Das Links-rechts-Schema hat ausgedient, sagt Philip ManowDer deutsche Politologe Philip Manow beschreibt neue gesellschaftlich Konfliktlinien. Ein produktiver Beitrag zur Demokratie-Debatte.Holger Heimann28.06.2026, 05.30 Uhr2 LeseminutenPhilip Manow ist Professor für politische Ökonomie an der Universität Bremen.Horst Galuschka / ImagoFrüher war die Welt einfach: Hier das Kapital, dort die Arbeit. Aber ist das traditionelle Rechts-links-Schema noch tauglich? Warum wählen Arbeiter die AfD oder die SVP? Die gängige Erklärung geht so: Wähler werden populistisch aufgehetzt und verraten ihre eigenen Interessen. Sie haben einen «autoritären Charakter» und sind unfähig, mit kulturellen Modernisierungsprozessen Schritt zu halten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Philip Manow misstraut solchen Einschätzungen. Die Konzentration auf kulturelle Konfliktlinien lehnt er ab und besteht darauf, verteilungspolitische Fragen nicht ausser Acht zu lassen.Der Hauptgrund dafür, dass die herkömmlichen Zuordnungen nicht mehr greifen, ist für Manow der «Konflikt über Öffnung oder Schliessung nationalstaatlicher Rahmungen». Wer auf die Positionen der Parteien zu Europa blickt, stellt fest: je mittiger, desto EU-freundlicher. Manow beobachtet aber zudem, dass rechtspopulistische Parteien in ökonomischer Hinsicht nach links rücken und eine protektionistische Agenda verfolgen. Linkspopulistische Strömungen würden sich gesellschaftspolitisch wiederum nach rechts orientieren.Aus diesen Überlegungen entwickelt er ein Konfliktschema, das die alte Links-rechts-Unterscheidung ablöst und stattdessen zwischen den Polen liberal und illiberal aufgespannt ist. Erst die liberalen Koalitionen der Mitte, die eine Öffnung der Identitäten und der Märkte propagierten, hätten die Herausbildung eines zweiten, illiberalen Pols provoziert. Für Wähler, die dem europäischen Projekt kritisch gegenüberstehen, sei das europafreundliche Angebot der etablierten Parteien der linken und rechten Mitte nicht attraktiv.Manow beschränkt sich auf die Analyse. Ratschläge sind nicht seine Sache. Der komplexe, anspruchsvolle Essay, mit dem der Autor an frühere Überlegungen anknüpft, zeigt keine Lösungen auf. Er ermuntert dazu, die Problemlagen neu zu betrachten.Philip Manow: Spaltungslinien. C. H. Beck 2026. 172 Seiten.Ein Artikel aus der «NZZ Folio»Passend zum Artikel