PfadnavigationHomeIconDesignTRENDSTische aus Marmorstaub, Holz wie TeigwürsteVeröffentlicht am 26.06.2025Lesedauer: 7 MinutenAuch das ist skandinavisches Design: Tischserie „Kern“ von Monica FörsterQuelle: © Stefano Bellamoli 2025Skandinavisches Design beweist einmal mehr seine Relevanz. Es denkt Tradition weiter, sucht nicht das Spektakel – sondern die Form, die bleibt.Schönheit aus Respekt bei Fritz HansenDänische Möbelmarken sind sehr stolz auf ihr Designerbe und wachen eifersüchtig darüber. Und dann ist es ein Zypriot mit Studio in London, der es zeitgemäß weiterführt: Michael Anastassiades hat für Fritz Hansen den Massivholzstuhl „After“ entworfen – ein puristisches Möbelstück, auf dem man verblüffend bequem sitzt. Sitz und Rückenlehne sind halbrund, die vier Beine eckig. Ganz einfach eigentlich, aber wie diese Formen zusammengeführt werden, ist ein kleines Meisterstück der Proportionen und der Präzision. Die Beine sind hochgezogen bis zur Lehne, diese liegt so auf, dass sie ein wenig überstehen – ein Detail, durch das der Stuhl wie Kleinarchitektur wirkt und schon jetzt Klassikerpotenzial hat. Lesen Sie auchKein Wunder: Anastassiades grub sich dafür durch die Geschichte des Stuhl-Designs im Allgemeinen und des dänischen im Besonderen. Allein im Archiv von Fritz Hansen, einem Unternehmen mit mehr als 150 Jahren Tradition, fand er sechs Vorgänger, auf die er sich mit seinem Entwurf bezog. „Mich fasziniert am dänischen Design die Vorstellung, dass es nicht um das Ego einzelnen Designer und ihrer Handschrift geht, sondern um ein Kollektives Schaffen, den Aufbau auf etwas, das vor langer Zeit begann“, sagt er. „Das war man Ansatz“ Kann man einem Erbe besser Respekt erweisen? Eleganter Brutalismus von Monica Förster bei FogiaStaub zu Tisch: Monica Förster, eine der einflussreichsten skandinavischen Designerinnen, hat mit „Kern“ ein skulpturales Tischsystem aus einem innovativen Marmor-Material entwickelt. Dieser „OUTT“ genannte Werkstoff war der Ausgangspunkt für den Designprozess. OUTT ähnelt einem Mikro-Terrazzo, wird ebenfalls aus Marmorresten hergestellt, doch neu ist, dass das Bindematerial zu 85 Prozent aus Marmorstaub besteht (die restlichen 15 Prozent aus Zement). Die Bruchkanten der Platten erinnern an die Struktur von gebrochenem Styropor. Und genau dieser Effekt, eine abgebrochene Ecke, ist das kraftvolle Merkmal der drei Tische in verschiedenen Höhen und Formaten, die immer wieder neu kombiniert werden können – aber genauso als Einzelstück bestehen. „Kern“ findet man im Programm von Fogia, einem schwedischen Unternehmen, das skandinavisches Designverständnis mit italienischer Eleganz verbindet.Schrankbretter zu Designmöbeln bei AHECAHEC, das American Hardwood Export Council, überrascht immer wieder mit außergewöhnlichen Designkooperationen. Für das 3daysofdesign-Projekt in Kopenhagen betraute der Handelsverband für die amerikanische Laubholz-Industrie drei junge Designer mit der Aufgabe, aus Brettern der als „Schrankholz“ bekannten Güteklasse „No.1 Common“ Möbel zu entwerfen, die das britische Unternehmen Benchmark in seinen Werkstätten umsetzen würde. No.1 Common hat Narben, Astknoten, unterschiedlichen Färbungen – ist also im herkömmlichen Verständnis nicht makellos. Andu Masebo aus London ist kein klassischer Produktdesigner, er bewegt sich an der Schwelle zur Kunst, denkt mehr in Konzepten als einzelnen Objekten. Für die Ausstellung in