Mitten im Regenwald baut Indonesien eine neue Hauptstadt. In Nusantara soll alles besser werden. Kann das funktionieren?Jakarta ist das Zuhause für 42 Millionen Menschen. Doch die Stadt sinkt. Mitten im Dschungel tüftelt Indonesien an einer neuen Metropole.Erik Hlacer und Nikita Vaillant, Fotos: Nick Hannes26.05.2026, 07.28 Uhr12 LeseminutenAktualisiertDas spirituelle Herz im Beton: Die Staatsmoschee der neuen Retortenstadt.Nick Hannes / Panos PicturesSchimmernde Tower ragen in den Himmel, luxuriöse Wohnanlagen, Shopping-Malls mit verspiegelten Fassaden. In ihren Schluchten ein Meer aus Wellblechdächern. Knatternde Motorräder drängen sich durch die Gassen. Vorbei an Müllhaufen, an streunenden Katzen, an den Pak Oga – inoffiziellen Verkehrshelfern, die für ein bisschen Geld Ordnung in das Wirrwarr aus Taxis und Kleinbussen bringen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zur Mittagszeit strömen Schwaden von Angestellten hinab zu den mobilen Essensständen. Dann riecht es in Jakarta nach frittierten Gorengan oder Sate-Spiessen und nicht mehr nach Benzin.42 Millionen Menschen leben in Indonesiens Hauptstadt – mehr als viermal so viele wie in der Schweiz. Sie tragen den Feinstaub in ihren Lungen und sind dem Verkehr ausgesetzt wie einer Naturgewalt.Und doch sind der ewige Smog und der Stau nicht Jakartas grösstes Problem: Die Stadt sinkt. Weil Zugang zu Leitungswasser fehlt, pumpen Einwohner und Unternehmen Grundwasser ab. Dadurch sackt der Boden immer weiter ab. Gleichzeitig steigt der Meeresspiegel, so dass nördliche Teile der Stadt jetzt schon regelmässig unter Wasser stehen.Indonesien baut zwar seit 2014 einen 19 Kilometer langen Wall vor der Küste Jakartas, um die Fluten zu dämmen. Experten gehen trotzdem davon aus, dass der Norden der Stadt bis 2050 unter Wasser stehen könnte. Wann es so weit ist, kann niemand sagen. Doch während die Uhr unaufhaltsam tickt, hat Indonesien längst begonnen, sich eine neue Zukunft zu bauen. Die mutmasslich modernste Stadt aller Zeiten mitten im Dschungel – Nusantara. Wird das radikale Experiment funktionieren? Kann Indonesien eine Stadt der Zukunft bauen, in der alles besser wird?Am 16. August 2019 sieht noch alles danach aus. Da tritt der damalige Präsident Joko Widodo, genannt Jokowi, vor sein Parlament. Aus der Brusttasche seines goldverzierten Beskaps, dem indonesischen Sakko, quillt ein Batiktuch. Seine kunstvoll geknotete Kopfbedeckung ziert dasselbe Muster und sieht aus wie eine Krone.Diese Festtracht stammt aus Lombok, tausend Kilometer östlich von Jakarta. Jokowi und fast alle seine Vorgänger stammen aus Java. Mehr als die Hälfte des Bruttoinlandprodukts wird auf Java erwirtschaftet. Und auch die Sinetron, die kitschigen Telenovelas, die bis nach Westpapua flimmern, werden in Java produziert. Die anderen 13000 indonesischen Inseln wirken im Schatten Javas fast bedeutungslos.Jokowi bittet sein Parlament an jenem Tag im August um etwas Historisches: Die Hauptstadt soll auf die Insel Borneo verlegt werden. Als Symbol nationaler Einheit und Gerechtigkeit für alle Regionen, insbesondere den abgehängten Osten. Wegen der Überlastung und Notlage Jakartas – und weil die Region weniger von Erdbeben betroffen sei.Sprung vom sinkenden SchiffNoch bevor das Gesetz zur Verlegung der Hauptstadt im Parlament verabschiedet ist, beginnen