Auf den ersten Blick mag es so scheinen, als wäre die Stürmung der CHP-Parteizentrale in Ankara „nur“ ein weiterer Schritt auf dem langen Weg der Türkei in Richtung eines autoritären Systems. Es ist ein gewisser Gewöhnungseffekt eingetreten, wenn es um die Volten des türkischen Präsidenten geht.Trotzdem sollte man nicht unterschätzen, dass hier gerade die Weichen für eine andere Türkei gestellt werden. Immerhin scheut Recep Tayyip Erdoğan nicht vor einer feindlichen Übernahme der Partei des Republikgründers Atatürk zurück. Mithilfe eines willfährigen Richters hat er eine Marionette als CHP-Chef installiert.Polizisten stürmen die CHP-Parteizentrale in Ankara am SonntagEPAErdoğan geht es nicht nur um den eigenen MachterhaltDafür gibt es drei Gründe: Erstens hat Erdoğan erkannt, dass er mit halbwegs regulären Mitteln keine Wahlen mehr gewinnen kann. Zweitens ist das internationale Umfeld für ihn so günstig, dass er glaubt, ohne Bedenken die letzten Pfeiler der türkischen Demokratie einreißen zu können. Das gilt vor allem für seinen guten Draht zu Donald Trump. Und drittens geht es Erdoğan nicht mehr nur um seinen eigenen Machterhalt. Die Art und Weise, wie er seinen Sohn Bilal ins Spiel bringt, lässt erkennen, dass er längst darüber hinaus plant.Wie ungehemmt der Präsident seine Macht zementiert, zeigt auch das Schicksal der privaten Bilgi-Universität in Istanbul. Am Freitag ließ Erdoğan sie handstreichartig schließen – und am Montag ohne Erklärung wieder öffnen. Dass er damit das Vertrauen ausländischer Investoren untergräbt, scheint ihn nicht zu beeindrucken.Der bedrängte Oppositionsführer Özgür Özel versucht, das Beste aus seiner verzweifelten Lage zu machen. Er bietet Erdoğan zumindest rhetorisch die Stirn, trotz des Risikos, im Gefängnis zu landen. Ob eine ausreichende Zahl an Türken ihm auf diesem Weg folgt, wird sich erst zeigen, wenn das Land nach dem islamischen Opferfest aus dem Urlaub zurückkehrt.Die Bilder von der Erstürmung der CHP-Parteizentrale betrachten viele Türken als Wendepunkt. Die Frage ist, ob sie sie als letzten Weckruf verstehen, ihr Wahlrecht zu retten, oder als Zeichen, dass alle Mühen vergebens waren. Und ob diejenigen, die Erdoğan bisher unterstützt haben, ihm auch in seinen autokratischen Staat folgen.