Kopenhagen entwarf er den „Around Table“ – einen modularen Tisch aus acht Segmenten, der als Kreis oder als Welle angeordnet werden kann. Dazu Hocker, die die Form der Tischsegmente aufnehmen. Seine Wahl fiel auf Ahornholz. Um ein immersives Erlebnis zu kreieren, wurde den ersten Besuchern in Kopenhagen Ahornsirup-Eis (und Kirscheis) auf einer eigens entworfenen Schale samt geschnitztem Spatel serviert. Die norwegische Designerin Anna Maria Øfstedal Eng ließ sich für ihre „Kontur“-Serie von Ästen und Wurzeln inspirieren. Sie sorgte bei den Handwerkern von Benchmark mit ihrer Idee für schlaflose Nächte, denn was eigentlich wie handgeformte, unregelmäßige Teigstränge aussieht und die Kanten eines Sideboards und einen Spiegel umrahmt, besteht aus Birkenholz. Wie sie bei der Präsentation eindrücklich mit ihren ineinandergreifenden Fingerknöcheln der beiden Hände demonstrierte, sollten die Türen des Sideboards ebenso ineinandergreifen. Am Ende galt: mission accomplished. Möbel für eine Arbeitsumgebung entwarf der in Kopenhagen lebende britische Designer Daniel Schofield: Tisch, Bank, Hocker und Raumteiler aus Kirschholz. Für die originelle Ausstellungsarchitektur aus Abfallholz aus der Produktion der Möbel des Projekts und farbigen Spanngurten war Kia Utzon Frank verantwortlich. Styling für einen stillen Star bei LepoManchmal braucht man nur ein neues Outfit, um seine Qualitäten ins rechte Licht zu rücken. Der Stuhl „Moderno“ bekam seins von der Kopenhagener Modedesignerin Stine Goya verpasst. Der „Moderno“, entworfen 1960 vom finnischen Designer Yrjö Kukkapuro (1933-2025) und seither produziert von der finnischen Möbelmarke Lepo, hat ein zierliches Stahlrohrgestell, eine kleine runde Sitzfläche und eine schmale Rückenlehne mit abrundeten Ecken. Er ist leicht, stapelbar, funktional – ein bescheidener Klassiker mit Bestseller-Qualitäten. „Allein in die Sowjetunion ist er hunderttausendfach verkauft worden“, sagt Ida Kukkapuro, die Enkelin des Designers. Bei so viel Verlässlichkeit ist die schiere Schönheit des Designs vielleicht ein wenig aus dem Fokus geraten – die Klarheit der Form und ihre unaufgeregte Eleganz. Stina Goya holt sie mit einer im besten Sinne modischen Farbpalette – von Rosa über Geld, Orange, Blau bis zu Cremeweiß -, und mit Streifen- und Karomuster für die Sitzbezüge wieder hervor, alles ist frei kombinierbar, sogar die Rückenlehnen kann man, in der Herstellung eine Herausforderung – zweifarbig haben. 40 Varianten gibt es insgesamt, das ist dann schon ein ganzer Kleiderschrank. Wie es sich gehört für eine Stilikone. Textile Farbfrequenzen bei KvadratDas Wasser in den flachen schwarzen Becken unter den wehenden Vorhängen kräuselt sich, dann wird es wieder spiegelglatt. Kein Wind setzt das Wasser in Bewegung, sondern Sound: unter den Becken sind unsichtbare Lautsprecher angebracht. Die Installation im Showroom von Kvadrat greift den Titel der neuen Vorhangstoff-Kollektion auf: „Frequency“. Isa Glink, Kreativdirektorin von Kvadrat Residential, arbeitete für die Kollektion mit zwei Berliner Designstudios zusammen: Meyers & Fügmann sowie Katrin Greiling. „Es geht um Rhythmus“, sagt Isa Glink, „und die generischste Form von Rhythmus sind Streifen.“ Katrin Greiling, die auch Interiors und Möbel entwirft, entschied sich, „das Statische von Streifen aufzulösen.