Einst Sportutensil, heute ein Statement: Wieso das Baseball-Cap en vogue istDie Schirmmütze hat einen bemerkenswerten Wandel vollbracht. Vom Baseballfeld über Hollywood ist sie zum Alltags-Accessoire für jede Jahreszeit geworden – und gar zum politischen Boten.27.05.2026, 10.36 Uhr5 LeseminutenTrenchcoat und Basecap: ein Stilbruch mit Stil, selbst an der Milan Fashion Week.Valentina Ranieri / ImagoDank ihm brennt die Sonne etwas weniger. Das Baseball-Cap ist in diesen Hitzetagen ein treuer Begleiter: kühler Kopf und Schattenwurf über den Augen. Wir drücken das Basecap unseren Kindern auf die Schädel, als unverhandelbare Bedingung, um auf den Spielplatz zu dürfen. Wir rücken unser eigenes Visier zurecht, bevor wir federnd für die Joggingrunde losziehen. Während der Wanderung machen wir das Cap nass und setzen es als mobiles Kühlsystem ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Baseballmütze erledigt ihre Aufgabe souverän – seit fast zwei Jahrhunderten. Entstanden ist sie auf den Baseballfeldern in den USA. Zuerst Mitte des 19. Jahrhunderts als Strohhut, später aus Wolle oder Baumwolle, sorgte das Cap vorerst für klare Sicht bei den Werfern und Fängern während Partien unter gleissender Sonne. Doch aus der rein funktionalen Kopfbedeckung ist ein Modeaccessoire geworden, das wie ein Home-Run-Ball weit über die Ränge der Stadien in die Welt fliegt.Vom Banker bis zum PapaDer Einsatz der Baseballkappe hat sich diversifiziert. Wer durch die Stadt flaniert, sieht womöglich ähnliche Bilder: hier den Banker im Poloshirt und mit lachsfarbenem Ralph-Lauren-Basecap auf dem Weg zum Sprüngli, dort das hippe Girl im bauchfreien Trainingsoutfit und mit schwarzem Nike-Cap in Begleitung seiner «best friend» beim Matcha-Latte-Trinken, den Pudel bei Fuss. Weniger entspannt kurvt ein junger Vater mit dem Kinderwagen über die Tramgeleise, dreifarbiges Skater-Cappy plus Sonnenbrille für den Durchblick, sicher ist sicher. Die Mütze ist Statussymbol, Krönchen und Rüstung in verschiedensten Lebenslagen.Und das längst nicht mehr nur im Sommer. Gerade die Frauenmode hat das Basecap als zusätzliches Element entdeckt, um die Kombinationsmöglichkeiten von Kleidungsstücken weiter in die Höhe zu schrauben. So lässt es sich etwa im Frühling und Herbst mit Trenchcoats und Laufschuhen kombinieren, im Winter auch mit einem dicken Wollmantel. Modemagazine preisen die Mütze als bewussten Stilbruch an. «Der Mix aus einem femininen Kleid und einem sportlichen Basecap ist einfach zu schön», behauptet «Brigitte». Häufiger sichtbar ist ein urbanerer Look, der von Hollywood über Instagram bis auf die Bahnhofstrasse schwappt – die Dreifaltigkeit aus Baseballmütze, Bomberlederjacke und baumelnden Goldohrringen.Manchmal ist es die letzte RettungDie Schlabberhose gehört in dieser Optik dazu. Auch sie ist zusammen mit dem Basecap Teil der Athleisure-Mode, der Mischung aus Sport- und Freizeitbekleidung, die sich zusammen mit dem Coronavirus und der Home-Office-Kultur verbreitet hat. Das Basecap ist auch zum Stimmungsbarometer der Individualgesellschaft geworden. Die Stirnfläche ist oft mit Statements versehen. Auf dem Markt gibt es Modelle mit: «Mir reicht’s, ich geh angeln». Oder: «Sorry about my husband». Natürlich sind sie personalisierbar, neuerdings auch mit einer LED-Anzeige, die man über eine App steuern kann.Und manchmal ist das Cappy ganz profan zu begründen: als letzte Rettung an einem Bad-Hair-Day.Volksnah: Die Baseballmütze wird politisch instrumentalisiert.Leonard Ortiz / GettyDer Maga-Slogan dringt in die Köpfe der Amerikanerinnen und Amerikaner.Timothy Hurst / Denver Post / GettyDas «Smithsonian Magazine» bezeichnete das Baseball-Cap als den «vielleicht grössten Modeexport Amerikas», wobei die Jeanshose unbestritten Rang 1 innehat. Jedenfalls birgt der Aufstieg des Basecaps eine faszinierende Geschichte, vom Sportutensil zum Mode- bis hin zum politischen Statement. 