Zwischen skandinavischer Klarheit und Art-déco-Opulenz hat die dänische Innenarchitektin Stine Hollesen die Wohnung ihrer Grossmutter neu interpretiert. Entstanden ist ein farbstarkes, kosmopolitisches Zuhause, das Wohnen und Arbeiten unter einem Dach vereint.Das stattliche Haus aus dem Jahr 1895 im Kopenhagener Stadtteil Österbro trägt nicht nur die Handschrift der Architektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts, sondern auch die Vision von Stine Hollesens Grossmutter, die das Gebäude 1974 zusammen mit dem legendären dänischen Architekten Mogens Lassen hat umbauen und modernisieren lassen. Diese vielschichtige Designgeschichte bildet heute den besonderen Hintergrund für Stine Hollesens behutsame wie auch mutige Neugestaltung.Ihre internationale Laufbahn begann, als Stine Hollesen 21 Jahre alt war und in Spanien lebte, wo sie ihre Ausbildung zur Innenarchitektin absolvierte. Es folgten prägende Jahre in Spanien und Dänemark ­sowie sechs Jahre in Houston in den USA, bevor sie 2021 mit ihrem Mann nach Dänemark zurückkehrte. Nachdem sie im Laufe der Zeit auf allen Etagen des Familienhauses gelebt hat, bewohnt Hollesen heute mit ihrem Mann Lars Heisselberg die Wohnung im zweiten Stock auf grosszügigen 300 Quadratmetern. Von hier aus führt Stine Hollesen ihr Studio weiter. Kundentermine finden häufig im eindrucksvollen Esszimmer statt, das zugleich als kreativer Resonanzraum dient. Die Innenarchitektin Stine Hollesen sitzt auf einem Sofa von Ginger & Jagger. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Die 300 Quadratmeter grosse Wohnung strahlt eine elegante Opulenz aus. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Die kosmopolitische Perspektive spiegelt sich deutlich in ihrem Zuhause wider. Mit ihrer Faszination für Art-déco-Ästhetik schuf sie Räume, in denen skandinavische Designtradition auf globale Stilimpulse trifft. Kräftige Farbpaletten, sorgfältig kuratierte Erbstücke und internationale Designfunde zeigen, wie historische Architektur einen zeitgenössischen Ausdruck rahmen kann, ohne ihre Identität zu verlieren. Vergangenheit wird nicht konserviert, sondern weitergedacht.Modernistische Vision der 1970er JahreBevor das Paar 2022 einzog, wurde die Wohnung während anderthalb Jahren umfassend renoviert. Ziel war es, das architektonische Erbe zu respektieren und zugleich moderne Funktionalität zu integrieren. So wurde die Tür zum Wohnzimmer versetzt und eine neue Öffnung geschaffen, die mit Mogens Lassens charakteristischer Sprache der geometrischen Formen harmoniert. Inspiriert von den klaren Linien und funktionalistischen Prinzipien des Bauhauses prägen diese Elemente mehrere Räume – in Durchgängen, Erkern und Einbauten. Die Eingriffe sind präzise, aber subtil. Sie wirken selbstverständlich, als seien sie schon immer Teil des Grundrisses gewesen. Auf beiden Seiten des 63 Quadratmeter grossen Wohnzimmers gibt es eine Sofalandschaft. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Auch räumlich brachte die Renovierung markante Verbesserungen. Eine später eingezogene Decke im heutigen Schlafzimmer wurde entfernt, um die ursprünglichen Proportionen wiederherzustellen und dem Raum seine Grosszügigkeit zurückzugeben. Das ehemalige Schlafzimmer wich einem privaten Bad, während das frühere Bad in einen funktionalen Hauswirtschaftsraum transformiert wurde. Lassens geschwungene Decken und geometrische Öffnungen blieben als skulpturale Elemente erhalten und strukturieren die Wohnung subtil. So optimierte Hollesen den Grundriss, ohne die historische Substanz oder die modernistische Vision der 1970er Jahre zu kompromittieren.Zarte Rosatöne in der EingangshalleDas Schlafzimmer zeigt eindrucksvoll, wie geschickt die Innenarchitektin mit Stimmungen umzugehen weiss. Die kühle Farbpalette und die reduzierte Atmosphäre erzeugen Ruhe, während der Blick in den Park dem Raum Weite verleiht. Warme Textilien und sorgfältig ausgewählte Leuchten sorgen für Stimmung. Es ist ein Ort des Rückzugs, der in bewusstem Kontrast zu den expressiveren Gemeinschaftsräumen steht. Selbst der Hauswirtschaftsraum wurde mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Kranichtapete ist von Gucci, die Fliesen von Fliseuniverset. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Vom Balkon des Schlafzimmers in sanften Pudertönen fällt der Blick auf eine üppige Parkanlage. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Die Eingangshalle mit ihrer geschwungenen Decke empfängt heute in zarten Rosatönen und setzt ein selbstbewusstes Zeichen. Tapeten, Sofas, Leuchten und Kunstwerke aus verschiedenen Ländern ­verdichten sich hier zu einer vielschichtigen Komposition. Internationale Designklassiker stehen neben persönlichen Erinnerungsstücken. Und ein skulpturales Objekt auf dem Boden geht mit einer Fotografie an der Wand einen Dialog ein. Der Raum ist Durchgang und Bühne zugleich.Das langgestreckte Wohnzimmer mit ­seinen herausfordernden Proportionen von 4,5 mal 14 Metern wurde durch zwei klar definierte Sofalandschaften gegliedert. An einem Ende bildet der Kamin das natürliche Zentrum einer intimen Lounge-Zone, am anderen entsteht ein offenerer Gesprächsbereich. Massgefertigte Teppiche verbinden die Gruppen, während farbintensive Kunstwerke eine visuelle Klammer bilden. Ein Werk des spanischen Künstlers Jordi Alcaraz gehört zu den persönlichen Favoriten des Paares und fungiert als kraftvoller Blickfang. Unterschiedliche Materialien wie Messing, Marmor, Samt und Wolle schaffen Tiefe und spiegeln Stine Hollesens internationale Designreise. Die Lounge-Zone mit Kamin im Wohnzimmer. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Die Bibliothek präsentiert sich in sattem Bordeaux und entfaltet eine beinahe theatralische Stimmung. Ein markantes Sofa trifft auf ausgewählte Fotografie, runde Tische und sorgfältig platzierte Leuchten. Der Raum wirkt wie ein intimer Salon, in dem Gespräche ebenso selbstverständlich stattfinden wie konzentrierte Arbeit.Mintgrün und GoldDas Esszimmer übernimmt eine doppelte Funktion: Es ist Treffpunkt für Gäste und inspirierender Besprechungsraum für Kundinnen und Kunden. Eine mintgrüne Decke kontrastiert überraschend mit der gelben Tapete, goldene Vorhänge greifen die Nuancen des gemusterten Teppichs auf. Ein antiker Tisch mit handbemalter Platte wird von spanischen Stühlen umgeben. Eine markante Art-déco-Deckenleuchte setzt einen glamourösen Akzent, während Kunstwerke aus Spanien und Erinnerungsstücke aus Houston die Brücke zwischen Kontinenten schlagen. Hier verschmelzen Professionalität und Privatheit auf elegante Weise. Im Esszimmer mit seiner mintgrünen Decke und den gelben Wandtapeten werden auch Kunden empfangen. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Von dort führt der Weg in die Küche, die Stine Hollesen als romantisch interpretierten Boudoir-Raum konzipierte. Sämtliche Geräte sind diskret hinter eleganten Fronten verborgen, so dass die Funktion in den Hintergrund tritt und die Atmosphäre im Vordergrund steht. Wandverzierungen verströmen Wärme und Struktur, während die mintfarbene Kochinsel mit gerundeten Ecken als skulpturales Zentrum wirkt. Ein grosser Spiegel reflektiert das Licht und lässt den Raum noch grosszügiger erscheinen. Selbst der angrenzende Hauswirtschaftsraum wurde ästhetisch gestaltet – eine Haltung, die Hollesen aus ihrer Zeit in den USA mitbrachte. Stine Hollesen hat die Küche im romantischen Boudoir-Stil entworfen. Das Zentrum bildet eine mintgrüne Kochinsel. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Stillleben auf der Küchenabdeckung aus schwarzem Corian. Birgitta Wolfgang Bjørnvad Das angrenzende Bad zum Schlafzimmer interpretiert italienische Eleganz mit deutlicher Art-déco-Note. Ein bordeauxroter Marmorboden verleiht dem Raum dramatische Wärme, gerillte Badmöbel nach eigenem Entwurf und integrierte Schranklösungen verbinden Funktionalität mit gestalterischem Raffinement. Dusche und Toilette sind hinter eleganten Türen verborgen, so dass ein ruhiges, dezent luxuriöses Gesamtbild entsteht. Der rote Marmor in der Duschkabine verleiht dem Bad eine Art-déco-Atmosphäre. Birgitta Wolfgang Bjørnvad So ist eine Wohnung entstanden, die Vergangenheit und Gegenwart, Skandinavien und Weltläufigkeit, Familiengeschichte und persönliche Handschrift vereint. Stine Hollesen hat ihr Erbe bewahrt, indem sie es transformierte. Das Ergebnis ist ein lebendiges Gesamtkunstwerk. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.