Mit einer Finanzierungsrunde in Höhe von 240 Millionen US-Dollar für das hessische Laserfusionsunternehmen Focused Energy steigen die Chancen, Hessen zu einem wichtigen Standort für die Energieversorgung der Zukunft mit tausenden neuen Arbeitsplätzen zu machen. Nach einer Mitteilung des 2021 aus der TU Darmstadt hervorgegangenen Unternehmens mit Sitz in Südhessen ist der Energieversorger RWE Hauptinvestor bei Focused Energy. Das Unternehmen würde damit in die Nähe eines sogenannten Unicorns kommen, womit Start-ups bezeichnet werden, die von Investoren mit einer Milliarde US-Dollar bewertet werden.Das Kapital soll fast vollständig im hessischen Biblis auf dem ehemaligen Kernkraftwerksgelände von RWE investiert werden. Dort soll bis zum Jahr 2035 das erste Laserfusionskraftwerk in Deutschland entstehen. Zunächst soll in Biblis ein Kernfusionscampus entwickelt werden, den das Land Hessen mit 20 Millionen Euro fördert. Die Kapitalgeber in der Finanzierungsrunde sind nach Mitteilung von Focused Energy bereit, die gesamte Bauphase bis hin zum Fusionskraftwerk zu begleiten.Visionär: Markus Roth, Mitgründer von Focused Energy, will in Hessen die Kernfusion in die industrielle Nutzung überführen.Lucas BäumlIn der Finanzierungsrunde für Focused Energy ist RWE als sogenannter Lead-Investor vorgesehen, weitere Kapitalgeber sollen unter anderem die Bundesagentur für Sprunginnovationen Sprind, die Beteiligungs-Management-Gesellschaft Hessen sein, eine Tochtergesellschaft der Landesbank Hessen-Thüringen, sowie das Frankfurter Start-up-Netzwerk Futury. Darüber hinaus beteiligen sich Beteiligungsfonds des Landes mit insgesamt zehn Millionen Euro an dem Projekt.Für Focused Energy ist die Finanzierungsrunde ein bedeutender Schritt für die Industrialisierung und kommerzielle Nutzung der Fusionstechnologie. Das Unternehmen soll in dem Prozess die sogenannten Targets liefern, die mithilfe hochenergetischer Laserstrahlen zur Kernfusion gebracht werden. Weltweit ist ein Wettrennen verschiedener wissenschaftlicher Ansätze und Unternehmen entstanden, die Chancen sehen, die Energieprobleme der Zukunft mithilfe von Kernfusion zu lösen.Kernfusion könnte die Energieversorgung der Zukunft sicherstellenDie Kernfusion gilt als eine der vielversprechendsten Technologien für die Energieversorgung der Zukunft. Sie ahmt den Prozess nach, der auch in der Sonne Energie erzeugt, und bietet das Potenzial für eine klimafreundliche und sichere Energiequelle. Allerdings braucht es Investitionen in Milliardenhöhe, um aus der Forschung eine kommerzielle Nutzung zu erzielen. Mit Focused Energy und dem ehemaligen Standort Biblis könnte Hessen diese Entwicklung womöglich schnell vorantreiben. Kritiker sehen noch einen sehr weiten Weg bis zur kommerziellen Nutzung, auf dem hohen Investitionssummen nötig sind.Focused Energy hatte zunächst seinen Sitz im US-Bundesstaat Delaware, in Darmstadt war eine Tochtergesellschaft ansässig. Damit verband das Unternehmen die Hoffnung, von einem vom damaligen US-Präsidenten Joe Biden ausgerufenen, milliardenschweren Förderprogramm profitieren zu können. Doch jüngst sagte Markus Roth der F.A.Z., bei der Forschung auf dem Feld der Laserfusion habe Deutschland den USA den Rang abgelaufen, die Bedingungen zur Errichtung eines Kraftwerks seien hierzulande mittlerweile besser, sodass man aus den USA „schon fast neidisch nach Deutschland schaut, weil wir uns einen Vorsprung erarbeitet haben“.Abschied und Neuanfang: Im Januar wurde in Biblis der letzte Kühlturm des ehemaligen Atomkraftwerks abgerissen. Dort soll nun ein Kernfusionscampus entstehen.RWE/dpaAuch wenn der Weg bis zur kommerziellen Nutzung der Technologie noch weit ist: Für Hessen hat sie enormes Potenzial. Erstens, weil mit dem Gelände Biblis ein Standort zur Verfügung