PfadnavigationHomeSportTennisJohn McEnroe„Der Davis Cup ist heute allen komplett egal. Das ist eine Schande“Von Steven Jörgensen, Dirk SchlickmannStand: 07:31 UhrLesedauer: 8 MinutenImmer noch gern auf dem Platz, immer noch Publikumsliebling: John McEnroe vor wenigen Tagen beim Charity Day in Roland Garros Quelle: picture alliance/SIPA/PSNEWZEr war brillant, temperamentvoll, streitbar: John McEnroe zählt zu den größten Spielern der Geschichte und ist als Experte immer noch mittendrin. Wenn er heute Tennis-Chef wäre, würde der 67-Jährige einiges ändern.John McEnroe zählt zu den Legenden seines Sports. Der Amerikaner gewann 17 Titel bei Grand-Slam-Turnieren – sieben im Einzel und zehn im Doppel. Bei den aktuell laufenden French Open in Paris ist der 67-Jährige für Eurosport als TV-Experte im Einsatz. Hier spricht er über die Superstars und fordert höheres Preisgeld im Tennis.Frage: Mister McEnroe, Alexander Zverev hat neunmal in Folge gegen Jannik Sinner verloren. Boris Becker kritisiert seine Körpersprache. Hat Zverev ein bisschen den Glauben daran verloren, dass er gegen die Nummer eins gewinnen kann?John McEnroe: Ich denke, dass er das hat. In seinem Kopf findet er momentan keinen Weg, wie er gegen Sinner spielen sollte. Das geht aber auch allen anderen so. Aktuell ist es am wahrscheinlichsten, dass man Sinner nur dann schlagen kann, wenn ihm die Hitze wegen seiner helleren Haut Probleme bereitet oder etwas Unvorhergesehenes wie eine Verletzung passiert.Frage: Wo steht Zverev aktuell?McEnroe: Bei den Australian Open hat er dieses Jahr im Halbfinale gegen Carlos Alcaraz möglicherweise die beste Leistung seiner Karriere gezeigt. Er hatte Pech, dass er nicht gewonnen hat. Aber Zverev hat so hart gekämpft, wie ich es jemals bei ihm gesehen habe.Lesen Sie auchFrage: Zverev ist 29, hat sehr starke Konkurrenz, die jünger ist. Hat er sein Zeitfenster für einen Grand-Slam-Turniersieg bereits verpasst?McEnroe: So kann man argumentieren. Gegen Sinner vergab er bei den Australian Open 2025 eine große Chance. Das schien ihm mental zuzusetzen. Aber ich muss ihn loben, dass er nach der brutalen Niederlage gegen Carlos Alcaraz 2026 in Melbourne den Kopf oben gehalten hat. Es sah danach so aus, als sei das Fenster geschlossen, weil Sinner und Alcaraz die vergangenen neun Grand-Slam-Turniere gewonnen haben. Aber durch die Verletzung von Alcaraz könnte es jetzt wieder etwas geöffnet sein.Frage: Wie würden Sie versuchen, Sinner zu schlagen? Mit Psychospielen?McEnroe: Ich würde viel beten. Nur das hilft. Natürlich müsste ich einen Weg finden, in seinen Kopf zu kommen. Das ist leichter gesagt als getan, denn er weiß genau, was die Gegner probieren. Sinner hat eine große Spannweite. Die würde ich auf die Probe stellen und ihn außerdem mit kurzen Schlägen nach vorn holen. Denn auf Sand rutscht man immer ein wenig, dadurch ist der erste Schritt beim Antritt schwieriger. Bei den Returns muss man ein sehr hohes Risiko gehen. Besonders beim zweiten Aufschlag musst du ihn büßen lassen.Frage: Sinner ist sehr kontrolliert. Gibt es genug Typen wie Sie früher im Tennis, die Emotionen auf dem Platz zeigen?McEnroe: Ich sage immer: Je mehr es gibt, desto besser! Daher hoffe ich, dass