im Sommer 2019 die Vorbereitungen. Architekten und Planungsbüros reichen ihre Entwürfe für eine Stadt ein, wie es sie noch nie gegeben hat. Den Zuschlag erhält der Architekt Sibarani Sofian, er soll den Masterplan erarbeiten.In Sibaranis Büro in Jakarta sitzen im Dezember 2025 ein paar Dutzend Stadtplaner dicht an dicht vor Bildschirmen mit 3-D-Modellen. An den Fenstern hängen schwere Vorhänge, die die Sicht auf das Chaos versperren, das draussen herrscht.Monumentale Stille: Auf der Plaza Seremoni wirken Besucher ziemlich verloren.Nick Hannes / Panos PicturesWer ist die Glamouröseste in ganz Nusantara? Casting-Teilnehmerinnen an einem Kulturfestival im Dschungel.Nick Hannes / Panos Pictures«Eine neue Hauptstadt zu planen und Jakarta den Rücken zu kehren, fühlt sich ein bisschen so an, als würde man von einem sinkenden Schiff springen», sagt Sibarani, der auf seinem Laptop von einem Modell zum nächsten scrollt. «Aber wann hat man schon einmal die Gelegenheit, eine Stadt von Grund auf neu zu bauen?»Die Errichtung Nusantaras bedeutet nicht, dass ganz Jakarta nach Borneo umzieht und 42 Millionen Menschen zur Wanderschaft zwingt. Vielmehr soll ein neuer Regierungssitz entstehen, der die wirtschaftliche und politische Schwerkraft des Landes verschiebt. Seit Jahrzehnten konzentrieren sich Wohlstand, Industrie und Infrastruktur auf Java – insbesondere auf Jakarta. Mit der neuen Hauptstadt auf Borneo will die Regierung die Entwicklung in andere Regionen lenken.Die Vision: eine Millionenstadt, die von Anfang an anders funktioniert – mit weniger Autos, mehr Grünflächen und kurzen Wegen. Eine Stadt der Zukunft.Sibarani ist inzwischen nur noch selten mit der Regierung im Austausch. Er hat seinen Masterplan 2022 fertiggestellt. Seitdem wird gebaut. Für 16000 Beamte, das Militär und die Polizei entstehen 47 Hochhaustürme, ab 2024 sollten Tausende von ihnen einziehen, was jedoch wiederholt verschoben wurde. Bis zum Jahr 2029 soll die Einwohnerzahl auf etwa 1,2 Millionen Menschen ansteigen, bis 2045 sollen rund zwei Millionen Menschen in Nusantara leben. Neben einem bereits errichteten staatlichen Zentralklinikum sowie drei Privatkrankenhäusern plant die Regierung unzählige Gesundheitszentren, Hunderte von Schulen und moderne Universitäten.Allerdings bietet Nusantara allein durch seine Lage eine besondere Herausforderung. Der Ort liegt in Kalimantan, dem indonesischen Teil der Insel Borneo, dessen Nordseite zu Malaysia und Brunei gehört. Die Region ist bekannt für Orang-Utans und Palmölplantagen, der Boden ist uneben und torfig, was Fundamente erschwert.Doch die Vision des ehemaligen Präsidenten Jokowi schmälert das kaum. Die Regierung hat eigene Kennzahlen vorgegeben: 60 Prozent Recyclingquote, 70 Prozent Begrünung, 80 Prozent öffentliche Verkehrsmittel, 10-Minuten-City – ein Konzept, bei dem alle wichtigen Orte des täglichen Bedarfs in maximal zehn Minuten zu Fuss oder mit dem Fahrrad erreichbar sein sollen –, so lauten einige dieser ambitionierten Ziele, die unabhängige Experten als etwas zu hoch gegriffen einstuften.Wenn der Planer zweifeltUnd auch Sibarani, der Masterplaner, äussert vorsichtig seine Zweifel. «Ich weiss nicht, warum es statt der 15-Minuten-Stadt unbedingt die 10-Minuten-Stadt sein musste», sagt er und schüttelt lachend den Kopf. «Aber meine Aufgabe ist es, diese Ziele