Das Unternehmen Focused Energy hat eine der größten Finanzierungsrunden der deutschen Start-up-Szene in diesem Jahr abgeschlossen. Die Darmstädter erhalten knapp eine viertel Milliarde Dollar von einer Investorengruppe um den Versorgungskonzern RWE. Das Geld wird nahezu vollständig in die Ausrüstung neuer Labore auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Biblis fließen. In den kommenden Jahren sollen dort Technologien für die sogenannte Kernfusion weiterentwickelt werden.Damit könnte Hessen zu einem zentralen Knotenpunkt bei der globalen Entwicklung einer neuartigen Energie-Industrie werden. Sollen doch am neuen Campus Biblis neben der Weiterentwicklung der Technologie zur Verschmelzung von Atomkernen auch die Lieferketten zusammenlaufen. Mit Konzernen wie RWE, Siemens, dem Laser-Spezialisten Trumpf oder dem Optikkonzern Zeiss sind in Deutschland bereits zahlreiche Unternehmen beheimatet, die Schlüsselrollen in den neuen Ökosystemen spielen können.„Die erfolgreiche Finanzierungsrunde bestätigt unseren wissenschaftlich fundierten Laserfusionsansatz, der Focused Energy in nur vier Jahren vom Start-up zum weltweit führenden Laserfusionsunternehmen gemacht hat“, sagt Thomas Forner, Vorstandsvorsitzender und Mitgründer von Focused Energy. Mit den neuen Mitteln lasse sich der technische Vorsprung ausbauen. „Jetzt zählt Geschwindigkeit auf dem Weg zum ersten Fusionskraftwerk in Deutschland“, sagt Markus Roth, Wissenschaftschef, Mitgründer und Physikprofessor an der TU Darmstadt.Markus Roth, Ko-Gründer von Focused Energy, steht in dem Labor des Kernforschungsunternehmens in der TU Darmstadt für ein Porträt. Aufgenommen am 12. März 2025 in Darmstadt.Lucas BäumlZu den Investoren, die nun zum Zug kamen, gehören die Bundesagentur für Sprunginnovation (Sprind), Futury Capital und der European Innovation Council Fund. Auch die amerikanische Prime Movers Lab ist wieder am Ball, die finanziell bereits seit drei Jahren bei Focused Energy engagiert ist. Der wohl wichtigste Finanzier der aktuellen Runde ist RWE. Der Energieversorger ist bereits an Focused Energy beteiligt. Mit dem Ausbau seiner Kapitalposition untermauert der Konzern seine Rolle als strategischer industrieller Partner des Start-ups.Die Darmstädter arbeiten an Techniken, mit denen Atomkerne nicht wie bei der heute gängigen Kernenergie gespalten, sondern aufeinander verschmolzen werden. Dabei können riesige Mengen an Energie freigesetzt werden. Die lassen sich technisch und wirtschaftlich nutzen, etwa zur Stromerzeugung. Allerdings sind diese Prozesse sehr komplex. Muss man für die Verschmelzung von zwei Atomen doch mit Temperaturen und Drücken arbeiten, die den Zuständen tief im Inneren der Sonne gleichkommen.Das braucht besondere Materialien, Geräte und Anlagen. Die Wissenschaft hat nach jahrzehntelangen Forschungen verschiedene Mittel und Wege gefunden, das eigentlich Unmögliche möglich zu machen. Einer dieser Wege ist die sogenannte Lasertechnologie, die unter anderem in Darmstadt entwickelt wird. Dabei werden mit bestimmten Lasern winzige Mengen besonderer Substanzen beschossen, um die gewünschten Prozesse der Kernfusion und der damit einhergehenden Energiefreisetzung auszulösen.Thomas Forner von Focused EnergyLucas BäumlDer Kernfusion wird weltweit großes Potential bei der Lösung der Energieprobleme der Menschheit zugesprochen. So arbeiten derzeit Dutzende Spitzenforschungsinstitute in Asien, Amerika und Europa die wissenschaftlich-technischen Probleme der Kernfusion ab. Darüber hinaus haben sich in der Welt rund 60 Start-ups der Entwicklung von Fusions-Technologien verschrieben. Allein vier dieser Unternehmen sind in Deutschland tätig. Neben Focused Energy sind das Marvel Fusion, Proxima Fusion und Gauss Fusion, die allesamt in und um München sitzen.Die Bundesregierung in Berlin hat das Ziel ausgegeben, dass das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland stehen soll. „Das ist ambitioniert“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz auf der Industriemesse in Hannover. „Aber wir müssen ambitioniert sein, wenn wir ganz vorn mitspielen wollen.“ Das aber wollen auch Amerika und China. Auch sie wollen das erste Fusionskraftwerk auf ihrem Boden wissen. Forscher gehen davon aus, dass Mitte der 2030er-Jahre die ersten Testreaktoren und in den 2040er-Jahren die ersten Kraftwerke arbeiten können.Rafael Laguna, Direktor der Bundesagentur Sprind, sagt: „Der Bau des ersten kommerziellen Fusionsreaktors ist die wichtigste Moonshot-Mission des 21. Jahrhunderts. Wir wollen beweisen, dass Sprunginnovationen, die unser Leben wesentlich verbessern können, in Deutschland ihren Ursprung haben können.