Woher kommt der Populismus? Nur wer aufhört, in Kategorien wie rechts, links oder Mitte zu denken, kommt dahinter, meint der Politikwissenschaftler Philip Manow. Die Lösung könne nicht sein, Politik durch Recht oder Wissenschaft zu ersetzen.Es ist sonnig und kühl hier am Siegufer, am letzten Apriltag 2026. Nicht sicher, ob die zwei, die da auf dem Spielplatz zwischen Fluss und Unigebäude sitzen, hier auch die Nacht verbracht haben. „Gott zum Gruße“, sagt der eine mit einem Riesenlächeln. Am Uni-Eingang hängt ein Zettel. Man soll seine „Kontaktperson“ anrufen. Die Tür sei zu, weil es immer wieder zu Diebstählen gekommen sei, sagt Philip Manow. Das neugestaltete Ufer mit zum Sitzen einladenden Stufen wird gut angenommen. Lange war der Fluss überbaut; heute führt er Niedrigwasser. Wo wir stehen, war einmal ein Parkhaus.Er sei „immer wieder geflasht“ von der Freundlichkeit der Siegener, sagt Manow. Er spekuliert, ob eine Gemeinschaft freundlicher wird, je mehr sie harte Zeiten durchgemacht hat. Manow, der schon seit Langem in der Nähe von Siegen lebt, ist hier seit 2024 Politik-Professor. Und fühlt sich hier wohl: „Siegen ist ein toller Ort. Eine Underdog-City, arg gebeutelt vom Strukturwandel, die sich aber rauskämpft.“Auf dem Weg in die Oberstadt kommen wir am ehemaligen Galleria-Karstadt-Kaufhof vorbei. Jetzt wird das Haus von der Universität genutzt. Langsam bewegt sich die Hochschule vom Stadtteil Weidenau, wo der Haupt-Campus ist, hinunter in die Stadt. In eine Talkshow brächten Manow keine zehn Pferde. Einladungen in Podcasts nimmt er an. In einem hat er gesagt, mehr als auf Wikipedia über ihn steht, sei unwichtig. Er lacht, wird dann wieder ernst. Wissenschaft sei letztlich eine hochgradig personalisierte Sache. „Wenn man sich mit Themen beschäftigt, die gleichzeitig auch gesellschaftlich intensivst verhandelt werden“, gibt es immer die Frage: „Wo steht denn diese Person politisch?“Lesen Sie auchManows großes Thema, der Populismus, ist ein solches Thema. 2018 beschrieb er in „Die politische Ökonomie des Populismus“ wirtschaftliche Gründe für das europaweite Erstarken rechts- wie linkspopulistischer Parteien. Mit dem Fokus auf das, was Marx „Basis“ nannte, irritierte er diejenigen, die glauben, Populismus ließe sich vorwiegend aus radikalisiertem Identitätsdenken erklären.Lesen Sie auch2024 erschien „Unter Beobachtung. Die Bestimmung der liberalen Demokratie und ihrer Freunde“. Liberale Demokratien hätten seit den Wendejahren 1989/1990 dadurch, dass sie immer weitere Bereiche des Politischen durch Verfassungsgerichte und transnationale Institutionen „unter Beobachtung“ gestellt und so dem Einfluss der Wählerschaft entzogen hätten, den Populismus gestärkt, so die These.Von Carl Schmitt lernenIhm werde oft entgegengehalten, dass keine Partei so häufig vor Gerichten klage wie die AfD, erzählt Manow bei einem Espresso. Aber „auch ein Clan-Krimineller nutzt den Rechtsstaat, ohne dass man ihm das als performativen Widerspruch auslegen würde. Man nutzt das, was einem nutzt.“ Manchmal würden Leute ihm auch erwidern, dass das Verfassungsgericht doch hohe Zustimmungswerte habe, viel höhere als etwa die Parteien. „Natürlich demonstriert niemand gegen ‚Konstitutionalismus‘“, gibt Manow zu, „aber wir sehen natürlich den politischen Protest gegen die Folgen von Konstitutionalisierung, sei es die Konstitutionalisierung von Geld – der Euro – und die Verwerfungen, die das zeitigt, oder die Konstitutionalisierung von Grenzen, sodass Staaten in Europa auch gar nicht mehr den Zugang regeln dürfen.“ Aber: „Den Bürgern ist doch egal, wer genau dafür verantwortlich ist – ‚schuldig ist, wen man zu fassen bekommt‘.“Trotz seiner Skepsis gegenüber Ideologien, Vorurteilen, kurz, einem „Überbau“ als Erklärung des Populismus, ist Manow kein Marxist. Das merkt man schnell, wenn der 1963 in Hamburg Geborene über seine frühen Studienjahre in Marburg spricht. Zunächst hat er Vergleichende Literaturwissenschaften belegt. Ein „Missverständnis“ sagt Manow: „Eine seltsame Mischung aus supertrockener Herangehensweise, und in Marburg trotzdem ideologisch.