Es gibt für einen jungen Spieler bei der jährlichen Talentemesse der National Basketball Association (NBA) kaum einen undankbareren Ausgang, als erst in der zweiten Runde ausgewählt zu werden. Während alle 30 Basketballer aus dem ersten Durchgang der Nachwuchstombola, genannt Draft, einen Vertrag über bis zu vier Jahre erhalten, hat die zweite Tranche keine Arbeitsplatzgarantie.So passiert nur selten, was 2018 geschah. Da erhielten nicht nur die hoch eingeschätzten Talente wie der slowenische Spielgestalter Luka Dončić (Draft-Platz drei), der Kanadier Shai Gilgeous-Alexander (Platz elf) oder der Berliner Moritz Wagner (Platz 25) einen Job, sondern jeder der 60 gepickten Liganeulinge. Darunter: der damals einundzwanzigjährige Amerikaner Jalen Brunson, der zwar in drei College-Jahren zweimal mit der Universität Villanova die Meisterschaft gewonnen hatte und mit prestigeträchtigen Auszeichnungen wie etwa „Naismith College Player of the Year“ überhäuft worden war, aber erst als 33. gezogen worden war.Brunson ließ sich denn auch nicht entmutigen, sondern ignorierte die Degradierung. Schließlich hatte ihm an diesem Tag niemand seine Arbeitsmoral geraubt. Und so spielte er nach seinem ersten Profijahr die Sache als kleinen Betriebsunfall auf dem Weg zu höheren Zielen herunter: „Egal, an welcher Stelle man gedraftet wird, wir waren letztes Jahr alle Rookies. Wir mussten uns alle beweisen, aber ich bin überzeugt, dass ich mich noch in vielen Bereichen verbessern kann.“Das Gerede, Brunson sei sein Geld nicht wert, ist längst verstummtDer Rookie-Jahrgang von 2018 hat sich durch die Bank als sportlich hochwertig erwiesen. Zu den Jungprofis, die mit ihren Teams NBA-Champions wurden, gehören Rollenspieler wie Donte DiVincenzo (Meister mit den Milwaukee Bucks 2012) sowie Michael Porter Jr. und Bruce Brown (Titelgewinn mit den Denver Nuggets 2023), aber auch ausgewiesene Weltklassebasketballer wie Jayson Tatum (Boston Celtics, Finalsieger 2024) und im letzten Jahr Shai Gilgeous-Alexander mit den Oklahoma City Thunder.In diesem Jahr könnte sich auch Brunson, inzwischen 29 Jahre alt, in diese Liste einreihen. Das Gerede, das seinen Wechsel zu den New York Knicks 2022 begleitete, wonach er als Spielmacher mit einer Körpergröße von gerade mal 1,85 Meter nicht die 26 Millionen Dollar im Jahr wert sei, die ihm das Team auslobte, ist längst verstummt. Seine Bilanz als Anführer der Mannschaft wird nicht nur von der Statistik untermauert – die Knicks verpassten in der letzten Saison nur knapp die Endspielserie.In diesem Jahr geht die Mannschaft mit zwölf Siegen nach zwölf Play-off-Spielen in Folge in den Kampf um die goldene Larry O’Brien Trophy. Das Best-of-Seven-Duell gegen die San Antonio Spurs beginnt in der Nacht zum Donnerstag deutscher Zeit.Brunson punktet mit tänzerischer BeinarbeitEinmal mehr tritt Brunson dabei als Außenseiter an. So als hätte er noch immer nicht bewiesen, wie er auf seine unnachahmliche, unwiderstehliche Art manche Spiele für die Knicks quasi im Alleingang entschieden hätte. Und das selbst dann, wenn sich ihm bedeutend größere Gegner etwa vom Gardemaß des Spurs-Centers Victor Wembanyama (2,24 Meter) in den Weg stellen. In der NBA, wo in den letzten Jahren viele Teams auf Würfe aus der langen Distanz von jenseits der Drei-Punkte-Linie bauten, wurde sein Spielstil zu einem reiz- und wirkungsvollen Kontrastprogramm.Erste Finalserie seit 1999: Straßenfeiern in Manhattan nach dem vierten Sieg im Halbfinale gegen ClevelandAFPDie Pluspunkte: Körperkoordination und tänzerische Beinarbeit beim Dribbling auf engstem Raum, womit er blitzschnell seine Widersacher düpiert. Sein Repertoire aus schnellen Drehschritten, angetäuschten Sprungwürfen und Crossover-Ballwechseln gepaart mit einem energiegeladenen Zug zum Korb sieht wild aus, ist aber eindeutig effektiv. Er produzierte auf diese Weise in der regulären Saison 26,1 Punkte pro Spiel.Auffallend: wie wenig er den Körperkontakt vermeidet und wie oft er deshalb mit seinen flatternden Dreadlocks hart zu Boden geht. Wenn auch nicht so häufig wie Shai Gilgeous-Alexander und James Harden (Cleveland Cavaliers), die wegen ihrer geschickten Art, Fouls vorzutäuschen, als Flopping-Artisten und Schwalbenkönige der NBA verrufen sind.Frustrierende Geschichte der New York KnicksFür die New York Knicks geht es in dieser Finalserie um mehr als den bloßen Erfolg. Die Mannschaft, die ihre Heimspiele im Madison Square Garden von Manhattan austrägt, Spitzname „Mekka des Basketballs“, blickt auf eine frustrierende Geschichte zurück. Obwohl nur selten an Geld für Spieler, Trainer und Manager gespart wurde, datiert der letzte von gerade mal zwei Titelgewinnen in der langen Teamgeschichte aus dem Jahr 1973. Die nächste Generation, angeführt vom Dream-Team-Center Patrick Ewing zwanzig Jahre danach, schaffte es wenigstens zweimal bis in die Finalserie (1994 und 1999), wurde dort aber klar geschlagen.Einer, der Brunson besonders gut kennen- und schätzen gelernt hatte, ist Isaiah Hartenstein, der vor zwei Jahren nach einem längeren Abstecher in New York zu den Oklahoma City Thunder wechselte und dort 2025 den Titel gewann. Er vergleicht den Knicks-Spielmacher gerne mit seinem jetzigen Mannschaftskameraden Shai Gilgeous-Alexander: „Sie wollen beide gewinnen. Sie schieben beide ihre Egos zur Seite, arbeiten extrem hart und sind äußerst selbstbewusst.“ Aber als er im März bei der letzten Begegnung der beiden Mannschaften von Journalisten zu Brunsons Qualitäten gefragt wurde, gab er zu, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass sich der zu einem der besten fünf Basketballer in der NBA entwickeln würde. „Ich dachte durchaus, dass er ein guter Aufbauspieler ist, aber nicht, dass er so gut ist.“Er war nicht der Erste und nicht der Letzte, der das Potential des Amerikaners unterschätzt. In dieser Woche sind es die amerikanischen Wetter. Sie geben den San Antonio Spurs eine 67-prozentige Chance auf den Titelgewinn. Sie glauben offensichtlich, dass die Texaner, die in den letzten vier Wochen eine energiefressende Serie von vierzehn Spielen austragen mussten, um sich für die Finalserie zu qualifizieren, noch Reserven haben.Und dass die Knicks, die zwei entspannte Ruhephasen genießen konnten, plötzlich das Basketballspielen verlernt hätten. Dagegen spricht bereits die Geschichte der letzten Jahrzehnte. Mannschaften, die sich im Unterschied zu ihren Gegnern vor der Finalserie ausgiebig erholen konnten, gingen gewöhnlich als Meister vom Platz.