Das chinesische Monaco: wie Peking ausländische Firmen auf die Tropeninsel Hainan locken willKeine Zölle, rekordverdächtig niedrige Steuern, einfache Genehmigungsverfahren: Chinas Regierung errichtet im Süden des Landes eine riesige Freihandelszone. Doch aller Anfang ist schwer.26.05.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenNach einem kurzen Boom während der 1990er Jahre knickte das Wachstum auf Hainan wieder ein. In der Hauptstadt Haikou brach der Immobilienmarkt zusammen. Heute hinkt die Insel vielen Provinzen auf dem Festland wirtschaftlich hinterher.CFOTO / Future Publishing / GettyWer einen Eindruck davon bekommen möchte, was auf Hainan alles möglich ist, muss von Haikou, der Hauptstadt im Norden der Insel, immer die Küste entlang Richtung Westen fahren. Nach etwa zwei Stunden kommt die Hafenstadt Yangpu in Sicht. Die Autobahnausfahrt mündet in eine vierspurige Strasse, die Grünstreifen links und rechts sind mit Kokospalmen bepflanzt. Hainan versprüht den Charme einer Ferieninsel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nach weiteren zwanzig Minuten taucht rechts ein Campus auf. Das Gras neben der Einfahrt ist akkurat geschnitten, die gepflasterten Wege sind sauber gefegt. Im Hintergrund erheben sich zwei moderne Unterrichtsgebäude. Das Schild am Eingang verrät, wer die Lehranstalt betreibt: die Hainan Bielefeld University of Applied Sciences.Im Jahr 2023 eröffnete die Hochschule Bielefeld aus dem deutschen Ostwestfalen auf Hainan einen Ableger. Fast 600 junge Chinesinnen und Chinesen studieren derzeit an der Hochschule. In den kommenden Jahren soll die Zahl der Studierenden auf 12 000 steigen. Die Absolventen sollen eines Tages bei Firmen arbeiten, die sich, so hofft die chinesische Regierung, auf Hainan ansiedeln.Steuern wie in Hongkong, Singapur oder MonacoDie Hochschule Bielefeld ist die einzige ausländische Hochschule, die in China ohne einen lokalen Partner einen Campus betreiben darf. Der Grund für das Privileg ist der Sonderstatus der Insel Hainan. Und es ist nicht das einzige. Die Tropeninsel vor der chinesischen Südküste lockt ausländische Unternehmen und Expatriates mit niedrigen Steuern, wie sie sonst nur Hongkong, Singapur oder Monaco erheben.Firmen, die sich auf Hainan ansiedeln, können ausserdem Vorprodukte und Ausrüstungen wie Maschinen zollfrei einführen. Verarbeiten die Unternehmen die Komponenten und Teile auf der Insel weiter, können sie die Endprodukte ebenfalls zollfrei aufs chinesische Festland exportieren.Ausländische Spitäler und Firmen aus dem Pharma- und Medizintechniksektor dürfen Arzneien und Geräte wie etwa Computertomografen nach Hainan einführen, auch wenn die chinesischen Aufsichtsbehörden diese noch nicht zugelassen haben.Xi Jinping preist HainanDarüber hinaus gestattet die chinesische Regierung Besuchern aus 86 Ländern die visafreie Einreise. In ausgewählten Industrieparks schalten die Behörden sogar die Firewall, die ausländische Websites blockiert, ab.China rollt dem Ausland auf Hainan den roten Teppich aus. Der Staats- und Parteichef Xi Jinping spricht von Hainan als einem «wichtigen Tor, das den Weg zur Öffnung Chinas aufzeigt».Hainan ist etwa so gross wie Belgien; auf der Insel mit Provinzstatus leben rund zehn Millionen Menschen. Bisher war Hainan vor allem als Ferienparadies bekannt. Weisse Strände und kristallklares Wasser locken jedes Jahr Millionen von Touristen auf die Insel unweit von Vietnam. An der Küste im Süden Hainans reiht sich ein Luxusresort an das andere. Chinesische Regierungsvertreter sprechen gern vom Hawaii Chinas.Wer die Insel besucht, könnte aber auch meinen, in Singapur oder der Schweiz zu sein. Die Strassen sind, anders als in manchen anderen Teilen Chinas, ordentlich asphaltiert und blitzsauber. Gepflegte Blumenbeete und akkurat zurechtgeschnittene Bäume an den Strassenrändern verleihen der Tropeninsel ein Flair westlicher Moderne.Die Insel mit rund zehn Millionen Einwohnern ist Chinas populärstes Ferienziel.Alex Plavesvski / EPAVon Tourismus und Landwirtschaft geprägtJenseits der chinesischen Grenzen machte sich Hainan einen Namen, als die chinesische Regierung vor einem Vierteljahrhundert das Boao-Forum ins Leben rief. Mit dem jährlichen Treffen von hochrangigen Politikern