“ An der Universität habe es zwar „ein paar Lichtgestalten“ gegeben, den Germanisten Gert Mattenklott etwa oder den Kunsthistoriker Martin Warnke. Aber, zuckt Manow mit den Schultern, „das ist weitestgehend an mir vorbeigegangen. Ich bin First Generation Academic, meine Eltern konnten mir nicht sagen, da gibt es ja den Warnke, geh mal dahin, der ist interessant.“In der Marburger Politikwissenschaft habe es „eine starke, eher konventionell orthodox-marxistische Fraktion von drei bis vier Professoren“ gegeben, „schon viel in so einer kleinen Fakultät“. Manche hätten für die DKP im Stadtrat gesessen, erinnert er sich. „Auch wenn man vielleicht als junger Student noch nicht präzise formulieren konnte, was dort fehlt, dass das nicht bereits alles sein konnte, war völlig klar.“Faszinierender war, was nicht gelehrt wurde. Friedrich Hayek und Carl Schmitt etwa: „In Marburg wurde sehr klar geäußert: Da geht man auf keinen Fall hin. Dann will man natürlich wissen, warum. Also liest man das – dann eben im Eigenstudium, was hinreichend schwierig ist.“ Schmitt blieb wichtig für ihn. Man könne „ungeheuer viel“ von dem Juristen lernen, dessen Verstrickung in den Nationalsozialismus ihn noch heute für viele zum Anathema macht. Etwa, „dass man immer fragt, wer benutzt welches Wort in welchem Kontext, und welcher Zweck steckt dahinter? Was ist der polemische Gehalt?“Zusammen mit Florian Meinel und Angela Reinthal kümmert sich Manow in einem gemeinsam geleiteten Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft um die Edition von Schmitts Kriegstagebüchern: „Die politischen Abgründe sind hauptsächlich bekannt, wobei die Tagebücher noch einmal sehr viel zeigen, inklusive der beständigen, völlig schonungslosen Selbstanalyse, und ab 1943 eine starke Reflexion: Was wird nach den Nazis und dem verlorenen Weltkrieg kommen?“ Was heute, am Ende der damals entstandenen Weltordnung, besonders interessiere, meint Manow.Lesen Sie auchGibt es einen Schmitt-Hype? „Dass die MAGA-Bewegung ihn rezipiert, ist bekannt. Dass er die Rezeptur eines illiberalen Backlash liefere, ist ein bisschen sehr kurz gesprungen, aber so wird Schmitt momentan gesehen“, sagt Manow abgeklärt. „Viel der Rezeption bleibt jedoch recht oberflächlich.“ In Krisenzeiten werde Krisenliteratur eben stärker rezipiert. „Wir sind in der tiefsten Krise liberaler Regime, auch, was die sogenannte liberale, regelbasierte Weltordnung angeht“, findet Manow – und die deutsche Literatur der Zwischenkriegszeit sei eine Krisenliteratur.„Mitte“ wird zum polemischen BegriffUnd was ist mit der Krisenliteratur von heute? Manow lässt sie kalt: „In dieser Literatur geht es doch eher nicht darum, zu erklären, woher es kommt, sondern eher zu erklären, was daran falsch ist: Affekte, Ressentiments, der neue Faschismus und so weiter. Die akademische Mittelklasse kommt zum Schluss, dass die anderen verrückt geworden sind.“ „Langweilig“, sei das, und „es erklärt nichts.“Wie sich der politische Raum in Europa verändert hat, will Manow in seinem neuesten Buch erklären. Ihn interessiert hier, was er eine „neue Hauptkonfliktachse“ nennt: „Zumindest in Westeuropa“ sei die alte Hauptkonfliktachse eine zwischen links und rechts gewesen. Was bedeute, dass Parteien, die auf der verteilungspolitischen Ebene links waren, es auch auf der gesellschaftspolitischen Ebene waren. Und umgekehrt: Konservative Parteien vertraten geselslchafts- wie verteilungspolitisch konservative Positionen. Die neue Hauptkonfliktachse verlaufe nun zwischen „Positionen, die in beiden Dimensionen eher den staatlichen Pol stärken, oder solchen, die eben auf individuelle Rechte und Selbstverwirklichung setzen, sowohl im Gesellschaftlichen als auch im Wirtschaftlichen.