mehr von ihnen ihre Emotionen zeigen. Das gefällt mir besser. Ich möchte mehr Feuer und Emotionen sehen, das ist auch für die Fans besser. Alcaraz hat jede Menge Persönlichkeit. Sinner ist reservierter. Novak Djokovic zeigt seine Emotionen, Ben Shelton auch. Daniil Medwedjew dreht schon einmal durch. Taylor Fritz bleibt ruhiger. Bei einem Bublik weißt du nie, was passieren wird.Lesen Sie auchFrage: Wie gut sind Sinner und Alcaraz im Vergleich zu den Besten aller Zeiten?McEnroe: Vergangenes Jahr wagte ich es, bei den French Open zu sagen, dass die beiden sogar mit Nadal mithalten könnten. Da bekam ich zu hören: Oh mein Gott, wie kann er nur so etwas sagen? Ich liebe Rafa, er ist eine Legende. Aber ich hatte das Gefühl, dass die beiden ihn zwar nicht immer schlagen könnten, aber durchaus ab und zu. Die meisten anderen haben immer gegen Nadal verloren. Sinner ist so gut, dass es die Psyche seiner Gegner beeinflusst.Frage: Carlos Alcaraz sagte, als Nummer eins trage er eine Zielscheibe auf seinem Rücken. Jannik Sinner scheint der Druck dagegen nichts auszumachen. Ist das der größte Unterschied zwischen den beiden?McEnroe: Alcaraz ist damit doch auch sehr gut umgegangen. Die beiden haben sich vom Rest des Feldes abgesetzt. Es ist eine extrem unglückliche Situation für das Tennis und Carlos, dass er verletzt ist und nach den French Open auch Wimbledon verpassen wird. Das ist unfassbar schade! Jetzt scheint der Weg frei für Sinner zu sein. Wenn ich gefragt werde, ob ich auf Sinner oder den gesamten Rest der Teilnehmer wetten würde, setze ich auf Sinner.Frage: Sinner ist ein herausragender Grundlinienspieler. Doch er hat sein Arsenal durch einen starken Aufschlag und Stopps erweitert. Sind Sie überrascht, wie vielseitig er geworden ist?McEnroe: Wegen Alcaraz, der sich auch verbessert, war Sinner bewusst, dass er seine Spielweise ausbauen und weiterentwickeln muss, damit er mit Alcaraz und dem Rest der ATP-Tour mithalten kann. Das überrascht mich nicht. Jannik hat ein tolles Team, ist ein guter Typ, der das Beste aus sich herausholen will. Er geht mehr nach vorn, nimmt die Bälle früher und schließt Punkte am Netz ab. Da könnte er wohl noch besser sein, aber hat sich schon deutlich gesteigert. Sein Aufschlag ist verlässlicher geworden. Bei ihm etwas zu kritisieren ist fast schon absurd geworden.Frage: Wie gut ist Novak Djokovic noch?McEnroe: Es war unglaublich, dass er bei den Australian Open nach Rückstand noch gegen Sinner gewann. Das war eine der größten Leistungen, die ich jemals von ihm gesehen habe. Phänomenal! Wer hat sonst noch solch eine Härte, so viel Herz und Physis. Novak ist jetzt 39. Da braucht man diese Mentalität, um so lange durchzuhalten. Das ist verdammt schwer.Frage: Alcaraz leidet unter einer Handgelenksverletzung. Wie bewerten Sie das?McEnroe: Ich hatte nie so eine Verletzung, dafür habe ich nicht hart genug geschlagen. Das sind schreckliche Nachrichten für das Tennis. Ich denke bei so etwas immer an Spieler wie Juan Martín del Potro, die nach Handgelenksproblemen nie wieder komplett zu alter Form zurückfanden. Die Tenniswelt betet, dass Carlos gesund zurückkommt. Ich bete auf jeden Fall. Sein Fall zeigt, dass man nie etwas für