umzusetzen.»Sibarani zieht seine Augenbrauen hoch, als sei das ganz und gar unmöglich. Dann blättert er eine Slide weiter auf seinem Monitor und lächelt zufrieden. In aufwendiger Arbeit habe das Büro einen Plan erstellt, der alle Anforderungen erfülle.Das wohl ungewöhnlichste Merkmal Nusantaras ist, dass die Stadt natürliche Gegebenheiten möglichst unberührt lassen möchte. «Normalerweise ebnen Ingenieure Flächen, bevor sie bauen – das ist einfacher», sagt Sibarani. In Nusantara dagegen sollen sich Gebäude und Strassen der Topografie anpassen und dadurch die Wälder Kalimantans nachahmen. Ökologische Korridore blieben erhalten. Die Natur komme zu den Bewohnern – sie sei keine Dekoration, sondern das Grundgerüst.Statt Klimaanlagen bis zum Anschlag sollen in den Regierungsbüros Stosslüften zu den richtigen Tageszeiten und einige Ventilatoren ausreichen. Die Planer haben sie in aufwendiger Arbeit so ausgerichtet, dass optimale Windkanäle zwischen den Mauern entstehen.Ob all diese Ziele erreicht und die Grenzwerte tatsächlich eingehalten werden, wird sich erst in vielen Jahren mit fortgeschrittenem Bau und echten Betriebsdaten zeigen. Schon heute aber ist eine Grenze dieser Netto-Null-Vision offensichtlich: Die Nachhaltigkeit wird vor allem innerhalb der Stadt gemessen. Die ökologischen Auswirkungen, die beim Bau andernorts entstehen, tauchen in dieser Bilanz kaum auf. Studien zeigen etwa, dass allein der Abbau und Transport von Gestein für Beton erhebliche Emissionen verursacht – weit ausserhalb Nusantaras.Anders als Jakarta leidet Nusantara kaum unter den Folgen des Abpumpens von Grundwasser. Laut Sibarani sei es vielmehr eine «Schwammstadt», die Wasser aufsaugt, statt es zu stauen, und sei damit bestens vor Überflutungen gewappnet. Grünflächen und durchlässige Pflastersteine liessen den in Indonesien so berüchtigten Starkregen durchsickern – und sollte der Boden trotzdem überschwemmen, fliesse das Wasser einfach zwischen den Pfeilern der Gebäude hindurch. Eine Bauweise, die von traditionellen indonesischen Stelzenhäusern inspiriert ist. Doch auch dieses Konzept kann keinen vollständigen Schutz garantieren: Extreme Regenfälle und die Folgen des Klimawandels werden auch Nusantara vor Herausforderungen stellen.Die letzte Slide. Sibarani ist am Ende seiner Präsentation angekommen. «Bisher mussten wir immer ins Ausland schauen, um funktionierende Städte wie Singapur zu studieren», sagt er und bündelt seine Vision noch einmal in einem Satz: «Nusantara kann zeigen, dass das auch in Indonesien möglich ist.»Die Geschichte kennt solche Versprechen. Immer wieder haben Regierungen neue Hauptstädte geplant. Brasilia, Canberra, Ankara – Retortenstädte, die am Reissbrett entworfen wurden, um Ordnung zu schaffen, Macht neu zu verteilen oder einen Neuanfang zu markieren.Wo regt sich hier Leben?Aber Städte wie Canberra wirken bis heute unvollständig und wenig lebendig. Auch Putrajaya, der Regierungssitz Malaysias mit den gigantischen, teilweise achtspurigen Strassen, scheint eher für Autos gebaut als für Menschen. Und bei der Planung Brasilias beschränkte man sich nur auf die Innenstadt, worauf die 1960 gebaute neue Hauptstadt Brasiliens von Favelas überwuchert wurde.Aufbruchstimmung: Für die Bauarbeiter ist Nusantara das Versprechen eines besseren Lebens.Nick Hannes / Panos PicturesDie