort des Aufbruchs werden. Dieser Weg sollte nicht mit deutscher Skepsis, sondern mit Gründergeist begleitet werden. Dass dieser Geist hierzulande endlich Fuß fasst, belegt auch die strategische Neuausrichtung von Focused Energy zu einer deutschen Dachgesellschaft, die technologische Souveränität zurück nach Europa holt.