Russland versucht aufs Neue, die westlichen Unterstützer der Ukraine mit Drohungen weiterer Angriffe auf Kiew einzuschüchtern. Die russischen Streitkräfte würden mit „systemischen Schlägen“ gegen Rüstungsunternehmen, Kommandostellen und „Entscheidungszentren“ in der ukrainischen Hauptstadt „beginnen“, teilte das Außenministerium in Moskau am Montagnachmittag mit.Mit dieser Formel umschreibt die russische Führung schon seit 2022 immer wieder angebliche Ziele der eigenen Angriffe. Wie schon vor dem 9. Mai, als die Ukraine Präsident Wladimir Putins jährliche Militärparade zum „Tag des Sieges“ von 1945 auf dem Roten Platz bedrohte, ruft Moskau jetzt abermals ausländische Staatsbürger, Diplomaten und Vertreter internationaler Organisationen dazu auf, Kiew „so schnell wie möglich“ zu verlassen.Die Wiederauflage der Taktik dürfte einerseits damit zu erklären sein, dass diese Drohungen in diesem Monat schon einmal Erfolg hatten. Andererseits damit, dass die Moskauer Führung derzeit aufgrund der militärischen Schwäche der Invasoren an der Front und der ukrainischen Schläge gegen Ziele im russischen Hinterland unter Druck steht.Lawrow ruft eigens Rubio anWie Putin am Abend des 9. Mai erzählte, „warnten“ seine Leute die Vertreter des amerikanischen Präsidenten Donald Trump vor „möglichen Folgen“ eines russischen Angriffs auf Kiew, mit dem „Resultat“ der dreitägigen Feuerpause, die Trump am 8. Mai verkündete. Dieses Mal rief Außenminister Sergej Lawrow seinen amerikanischen Amtskollegen Marco Rubio noch am Montag an, um „auf Anweisung“ Putins auf die Drohung hinzuweisen.Der Moskauer Mitteilung zufolge äußerte Lawrow sein „Bedauern“ darüber, dass „Vereinbarungen“ Putins und Trumps bei ihrem Gipfel in Alaska im August von „rücksichtslosen Bemühungen der Euroeliten und des Kiewer Regimes untergraben“ würden. Daraus spricht der Frust darüber, dass sich Hoffnungen bisher nicht realisiert haben, Trump werde die Ukrainer dazu zwingen, die weiter von ihnen kontrollierten Teile des Donezker Gebiets zu verlassen.Rubio sagte am Dienstag während eines Besuchs in Indien, derzeit seien keine neuen Gespräche mit den Russen und Ukrainern anberaumt. Die Russen, bestätigte Rubio, hätten Warnungen an alle Botschaften in Kiew geschickt, er habe diese Botschaft Trump weitergegeben. Kiew sei schon seit Jahren ein gefährlicher Ort, fuhr Rubio fort; bei Krisen drohe eine weitere Eskalation.Chinas Botschaft liegt nicht weit entfernt vom ukrainischen ParlamentIn Kiew befinden sich aber auch Botschaften von Ländern, mit denen Russland gut steht oder auf die es gar angewiesen ist. So ist die Botschaft Chinas nur etwa 400 Meter vom ukrainischen Parlament und höchstens 600 Meter vom Regierungssitz entfernt. China hat bisher seine Landsleute nicht aufgefordert, die Ukraine zu verlassen. Die Botschafterin der EU in der Ukraine kündigte an, man werde in Kiew bleiben, und sprach angesichts der Begründung für die Drohungen von einem „Meisterwerk der Heuchelei“.In der Nacht auf Sonntag griff Russland dann das Nachbarland, insbesondere Kiew, nach ukrainischen Angaben mit 90 Raketen und 600 Drohnen an. Allerdings muss ein solcher Schlag, wie das amerikanische Institute for the Study of War hervorhebt, länger vorbereitet worden sein als 24 bis 48 Stunden. Dutzende Menschen wurden durch die russischen Angriffe verletzt, zwei Personen in Kiew, zwei weitere im Umland der Hauptstadt getötet. Zahlreiche zivile Objekte wurden beschädigt oder zerstört, ein Einkaufszentrum, ein Markt, U-Bahn-Stationen, Museen.Nur einige Garagen zerstört nach Einsatz der OreschnikTrotzdem herrscht unter Russlands Kriegsenthusiasten Frust vor, insbesondere weil nach dem Einsatz der Mittelstreckenrakete Oreschnik über dem Ort Bila Zerkwa 80 Kilometer südwestlich von Kiew lediglich Bilder einiger zerstörter Garagen kursieren. Die Überschallrakete soll mit Nuklearsprengköpfen bestückbar sein, ist aber bisher nur mit Übungsmunition oder ganz ohne Sprengstoff eingesetzt worden. Zerstörend wirke die Oreschnik allein durch ihre Bewegungsenergie, hob nun das exilrussische Portal Medusa hervor.Schon bei den früheren Einsätzen gegen ein Rüstungswerk in Dnipro im November 2024 und gegen einen Gasspeicher nahe Lemberg (Lwiw) im Januar waren die Schäden beschränkt. Womöglich hat Russland in der Nacht auf Sonntag mindestens eine weitere der wohl Dutzende Millionen Dollar teuren Raketen verschossen. Sie soll im Donezker Gebiet niedergegangen sein, von Schäden wurde nichts bekannt, und ukrainische Analysten vermuten, diese Oreschnik könnte über besetztem Gebiet niedergegangen sein. Das würde neue Fragen über die Zielgenauigkeit der Waffe aufwerfen.„Ein seltsames Gefühl nach den nächtlichen Schlägen“ machte etwa der großrussische Gewaltdenker Alexandr Dugin aus. Während in Kiew noch Brände gelöscht wurden, klagte er auf Telegram: „Noch gibt es keine Mitteilungen über die Zerstörung von etwas wirklich Bedeutendem.“ Später hob Dugin hervor, die Angriffe hätten „niemanden von gar nichts überzeugt“. Mancher der sogenannten Z-Blogger machte sich gar über den Angriff lustig, in Verbindung mit Aufnahmen vom Ende der Veranstaltung Putins mit den Kriegsteilnehmern, als dem Herrscher das „dreifache Hurra“ offenbar nicht recht über die Lippen kam, sondern klang wie „Wra“. „Wie die SWO, so das Hurra“, schrieb etwa der Kanal Alex Parker Returns unter Verwendung des Kürzels für „spezielle Militäroperation“. „Das Ergebnis sieht man draußen.“Zugleich wird eine neue Maßnahme Putins als Eingeständnis militärischer Probleme gewertet: Putin unterzeichnete am Montag ein Gesetz, das Rekruten, die sich von Anfang Mai an zum Kriegsdienst verpflichten, Schulden bis zu einer Höhe von zehn Millionen Rubel (knapp 120.000 Euro) erlässt. Es erstreckt sich auch auf Familienmitglieder der Soldaten. Das Lockmittel ist nicht neu, eine Vorgängerregelung betraf Kredite, die bis 1. Dezember 2024 aufgenommen worden waren.