Falls jemand zufällig ein paar Tausend Dollar übrig hat und nicht weiß, was er damit anfangen soll, dann wäre vielleicht Block 212 eine Idee. Der liegt im Oberrang des Madison Square Garden, jener Mehrzweckhalle im Herzen von Manhattan, die sich selbstbewusst als die „berühmteste Arena der Welt“ vermarktet. Ein Ticket für ein Spiel der New York Knicks in diesem Oberrang jedenfalls, von wo aus Basketbälle mit bloßem Augen schwer zu erkennen sind (die meisten Basketballer sind zum Glück ein bisschen größer), wurde auf den einschlägigen Re-Sale-Plattformen zuletzt für 2858 US-Dollar angeboten. In Block 119, eine Etage tiefer, waren es bereits 10 225 Dollar. Ganz unten am Spielfeldrand, wo man den Schweiß der Spieler riechen und zwischen den Knicks-Ultras Spike Lee, Ben Stiller oder Timothée Chalamet sitzen kann, wollte jemand 102 608 Dollar für eine Eintrittskarte zu Spiel fünf der NBA-Halbfinalserie haben.Die beruhigende Nachricht ist: Niemand hat die aufgerufenen Preise bezahlt. Spiel fünf und sechs finden nämlich gar nicht statt. Denn die Knicks haben ihre Best-of-Seven-Halbfinalserie gegen die Cleveland Cavaliers bereits am Montagabend umstandslos mit dem vierten Sieg beendetet. Im vierten Vergleich (130:93) ließen sie das Team des deutschen NBA-Profis Dennis Schröder so chancenlos aussehen wie praktisch über die gesamte Serie hinweg. Schröder fehlte diesmal krankheitsbedingt, was aber sicherlich nicht spielentscheidend war. In dem einzigen dramatischen Moment dieser Halbfinalserie, als die Cavs im Schlussviertel des ersten Spiels einen 22-Punkte-Vorsprung verspielten, gab Nationalmannschaftskapitän Schröder zunächst eine unglückliche Figur ab und in der Verlängerung dann gar keine mehr, weil er auf der Bank saß.Basketball in der NBA:Wenn Muffensausen eine ganze Saison kostetDas Scheitern der Orlando Magic in den Playoffs trifft auch die deutschen Brüder Moritz und Franz Wagner hart. Verletzungen sind nur ein Teil der Erklärung – ihr Klub wirft prompt den Trainer raus.Die eher beunruhigende Nachricht für die Interessenten der Madison-Square-Garden-Ticketbörse aber lautet: Es ist nicht zu erwarten, dass die Eintrittspreise allzu tief in den Keller fallen, wenn die New York Knicks in den kommenden Tagen erstmals in diesem Jahrtausend in eine NBA-Finalserie starten. Dort treffen sie auf den Sieger der deutlich spannenderen Halbfinalserie der Western Conference zwischen dem Titelverteidiger Oklahoma City Thunder und den San Antonio Spurs.Gegen die Spurs spielten die Knicks auch ihr bislang letztes Finale im Jahr 1999, damals hatten sie gegen das Team um die sogenannten „Twin Towers“ Tim Duncan und David Robinson aber nicht viel zu melden und verloren deutlich. So lange ist das also schon her – als die New Yorker letztmals von einem NBA-Titel träumten, war der Spitzname „Twin Towers“ für zwei besonders große Spieler noch denkbar, weil die echten Twin Towers noch standen.Die Knicks haben nun elf Spiele hintereinander gewonnen, eine der längsten Siegesserien der NBA-Playoff-GeschichteDie New York Knickerbockers, so der volle Name, gehören zu jener Riege an New Yorker Sportmannschaften, die für ihre legendären Durststrecken berühmt sind. Die New York Jets (American Football) haben seit 1969 keinen Super Bowl mehr gewonnen. Die New York Mets (Baseball) warten seit 1986 auf einen Titel. Bei den Knicks ist es 53 Jahre her – damals im Jahr 1973, als in den USA noch Richard Knickson, Verzeihung: Nixon, regierte.All das entspricht natürlich nicht dem Selbstverständnis der größten Stadt der USA, die sich obendrein für die großartigste Ansammlung von Gewinner-Typen im gesamten Universum