1901 setzten die Detroit Tigers als erstes Baseballteam ihr Logo mit dem Wappentier auf ihre Schirmmützen. Aus diesem Ausrüstungsstück entwickelte sich zusammen mit den ersten Fernsehübertragungen ein Fanartikel. Je bedeutender die Sportart wurde, desto grösser wurde das Bedürfnis der Anhänger, Flagge zu bekennen.Gleichzeitig warben ab den 1960er Jahren Landwirtschaftsunternehmen auf Mützen für Produkte wie Saatgut oder Maschinen. Trucker fuhren in diesen Caps quer durchs Land der unbegrenzten Möglichkeiten.Filmreifer Wandel mit Spike LeeDoch der grosse Durchbruch der Schirmmütze kam in den 1980er und 1990er Jahren. Dabei spielten die Hip-Hop-Szene und der Film eine Rolle, aber auch das Unternehmen New Era. Dieses stellte bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert Baseballmützen her, dann ab den Achtzigern auch als Merchandise für die Baseballklubs.Spätestens 1996 gewann das Basecap auch über den Sport hinaus Bedeutung in der Modewelt. Bisher gab es nur Mützen in den offiziellen Farben der Teams. Das stilprägende Cappy der New York Yankees stellte die Firma New Era nur in Blau her. Bis der Filmregisseur und Yankee-Fan Spike Lee eine bahnbrechende Idee hatte: Während der Final-Series im Mai 1996 bat er den Sportartikelhersteller um eine Sonderanfertigung in Rot mit weissem Logo. Dem mussten zuerst die Yankees zustimmen. Das taten sie. Lee trug die revolutionäre Mütze bei der nächsten Partie. Und löste einen Hype aus. Die Mützen wurden zu einem Lifestyle-Artikel – in verschiedensten Farben.Erkennungsmerkmal der Maga-BewegungRote Mütze mit weisser Schrift: Diese Kombination ist dreissig Jahre nach Spike Lees Eingebung in Amerika nicht in allen Kreisen beliebt. Sie steht weder für Sport noch für Mode, sondern inzwischen für eine Ideologie. Bereits während der ersten Amtszeit hatte der republikanische Präsident Donald Trump das rote Basecap mit dem Schriftzug seiner Bewegung «Make America great again» (Maga) getragen. Jetzt will er damit erneut auf und in die Köpfe der Menschen in den USA gelangen.Dazu eignet sich das Cappy bestens. Es steht für den Way of Life des Landes, für dessen Kultur, für die Arbeiterschicht, für die Leute in Flanellhemden, für die Trump angeblich einsteht. Er ist nicht der erste Politiker und Würdenträger, der mit dem Basecap seine Volksnähe zeigen will. Auch Prinzessin Diana trug eine vielbeachtete Baseballmütze, oder Trumps Vorgänger George W. Bush und Barack Obama. Und der amerikanische Papst Leo XIV. räumte mit einer Mütze alle Zweifel aus dem Weg. Der Pontifex aus Chicago ist ein Fan der White Sox und nicht der Stadtrivalen, der Cubs.Päpstliches Statement: Leo XIV. bekennt sich zu den Chicago White Sox.Remo Casilli / ReutersIm Sommer 2026 ist die Farbkombination Grün-Crème angesagt. Die «New York Times» hat diese Caps in Anlehnung an den Autoverkaufsschlager als «Toyota Camry des Schirmmützenmarktes» bezeichnet.Die Mützen mit grünem Schirm und crèmefarbener Kopfbedeckung sind in hippen New Yorker Vierteln und auf Golfplätzen offenbar allgegenwärtig. Der Brand Aimé Leon Dore lancierte diesen Trend laut der «New York Times» 2022, nicht zufällig mit einem leicht verwaschenen Touch. Viele Hersteller haben diese Kombination für ihre eigenen Basecaps gewählt. Sie erinnert vage an die 1990er Jahre, sie passt zu Menschen in Wachsjacken oder unförmigen Sweatshirts, die womöglich einen Land Rover fahren. Und sie erinnert an eine analoge, entspanntere Zeit, mit weniger roten Köpfen.Entschleunigt: 2026 liegt die Farbkombination Grün-Crème im Trend.Raimonda Kulikauskiene / GettyPassend zum Artikel
Warum das Basecap nicht mehr nur ein Sommer-Accessoire ist
Die Schirmmütze hat einen bemerkenswerten Wandel vollbracht. Vom Baseballfeld über Hollywood ist sie zum Alltags-Accessoire für jede Jahreszeit geworden – und gar zum politischen Boten.