steht, der bereits über die nötige Infrastruktur, etwa Schienenanbindung und Kühlsysteme, aber auch über einen Netzanschluss verfüge und es dort geeignetes Fachpersonal gebe, um das Kraftwerk zu realisieren. Zweitens, weil mit Focused Energy, das derzeit 150 Beschäftigte zählt, ein Unternehmen entstehen könnte, das von den möglichen Gewinnen der Technologie partizipieren und entsprechend wachsen könnte. Und drittens, weil um den Campus und das Werk ein komplettes Ökosystem rund um eine neue Leitindustrie und damit tausende neue Arbeitsplätze entstehen könnten. Davon könnten auch Industriepartner aus Hessen wie etwa Heraeus profitieren. Von der Zusammenarbeit mit dem Essener Energiekonzern RWE erhofft sich Focused Energy neben der Nutzung des Standorts Biblis auch wertvolle Erfahrung in genehmigungsrechtlichen Fragen.Focused Energy will seinen Vorsprung ausbauenDerzeit verfüge Focused Energy im Wettlauf um die industrielle Nutzung der laserbasierten Kernfusion über einen Vorsprung, der mithilfe des neuen Kapitals ausgebaut werden solle, sagte Thomas Forner, Vorstandsvorsitzender und Mitgründer von Focused Energy. Die Fusionsenergie in Deutschland trete durch die Finanzierungsrunde des Darmstädter Unternehmens in eine neue Ära ein.Vereinfacht gesagt basiert die Kernfusionstechnologie darauf, Energie nicht wie bei der Kernkraft aus dem Spalten von Atomkernen zu gewinnen, sondern Atomkerne miteinander zu verschmelzen. Focused Energy plant, in dem Kraftwerk in Biblis künftig Wasserstoffisotope (Deuterium und Tritium) mit Laserstrahlen zu beschießen, um so ihre Kerne zu fusionieren. Die in diesem Prozess freigesetzte Energie, das belegen Studien aus den USA, sei größer als jene, die in den Prozess eingebracht werden muss. „Wir entkoppeln damit den Ressourcenverbrauch von der Energieproduktion“, sagt Roth, der an der TU Darmstadt auch als Physikprofessor tätig ist.Nach der Fukushima-Katastrophe 2011 in Japan wurde das Kernkraftwerk wie nach und nach alle anderen deutschen Kernkraftwerke stillgelegt. Seit 2017 wird die Anlage abgerissen. Die beiden Druckwasserreaktoren in Block A und Block B waren 1974 beziehungsweise 1976 in Betrieb gegangen. Zuletzt fiel im Januar der letzte Kühlturm in Biblis, lange war unklar, was mit dem Gelände passieren würde. Nun gibt es neue Chancen auf eine kommerzielle Nutzung auf dem Feld der Energieversorgung.Diese Chance sieht wohl auch Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU). Er erhofft sich viel von der Technologie und dem Unternehmen für den Standort in Hessen. Die Finanzierungsrunde mit RWE sei „ein großer Schritt auf dem Weg, Hessen zu einem führenden Standort für Spitzenforschung und Entwicklung der laserbasierten Kernfusion auszubauen“. Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) hält den Einstieg von Investoren bei Focused Energy für einen Vertrauensbeweis für Hessen.Focused Energy zeige eindrucksvoll, dass Zukunftstechnologien aus Hessen heraus weltweit Maßstäbe setzen könnten, sagte Holger Follmann, Start-up-Beauftragter des Landes Hessen. Die nun verkündete Finanzierungsrunde sei dabei ein Meilenstein. „Dass das Unternehmen damit zum Unicorn wird, ist mehr als verdient“, so Follmann weiter. Für den Start-up-Standort Hessen sei der Einstieg der Investoren eine starke Botschaft: „Hier entstehen Unternehmen, die technologische Durchbrüche mit industrieller Wertschöpfung und internationaler Wettbewerbsfähigkeit verbinden“, so Follmann.
Laserfusion eröffnet Chance auf tausende Arbeitsplätze in Hessen
Auf dem Gelände des früheren Atomkraftwerks in Biblis soll Deutschlands erstes Laserfusionskraftwerk entstehen. Focused Energy könnte damit Hessen zu einem Zentrum der Fusionsenergie und zu einem Standort für tausende neue Arbeitsplätze machen.









