Im Westen sind asiatische Studenten immer weniger willkommen. Also gehen sie nach MalaysiaLänder wie die USA und Grossbritannien verschärfen ihre Visa-Regeln. Davon profitieren neue, unerwartete Universitätszentren: zum Beispiel Malaysia.27.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenStudenten an einer Uni in Malaysia: Immer mehr kommen aus dem Ausland.Syaiful Redzuan / Anadolu / GettyProfessor Abhimanyu Veerakumarasivam führt durch die Lobby des neusten Uni-Gebäudes, das nur mit einer Glastür von der Shoppingmall nebenan getrennt ist. Vorbei an den Ständen, an denen Studenten ihre Startups vorstellen: Jemand will eine App entwickeln, die Eltern von autistischen Kindern miteinander vernetzt. Professor Abhi, wie ihn an der Sunway-Universität alle nennen, führt weiter ins neue Medienlabor. Die Podcaststudios sind erst halb eingerichtet, es stehen noch eingepackte Mischpulte herum. Was das alles koste, sagt Professor Abhi, ein bisschen zu sich selbst, aber schon so, dass man es hört.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Sunway-Universität liegt etwas ausserhalb der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur. Ihr Geldgeber ist das Sunway-Konglomerat, es hat rund um die Universität eine kleine Stadt gebaut mit Shoppingmalls, Hotels, einem Freizeitpark.«Wir wollen das Harvard oder Cambridge des Ostens werden», sagt Professor Abhi. Er weiss, was das bedeutet, er hat in Cambridge doktoriert, bevor er Prorektor in Sunway wurde.Das war der typische Weg in den vergangenen Jahrzehnten: Ehrgeizige asiatische Studenten strömten an die Universitäten in den USA und Grossbritannien, wo sie viel Geld bezahlten für ihre akademische Ausbildung. Jetzt aber scheint sich etwas umzukehren. Die Zahl der internationalen Studenten im Westen nimmt ab. In Malaysia steigt sie jährlich.Bis 2050 will das Land 250 000 internationale Studenten anlocken. 2025 waren es bereits 160 000, mehrere Universitäten melden, dass die Zahl der internationalen Bewerbungen jährlich um ein Drittel zunimmt. Die grossen vier, die USA, Grossbritannien, Kanada und Australien, liegen in absoluten Zahlen zwar vorne – in den USA studieren über eine Million ausländische Studenten. Aber Malaysias Wachstum ist bemerkenswert. Bleibt es so hoch, könnte Malaysia in den kommenden Jahren in die Top Ten der Welt vorstossen und die ersten europäischen Länder überholen.Neue BildungshubsProfessor Abhi hat jetzt in einem Konferenzraum Platz genommen, aus dem Fenster sieht man Sunway-City, in der Mitte gibt es eine Lagune, und die Gebäude sind mit Fussgängerbrücken verbunden. Der Prorektor kennt die internationalen Universitätsrankings auswendig, im wichtigen «QS» ist Sunway im letzten Jahr um 129 Plätze vorgerückt. Die Uni gehört jetzt zu den fünfhundert besten Universitäten der Welt und zu den Top Hundert in Asien.«Die Welt wird multipolarer», sagt Professor Abhi, «die Menschen suchen heute nach neuen Zentren der Exzellenz. Wissen wird nicht länger von Einzelnen besessen. Gleichzeitig erlassen die traditionellen Bildungsländer wie die USA, Grossbritannien oder Australien neue Gesetze, die Studenten ermutigen, sich nach neuen internationalen Bildungsmöglichkeiten umzuschauen.»Die USA haben Einreise und Aufenthalt für viele Nationalitäten erschwert. Grossbritannien hat die Visa-Regeln für Studenten verschärft – die Zahl der ausländischen Studenten sinkt von Jahr zu Jahr. Man könne das nicht alles am derzeitigen Zustand der Welt festmachen, sagt Professor Abhi, «diese Veränderungen sind nicht über Nacht passiert»: In Malaysia investiere man seit gut zwanzig Jahren in die Universitäten, in die Forschung, und der Markt für Privatuniversitäten wurde liberalisiert. Man wollte weniger abhängig sein vom Westen. 