zentrale Plaza Bhinneka ist schon einmal fertig poliert und repräsentativ befahrbar.Nick Hannes / Panos PicturesWie kann eine Stadt entstehen, die es besser macht als alle anderen? Wie lassen sich Menschen, Häuser und Natur miteinander verbinden, ohne dass der Regenwald verschwindet? Und vor allem: Kann ein Ort, der bisher nur auf Karten existiert, wirklich zum Leben erwachen?Der Flug von Jakarta zur Insel Kalimantan dauert zwei Stunden, von Indonesiens alter Hauptstadt dorthin, wo die neue entsteht. Offizielle Informationen, wie man Nusantara erreicht, gibt es nicht. Auch auf Google Maps wirkt Nusantara noch wie ein leerer Fleck. Erst bei starkem Hineinzoomen taucht der Name der Stadt auf, in der in drei Jahren immerhin eine Million Menschen leben sollen.Vom Flughafen führt eine zweieinhalbstündige Autofahrt durch dichten Regenwald und über kurvige Strassen, vorbei an Palmölplantagen und Erdaufschüttungen, bis zu einem behelfsmässig gebastelten Pfeil an einem Pavillon mit der Aufschrift IKN: Ibu Kota Nusantara - Hauptstadt Nusantara.Palast mit Bond-VibesDaneben hängen Werbung für koreanische Milch und eine Whatsapp-Nummer, die Ganzkörpermassagen verspricht. Nichts ausser ein paar Werbetafeln mit futuristischen Modellen deutet inmitten dieser staubigen und provisorischen Umgebung auf das Megaprojekt hin.Insgesamt soll die Hauptstadt 256000 Hektaren gross werden, das ist etwa das Fünfzigfache von Bern. Das Regierungsviertel, dessen Bau schon weit vorangeschritten ist, macht nur einen kleinen Teil aus, ist aber das prestigeträchtige Aushängeschild, allem voran der Präsidentenpalast, hinter dem ein knapp 80 Meter hoher Stahl-Garuda steht, eine Art Adler aus der indischen Mythologie und das Wappentier Indonesiens. In den sozialen Medien witzelt man deshalb, der Palast erinnere an den Unterschlupf eines James-Bond-Bösewichts.Die Strassen sind breit, breiter, als sie ursprünglich sein sollten. Der Architekt Sibarani Sofian hatte noch versucht, seinem Präsidenten diese Idee auszureden. Doch Jokowi bestand auf breiten Strassen als Ausdruck von Macht und Fortschritt.Vier Spuren in eine Richtung, daneben noch zwei Standstreifen. Es wäre ein Paradies für die Millionen Rollerfahrer Jakartas. Doch hier ist niemand weit und breit. Überhaupt wirkt alles leer, wie eine Stadt in der Pandemie: Busse stehen am Strassenrand, als wären sie eine Zierde, und auf dem Asphalt bewegen sich ab und zu die Schatten der Farnbäume. Sonst herrscht hier eine merkwürdige Stille.In zwei Jahren sollen im Regierungsviertel rund 100000 Beamte arbeiten, essen und leben. Heute sind es höchstens ein paar Tausend – und etwa genauso viele Bauarbeiter. Fünf von ihnen sitzen hinter einem Stromkasten im Schatten und erzählen, dass sie die Grünflächen instand halten und in Massenunterkünften wohnen. Einer der Arbeiter sagt, er finde die Idee mit der neuen Hauptstadt eine gute Sache. «Jakarta ist zu voll, zu dreckig.» Hier werde alles besser. Die anderen nicken.Wohnbauten und spielerisch geschwungene Spazierstege im Regierungsviertel Kipp.Nick Hannes / Panos PicturesSpuren menschlichen Lebens zwischen den Säulen der zukünftigen Autobahn nach Nusantara.Nick Hannes / Panos PicturesGegenüber von ihnen thront der neue Präsidentenpalast der indonesischen Regierung. Öffentliche Berichte aus dem Inneren gibt es kaum. Aber der