Invasion oder lokale Identität? Wie Pfauen einen italienischen Badeort spaltenIn Punta Marina leben mehr als hundert Pfauen. Während der Paarungszeit kreischen die Vögel schrill und laut. Für viele Einwohner eine tägliche Belastung, andere wollen die Tiere nicht mehr missen.26.05.2026, 16.09 Uhr4 LeseminutenEin Pfau zeigt in Punta Marina sein farbenprächtiges Gefieder. Die Vögel sorgen im Badeort an der Adriaküste für unterschiedliche Meinungen.Massimiliano Donati / GettyDer Pfau ist ein standorttreuer Vogel. Wenn er sich an einen Schlafplatz gewöhnt hat, kehrt er jeden Abend dorthin zurück. Darum leben die Pfauen in vielen Parks und Zoos frei auf dem Gelände. In einem Badeort an der italienischen Adriaküste wird die Standorttreue der Pfauen zunehmend zum Problem.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Punta Marina gehört zur Stadt Ravenna und zählt rund 3000 Einwohner. Und seit Jahren auch eine stetig wachsende Zahl exotischer Mitbewohner. Ein Vorbeikommen an den Vögeln ist kaum mehr möglich. Für die Einwohner bleiben oft nur zwei Möglichkeiten: Entweder lieben sie die Pfauen – oder sie verachten sie.Die Vögel laufen durch Wohnquartiere, sitzen auf Hausdächern, nisten sich in Gärten ein und hinterlassen dabei ihre Spuren. Für Touristen ist das eine Kuriosität, für viele Einheimische eine Herausforderung. Während die Zugereisten fotografieren, filmen und posten, klagen die Einwohner über Lärm, Schmutz und schlaflose Nächte. «Sie springen über die Mauer auf meinen Balkon und hinterlassen überall Kot», klagt ein Anwohner gegenüber der englischen Zeitung «The Guardian». Sein Bekannter fügt an: «Jedes Mal, wenn ich zu seinem Haus komme, trete ich draussen in Pfauenkot. Das ist unhygienisch, und die Pfauen müssen eingesperrt werden.»Gleichzeitig bringen sie dem kleinen Ort internationale Aufmerksamkeit. Das italienische Fernsehen berichtet regelmässig aus Punta Marina, jüngst auch der amerikanische Sender CNN mit der Schlagzeile: «Horde verliebter Pfauen sorgt für Aufsehen in italienischer Küstenstadt».Aus einem Pfau wurden mehr als hundertWie die Tiere nach Punta Marina gekommen sind, lässt sich heute nicht mehr eindeutig rekonstruieren. Laut einer lokalen Erzählung begann alles mit einem einzelnen Pfau, der ausgesetzt wurde und sich im Pinienwald am Ortsrand niederliess. Jeden Frühling soll er lautstark nach einer Partnerin gerufen haben, bis ihm schliesslich jemand eine Henne dazusetzte. Danach wuchs die Pfauenpopulation über Jahre hinweg an. Laut der Stadtverwaltung von Ravenna waren es 2023 noch vierzig Stück. Mittlerweile sind es laut Medienberichten mehr als hundert.Drei Pfauen laufen über die Strasse. In Punta Marina ist man sich das gewöhnt. Die Vögel blockieren immer wieder die Strassen.Massimiliano Donati / GettyZunächst lebten die Ziervögel in einer verlassenen Militärkaserne ausserhalb des Orts, später breiteten sie sich in Parks, Gärten und Wohnquartieren von Punta Marina aus. Viele Bewohner begannen, die Pfauen zu füttern, besonders während der Covid-Lockdowns im Jahr 2020. Da die Tiere im Ort kaum natürliche Feinde haben, vermehrten sie sich fröhlich weiter.Besonders während der Paarungszeit werden die Pfauen für viele zum Ärgernis. Das schrille Kreischen der Männchen, mit dem sie die Weibchen anlocken, beginnt oft noch vor Sonnenaufgang. Und es raubt vielen Anwohnern den Schlaf. «Die Pfauen schon ab drei oder vier Uhr morgens zu hören ist schlimm und belastend», klagte eine Anwohnerin in einem Fernsehinterview. Eine andere brachte ihre Verzweiflung kurz und knapp auf den Punkt. Sie imitierte den Paarungsschrei des Pfaus und rief: «Basta» – es reicht! Das Video ging in den sozialen Netzwerken viral, die Dorfposse erreichte neue Dimensionen. Der Pfau wurde zum Meme.An vielen Problemen sind nicht die Vögel schuldAuch das Ortsbild leidet. Die Vögel hinterlassen Kot auf Balkonen, in Gärten und auf Autos. Zudem kommt es zu Beschädigungen, weil sie ihr eigenes Spiegelbild in Fenstern oder glänzenden Oberflächen angreifen und dabei Fahrzeuge oder Fassaden zerkratzen. Manche Bewohner sprechen inzwischen offen von einer «Invasion» und davon, dass der Ort in «Geiselhaft der Pfauen» sei.Doch einfache Lösungen gibt es nicht. Unter anderem auch, weil die Meinungen in Punta Marina gespalten sind. Viele Bewohner lehnen drastische Eingriffe ab. Für sie sind die Vögel längst Teil der lokalen Identität. «Ohne sie würde mir etwas fehlen. Ich bringe ihnen immer etwas zu essen mit», sagt ein Anwohner in einem Fernsehinterview.Auch Experten widersprechen beim Begriff «Invasion». Pfauen seien weder gefährliche Tiere noch eine Plage im eigentlichen Sinn, erklärte der Biologe Marco Ferrari in italienischen Medien. Zwar könnten die Tiere Schäden verursachen und aggressiv reagieren, wenn man sie störe. Viele Probleme entstünden jedoch erst durch den Menschen selbst – etwa dann, wenn er die Pfauen trotz einem Verbot füttere.Zählungen und Umsiedlungen?Mittlerweile beschäftigt das Thema auch die Politik. Fratelli d’Italia, die Partei von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, wirft der Stadtverwaltung von Ravenna vor, die Beschwerden der Bewohner zu lange ignoriert zu haben.In Punta Marina sind die Pfauen längst mehr als eine Kuriosität geworden. Sie sind Teil des Alltags, den man nicht mehr loswird. Die Gemeinde prüft inzwischen eine Zählung der Tiere sowie mögliche Umsiedlungen, etwa in Tierparks. Auch Privatpersonen könnten einzelne Pfauen übernehmen.An Interessenten dürfte es kaum mangeln – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: «Wir haben zwar keinen Platz, um sie zu halten», sagte ein Bewohner in einem Fernsehinterview. «Aber gebraten schmecken sie auch gut.»Ein Pfau spaziert in Punta Marina auf dem Zaun eines Hauses entlang. Im Ort sind die Vögel längst Teil des Alltags.Massimiliano Donati / GettyPassend zum Artikel
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In Punta Marina leben mehr als hundert Pfauen. Während der Paarungszeit kreischen die Vögel schrill und laut. Für viele Einwohner eine tägliche Belastung, andere wollen die Tiere nicht mehr missen.