und Spitzenvertretern der Wirtschaft in der gleichnamigen Stadt wollte China dem Schweizer WEF Konkurrenz machen. Wirklich gelungen ist dies nicht.Jetzt will Peking aus der Insel ein neues Kraftzentrum der chinesischen Wirtschaft machen. Die vornehmlich vom Tourismus und von der Landwirtschaft geprägte Insel soll nach dem Willen der Zentralregierung in Peking zu den industriell geprägten und wirtschaftsstarken Provinzen wie Guangdong, Jiangsu und Zhejiang aufschliessen.Die Vorzüge, die die Behörden ausländischen Firmen und Institutionen auf Hainan seit Anfang des Jahres bieten, sind nicht weniger als die grösste Wirtschaftsreform, seit Chinas Reformpatriarch Deng Xiaoping vor mehr als vierzig Jahren die Sonderwirtschaftszonen erfand.Die erste Sonderzone gründete die Regierung in Shenzhen, direkt hinter der Grenze zu Hongkong. Das Fischerdorf wurde dank den Investitionen aus der damaligen britischen Kronkolonie zur Keimzelle des chinesischen Wirtschaftswunders. In den Folgejahren ernannte Peking die Städte Zhuhai, Shantou und Xiamen an der Ostküste ebenfalls zu Sonderwirtschaftszonen. Im Jahr 1988 kam Hainan hinzu.Hainan ist sehr stark von der Landwirtschaft und vom Tourismus geprägt. Eine moderne Industrie fehlt weitgehend.Meng Zhongde / VCG / GettyKurzer Boom in den 1990er JahrenDoch die Wirtschaft auf der Tropeninsel hob nie richtig ab. Nach einem kurzen Boom während der 1990er Jahre liess das Wachstum rasch wieder nach – bis heute. Im vergangenen Jahr verzeichnete Hainan nach offiziellen Angaben einen Zuwachs des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 4 Prozent. Die Tech-Provinz Zhejiang brachte es auf ein Wachstum von 5,5 Prozent, im Landesdurchschnitt betrug das BIP-Wachstum 5 Prozent.Das liegt auch an der Struktur der Wirtschaft. «Hainan ist immer noch stark von Landwirtschaft geprägt», sagt Wang Dan, China-Direktorin der Eurasia Group.Firmen aus dem Ausland machen bis heute einen grossen Bogen um Hainan. Bei den ausländischen Direktinvestitionen hinkt die Insel den meisten Provinzen im Osten Chinas deutlich hinterher. Erst in jüngster Zeit gibt es vorsichtige Zeichen einer Trendumkehr. Ende vergangenen Jahres zogen die Investitionen leicht an. So will Siemens auf Hainan eine Fertigung für Gasturbinen errichten.Ausländische Wirtschaftsvertreter glauben zu wissen, warum Unternehmen mit Investitionen auf der Insel am Südzipfel Chinas zögern. «Einige Firmen aus Europa sind durchaus interessiert», beobachtet Klaus Zenkel, bei der Europäischen Handelskammer in China zuständig für den Süden des Landes. «Hainan hat allerdings Defizite bei der Infrastruktur, bei Lieferketten, vor allem aber bei Fachkräften.»Studierende zieht es nach DeutschlandHier versucht die Hochschule Bielefeld for Applied Sciences zu helfen. An der deutschen Hochschule können junge Chinesinnen und Chinesen technische Fächer wie Informatik und Digital Sciences studieren. Das Studium dauert vier Jahre, eines davon können die Studenten in Deutschland absolvieren.Yu Jun hat sich für Informatik entschieden. An einem regnerischen Vormittag steht die junge Chinesin am Eingang eines Hörsaals auf dem Campus in Yangpu. In den Bänken unter ihr sitzen etwa zwanzig Kommilitonen. Jeder hat einen Laptop vor sich aufgebaut. Der Lehrer wechselt bei seinem Vortrag von Englisch zu Chinesisch und wieder zurück.Auf die Frage, warum Yu Jun sich unbedingt bei den Deutschen einschreiben wollte, muss sie nicht lange überlegen. «Ich will nach Deutschland», sagt die Studentin. Am liebsten würde sie einen Master-Abschluss an der TU München machen. «Und dann möchte ich in Deutschland arbeiten», sagt Yu Jun.Längst nicht alle Studierenden der Hochschule Bielefeld in Yangpu peilen eine Karriere in Deutschland an. Doch die meisten von Yu Juns Kommilitoninnen und Kommilitonen würden gerne einen Studienabschluss in Deutschland machen. Ob sie danach aber noch bei Unternehmen in China, insbesondere auf Hainan, arbeiten wollen, ist zumindest fraglich.Bis jetzt siedeln sich auf Hainan in erster Linie kleinere und weniger personalintensive Firmen aus dem Dienstleistungssektor an, die vom Tourismus profitieren wollen.An den Stränden im Süden der Insel reiht sich ein Luxusresort an das andere. Cellcosmet, der Schweizer