Journalist Patrick Winn von «The World», einem Rundfunksender aus Boston, postete im vergangenen Dezember ein Video aus dem Palast. Zu sehen sind giraffengrosse Säulen, symmetrisch angeordnete Sitzmöbel und ein glänzender Boden – offenbar luxuriöser Labradorit-Granit aus Madagaskar. An der Decke hängen reich verzierte Kronleuchter mit langen, funkelnden Armen.Eine Stadt mit SeeleEtwa ein Fünftel des Gesamtbudgets von 30 Milliarden Franken für die neue Hauptstadt fliesst aus dem Staatshaushalt. Dass der Grossteil für die Infrastruktur im Regierungsviertel veranschlagt wurde, liegt nahe, denn das ist der sichtbarste Teil des Projekts, der Prestige schafft und Investoren anziehen soll.Doch ausländische Geldgeber sind zurückhaltend. Bis sich eine Investition rentiert, wird es unter Umständen noch Jahrzehnte dauern. Und das viel grössere Problem: Seit dem 20. Oktober 2024 regiert in Indonesien mit Prabowo Subianto ein Präsident, der neue Prioritäten setzt. Nusantara und den Präsidentenpalast hat er seit Amtsantritt erst einmal besucht und die staatlichen Mittel für das Projekt deutlich reduziert.Laut Prabowo soll Nusantara nicht das neue Wirtschaftszentrum werden, sondern lediglich der Regierungssitz. Experten bezeichnen diesen Kurswechsel als die grösste Gefahr für das Projekt Nusantara.Dabei hatte der Vorgänger Jokowi kurz vor Ende seiner Amtszeit noch einmal alles gegeben, um den Bau der Stadt voranzutreiben. Auch das Zentralklinikum und die Staatsmoschee stehen schon. Getreu dem Motto: Wenn all diese Prachtbauten fertig sind, wird niemand – auch kein künftiger Präsident – das Projekt abbrechen. Um das zu untermauern, hat Jokowi für die Errichtung der neuen Hauptstadt mithilfe des Parlaments extra ein eigenes Gesetz beschlossen. Niemand dürfe am Mega-Plan rütteln.Doch ganz so einfach ist es nicht. Über tausend Kilometer südlich von Nusantara sitzt der Wirtschaftswissenschafter und Bauingenieur Bambang Susantono in seinem Büro in Semarang, Java, und versucht, gegen den brüllenden Baustellenlärm im Gebäude anzureden.«Gesetze lassen sich ändern», sagt Susantono und schiebt seine Brille den Nasenrücken hoch. «Bis 2045 wird es unter Umständen noch fünf verschiedene Präsidenten geben. Wer weiss, was mit Nusantara passiert», sagt er. Prinzipiell sei es möglich, die Stadt binnen zwanzig Jahren aufzubauen, es brauche lediglich den politischen Willen. Doch an diesem fehle es, seit der neue Präsident das Sagen habe.Susantono war von 2022 bis 2024 der erste Leiter der Hauptstadtbehörde – und derjenige, der Sibaranis Masterplan praktisch umsetzen sollte. Sein Ziel war es, eine Stadt zu bauen, die die Leute nicht mögen, sondern lieben, «eine Stadt mit Seele».Das Herz aus WellblechEr besuchte 2022 immer wieder das zu bebauende Brachland, sprach mit den Menschen, die dort lebten, traf sich jeden Monat mit dem Präsidenten. Und der sagte ihm etwas, das ihn inspirierte: Nusantara solle ein Vorbild werden für alle anderen Städte, die künftig gebaut würden. «Für mich war es eine Chance, alle guten Konzepte zu vereinen.» Vor allem die Integration der Leute aus den bestehenden Siedlungen.Auch wenn es sich im Gespräch mit den Visionären manchmal anders anhört, entsteht Nusantara nicht auf einer unberührten Freifläche. Am Rande des Grundrisses liegen im Norden die Dörfer Bumi Harapan und Sepaku. Auch sie sollen Teil der neuen Hauptstadt werden. Ihre Bewohner – jeweils ein paar Tausend Menschen – sind überwiegend Landwirte, Fischer und Plantagenarbeiter, deren Familien in schlichten Häusern mit Wellblechdächern wohnen, die sich neben den Läden und Moscheen entlang der Strassen reihen. Die Kampungs, wie solche wild gewachsenen Siedlungen in Indonesien heissen, sind alles andere als smart, grün oder klimaneutral – doch in ihnen findet das Leben statt.