2020 gründete die Regierung die «Education Malaysia Global Services», kurz EMGS.Deren Vertreter reisen an Bildungsmessen auf der ganzen Welt, um Malaysia bekannt zu machen. EMGS soll die internationalen Studenten nach Kuala Lumpur locken. Die Agentur hilft mit Studentenvisa, sie verspricht, das in fünf Tagen zu schaffen. Und am Flughafen in Kuala Lumpur haben die EMGS noch vor der Passkontrolle einen Stand, wo sie Neuankömmlinge in Empfang nehmen, sie mit einer gratis SIM-Karte, allen Einreiseinfos und einer Willkommenstüte versorgen.Die EMGS schätzt, dass dank den internationalen Studenten jährlich umgerechnet über 3 Milliarden Franken in die malaysische Volkswirtschaft fliessen. Hochschulbildung, das ist auch ein Geschäft. Die Studenten geben nicht nur für Bildung Geld aus, sondern auch fürs Wohnen und in der Freizeit. Private Universitäten sind Unternehmen und sind angewiesen auf die internationalen Studenten, die meist mehr bezahlen als lokale. Sie anzulocken, ist überlebenswichtig: Wegen der restriktiven Visapolitik der Regierung könnten in Grossbritannien in den kommenden Monaten bis zu 50 Universitäten schliessen.Die Sunway-Universität hat eine Partneruniversität in Grossbritannien und neu auch eine in den USA. Früher sei die britische Universität darum besorgt gewesen, dass Studenten in Malaysia auch wirklich gute Konditionen vorfänden. Die Konversationen hätten sich verändert, sagt Professor Abhi.Jetzt kämen die Briten nach Malaysia und stellten fest, dass ihre Infrastruktur nicht so gut sei wie jene in Sunway. «Die Idee ist nicht mehr, dass der globale Norden hierherkommt, um uns im globalen Süden zu helfen», sagt Professor Abhi, «ich bin der Erste, der sagt, wir haben noch viel von der westlichen Welt zu lernen. Aber ich würde auch gerne etwas Anerkennung und Bescheidenheit von westlichen Akademikern sehen – vielleicht können sie auch von uns lernen. Asien hat der Welt im Bereich Forschung und höhere Bildung viel zu bieten.»Preis wird wichtigerXiaoting Liang, 34, sitzt in einem der Aufenthaltsräume für Studenten der Universität Malaya. Es ist die grösste Universität Malaysias und hat heute fast ein Drittel internationale Studenten, Tendenz steigend. Xiaoting Liang kommt aus Chongqing in China, in Kuala Lumpur macht sie ihren Doktortitel in Linguistik. Um die chinesischen Studenten ist in den vergangenen Jahrzehnten ein Wettbewerb entstanden: Ihre Eltern legten viel Wert auf Bildung und hatten die finanziellen Mittel, sie an ausländische Privatuniversitäten zu schicken.Die chinesische Wirtschaft allerdings wächst nicht mehr so kräftig, die Menschen geben weniger aus. Auch das macht Malaysia als Bildungsstandort attraktiv. «Der Hauptgrund, hierherzukommen, waren die Kosten», sagt Xiaoting Liang. Nicht nur die Semestergebühren sind in Malaysia rund zwei Drittel tiefer als im Westen, auch die Lebenskosten. Ihren Master hatte Xiaoting Liang noch in Australien gemacht, für den Doktortitel wollte sie ihre Eltern nicht um noch mehr Geld bitten. Studieren im Westen wird für viele Chinesen schwieriger, das könne sich die Arbeiterklasse kaum mehr leisten, sagt sie.Sowieso habe das Prestige westlicher Universitäten in China etwas abgenommen, sagt Xiaoting Liang. Vor einigen Jahrzehnten sei das noch anders gewesen, da habe ein Abschluss aus Grossbritannien noch viele Türen geöffnet. Jetzt hätten so viele einen. Eltern würden noch mehr auf die internationalen Universitätsrankings schauen, und da rückten die Unis in Malaysia immer weiter vor.Xiaoting Liang.PD Malaysia ist spät in das Rennen um die chinesischen Studenten eingestiegen, dafür umso erfolgreicher: Laut der nationalen Statistik sind über 40 Prozent der ausländischen Studenten in Malaysia Chinesen.