Entwickler und Hersteller von hochwertigen Hautpflegeprodukten, betreibt in einigen von ihnen Spas.Cheng Xin / GettyChina hat noch viele ReicheEine von ihnen ist Cellcosmet aus der Schweiz. Der Hersteller von hochwertigen Hautpflegeprodukten aus Châtel-Saint-Denis, nicht weit vom Genfersee, betreibt in zahlreichen Luxusresorts im Ferienort Sanya im Süden Hainans eigene Spas. Ausserdem bietet Cellcosmet seine Produkte auf der Insel in mehreren Duty-Free-Geschäften an.Dank dem Niedrigzollregime kosten die Crèmes, Lotionen und Reinigungslösungen auf Hainan weniger als die Hälfte dessen, was Kunden dafür in Peking bezahlen müssen.Doch auch ausserhalb Hainans floriert das China-Geschäft des Unternehmens aus der Schweiz. Das Reich der Mitte ist der wichtigste Markt; im vergangenen Jahr wuchs der Umsatz dort um rund 30 Prozent. Das Beispiel Cellcosmet zeigt, dass sich in China trotz Kaufzurückhaltung vieler Menschen mit Luxusprodukten immer noch Geld verdienen lässt. Die Schicht der Superreichen ist trotz den wirtschaftlichen Problemen des Landes immer noch gross.Chinas vermögende Oberschicht ist ebenjene Zielgruppe, die auch die zahlreichen Spitäler in Boao an der Ostküste Hainans ins Visier nehmen. Im Stadtbezirk Lecheng haben sich während der vergangenen Jahre, auch mit Unterstützung der Regierung, rund dreissig Spitäler angesiedelt. Geht es nach dem Willen der Regierung, soll die Zahl in den kommenden Jahren auf knapp fünfzig wachsen.Die Reichen aus dem In- und Ausland sollen nach den Vorstellungen der Regierung zu Behandlungen, Vorsorgeuntersuchungen oder Operationen nach Hainan reisen. So wie Thailand will auch China den Medizintourismus auf der Insel zu einem neuen Treiber der lokalen Wirtschaft entwickeln. Die Behörden haben Lecheng den schönen Namen «Hope City» gegeben.Hainan buhlt um MedizintouristenTim Teng empfängt in der grosszügigen, mit edlem Holz vertäfelten Eingangshalle des Yiling-Spitals. Die Yiling-Gruppe, gegründet von einem 45-jährigen Privatunternehmer aus Peking, eröffnete das Spital in Boao im Jahr 2017.Teng, der das Unternehmen bei seinen Aktivitäten auf Hainan berät, führt durch die luxuriöse Einrichtung. Mit den malerischen Wandelgängen und Säulen auf allen vier Seiten des weitläufigen Innenhofs erinnert das Spital an ein europäisches Kloster. Im Raum für Teezeremonien sitzen die Patienten auf antiken chinesischen Möbeln. Nebenan können sie sich über Naturheilverfahren chinesischer Minoritäten informieren.Das meiste Geld verdient Yiling aber mit klassischer westlicher Medizin. Wohlhabende aus ganz China kommen zur Krebsvorsorge oder zu einem generellen Check-up zu Yiling nach Hainan. «Lecheng wurde bereits 2013 gegründet», erzählt Teng. Aber erst seit kurzem dürfen die Spitäler Medizintechnik und Medikamente aus dem Ausland nach Hainan bringen, auch wenn diese in China noch nicht zugelassen sind.Erweisen sie sich in längeren Testreihen als unbedenklich, dürfen Firmen und Spitäler die Produkte auch aufs chinesische Festland bringen und dort einsetzen oder vertreiben.Das Evergrande-Spital ist eines von dreissig Spitälern in Boao Lecheng. Chinas Regierung möchte aus Hainan ein international bekanntes Ziel für Medizintouristen machen.Qilai Shen / Bloomberg / GettyEs fehlen gute ÄrzteDas Yiling-Spital wirkt einigermassen belebt. Die meisten der anderen Spitäler in «Hope City» sind jedoch verwaist. Ein Grund dafür ist fehlendes Personal. «Es gibt keine guten Universitäten auf Hainan», sagt Ulla Nurmenniemi, Beraterin für den Gesundheitssektor in Haikou, der Hauptstadt Hainans. Das Bildungsniveau der Inselbewohner sei eben nicht sehr hoch.Doch wenn die Spitäler keine qualifizierten Ärzte aufbieten können, kommen auch keine Patienten. Und so müssen in Boao regelmässig Ärzte vom chinesischen Festland eingeflogen werden. Dann versuchen sie mit grossen Werbeaktionen, Patienten aus dem ganzen Land nach Boao zu locken. Ein tragfähiges Geschäftsmodell ist das nicht.Tim Teng, der Berater des Yiling-Spitals, glaubt dennoch an die Zukunft der Insel. «Hainan braucht für seine Entwicklung eben noch etwas Zeit», sagt der junge Mann.Passend zum Artikel
Tropeninsel als Wirtschafts-Hotspot? Chinas Pläne für Hainan
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