«Ich liebe den alten Markt in Sepaku», sagt Susantono, der Ingenieur, in seinem Büro in der Universität. Das Stimmengewirr, die Händler, die Geräusche und die Gerüche – all das verleihe dem Ort Leben. Auch Nusantara brauche dieses Leben. Und so sollen beide Orte voneinander profitieren und ineinander fliessen. Sepaku bekommt eine moderne Infrastruktur, bessere Strassen und mehr Arbeitsplätze und dient der neuen Hauptstadt im Gegenzug als das, was nicht auf dem Reissbrett entworfen werden kann: als Herz, das Nusantara überhaupt erst zum Leben erweckt.Denn Regierungsgebäude allein machen noch keine Stadt. Erst wenn Beamte, Bauarbeiter, Händler, Lehrer und ihre Familien denselben urbanen Raum teilen, wenn Menschen nicht nur arbeiten, sondern auch einkaufen, ihre Kinder zur Schule bringen oder sich abends auf Märkten begegnen, entsteht, was Planstädten oft fehlt: echter Alltag.Ursprünglich war Susantono ein Visionär. Doch nach mehreren Jahren Bau, politischer Manöver und unerwarteter Wendungen überwarf er sich mit dem alten Präsidenten Jokowi und wurde entlassen. Aus seiner Zuversicht ist Skepsis geworden – die einen Schatten auf das Projekt wirft, das einst als bahnbrechendes Experiment begann.Nun sitzt er in seinem Büro und hält die Hände in die Luft. Zuerst nah beieinander, dann schiebt er die eine langsam nach oben und die andere nach unten, bis sie weit auseinanderliegen. «Das hier ist meine grösste Sorge», sagt er. «Dass die Kluft zwischen dem Regierungsviertel und den Siedlungen nur noch weiter auseinanderdriftet.» Er seufzt, als sei seine Sorge längst einer Gewissheit gewichen. «Dann wird Nusantara scheitern.»Gift der SkepsisBambang Susantono und auch Sibarani Sofian, der Architekt, der den Masterplan erschuf, scheinen nicht mehr überzeugt zu sein von der neuen Hauptstadt – dabei zählten sie einst zu den Visionären. Und der grösste Visionär von allen, Präsident Jokowi, ist nicht mehr im Amt.Der Erfolg von Planstädten lässt sich erst Jahrzehnte später bemessen. Selbst Washington (DC) wurde in seinen ersten Jahren als Schlammloch verspottet und brauchte über hundert Jahre, um die Stadt zu werden, die sie heute ist.Aus dem Flugzeug zurück nach Jakarta ist der stählerne Garuda schon nicht mehr zu sehen. Weder das gigantische Wahrzeichen noch ein Präsidentendekret können garantieren, dass Nusantara als Stadt der Moderne funktioniert. Sollten die Entscheidungsträger scheitern, Lebensqualität für alle zu schaffen, nicht nur für die Wohlhabenden – dann wird aus Nusantara eine seelenlose Kulisse. Eine Stadt ohne Zukunft. ■Nach Tagen im Dauerstau von Jakarta hatten die Autoren Erik Hlacer und Nikita Vaillant gewisse Sympathien für eine Hauptstadt mitten im Regenwald; ein Megaprojekt, ganz nach dem bildessayistischen Geschmack des Fotografen Nick Hannes.Passend zum Artikel
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