«Immerhin haben wir jetzt Optionen», sagt Xiaoting Liang.Malaysia unterscheide sich zudem kulturell weniger von daheim, als es westliche Länder tun, das bestätigen mehrere chinesische Studenten. Malaysia ist ein ethnisch gemischtes Land, viele Bewohner haben Vorfahren aus China oder Indien. Chinesische Studenten sehen hier auch einmal bekannte Schriftzeichen, sie finden ihr gewohntes Essen – das Leben fühlt sich weniger fremd an als manchmal im Westen. Und sie fallen nicht auf, wenn sie durch die Strassen gehen, es fühle sich sicher an, sagt eine Studentin aus China.Die Professorin Adeeba Kamarulzaman ist sich nicht sicher, ob ein Wendepunkt erreicht ist, «vielleicht ist es einer», sagt sie. Sie ist die Präsidentin der Monash-Universität in Kuala Lumpur – eines Ablegers der australischen Eliteuniversität, einst gegründet als eine Art Vorkurs für malaysische Studenten, die später in Australien ihr Studium abschliessen. In den vergangenen Jahren wurde aus dem Ableger eine vollwertige Uni. Studenten bekommen hier für weniger Geld als in Australien denselben Abschluss.Adeeba Kamarulzaman.PD Der Wendepunkt wäre erreicht, wenn asiatische Studenten eher in der Region bleiben würden, als in den Westen zu gehen. Kamarulzaman sagt, es werde immer junge Menschen geben, die nach Oxford oder Cambridge wollten. Die Konkurrenz für sie sind die mittelklassigen Universitäten im Westen. «Ich bin bescheiden genug, um zu sagen, dass wir uns noch verbessern können. Aber auf Bachelor-Niveau können wir eindeutig konkurrieren», sagt Kamarulzaman.Der rapide Anstieg von internationalen Bewerbungen an der Monash-Universität begann nach der Covid-Pandemie. Während der Pandemie sassen viele asiatische Studenten im Westen fest. Es gibt noch einen Faktor, der für Malaysia spricht, neben den Visa-Regeln, den Kosten und der kulturellen Nähe: Die Kinder bleiben in der Nähe. Kamarulzaman sagt: «Wir sind drei Flugstunden entfernt von Südindien. Dreieinhalb von Südchina. Das hilft.»Wer sein Kind nicht allzu weit in die Fremde schicken will, der schickt es vielleicht nach Malaysia. Auch die britischen Universitäten haben das gemerkt: Sie eröffnen Franchisen in Malaysia und leihen ihren Namen lokalen Unis. Studenten sollen für eine britische Bildung bezahlen, ohne selbst nach Grossbritannien zu kommen. Nicht immer geht das gut. Kürzlich wurde bekannt, dass der lokale Ableger der Universität Nottingham dem britischen Mutterhaus über fünf Millionen Pfund schuldet.Bleiben ist nicht erwünschtWas Malaysia seinen Studenten dagegen kaum bietet: die Möglichkeit, zu migrieren. Studentenvisa sind für nicht wenige Studenten ein Eintrittstor, um später Arbeit zu finden in Europa oder den USA und sich dann dort niederzulassen. «Unsere Studenten kommen nicht hierher, um zu migrieren», sagt Kamarulzaman.Malaysia will zwar Studenten, aber dauerhafte Migration ist nicht unbedingt erwünscht. Zwar hat Malaysia ein neues Visum eingeführt, damit ausländische Studenten nach ihrem Abschluss ein Jahr lang im Land bleiben können. Chinesische und indische Studenten sind allerdings nur in Einzelfällen zugelassen. Eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, ist schwierig. Die meisten chinesischen Studenten gehen nach dem Studium zurück in die Heimat.Sie mache sich keine Illusionen, sagt Kamarulzaman, der rapide Anstieg von Bewerbungen werde nicht immer so weitergehen. In China gebe es weniger Kinder, also auch weniger Studenten. Aber für die nächste Dekade würde sie schon noch gerne weiterwachsen. 2032 soll der neue Monash-Campus in Kuala Lumpur eröffnet werden. Ein Glaspalast, «neu und glänzend», nennt ihn Kamarulzaman, er soll eine Milliarde Franken kosten.Passend zum Artikel
Statt in die USA und England gehen asiatische Studenten heute nach Malaysia
Länder wie die USA und Grossbritannien verschärfen ihre Visa-Regeln. Davon profitieren neue, unerwartete Universitätszentren: zum Beispiel Malaysia.