“Das klingt hochkomplex, wie so manches bei Manow, der zwar den Populismus erforscht, aber nicht populär schreibt. Der Politikwissenschaftler erläutert, das Liberale sei etwas Individualistisches. „Es geht um meine subjektive Freiheit. Ich möchte frei sein in allen Dimensionen, ökonomisch und gesellschaftlich.“ Aber es gebe eben noch eine andere Position, „die sich in der Gegenbewegung eher auf die nationalstaatliche Ebene bezieht, auch als Reaktion auf die Herausforderung dieser Ebene. Sie sagt, nein, wir wollen kollektive Schutzmechanismen haben und diese Schutzmechanismen sollen sowohl gesellschaftspolitisch wirken, im Sinne eines vielleicht auch gesellschaftlich getragenen Wertekonsenses, der eben individuellen subjektiven Freiheitsrechten einen Rahmen gibt, aber eben auch ökonomisch.“Klar ist, dass Manow es für abwegig hält, heute eine Stärkung der liberalen Mitte herbeizuwünschen, um Populisten Einhalt zu gebieten. Denn die Mitte ist „im neuen politischen Raum zu einem Pol“ geworden, formuliert er. „Insofern“, sagt Manow, „ist die Mitte-Rhetorik auch eine Selbstvergewisserungs- und Selbstbehauptungsrhetorik. Mitte wird zum polemischen Begriff. Von Schmitt lernt man: Damit wird etwas gewollt.“Lesen Sie auchGerade bietet Manow eine Lehrveranstaltung zu Corona an, die es ähnlich schon mal als Online-Kurs gab. „Ich habe über 50 Leute im Seminar, obwohl ich eigentlich eine Begrenzung von 35 habe.“ Da sei „ein wahnsinniges Bedürfnis auf studentischer Seite, damit irgendwie klarzukommen“ – kein Wunder: „Wir haben ja keinen gesellschaftlichen Verständigungsprozess darüber, was da eigentlich ganz genau passiert ist“, beobachtet er und findet: „Das ist eigentlich verheerend.“Corona – das war nicht zuletzt ein Clash zwischen „Follow the Science“ und Demonstrationen gegen staatlich verordnete Seuchenschutzmaßnahmen. Peter Strohschneider sprach in seinem Buch „Wahrheiten und Mehrheiten“ von „autoritärem Szientismus“. Das sei natürlich, „wenn man es genau nimmt, ein sehr, sehr hartes Wort“, sagt Manow jetzt, eines, das dem im Selbstverständnis gesellschaftlich-liberalen Lager seinen eigenen Autoritarismus unter die Nase reibe: „Hat man Interesse am Status quo und sieht die politischen Mehrheiten dafür schwinden, soll nun Politik entweder durch Recht oder durch Wissenschaft ersetzt werden.“Man meine, „auf gesellschaftliche Interessenvermittlung verzichten zu können. Man muss sich auch nicht mehr mit der anderen Seite auseinandersetzen, weil sich das ja nach Vernunft und Unvernunft spaltet.“ Abwertende Bezeichnungen wie „Covidioten, Schwurbler, Flat-Earther, Putinversteher und so weiter und so fort“ sind schnell zur Hand.Dass diese „Exotisierung der anderen Seite“ in Manows Augen nach hinten losgeht, merkt man, wenn er über die Sozialdemokratie spricht. Die sei früher einmal „eine Koalition aus akademischer Mittelschicht und Arbeiterschaft“ gewesen.“ Aber das sei vorbei: „Diese Koalition besteht nicht mehr“, sagt der Politologe: „Die Sozialdemokraten sind jetzt nur noch eine akademische Mittelschichtspartei unter noch mindestens drei anderen. Arbeiter wählen heute rechts.“Bleibt zum Schluss die Frage, wo einer, dessen kalte Analyse eines heißen Themas von den einen gefeiert wird, während andere ihn als Populisten-Versteher abkanzeln, selbst steht. Es gebe da einen Test, sagt Manow und gibt preis, dass er in einer Partei sei: „Können die Leute erraten, in welcher, wenn sie meine Texte lesen?“Er erzählt: „Ich war mal ins autonome Zentrum in Leipzig-Connewitz eingeladen. Die Leute gehörten nicht zur aktuellen Autonomen-Kohorte, die mich wohl auch nicht eingeladen hätte, sondern zu der von 1990, die sich in den Baseballschlägerjahren mit den Nazis die Schlägereien geliefert hat. Ich wurde abgeholt von einem Mann in seinem kleinen Mittelklassewagen, hinten ein Kindersitz. Die hatten eine Ahnung, in welcher Partei ich wohl bin – und als ich es nach der Veranstaltung in der Kneipe sagte, meinten sie: ‚Okay, so ungefähr haben wir Sie auch verortet.‘“