Russland droht mit Eskalation und ruft zur Evakuation ausländischer Botschaften in Kiew aufNach dem schwersten Raketenangriff auf die ukrainische Hauptstadt seit Jahren kündigt Moskau an, systematisch die dortigen «Entscheidungszentren» ins Visier zu nehmen. Mit der Drohung maskiert der Kreml die Tatsache, dass Russlands Truppen an der Front feststecken.26.05.2026, 16.17 Uhr4 LeseminutenEin am Sonntag von Russland zerstörtes Einkaufszentrum in Kiew.Ori Aviram / ImagoNoch vor wenigen Monaten schwärmten russische Regierungsvertreter vom «Geist von Anchorage» und meinten damit die Übereinstimmung mit den Amerikanern, die sie letztes Jahr beim Gipfeltreffen der Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin in Alaska angeblich erzielt hatten. Doch die Hoffnung des Kremls, mithilfe der USA eine Kapitulation der Ukraine durchsetzen zu können, hat sich seither zerschlagen. Nicht nur hat Washington das Interesse an weiteren Verhandlungen verloren, auch auf dem Schlachtfeld entwickelt sich die Lage zu Russlands Ungunsten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als Aussenminister Sergei Lawrow am Montag im Auftrag Putins seinen amerikanischen Amtskollegen Marco Rubio anrief, überbrachte er deshalb statt eines neuen Verhandlungsangebots eine ganz andere Botschaft: Russland gehe nun zu systematischen militärischen Schlägen auf Rüstungsfabriken und Entscheidungszentren in Kiew über, kündigte er laut Angaben seines Ministeriums an. Zugleich rief Moskau ausländische Staaten dazu auf, ihr Personal aus den diplomatischen Vertretungen in der ukrainischen Hauptstadt so schnell wie möglich abzuziehen.Grosser Raketenangriff auf KiewDie russische Drohung erfolgt vor dem Hintergrund einer Eskalation, die seit einer kurzen Feuerpause vor gut zwei Wochen im Gange ist. Damals hatte der Kreml, um seine traditionelle Militärparade zum Gedenken an den Sieg im Zweiten Weltkrieg störungsfrei abhalten zu können, eine dreitägige Waffenruhe ausgehandelt. Doch die erkennbare Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen wirkte wie ein Zeichen der Schwäche, das Russland danach so rasch wie möglich korrigieren wollte.Bereits Mitte Mai lancierten die Kreml-Streitkräfte mit rund 1400 Langstreckendrohnen den grössten derartigen Angriff seit Kriegsbeginn. In der Nacht auf Sonntag erfolgte ein noch schwererer Schlag, diesmal zwar mit weniger Drohnen, dafür aber mit 90 ballistischen Raketen und Marschflugkörpern. Es war der umfangreichste Raketenangriff auf die Ukraine seit mehr als zwei Jahren und zugleich wahrscheinlich der heftigste auf Kiew seit Kriegsbeginn. Die Luftangriffe forderten mindestens vier Menschenleben und beschädigten auch eine Reihe von Kulturstätten, darunter das nationale Tschernobyl-Museum.Besondere Aufmerksamkeit erregte der Einsatz einer Mittelstreckenrakete des Typs Oreschnik. Russland hat diese mit Hyperschallgeschwindigkeit fliegende und atomar bestückbare Waffe bisher erst drei Mal eingesetzt, jeweils ohne nukleare Gefechtsköpfe und primär als Demonstration der militärischen Macht. Diesmal ging die Oreschnik-Rakete bei der Stadt Bila Zerkwa 60 Kilometer südlich von Kiew nieder, wobei laut Videobildern ein Areal mit Garagen zerstört wurde. In der Nähe befindet sich ein Heizkraftwerk, aber es bleibt unklar, ob es sich dabei um das angestrebte Ziel handelte.Vorwurf an die UkraineGenerell stellt sich die Frage nach den Motiven für die Eskalation. Offiziell begründet das Putin-Regime den jüngsten Grossangriff damit, dass die Ukrainer Ende vergangener Woche bei einem Angriff in Starobilsk in der russisch besetzten Provinz Luhansk eine Schule mit Wohnheim getroffen und dabei 21 Jugendliche getötet hätten. Die Behörden in Kiew bestreiten diese Darstellung und argumentieren, in Starobilsk ein Hauptquartier der russischen Drohnentruppen angegriffen zu haben. Ob die ukrainischen Kamikazedrohnen vom Kurs abkamen oder mit irrtümlichen Angaben über die feindliche Kommandoeinrichtung programmiert worden waren, bleibt unklar.Sicher ist, dass Moskau den Tod der Jugendlichen propagandistisch nutzt, um der ukrainischen Führung Verstösse gegen das humanitäre Völkerrecht vorzuwerfen, die Russland selber systematisch begeht. So tragisch der Fall Starobilsk ist, so unplausibel wirkt er als Erklärung für die russische Entscheidung, stärker denn je in Kiew zuzuschlagen. Zum einen hat die Eskalation schon vorher begonnen, zum andern brauchen die russischen Grossangriffe mit Raketen und Marschflugkörpern jeweils mehr Vorbereitung als nur die anderthalb Tage, die zwischen den Ereignissen in Starobilsk und der «Vergeltung» in Kiew vergingen.Naheliegender ist, dass der Kreml angesichts wachsender Zweifel an den russischen Siegesaussichten militärische Stärke demonstrieren muss. Dabei nutzt er die Tatsache, dass die ukrainischen Vorräte an Patriot-Abwehrraketen seit dem Winter fast aufgebraucht sind und die Luftverteidigung nur noch einen kleinen Teil von Russlands ballistischen Raketen abfangen kann. Die Drohung mit weiteren Grossangriffen auf Kiew ist daher ernst zu nehmen. Gleichzeitig ist aber zu berücksichtigen, dass auch Russland wegen Engpässen bei der Raketenproduktion seinen Luftkrieg nicht wesentlich ausweiten kann.Erstarrte FrontenIm Bodenkrieg hingegen zeigt sich immer deutlicher, dass den Kreml-Truppen die Initiative entgleitet. Die erwartete Frühjahrsoffensive hat nie richtig begonnen und keine nennenswerten Gebietsgewinne gebracht. Laut der ukrainischen Analysegruppe Deep State Map konnte Russland in den vergangenen 30 Tagen nur etwa 60 Quadratkilometer erobern – der niedrigste Monatswert seit mehr als zwei Jahren. Dass die Ukrainer die Invasoren für den Moment weitgehend gestoppt haben, wird auch von manchen Kriegsbefürwortern in Russland offen eingeräumt.Für Alarm sorgt in diesen Kreisen, dass die Ukraine dank neuen, weiterreichenden Kamikazedrohnen begonnen hat, die strategisch wichtigen Versorgungsrouten in der besetzten Südukraine anzugreifen. Im Internet kursieren Dutzende von Videos mit zerstörten Militärlastwagen und anderem Kriegsgerät. Das erschwert nicht nur den Nachschub für die russischen Truppen an der Südfront. Der militärnahe russische Blog Rybar weist darauf hin, dass wegen einer «lawinenartigen» Zunahme ukrainischer Angriffe auf die Versorgungslinien auch auf der besetzten Halbinsel Krim der Treibstoff rationiert werde und gewisse Waren knapp würden.Passend zum Artikel