“ Und zwar durch Bewegung, Licht und unterschiedlichen Streifen-Rhythmen. Gefertigt sind ihre beiden Stoffe „Roadstar“ und „Reverse“ in Naturtönen aus recyceltem Polyestergewebe, das eine Anmutung wie leichtes Leinen hat. Sarah Meyers und Laura Fügmann betrachten Farbe als Material, sie arbeiten viel an ihrem Musterwebstuhl, kreieren Verläufe durch Schussabfolge und Bindung, und experimentieren – auch wie sich Farben unter dem Einfluss von Sonnenlicht und Zeit verändern. Ihr Stoff „Set up“, ein Jacquard, kreiert auch durch unterschiedliche Bindungen Farbverläufe. „Scan“ wiederum erinnert an ein abstraktes grafisches Gemälde und basiert auf einer Kombination von Siebdruck und Sprühfarbe. Lesen Sie auchGipfeltreffen, aber anders, bei Artek + MarimekkoDer dreibeinige Hocker „60“ des Architekten Alvar Aalto gehört zu den Superikonen des Möbeldesigns, sein Hersteller Artek zu den finnischen Superbrands. Eine andere finnische Superbrand ist die Stofffirma Marimekko, deren Superikone wiederum „Unikko“ heißt, ein Textildruck aus großen Mohnblumen in leuchtenden Farben. Schon klar, was da bei einer Kollaboration herauskommt: Ein Hocker mit knallbuntem Blumendekor. Von wegen. Die Limited Edition „Artek + Marimekko“, die ab 4. September erhältlich sein wird, zeigt den „Stool 60“ nicht in Farbe, sondern mit Naturholz-Intarsien auf der Sitzfläche. Und deren Muster besteht aus Schlangenlinien oder eckigen Punkte - „Lokki“ und „Havi“, zwei Dekors aus der Serie „Arkkitehti“ (Architekt) von Marimekko. Sehr diskret und selbstbewusst. Das Erwartbare? Haben Ikonen nicht nötig.Ein Möbel als Museum bei Man of PartsEs gibt wenige Designer, die so viel reisen wie Sebastian Herkner. Er hat Kunden auf der ganzen Welt und findet überall Inspiration – Handwerkstechniken, Mauerstrukturen, Architektur, Landschaften – jeder Eindruck kann in einen Entwurf münden. Für die kanadische Luxusmarke Man of Parts hat er gerade das Regal „Chapman’s Peak drive“ entwickelt, benannt nach der spektakulären südafrikanischen Küstenstraße, die sich nahe Kapstadt an steile Klippen über dem Atlantik schmiegt. Diese Klippen standen Pate für das Möbelstück. Eigentlich ein Zwitter aus Konsole und Setzkasten, ist es wie gemacht für Kunstobjekte und exquisite Erinnerungsstücke aus aller Welt. Ein Objekt wie eine Privatgalerie, das selbst wie eine Plastik wirkt. So etwas gab es bisher nicht. Es ist eine Klasse für sich. Ins Schwarze getroffen bei FredericiaDass dänisches Design nicht zwingend minimalistisch ist, hat nicht nur Verner Panton mit seinem berühmten Freischwinger aus Kunststoff gezeigt. Auch Nanna Ditzel experimentierte schon in den 1960ern mit Schaumstoffmöbel in starken Farben. Aber diese „Bank für zwei“, die sie 1989 entwarf und die jetzt von den Möbelmarken Fredericia und A. Petersen gemeinsam neu auf den Markt gebracht wird, ist eine andere Zündstufe. Die Mischung aus Zielscheibe, Schmetterling und Puzzlespiel (denn aus der Sitzfläche lässt sich Stück herauslösen und als Tisch oder Hocker nutzen), wirkt auf den ersten Blick eher wie eine Skulptur zum Sitzen, nicht wie ein Möbelstück, und scheint von der italienischen Memphis-Bewegung geprägt, die in den 1980ern mit Möbeln wie Bauklötzen in starken Farben und grafischen Mustern dem Minimalismus den Kampf ansagte. Aber die klaren Formen, das Material und die handwerkliche Herausforderung, die allein in der aus Schichtholz gebogenen Rückenlehne steckt, sind nordish by nature. Man kann auf die eigene Tradition zielen und sie trotzdem bewahren.