selbstverständlich halten darf. Er war gerade noch der jüngste Spieler, der den Karriere-Grand-Slam gewann und ganz oben in der Welt stand.Frage: Unter den Spielern wird die Gerechtigkeit der Preisgelder heftig diskutiert. Der Anteil der Einnahmen der Grand-Slam-Turniere, der bei den Spielern landet, sei mit rund 15 Prozent zu gering. Wie sehen Sie das?McEnroe: Ich habe nach Paris einen 47 Jahre alten Artikel mitgebracht, in dem die Top-fünf-Spieler forderten, dass sie einen höheren Anteil am Preisgeld bekommen sollten. Ich gehörte damals dazu. Schon damals sahen wir, dass es nicht fair zugeht. Jetzt ist das Geld im gesamten Sport exponentiell gewachsen. Es ist ein absoluter Witz, wie klein der Anteil der Tennisspieler an den Einnahmen ist. Das ist winzig im Vergleich zu anderen Sportarten. Das halte ich für absolut unfair. Die Spieler sollten Partner der Grand Slams sein. Diese sollten ihnen nicht nur 14, 15 Prozent zuwerfen. Das sind jeweils sieben bis acht Prozent für Männer und Frauen.Frage: Warum hat sich das nie geändert?McEnroe: Wir hätten es damals schon ändern sollen, 1990 gab es eine Chance, als die ATP-Tour startete. Jetzt müssten die Spieler mal ein oder zwei Grand-Slam-Turniere boykottieren, wenn sie wirklich erfolgreich etwas ändern wollen. Leider ist ein Boykott der einzige Weg, um die Grand Slams zu einem Deal zu bewegen. Sonst werden die Veranstalter ihnen nur Kleckerbeträge von ein oder zwei Prozent mehr zugestehen. Gott bewahre, wenn sie plötzlich 20 statt 15 Prozent bekämen! Die Spieler haben recht, dass es unfair ist. Das gilt auch für die Profis, die weiter hinten in der Weltrangliste stehen. Das Geld sollte nicht nur für höhere Preisgelder, sondern auch für Pensionen für frühere Spieler genutzt werden. Ich weiß aber nicht, ob alle Spieler zusammenhalten würden. Anders funktioniert es nicht.Frage: Wenn Sie Tennis-Chef wären, was würden Sie noch verändern?McEnroe: Ganz oben auf meiner Liste steht, dass die Spieler Partner der Grand-Slam-Turniere werden. Außerdem hat mir früher der Davis Cup sehr viel bedeutet. Heute ist der allen komplett egal. Das ist eine Schande. Da frage ich mich, ob man den überhaupt noch fortsetzen sollte, was traurig ist. Der Laver Cup sollte mehr Bedeutung bekommen, weil Rod Laver eine unserer größten Legenden ist. Und die Australian Open sollten erst im März stattfinden.Frage: Ihr früherer Rivale Björn Borg wird am 6. Juni 70 Jahre alt. Hat er Sie zu einer Party eingeladen?McEnroe: Ich hoffe, dass ich ihn sehe. Die 70 ist etwas Großes. Es macht keinen Spaß, alt zu werden. Ich bin zweieinhalb Jahre jünger. Die gute Nachricht ist, dass wir noch da sind. Die schlechte, dass der Körper nicht mehr so mitmacht wie früher. Denn in deinem Kopf fühlst du dich ja viel jünger.Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“, „Sport Bild“) erstellt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.
John McEnroe: „Der Davis Cup ist heute allen komplett egal. Das ist eine Schande“ - WELT
Er war brillant, temperamentvoll, streitbar: John McEnroe zählt zu den größten Spielern der Geschichte und ist als Experte immer noch mittendrin. Wenn er heute Tennis-Chef wäre, würde der 67-Jährige einiges ändern.