hält. Und deshalb kann man vielleicht verstehen, dass die Sehnsucht nach einem NBA-Titel nach all den Leidensjahren besonders groß ist. Wie auch, dass der sportbegeisterte Teil von New York derzeit andere Sorgen hat als die anstehende Fußball-WM und die damit zusammenhängenden Nahverkehrspreise. Weil sich eben so gut wie alle Stadtgespräche um Jalen Brunson drehen, den herausragenden Point Guard der Knicks. Und wer nicht über Brunson redet, der schwärmt höchstwahrscheinlich von Karl-Anthony Towns, OG Anunoby, Mikal Bridges oder Josh Hart, den anderen Stützen dieses Teams.Niemand aber reicht in Sachen Heldenverehrung auch nur ansatzweise an den 29 Jahre alten Brunson heran. Dessen Vater Rick Brunson spielte im Finalteam von 1999 mit, allerdings nur in einer Reservistenrolle. Die aktuelle Mannschaft dagegen neigt zur Jalen-Brunson-One-Man-Show. Seit er im Jahr 2022 von den Dallas Mavericks nach New York kam, haben sich die Knicks wieder zu einer festen Größe in den Playoffs entwickelt. Und Brunson zu einem Dauergast im All-Star-Game. Er erzielte in den vergangen vier Jahren die mit Abstand meisten Playoff-Punkte aller NBA-Profis und liegt in der ewigen Scorerliste der Knicks bereits auf Platz drei hinter den lebendigen Säulenheiligen Patrick Ewing und Walt Frazier.Neu und innovativ: Knicks-Coach Mike Brown (Mitte). Tim Phillis/AP PhotoBrunsons besondere Rolle drückt sich aber auch durch ein Opfer aus, das er im Jahr 2024 erbrachte und an das neuerdings wieder ehrfurchtsvoll erinnert wird. Bei seiner Vertragsverlängerung verzichtete er damals auf ein Jahresgehalt von 113 Millionen Dollar, indem er statt für die angebotenen fünf nur für vier Jahre unterschrieb, angeblich um den Knicks die Möglichkeit zu geben, das Team in der Breite zu verstärken und damit endlich wieder titelfähig zu machen. Nur so war es möglich, den Twin-Tower-großen Center Towns und den hochbegabten Shooting Guard Bridges zu holen. Brunson hat sie gewissermaßen finanziert – und das scheint sich jetzt auch für ihn auszuzahlen.In den laufenden Playoffs haben die Knicks nicht nur Cleveland, sondern auch die Philadelphia 76ers und die Atlanta Hawks auf beispiellose Weise deklassiert. Sie haben nun elf Spiele hintereinander gewonnen, eine der längsten Siegesserien der NBA-Playoff-Geschichte. Vor allem aber sieht das plötzlich alles so spielend leicht aus. Die Erwartungen waren auch vor dieser Saison wieder standesgemäß hoch – das Team ist seit Jahren eingespielt, der Coach Mike Brown ist neu und innovativ – aber dass es nun so gut laufen würde, dann hätten wohl nicht einmal Spike Lee und Ben Stiller für möglich gehalten. Die Knicks machen tatsächlich wieder Spaß, das ist vielleicht die eigentliche Sensation.Nach Informationen des Nachrichtensenders Spectrum News lag der durchschnittliche und tatsächlich bezahlte Ticketpreis für ein Playoff-Spiel im Madison Square Garden in diesem Jahr bislang bei 1350 Dollar. Das ist in jeder Hinsicht obszön. In einem Land aber, das sich an das sogenannte „Dynamic pricing“ längst gewöhnt hat, wirkt es vielleicht nicht ganz so außergewöhnlich, wie es aus der Perspektive des deutschen Sportpublikums erscheinen mag, das vor nicht allzu langer Zeit noch mit dem Slogan „Kein Zwanni für’n Steher“ auf die Barrikaden ging. In den USA richten sich nun einmal sämtliche Eintrittspreise streng nach Angebot und Nachfrage – und die Knicks sind dieser Tage so nachgefragt wie selten. Für die derzeit zurecht ziemlich frustrierten Fußballfans weltweit aber bedeutet das: Je weniger sie sich in den kommenden Wochen für die anstehende WM interessieren, umso bezahlbarer könnte es am Ende werden.