“ Dafür brauche es das erfolgreiche Zusammenwirken von Wissenschaft, Staat, Start-ups und Industrie. Diese Finanzierungsrunde sei eine Blaupause dafür.An solch einer Moonshot-Mission arbeiten auch China und Amerika. Während Peking sich den Weg mit milliardenschweren Subventionen ebnet, setzt Amerika auf privates Kapital. Nach Microsoft-Gründer Bill Gates und Open-AI-Gründer Sam Altman ist auch die Trump-Familie finanziell in der Fusions-Entwicklung engagiert. Die Fusions-Start-ups in Asien, Amerika und Europa sammelten zusammen bislang 13 Milliarden Dollar ein. Die Hälfte der Summe entfällt auf Amerika, ein Drittel auf China, der Rest auf Europa. Deutschland steht auf dem Alten Kontinent an der Spitze.Im Labor von Marvel FusionALEPHNeben Focused Energy stehen auch die Münchner Fusions-Unternehmen Marvel Fusion und Proxima Fusion in der Gunst der Investoren ganz oben. Sie sind seitens ihrer Geldgeber bislang mit ordentlichen Millionenbeträgen bedacht worden. In Forschung und Entwicklung gelten sie wie die Darmstädter Kollegen als federführend. Gauss Fusion wird von einem privaten Industriellenkonsortium getragen. Darüber hinaus greift die Landesregierung Bayerns den Firmen im Freistaat kräftig unter die Arme.Markus Krebber, Vorstandsvorsitzender der RWE AG, sagte, das Potenzial der Fusionstechnologie für die zukünftige Energieversorgung sei beachtlich. „Deutschland verfügt dank seiner hervorragenden Forschungslandschaft sowie daraus entstandener Start-ups wie Focused Energy über die Möglichkeit, eine führende Rolle einzunehmen.“ RWE engagiert sich neben Hessen auch in Bayern. Dort arbeitet der Konzern etwa mit Proxima Fusion zusammen, dem aus dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik hervorgegangenen Fusions-Start-up.Proxima Fusion verfolgt einen technisch anderen Ansatz als die Laserspezialisten Focused Energy oder Proxima Fusion. Es setzt auf Simulationsmodelle, Supraleiter und den magnetischen Einschluss ultraheißer Plasmen in Reaktorkammern. In diesen sogenannten Stellaratoren-Anlagen finden dann die entscheidenden Prozesse statt. Deutschland hat mit seiner „Wendelstein“ genannten Forschungsanlage in Greifswald bereits seit Jahren ein Experimentierlabor zur Erforschung der Fusionstechnik.Mit der nun aufgezogenen Kapitalspritze steigt Focused Energy in Darmstadt zu einem sogenannten Unicorn mit einem Gesamtwert von mehr als einer Milliarde Euro auf. Je nach Unternehmensbewertung könnte es auch das wertvollste europäische Fusions-Start-up sein. Mit der Gründung einer deutschen Dachgesellschaft hat sich das Start-up gerade erst neu aufgestellt und sich von einem amerikanisch-deutschen zu einem deutsch-amerikanischen Unternehmen gewandelt. Es setzt eigenen Worten nach langfristig auf Europa.Das sei ein Signal für den Kontinent, sagt Nicola Beer, Vizepräsidentin der Europäischen Investitionsbank. „Europa und Deutschland zeigen, dass sie im globalen Wettbewerb um Zukunftstechnologien nicht nur reagieren, sondern aktiv industrielle Kompetenz, technologisches Know-how und Innovationskraft zurückgewinnen. Genau darin liegt die Chance Europas: technologische Souveränität stärken, industrielle Wertschöpfung sichern und Europas Rolle als führender Deep-Tech-Standort neu definieren.“Die Fusionsenergie trete in Europa in eine neue Ära ein, erklärt Vorstandschef Forner. Nun gehe es darum, wissenschaftliche Exzellenz in wirtschaftliche Stärke und die von der Hightech-Agenda der Bundesregierung priorisierten Fusionstechnologie in industrielle Wertschöpfung zu überführen. „In der Laserfusion ist Deutschland bestens aufgestellt“, erklärt Roth. „Unsere Optoelektronik-Industrie ist Weltklasse.“ Jetzt komme es darauf an, schnell und erfolgreich zu skalieren, um die globalen Standards der Technologie setzen zu können.Das wären gute Nachrichten für Europas Hightech-Sektor, und die kann er bei den rasanten Entwicklungen in Übersee gut gebrauchen. Scheint die EU auf vielen Feldern doch den Anschluss zu verpassen. Wissenschaftlich sei das Potential auf dem Alten Kontinent ja da, schreibt das Beratungshaus McKinsey in seinem jüngsten Deeptech-Report. Auch unternehmerische Ambitionen gebe es genügend, heißt es im „European Deep Tech Report“ von Lakestar, Walden Catalyst und Hello Tomorrow.Nur dürften die Fähigkeiten und Ambitionen nicht immer wieder durch bürokratische Überregulierungen und kleinteilige Kapitalmärkte ausgebremst werden. Denn das geht auf lange Sicht mit massiven Wohlstandseinbußen einher. McKinsey prognostiziert das Potential des gesamten europäischen Deeptech-Sektors im Jahr 2030 auf nicht weniger als 1000 Milliarden Euro. Eine Summe, die bislang nur der Entwicklung in den Vereinigten Staaten zugeschrieben worden war.
Focused Energy: Rekordfinanzierung für Kernfusions-Start-up
Das deutsche Fusions-Start-up Focused Energy sichert sich eine Rekordfinanzierung. Es steigt damit zur wertvollsten Branchenfirma in Europa auf und ist hierzulande nicht der einzige Player.









